Rubrik: Wirtschaft
Format: Spezialbericht
Autor: Sinisa Brkic (sb)
Varta insolvent: Vier Anträge und drohende Konzernaufteilung. Varta beantragt für vier Gesellschaften Insolvenz. Was das Verfahren für Beschäftigte, Standorte, Kunden und die europäische Batterieindustrie bedeutet.
Nur gut ein Jahr nach der finanziellen Neuordnung ist Varta erneut in einer existenziellen Krise. Für die Konzernmutter und drei operative Gesellschaften wurden Insolvenzanträge gestellt. Der Geschäftsbetrieb soll zunächst fortgeführt werden, doch die Aufteilung des traditionsreichen Batterieherstellers ist zu einer realen Möglichkeit geworden.
Vier Insolvenzanträge beim Amtsgericht Stuttgart
Der Batteriehersteller Varta hat beim Amtsgericht Stuttgart Insolvenzanträge für vier Gesellschaften eingereicht. Betroffen sind die Varta AG als Konzernmutter, die Varta Microbattery GmbH, die Varta Micro Production GmbH und die Varta Storage GmbH. Das Gericht prüft die Anträge. Die Insolvenzverfahren sind damit noch nicht förmlich eröffnet. Varta strebt eine Sanierung in Eigenverwaltung an. Dabei bleibt die bisherige Unternehmensführung grundsätzlich im Amt und führt den Geschäftsbetrieb weiter, während ein gerichtlich bestellter Sachwalter die wirtschaftliche Lage und die Interessen der Gläubiger überwacht.
Der Antrag bedeutet deshalb weder eine sofortige Stilllegung noch das unmittelbare Ende der Marke. Produktion, Verkauf und Lieferungen können zunächst fortgesetzt werden. Ob daraus eine tragfähige Sanierung entsteht, ist allerdings offen. Die Lage unterscheidet sich deutlich von einem geordneten Neustart. Varta fehlt erneut Kapital, wichtige Gläubiger verfolgen eigene Pläne für einzelne Geschäftsbereiche und für den Gesamtkonzern zeichnet sich bislang keine ausreichend finanzierte Lösung ab.
Das Haushaltsbatteriegeschäft bleibt außerhalb der Insolvenz
Nicht von den Insolvenzanträgen erfasst ist nach Unternehmensangaben das Geschäft mit klassischen Haushaltsbatterien. Die Varta Consumer Batteries ist rechtlich und operativ von den betroffenen Gesellschaften getrennt und finanziell eigenständig aufgestellt.
Damit sind jene Batterien, die unter der Marke Varta in Supermärkten, Drogerien und Elektronikgeschäften verkauft werden, zunächst nicht unmittelbar Teil des Insolvenzverfahrens. Für Verbraucher und Handel ist das eine wesentliche Unterscheidung. Es gibt derzeit keinen Hinweis darauf, dass die Produktion oder der Verkauf dieser Produkte eingestellt werden sollen. Gerade dieser Bereich steht jedoch im Zentrum der bevorstehenden Neuordnung. Eine Gruppe wichtiger Gläubiger, darunter die Deutsche Bank sowie mehrere Finanzinvestoren, will das profitable Haushaltsbatteriegeschäft aus dem bisherigen Konzernverbund herauslösen und in eine neue Eigentümerstruktur überführen.
Die Gläubiger betrachten diesen Schritt als derzeit tragfähigste Lösung. Endgültig beschlossen und umgesetzt ist die Übernahme noch nicht. Erforderliche Genehmigungen und die konkrete gesellschaftsrechtliche Gestaltung stehen noch aus. Für Varta entsteht dadurch eine schwierige Konstellation: Ausgerechnet der vergleichsweise stabile Konzernbereich könnte abgespalten werden, während die finanziell und operativ stärker belasteten Teile in einem Insolvenzverfahren saniert, verkauft oder geschlossen werden müssten.
