Rubrik: Geopolitik
Format: Spezialkommentar
Autor: Sinisa Brkic (sb)
Noch kein Weltkrieg: Wie sich globale Fronten verbinden. Iran, USA, Israel, Ukraine und Russland verbinden regionale Kriege zu einem gefährlichen System. Eine Analyse der Fronten und Eskalationsszenarien.
Iran, Israel und die USA führen längst keinen begrenzten Schattenkrieg mehr. Saudi Arabien greift militärisch ein, Jordanien wird zum Ziel iranischer Raketen, der Irak zum Schlachtfeld fremder Interessen und selbst die Ukraine hat mit einem Angriff im Kaspischen Meer eine Verbindung zwischen zwei bislang getrennten Kriegskomplexen hergestellt. Von einem Weltkrieg zu sprechen wäre noch unpräzise, doch die Architektur einer globalen Eskalation ist inzwischen deutlich erkennbar.
Redaktioneller Prüfhinweis: Die Szenarien stellen analytische Möglichkeiten und keine Tatsachenbehauptungen oder sicheren Prognosen dar. Die Trennung zwischen bestätigten Entwicklungen, Angaben beteiligter Parteien und wertender Einordnung folgt der hinterlegten Redaktionsrichtlinie.
Ich habe keinen Krieg erlebt
Ich habe selbst keinen Krieg erlebt. Ich kenne Krieg aus den Erzählungen anderer, aus Bildern zerstörter Städte, aus historischen Dokumenten und aus den Berichten jener Menschen, die gelernt haben, wie schnell eine vermeintlich stabile Ordnung verschwinden kann. Vielleicht ist es gerade diese Distanz, die den Blick auf die Gegenwart so beklemmend macht.
Was sich derzeit entwickelt, wirkt nicht wie eine einzelne Krise mit klarer Front und begrenztem Ziel. Es ist ein Geflecht aus offenen Kriegen, Stellvertreterkonflikten, militärischen Bündnissen, wirtschaftlichen Blockaden, Geheimdienstoperationen und politischen Fehlkalkulationen. Jeder einzelne Konflikt wäre beherrschbar, doch ihre zunehmende Verbindung verändert die Lage grundlegend.
Die nüchterne Antwort lautet: Noch kein Weltkrieg
Der Begriff Weltkrieg bezeichnet keine juristisch festgelegte Lage. Historisch meint er einen Krieg, in dem mehrere Großmächte und Bündnissysteme gleichzeitig und auf miteinander verbundenen Kriegsschauplätzen gegeneinander kämpfen. Diese Schwelle ist trotz der dramatischen Entwicklung noch nicht überschritten.
Die USA und Russland bekämpfen einander nicht unmittelbar. China führt keinen offenen Krieg gegen einen amerikanischen Verbündeten. Die NATO ist nicht formell Kriegspartei in der Ukraine, und weder die Türkei noch Ägypten oder Jordanien befinden sich in einem erklärten Krieg mit Iran. Wer alle beteiligten oder betroffenen Staaten unterschiedslos als Kriegsparteien bezeichnet, verwischt entscheidende Unterschiede.
Trotzdem wäre es ebenso falsch, die gegenwärtige Lage als bloße Ansammlung regionaler Konflikte abzutun. Der entscheidende Wandel besteht darin, dass sich die Konflikte über Waffenlieferungen, Aufklärung, Militärbasen, Handelswege und verbündete Milizen miteinander verbinden. Genau an solchen Verbindungen entstehen historische Eskalationen.
Der Nahe Osten ist bereits in einem regionalen Krieg
Seit Ende Februar führen die USA und Israel direkte militärische Operationen gegen Iran. Teheran antwortet mit Raketen und Drohnen gegen Israel, amerikanische Einrichtungen und Staaten, die Truppen oder Infrastruktur der USA beherbergen. Nach einer kurzen Phase begrenzter Entspannung hat Washington seine Angriffe auf iranische Kommandozentren, Raketenstellungen, Drohnenanlagen und maritime Fähigkeiten Ende Juli erneut ausgeweitet.
