Rubrik: Ukraine / Geopolitik / Enthüllung
Format: Spezialbericht
Autor: Sinisa Brkic (sb)
Selenskyj: Ex-Pressesprecherin Julija Mendel greift den Präsidenten frontal an. Julija Mendel, frühere Sprecherin Selenskyjs, erhebt bei Tucker Carlson schwerste Vorwürfe. Ein scharfer Spezialbericht über Macht, Inszenierung, Propaganda und westliche Milliardenhilfen.
Wenn eine frühere Sprecherin des ukrainischen Präsidenten vor Millionenpublikum mit ihrem einstigen Chef abrechnet, ist das kein Nebengeräusch des Krieges. Julija Mendel, von Juni 2019 bis Juli 2021 offiziell Pressesprecherin Wolodymyr Selenskyjs, hat sich bei Tucker Carlson gegen den Mann gestellt, den sie einst kommunikativ verteidigte. Ihre Aussagen sind nicht bloß scharf, sie zielen ins Zentrum der westlichen Selenskyj-Erzählung: auf Inszenierung, Macht, Propaganda und die Frage, wen Europa und die USA seit Jahren politisch, militärisch und finanziell stützen.
Der direkte Angriff auf Selenskyj kommt nicht aus Moskau, sondern aus seinem eigenen Umfeld
Der Name Julija Mendel war außerhalb der Ukraine bislang kein Massenbegriff. Genau darin liegt die Wucht ihres Auftritts. Mendel ist keine Telegram-Figur, keine randständige Aktivistin und keine anonyme Stimme aus dem Off. Sie wurde am 3. Juni 2019 per Präsidialdekret zur Pressesprecherin des ukrainischen Präsidenten ernannt; das Amt übte sie bis Juli 2021 aus. Auch der Kyiv Independent beschreibt sie als ehemalige Sprecherin Selenskyjs, die sich nun öffentlich und demonstrativ von ihm absetzt.
Damit fällt eine bequeme Ausrede weg. Man kann dieses Interview kritisieren, politisch einordnen oder ihm widersprechen. Man kann es aber nicht seriös als bloßes Hörensagen abräumen. Mendel nennt ihren Namen, ihre Funktion, ihre Amtszeit und ihr Verhältnis zu Selenskyj selbst. Sie sagt ausdrücklich, sie habe ihn einst unterstützt und sei gerade deshalb heute an diesem Punkt angekommen. Genau daraus gewinnt das Gespräch seine politische Sprengkraft: Es ist die Abrechnung einer früheren Systemstimme mit dem System selbst.
Wer Selenskyj ist: nicht aus Staatskunst geboren, sondern aus Bühne, Kamera und Wirkung
Wolodymyr Selenskyj wurde 1978 in Krywyj Rih geboren, studierte Jura, machte seine eigentliche Karriere aber nicht im Staatsdienst, sondern im Entertainment. Laut offizieller Biografie des Präsidialamts war er zunächst Schauspieler, Autor, Produzent und prägte dann als Executive Producer das Unternehmen Kvartal 95; später war er auch Chef des Fernsehsenders Inter. Der heutige Präsident ist damit ein politischer Aufsteiger aus der Logik von Format, Timing, Publikum und öffentlicher Wirkung.
Das ist kein dekoratives Biografiedetail. Es ist der Schlüssel. Selenskyj wurde nicht erst im Krieg zur medialen Figur. Er war es lange davor. Seine Serie Servant of the People machte ihn zur Projektionsfläche eines sauberen Anti-Establishment-Präsidenten, ehe er 2019 tatsächlich gewählt wurde. Die politische Marke Selenskyj war von Anfang an eng mit Inszenierung verbunden. Mendel greift genau diesen Punkt frontal an. Sie sagt im Interview nicht, er könne nicht kommunizieren. Sie sagt das Gegenteil: Er sei ein exzellenter Schauspieler – und gerade das habe ihm 2022 enorme Unterstützung gebracht. Nur habe diese Darstellung, so Mendel, nichts mit der Person hinter der Kamera zu tun.
Mendels Kernthese ist vernichtend: Vor der Kamera Symbolfigur, dahinter Machtmensch
Die stärkste Passage ihres Auftritts kommt früh. Mendel sagt, Selenskyj sei „nicht die Person, die man auf der Kamera sieht“, er wechsle Masken, sei emotional unkontrolliert, manipuliere und halte Menschen für entbehrlich. Dann folgt der Satz, der wie ein Messer durch das gesamte westliche Selenskyj-Bild schneidet: Viele Menschen glaubten noch immer, Unterstützung für Selenskyj bedeute Unterstützung für die Ukraine – „but today it’s different“. Später steigert sie diese Linie mit dem Bild vom Teddybären vor der Kamera und dem Grizzlybären, sobald das Licht ausgeht.