Eine Sanierung, die kaum ein Jahr getragen hat
Die erneute Insolvenz ist besonders schwerwiegend, weil Varta erst im April 2025 seine finanzielle Restrukturierung für abgeschlossen erklärt hatte. Der Konzern hatte zuvor ein Verfahren nach dem Unternehmensstabilisierungs- und restrukturierungsgesetz durchlaufen, um eine Insolvenz abzuwenden.
Das damalige Konzept war radikal. Die Verbindlichkeiten sollten von annähernd einer halben Milliarde Euro auf rund 230 Millionen Euro sinken. Gläubiger verzichteten auf einen Teil ihrer Forderungen. Das Grundkapital der Varta AG wurde auf null gesetzt, die bisherigen Aktionäre verloren ihre Beteiligungen und das Unternehmen verschwand von der Börse. Anschließend flossen nach damaligen Unternehmensangaben 60 Millionen Euro über eine Kapitalerhöhung und weitere 60 Millionen Euro über neue Finanzierungen. Porsche und eine Gesellschaft aus dem Umfeld des österreichischen Investors Michael Tojner wurden über die neue Eigentümerstruktur an Varta beteiligt.
Die Restrukturierung löste jedoch vor allem das damalige Bilanzproblem. Sie beseitigte nicht die grundlegenden Schwierigkeiten des operativen Geschäfts. Varta musste mit schwächerer Nachfrage, hohem Kapitalbedarf, negativen Währungseffekten und einem zunehmenden Preisdruck umgehen. Gleichzeitig verlor das Unternehmen einen wichtigen Kunden für wiederaufladbare Knopfzellen. Nach übereinstimmenden Berichten handelt es sich dabei um Apple, das entsprechende Batterien für seine Kopfhörer künftig aus China beziehen will.
Damit brach ein zentraler Absatzkanal für einen Bereich weg, in den Varta zuvor erheblich investiert hatte.
Hohe Investitionen, schwächere Nachfrage
Der Aufstieg der kleinen Lithium Ionen Zellen galt zeitweise als große Wachstumschance für Varta. Die Batterien wurden unter anderem in kabellosen Kopfhörern eingesetzt. Das Unternehmen baute Produktionskapazitäten aus und setzte darauf, mit technologisch anspruchsvollen Zellen gegen internationale Konkurrenz bestehen zu können. Diese Strategie machte Varta jedoch stark von einzelnen Großkunden und deren Bestellungen abhängig. Als die erwarteten Mengen ausblieben, blieben hohe Kosten und nicht ausgelastete Kapazitäten zurück.
Der Verlust des wichtigsten Kunden verschärfte diese Entwicklung. Bereits im Mai kündigte Varta an, die Knopfzellenproduktion am Standort Nördlingen zu beenden. Rund 350 Stellen sind davon betroffen. Die Probleme reichen allerdings über einen einzelnen Auftrag hinaus. Varta benötigt nach Angaben der Gläubiger kurzfristig einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag, um den laufenden Betrieb zu finanzieren. Zusätzlich besteht erheblicher langfristiger Kapitalbedarf.
Eine Finanzierung für den gesamten Konzern kam nicht zustande. Weder die bisherigen Eigentümer noch andere Investoren waren bereit, die notwendige Summe bereitzustellen. Nachdem Gläubiger Kredite fällig gestellt hatten, blieb dem Management offenbar kein ausreichender finanzieller Spielraum mehr.
Porsche und Tojner vor einer neuen Entscheidung
Porsche und Michael Tojner spielten bereits bei der Restrukturierung von 2024 eine zentrale Rolle. Porsche verfolgte vor allem Interessen im Bereich leistungsfähiger Batteriezellen für Fahrzeuge. Tojner ist über seine Industriegruppe seit vielen Jahren eng mit Varta verbunden. Beide Seiten beteiligten sich an der damaligen Neuordnung. Eine dauerhafte Stabilisierung des gesamten Konzerns ist daraus nicht entstanden.