Iranische Raketenangriffe auf amerikanische Einrichtungen in Jordanien haben die bisherige regionale Ordnung weiter erschüttert. Jordanische Luftabwehrsysteme fingen zuletzt mehrere aus Iran kommende Raketen ab. Jordanien verteidigt damit sein Staatsgebiet und ist Ziel des Konflikts, führt aber bislang keinen offensiven Krieg gegen Iran.
Der Unterschied ist wesentlich. Ein Staat kann militärisch angegriffen werden, Raketen abfangen und fremde Truppen beherbergen, ohne selbst eine umfassende Kriegskampagne zu führen. Doch je häufiger Angriffe stattfinden und je mehr Menschen dabei sterben, desto schwerer wird es für eine Regierung, diese defensive Rolle aufrechtzuerhalten.
Saudi Arabien hat eine neue Schwelle überschritten
Besonders folgenreich ist die direkte Beteiligung Saudi Arabiens an Angriffen auf mit Iran verbundene Milizen im Irak. Ende Juli führten amerikanische und saudische Streitkräfte koordinierte Angriffe gegen Gruppen durch, denen Attacken auf amerikanische Soldaten und saudische Energieanlagen vorgeworfen werden. Riad stellt diese Operationen als Selbstverteidigung dar, doch militärisch bedeutet der Schritt, dass eine zentrale Golfmacht nicht mehr nur abwehrt, vermittelt oder finanziert.
Saudi Arabien hat Iran nicht direkt angegriffen. Dennoch verändert der Einsatz die strategische Rechnung Teherans, weil iranisch verbundene Kräfte nun mit gemeinsamen amerikanischen und saudischen Operationen rechnen müssen. Was heute noch als begrenzter Schlag gegen Milizen im Irak bezeichnet wird, kann morgen zu Angriffen auf Ausbildungslager, Nachschubwege oder Kommandoeinrichtungen in Iran führen.
Der Irak gerät dabei erneut zwischen die Fronten. Teile der Volksmobilisierungskräfte sind formal in die staatlichen Sicherheitsstrukturen eingebunden, zugleich verfügen einzelne Fraktionen über eigene Kommandoketten und enge Beziehungen zu Iran. Die irakische Regierung kann deshalb weder glaubwürdig behaupten, vollständige Kontrolle über diese Gruppen zu besitzen, noch fremde Angriffe auf ihrem Gebiet hinnehmen, ohne ihre eigene Souveränität weiter auszuhöhlen.
Jordanien, Ägypten, Syrien und die Türkei sind nicht gleichzusetzen
Jordanien ist durch amerikanische Militärpräsenz, seine geografische Lage und die wiederholten iranischen Angriffe unmittelbar betroffen. Das Land versucht zugleich, seine eigene Bevölkerung zu schützen und nicht als Ausgangspunkt eines umfassenden Krieges gegen Iran wahrgenommen zu werden. Diese Balance wird mit jedem weiteren Einschlag schwieriger.
Ägypten ist nach bisherigem Stand keine aktive Kriegspartei. Der Angriff auf Gastanker im Hafen von Damietta zeigt jedoch, dass der Konflikt inzwischen auch das östliche Mittelmeer erreichen kann. Wer für den Angriff verantwortlich war, ist bislang nicht zweifelsfrei geklärt, weshalb jede eindeutige Zuschreibung journalistisch und rechtlich unzulässig wäre.
Syrien bleibt ein Raum überlagerter Interessen. Iran hat dort amerikanische Einrichtungen angegriffen, Israel hält militärische Positionen und führt Operationen durch, während die syrische Führung gleichzeitig versucht, eine direkte Konfrontation zu vermeiden und über Sicherheitsvereinbarungen mit Israel zu verhandeln. Das Land ist damit weniger ein geschlossen handelnder Akteur als ein Gebiet, auf dem mehrere Mächte ihre Sicherheitsinteressen durchsetzen.