Das ist kein normaler Loyalitätsbruch. Es ist ein gezielter Angriff auf die moralische Architektur, die Selenskyj seit der russischen Invasion umgibt. Mendel greift nicht nur politische Entscheidungen an. Sie attackiert die Legende. Und genau darin liegt die Gefahr für Kiew: Wer die Legende angreift, rührt an der Grundlage jener symbolischen Macht, mit der sich internationale Unterstützung organisieren lässt.
Die „Goebbels-Propaganda“-Passage ist nicht bloß skandalös, sondern strategisch zerstörerisch
Eine der härtesten Stellen des Transkripts betrifft die Kommunikation im Präsidentenumfeld. Mendel schildert eine interne Szene aus den Jahren 2019/2020. Demnach habe Selenskyj angesichts sinkender Zustimmungswerte verlangt, man brauche tausend „talking heads“, die Positives sagten; schließlich habe er wörtlich gesagt: „I need Goebbels propaganda.“ Mendel schildert diese Bemerkung als Schockmoment im Team.
Redaktionell ist die Lage klar: Das ist eine von Mendel erhobene Behauptung, kein gerichtsfester Nachweis. Politisch ist die Passage dennoch verheerend. Denn sie trifft nicht irgendeinen Nebenaspekt, sondern den Nerv moderner Herrschaft: die Herstellung von Wirklichkeit über Deutung, Wiederholung und mediale Verdichtung. Mendel stellt Selenskyj damit als einen Präsidenten dar, der nicht bloß regieren, sondern Realität kommunikativ setzen wolle. Wenn dieser Vorwurf in einem westlichen Publikum hängen bleibt, wird aus einem Präsidenten des Widerstands rasch ein Präsident der Inszenierung.
Die Kokain-Passage
Noch verherrender ist, was Mendel zu angeblichem Drogenkonsum sagt. Auf Carlsons Frage, ob Selenskyj ein Drogennutzer sei, antwortet sie zunächst, sie habe ihn nicht selbst beim Konsum gesehen. Zugleich erklärt sie, viele Menschen hätten ihr davon berichtet, sie habe mit Personen aus seinem alten Unterhaltungsumfeld gesprochen, mit Ärzten geredet und beobachtet, dass er nach 15 Minuten im Bad vor Interviews „wie ein anderer Mensch“ zurückgekommen sei. Auf die direkte Zuspitzung Carlsons, ob es um Kokain gehe, sagt sie sinngemäß: Genau darüber sprächen viele.
Das muss präzise benannt werden, gerade weil es so heikel ist: Mendel behauptet hier keinen selbst beobachteten Konsum, sondern referiert Gerüchte, Verdachtsmomente und eigene Eindrücke. Juristisch ist das ein Unterschied von erheblichem Gewicht. Politisch bleibt es dennoch ein maximal aggressiver Schlag. Denn im Raum steht nun, ausgesprochen von einer ehemaligen Präsidialsprecherin, der Verdacht, der ukrainische Präsident sei nicht nur ein Meister der Inszenierung, sondern womöglich auch persönlich instabil und durch Substanzen geprägt. Der Vorwurf ist nicht belegt. Aber seine Wirkung entsteht schon dadurch, dass er aus dieser Quelle kommt.
Tucker Carlson ist hier nicht bloß Interviewer, sondern die perfekte Startrampe
Dass Mendel diese Sätze nicht in einem neutralen Langformat, sondern bei Tucker Carlson setzt, ist Teil der Geschichte. Carlson ist längst nicht einfach ein konservativer US-Moderator. Der Kyiv Independent berichtete, Mendel habe Carlson selbst kontaktiert und ihre Entscheidung ausdrücklich verteidigt.
Das bedeutet: Dieses Interview war keine spontane Entgleisung. Es war eine kalkulierte Intervention in die westliche Öffentlichkeit. Die Bühne wurde nicht zufällig gewählt, sondern nach Wirkung. Mendel spricht nicht primär zu Kiew. Sie spricht zu Washington, Berlin, Brüssel, Wien – zu jenem politischen Westen also, der Selenskyj seit 2022 nicht nur geholfen, sondern zu einer moralischen Zentralfigur der europäischen Ordnung gemacht hat.