Nach aktuellen Berichten waren die Eigentümer nicht bereit, weiteres Kapital für die bestehende Struktur bereitzustellen. Tojner soll allerdings Interesse am Geschäft mit Mikrobatterien signalisiert haben. Dazu zählen unter anderem Batterien für Hörgeräte und andere kompakte elektronische Geräte. Ob daraus ein konkretes Angebot entsteht, ist nicht bestätigt. Ebenso offen ist, welche Rolle Porsche künftig noch spielen wird und ob einzelne Technologieeinheiten für den Sportwagenhersteller weiterhin strategisch interessant sind.
Entscheidend wird sein, ob Investoren nur profitable oder technologisch attraktive Teile übernehmen oder auch Verantwortung für Standorte, Beschäftigte und weniger rentable Geschäftsbereiche übernehmen wollen.
Tausende Beschäftigte vor ungewisser Zukunft
In den von den Insolvenzanträgen betroffenen Bereichen arbeiten rund 3.260 Menschen. Welche Stellen erhalten werden können, hängt von der Fortführung der einzelnen Gesellschaften, möglichen Verkäufen und der Finanzierung während des Verfahrens ab. Eine Insolvenz in Eigenverwaltung ermöglicht zunächst die Weiterführung des Geschäftsbetriebs. Sie garantiert jedoch weder den Erhalt sämtlicher Werke noch den Fortbestand aller Arbeitsplätze.
Für die Beschäftigten steht zunächst die Sicherung der laufenden Löhne und Gehälter im Mittelpunkt. Bei Vorliegen der gesetzlichen Voraussetzungen kann die Bundesagentur für Arbeit Insolvenzgeld für ausstehende Arbeitsentgelte übernehmen. Üblicherweise betrifft dies einen Zeitraum von bis zu drei Monaten vor dem maßgeblichen Insolvenzereignis. Damit wird die unmittelbare Einkommenssicherung erleichtert. Die langfristige Arbeitsplatzperspektive bleibt davon unberührt. Besonders angespannt ist die Lage in Ellwangen und Nördlingen. Neben der angekündigten Schließung der Knopfzellenproduktion könnten weitere Anpassungen folgen. Belastbare Angaben über zusätzliche Stilllegungen oder einen konzernweiten Stellenabbau liegen bislang nicht vor.
Baden Württembergs Landesregierung hat angekündigt, sich für den Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze, industrieller Wertschöpfung und technologischer Fähigkeiten einzusetzen. Die eigentlichen Entscheidungen liegen jedoch bei Unternehmensführung, Gläubigern, Investoren und dem Insolvenzgericht.
Was die Insolvenz für Kunden bedeutet
Für Käufer klassischer Haushaltsbatterien ändert sich zunächst wenig. Dieser Geschäftsbereich ist nicht Teil der vier Insolvenzanträge und soll unabhängig weitergeführt werden. Komplexer ist die Lage bei Energiespeichern, Mikrobatterien und Produkten aus den betroffenen Gesellschaften. Bestehende Verträge, Bestellungen und Garantien erlöschen nicht automatisch durch die Antragstellung. Entscheidend ist, welche Gesellschaft Vertragspartner ist und ob sie ihre Verpflichtungen im weiteren Verfahren erfüllen kann.
Solange Produktion und Geschäftsbetrieb fortgeführt werden, können Lieferungen, Dienstleistungen und Reklamationen grundsätzlich weiterbearbeitet werden. Eine pauschale Garantie für sämtliche Aufträge und Ansprüche gibt es jedoch nicht.
Sollte eine betroffene Gesellschaft vertragliche Verpflichtungen nicht mehr erfüllen können, könnten Forderungen im späteren Verfahren als Insolvenzforderungen behandelt werden. Kunden, Händler und Zulieferer sollten deshalb genau prüfen, mit welcher Varta Gesellschaft ihre Verträge bestehen. Für den Vertrieb der Haushaltsbatterien spricht derzeit vieles für Kontinuität. Für Speicherprodukte und technisch anspruchsvollere Batteriesysteme hängt die weitere Betreuung stärker vom Verlauf der Sanierung und möglichen Verkäufen ab.