Auch die Türkei führt derzeit keinen Krieg gegen Iran. Ankara ist NATO Mitglied, besitzt militärische Präsenz in Syrien und im Irak und verfügt über enge Beziehungen zu mehreren Golfstaaten. Gerade deshalb könnte die Türkei bei einer weiteren Eskalation zum Vermittler, zum logistischen Drehkreuz oder selbst zum betroffenen Grenzstaat werden, ohne dass dies heute bereits entschieden wäre.
Libanon und Gaza bleiben offene Wunden
Die Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah ist fragil. Israelische Truppen befinden sich weiterhin in Teilen des Südlibanon, während die Entwaffnung der Hisbollah zu einem innenpolitisch hochgefährlichen Streitpunkt geworden ist. Schon einzelne Drohnenangriffe oder israelische Gegenschläge können den Konflikt erneut in einen offenen Krieg zurückführen.
Auch Gaza ist trotz bestehender Vereinbarungen weder politisch noch humanitär stabilisiert. Der Konflikt bleibt ein Mobilisierungsfaktor für bewaffnete Gruppen in der Region und bietet Iran weiterhin die Möglichkeit, die palästinensische Frage mit seinem Kampf gegen Israel und die USA zu verbinden. Solange es keine glaubwürdige politische Perspektive gibt, bleibt Gaza Teil der regionalen Eskalationsmechanik.
Der Angriff im Kaspischen Meer verändert die Lage
Besondere Aufmerksamkeit verdient der ukrainische Angriff auf ein iranisches Schiff im Kaspischen Meer. Iran bezeichnete das betroffene Schiff als ziviles Handelsschiff und bestätigte den Tod eines Seemanns. Die Ukraine erklärte hingegen, ihre Operationen hätten Schiffe getroffen, die für den Transport von militärisch relevanter Fracht zwischen Iran und Russland eingesetzt worden seien.
Die genaue Funktion des Schiffes und die operative Zielauswahl sind von außen nicht abschließend überprüfbar. Sicher ist jedoch, dass der Angriff erstmals sichtbar gemacht hat, wie eng der Ukrainekrieg und der Irankrieg über das Kaspische Meer, Drohnentechnologie und militärische Lieferketten verbunden sind.
Teheran hat Konsequenzen angekündigt. Sollte Iran tatsächlich ukrainisches Territorium, ukrainische Schiffe oder diplomatische Einrichtungen angreifen, würde aus einer logistischen Verbindung eine direkte militärische Front entstehen. Umgekehrt könnte die Ukraine ihre Angriffe auf iranische Schifffahrt, Produktionsanlagen oder Transportwege verstärken, sofern diese nach ihrer Darstellung dem russischen Krieg dienen.
Noch brisanter ist der ukrainische Vorwurf, Russland habe Iran mit Satellitenbildern amerikanischer und arabischer Militäranlagen unterstützt. Diese Behauptung ist öffentlich nicht unabhängig bestätigt und darf daher nicht als gesicherte Tatsache dargestellt werden. Sollte sich eine solche operative Zusammenarbeit jedoch belegen lassen, wäre sie ein starkes Zeichen dafür, dass Moskau und Teheran ihre Kriege nicht mehr nur politisch, sondern auch militärisch miteinander verzahnen.
Russland und Nordkorea internationalisieren den Ukrainekrieg
Russlands Krieg gegen die Ukraine bleibt der zweite große Eskalationskomplex. Die Kämpfe dauern an, die Angriffe auf Städte, Häfen und Energieinfrastruktur haben sich zuletzt erneut verschärft. Gleichzeitig hat die NATO ihre Unterstützung für die Ukraine ausgeweitet und für 2026 umfangreiche militärische Hilfe zugesagt.
Die NATO unterstützt die Ukraine, ist aber weiterhin bemüht, einen direkten Krieg zwischen dem Bündnis und Russland zu vermeiden. Diese Abgrenzung funktioniert nur so lange, wie russische Angriffe nicht gezielt NATO Gebiet treffen und westliche Soldaten nicht unmittelbar an Kampfhandlungen gegen russische Streitkräfte teilnehmen.