Mendel baut ihre eigene Verteidigung gleich mit ein
Bemerkenswert ist, wie bewusst sie sich gegen den erwartbaren Gegenschlag wappnet. Gleich zu Beginn erklärt Mendel, sie sei nicht da, um Putin oder den russischen Angriff zu rechtfertigen; russische Taten in der Ukraine bezeichnet sie als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das ist kein moralischer Reflex, sondern eine strategische Sicherung. Sie weiß, dass jeder, der Selenskyj frontal attackiert, sofort unter Kremlverdacht gerät. Also versucht sie, sich genau davor zu schützen: nicht als russische Stimme, sondern als ukrainische Insiderin, die behauptet, aus Sorge um ihr Land zu sprechen.
Publizistisch ist die Konstruktion deutlich: Mendel will nicht als gekaufte Agentin Putins erscheinen, sondern als Desillusionierte aus dem Inneren des Machtapparats. Genau das macht ihren Auftritt anschlussfähig für ein westliches Publikum, das nicht prorussisch sein will, aber zunehmend Zweifel an Kiews Führung, an Kriegszielen und an der Dauer der Unterstützung entwickelt.
Die westlichen Milliarden sind der Hintergrund, vor dem diese Abrechnung erst wirklich gefährlich wird
Die Europäische Union beziffert ihre Unterstützung für die Ukraine mittlerweile auf 200,6 Milliarden Euro. Zusätzlich wurde für 2026 und 2027 ein weiteres Darlehen von 90 Milliarden Euro vereinbart; Reuters berichtete gestern, dass das ukrainische Parlament dieses Paket bereits ratifiziert hat. Das ist keine Randgröße, sondern politische Großwetterlage. Europa finanziert nicht nur einen Staat im Krieg. Europa finanziert auch das politische Vertrauen in dessen Führung.
Genau deshalb trifft Mendels Auftritt nicht bloß Selenskyj persönlich. Er trifft die Legitimation der Unterstützung. Wenn eine frühere Sprecherin des Präsidenten erklärt, vor der Kamera sehe der Westen eine Figur, hinter der Kamera aber einen anderen Mann, dann ist das nicht nur eine Charakterfrage. Es wird zur Frage an jene Regierungen und Parlamente, die das ukrainische Präsidialsystem politisch, finanziell und militärisch weitertragen. Das gilt für die EU insgesamt, für Deutschland als einen der wichtigsten Unterstützer und, im humanitären und politischen Rahmen, auch für Österreich.
Der eigentliche Schaden liegt nicht in der Beweisführung, sondern im Bruch der Erzählung
Wer dieses Interview falsch liest, liest es als bloße Sammlung schwerer Vorwürfe. Wer es richtig liest, erkennt seinen tieferen Kern: Hier zerbricht öffentlich die Einheit aus Person, Rolle und Mythos. Mendel sagt nicht nur, Selenskyj habe Fehler gemacht. Sie sagt, das Bild, das der Westen von ihm übernommen hat, sei selbst Teil des Problems. Und genau das ist in Kriegszeiten hochgefährlich. Denn moderne Kriegsführung lebt nicht nur von Waffen und Geld, sondern von Glaubwürdigkeit, Symbolen, Gesichtern.
Selenskyj ist für den Westen mehr als ein Präsident. Er ist eine Figur, an der sich Solidarität, Durchhaltewille und moralische Selbstvergewisserung festmachen. Wenn nun eine ehemalige Sprecherin behauptet, dieses Gesicht sei vor allem Produkt von Kamera, Skript und Maskenwechsel, dann steht plötzlich nicht nur der Mann, sondern das gesamte kommunikative Gebäude zur Disposition.
Das Interview markiert keinen Beweis, aber einen Kipppunkt
Es wäre journalistisch unzulässig, Mendels drastische Behauptungen in Tatsachenform umzuschreiben. Gerade bei den Passagen über Kokain, „Goebbels-Propaganda“, Machtmissbrauch und Manipulation gilt: Das sind ihre Aussagen, nicht verifizierte Feststellungen. Aber genau diese Differenz macht das Interview nicht kleiner, sondern größer. Denn selbst ohne gerichtsfeste Beweise markiert dieser Auftritt einen politischen Kipppunkt. Was hier sichtbar wird, ist eine offene Erosion des Selenskyj-Mythos aus dem ehemaligen Inneren seines Apparats.
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