Warum weiterhin nach der Varta Aktie gesucht wird
Die Insolvenz hat auch das Interesse an der früheren Varta Aktie neu entfacht. Dabei ist entscheidend, dass die damaligen Aktionäre bereits im vorangegangenen Restrukturierungsverfahren aus dem Unternehmen ausgeschieden sind. Das Grundkapital wurde auf null herabgesetzt. Die alten Aktien verloren ihren wirtschaftlichen Wert, und Varta wurde von der Börse genommen. Eine regulär handelbare Publikumsaktie, mit der Anleger an einer möglichen Erholung des Konzerns teilnehmen könnten, besteht nicht mehr.
Die erneute Suche nach der Varta Aktie beruht daher vielfach auf einem überholten Bild des Unternehmens. Die aktuelle Insolvenz betrifft eine Eigentümerstruktur, die erst nach dem Ausschluss der früheren Aktionäre geschaffen wurde. Für die damaligen Anteilseigner ist die heutige Entwicklung dennoch von erheblicher Bedeutung. Die Insolvenz zeigt, dass selbst der vollständige Kapitalschnitt und die weitgehende Neuordnung der Finanzierung nicht ausreichten, um Varta dauerhaft zu stabilisieren.
Ein industriepolitisches Warnsignal
Der Fall reicht über die Zukunft eines einzelnen Unternehmens hinaus. Varta steht für einen Teil jener industriellen Kompetenz, die Deutschland und Europa im Batteriesektor halten oder neu aufbauen wollen. Die europäische Wirtschaft ist bei Batteriezellen und wichtigen Vorprodukten stark von asiatischen Herstellern abhängig. Gleichzeitig gelten Speichertechnologien als entscheidend für Elektronik, Energieversorgung und Elektromobilität.
Varta ist kein großer Hersteller von Fahrzeugbatterien im Maßstab asiatischer Zellkonzerne. Das Unternehmen verfügt jedoch über Erfahrung bei Mikrobatterien, Speicherlösungen, Produktionsverfahren und spezialisierten Zellformaten. Gerade solche industriellen Fähigkeiten lassen sich nach einer Schließung nicht beliebig schnell wiederherstellen. Eine Aufteilung kann einzelne Technologien und Arbeitsplätze retten. Sie birgt aber das Risiko, dass Forschung, Produktion und Vertrieb voneinander getrennt werden und der industrielle Zusammenhang verloren geht.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht nur, welche Sparte für welchen Käufer attraktiv ist. Entscheidend ist, ob nach dem Verfahren noch ein Unternehmen mit eigener technologischer Substanz, Entwicklungsfähigkeit und industrieller Perspektive übrig bleibt.
Der nächste Sanierungsversuch muss mehr leisten
In den kommenden Wochen muss das Amtsgericht über die Anträge und die beantragte Eigenverwaltung entscheiden. Danach wird sich zeigen, ob die betroffenen Gesellschaften fortgeführt, verkauft oder schrittweise abgewickelt werden. Parallel dürfte die geplante Übernahme des Haushaltsbatteriegeschäfts vorangetrieben werden. Für die Mikrobatterien, die Speicheraktivitäten und weitere Einheiten werden Investoren oder eigenständige Finanzierungslösungen benötigt. Die Insolvenz ist damit noch nicht das Ende von Varta. Sie markiert aber das Scheitern einer Sanierung, die als tiefgreifender Neustart präsentiert worden war.
Ein weiterer Schuldenschnitt allein wird nicht genügen. Varta braucht ein belastbares Geschäftsmodell, gesicherte Kunden, ausreichend Kapital und Eigentümer, die nicht nur einzelne werthaltige Teile übernehmen wollen.
Ob der Konzern als zusammenhängendes Industrieunternehmen erhalten bleibt, ist fraglich. Wahrscheinlicher ist inzwischen eine Zukunft, in der verschiedene Geschäftsbereiche getrennte Wege gehen. Für Beschäftigte, Standorte und die europäische Batterieindustrie beginnt damit nicht nur ein Insolvenzverfahren, sondern eine Entscheidung darüber, wie viel von Varta tatsächlich gerettet werden kann.
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