Nordkoreas Beteiligung auf russischer Seite verschärft die internationale Dimension. Bereits die Entsendung nordkoreanischer Soldaten und militärischer Unterstützung zeigt, dass der Krieg längst nicht mehr nur ein europäischer Konflikt ist. Ukrainische Angaben über mögliche weitere Truppenkontingente müssen zwar als Angaben einer Kriegspartei behandelt werden, doch die bestehende Zusammenarbeit zwischen Moskau und Pjöngjang ist unbestritten.
Afghanistan gehört zu einem anderen Konfliktkomplex
Afghanistan steht derzeit nicht in derselben militärischen Kette wie Iran, Israel und die USA. Die schweren Auseinandersetzungen zwischen Afghanistan und Pakistan im Frühjahr 2026 bildeten einen eigenständigen Konflikt, ausgelöst durch pakistanische Angriffe auf mutmaßliche Stellungen militanter Gruppen und durch grenzüberschreitende Gewalt.
Dennoch erhöht dieser Konflikt die Instabilität eines Raumes, in dem Iran, Pakistan, China, Russland und zentralasiatische Staaten sicherheitspolitische Interessen verfolgen. Afghanistan ist damit kein Bestandteil des Irankrieges, wohl aber ein zusätzlicher Krisenherd in unmittelbarer Nachbarschaft.
Diese Unterscheidung ist wichtig. Nicht jede gleichzeitig stattfindende Gewalt gehört automatisch zu einem Weltkrieg. Gefährlich wird es dort, wo getrennte Konflikte dieselben Großmächte, Bündnisse und militärischen Ressourcen beanspruchen.
Asiens gefährlichste Front verläuft derzeit auf See
In Ostasien findet noch kein offener Krieg zwischen Großmächten statt. Die gefährlichste unmittelbare Reibungsfläche liegt derzeit im Südchinesischen Meer, wo chinesische und philippinische Schiffe wiederholt aneinandergeraten sind. Ende Juli setzte die chinesische Küstenwache Wasserwerfer gegen philippinische Regierungsschiffe ein, nachdem es bereits zuvor zu gefährlichen Manövern und Verletzungen gekommen war.
Die Philippinen sind ein Vertragspartner der USA. Ein Zwischenfall mit Toten, ein versenktes Schiff oder ein gezielter Angriff auf philippinische Streitkräfte könnte Washington deshalb unter erheblichen politischen und militärischen Handlungsdruck setzen.
Taiwan bleibt der strategisch gefährlichste Punkt Asiens, auch wenn dort derzeit kein Krieg geführt wird. Das Risiko liegt weniger in einer angekündigten Invasion als in einer Blockade, einer militärischen Übung, die nicht mehr beendet wird, oder einem Unfall zwischen chinesischen, taiwanischen und amerikanischen Einheiten. Sollte eine solche Krise beginnen, während die USA gleichzeitig im Nahen Osten und in Europa gebunden sind, wäre die Schwelle zu einem globalen Mehrfrontenkonflikt erheblich niedriger.
Die Weltwirtschaft ist längst Teil des Krieges
Die Straße von Hormus ist keine regionale Wasserstraße, sondern eine der wichtigsten Lebensadern der Weltwirtschaft. Durch sie flossen vor dem Krieg ungefähr ein Fünftel des weltweiten Ölverbrauchs und ein erheblicher Teil des global gehandelten Flüssigerdgases. Die bisherigen Störungen haben gezeigt, dass alternative Pipelines und Routen einen Teil der Ausfälle auffangen können, einen längeren Stillstand aber nicht vollständig ersetzen.
Gleichzeitig bedrohen die Huthi Angriffe den Verkehr durch das Rote Meer und die Meerenge Bab el Mandeb. Die von Iran unterstützte Bewegung handelt nicht in jeder Operation nachweislich auf direkten Befehl Teherans, verfügt aber über die Fähigkeit, Schifffahrt, Versicherungen und saudische Exportrouten erheblich zu beeinträchtigen.
Noch funktionieren Ausweichrouten und ein Teil der Ölexporte erreicht weiterhin die Märkte. Genau darin liegt jedoch eine trügerische Beruhigung. Die Weltwirtschaft kann eine gestörte Meerenge zeitweise verkraften, nicht aber gleichzeitig Hormus, Bab el Mandeb, das Schwarze Meer und wichtige asiatische Seewege verlieren.
Für Europa und Österreich bedeutet dies ein unmittelbares Risiko steigender Energiepreise, höherer Transportkosten und neuer Inflationsimpulse. Ein Krieg muss nicht Wien erreichen, um Haushalte, Unternehmen und staatliche Budgets zu belasten. In einer global vernetzten Wirtschaft beginnt die ökonomische Front lange vor der militärischen.
Szenario eins: Ein langer und kontrollierter Abnutzungskrieg
Das derzeit wahrscheinlichste Szenario ist kein unmittelbarer Weltkrieg, sondern eine lange Phase wiederkehrender Angriffe. Die USA und Israel setzen ihre Operationen gegen iranische Militäranlagen fort, Iran antwortet mit begrenzten Raketenangriffen und aktiviert verbundene Gruppen im Irak und im Jemen. Zwischen diesen Eskalationen entstehen kurze diplomatische Pausen, die den Krieg bremsen, aber nicht beenden.
In diesem Szenario vermeiden alle Seiten bewusst Angriffe, die eine umfassende Mobilisierung des Gegners erzwingen würden. Russland unterstützt Iran politisch oder technisch, ohne offen gegen amerikanische Streitkräfte zu kämpfen. China drängt auf Stabilität, schützt seine wirtschaftlichen Interessen und nutzt die Bindung amerikanischer Kräfte strategisch, ohne selbst einen Krieg zu beginnen.
Für die Bevölkerung wäre auch dieses vermeintlich kontrollierte Szenario verheerend. Es bedeutete dauerhafte Angriffe, wirtschaftliche Zerstörung, hohe Energiepreise und immer neue Flüchtlingsbewegungen. Die Tatsache, dass daraus noch kein Weltkrieg entsteht, macht die Folgen nicht gering.
Szenario zwei: Der regionale Flächenbrand
Das zweite Szenario beginnt mit einem Angriff, der zu viele Tote fordert oder ein politisch nicht mehr hinnehmbares Ziel trifft. Das könnte eine amerikanische Basis, ein saudisches Ölzentrum, eine israelische Großstadt, ein iranisches Führungszentrum oder ein wichtiger Hafen sein.
Saudi Arabien und weitere Golfstaaten würden ihre militärische Beteiligung ausweiten. Israel könnte gleichzeitig im Libanon, in Syrien und gegen Iran operieren, während mit Teheran verbundene Milizen im Irak amerikanische Einrichtungen und regionale Regierungen angreifen. Die Huthi Bewegung könnte versuchen, den Schiffsverkehr durch Bab el Mandeb weitgehend zu unterbrechen.
Der Irak wäre in diesem Szenario besonders gefährdet. Eine erzwungene Entwaffnung mächtiger Milizen könnte innere Kämpfe auslösen, während fremde Luftangriffe den Staat weiter schwächen. Syrien könnte erneut zum offenen Aufmarschgebiet werden, und Jordanien müsste entscheiden, ob es seine Rolle auf Luftverteidigung beschränkt oder aktiv gegen Abschussstellungen vorgeht.
Das Ergebnis wäre ein umfassender Nahostkrieg. Er wäre noch kein Weltkrieg im historischen Sinn, würde aber weite Teile der Weltwirtschaft und mehrere Großmächte unmittelbar betreffen.
Szenario drei: Der Ukrainekrieg und der Irankrieg verschmelzen
Das dritte Szenario ist weniger wahrscheinlich, aber seit dem Angriff im Kaspischen Meer nicht mehr theoretisch. Iran könnte ukrainische Ziele angreifen oder Waffen liefern, die ausdrücklich für Vergeltungsschläge gegen die Ukraine bestimmt sind. Die Ukraine könnte daraufhin iranische Schiffe, Häfen oder Produktionsstätten als Teil der russischen Kriegslogistik behandeln.
Russland könnte Iran mit Aufklärung, Luftabwehr, Raketen oder militärischen Beratern unterstützen. Sollten russische Systeme amerikanische oder israelische Flugzeuge bekämpfen, würde aus indirekter Unterstützung eine direkte Konfrontation zwischen Atommächten entstehen.
Parallel könnte ein russischer Flugkörper NATO Gebiet treffen oder ein Angriff auf europäische Logistikzentren Tote fordern. Selbst ein zunächst unbeabsichtigter Zwischenfall könnte eine politische Dynamik auslösen, in der keine Regierung mehr den Eindruck von Schwäche zulassen will.
In diesem Szenario würden Europa und der Nahe Osten zu verbundenen Kriegsschauplätzen. Die Schwelle zum Weltkrieg wäre dann nicht mehr eine rhetorische Frage, sondern eine konkrete militärische Realität.
Szenario vier: Der globale Mehrfrontenkrieg
Das gefährlichste Szenario entsteht, wenn China eine amerikanische Überlastung als strategische Gelegenheit interpretiert. Eine Blockade Taiwans, eine militärische Konfrontation mit den Philippinen oder ein Angriff auf amerikanische Einheiten im westlichen Pazifik würde die USA zwingen, gleichzeitig in Europa, im Nahen Osten und in Asien militärisch zu reagieren.
Russland könnte diesen Moment nutzen, um den Druck auf die Ukraine oder die NATO Ostflanke zu erhöhen. Nordkorea könnte zusätzliche Truppen entsenden oder auf der koreanischen Halbinsel eine Krise provozieren. Iran und verbundene Gruppen würden versuchen, amerikanische Kräfte im Nahen Osten zu binden und die Energieversorgung weiter unter Druck zu setzen.
Keiner dieser Akteure müsste einen gemeinsamen Kriegsplan besitzen. Es genügte, wenn mehrere Regierungen unabhängig voneinander denselben Moment als Chance begreifen. Ein Weltkrieg kann aus Koordination entstehen, aber ebenso aus gleichzeitigem Opportunismus.
Dieses Szenario ist derzeit nicht das wahrscheinlichste. Seine Folgen wären jedoch so schwerwiegend, dass es politisch nicht ignoriert werden darf.
Die entscheidenden Warnzeichen
Die wichtigsten Warnsignale wären direkte russische Waffenlieferungen für den Kampf gegen amerikanische oder israelische Einheiten, iranische Angriffe auf ukrainisches Staatsgebiet und eine formelle Ausweitung saudischer Operationen auf Ziele innerhalb Irans. Ebenso kritisch wären bestätigte Angriffe auf NATO Gebiet, eine dauerhafte Schließung von Hormus und Bab el Mandeb sowie chinesische Gewalt gegen philippinische oder amerikanische Streitkräfte.
Auch Veränderungen in der nuklearen Bereitschaft müssten ernst genommen werden. Dazu gehören die sichtbare Verlegung strategischer Waffen, die Auflösung regulärer Kommunikationskanäle, außergewöhnliche Evakuierungen politischer Führungen und eine deutliche Verkürzung militärischer Entscheidungsprozesse. Solche Maßnahmen bedeuten noch keinen unmittelbar bevorstehenden Atomkrieg, zeigen aber, dass Regierungen mit einer grundlegenden Eskalation rechnen.
Der gefährlichste Zustand wäre eine Kombination mehrerer Signale. Ein einzelner Zwischenfall lässt sich häufig eindämmen, mehrere gleichzeitige Krisen können politische Systeme überfordern und Fehlentscheidungen begünstigen.
Mein Urteil: Die Vorkriegsarchitektur ist bereits sichtbar
Wir befinden uns heute nicht in einem Weltkrieg. Diese Feststellung darf jedoch nicht als Entwarnung missverstanden werden. Die Welt befindet sich in einem Zustand, in dem regionale Kriege, Großmachtinteressen, Bündnisverpflichtungen und wirtschaftliche Lebensadern gefährlich ineinandergreifen.
Die gegenwärtige Lage erinnert weniger an einen bewusst vorbereiteten globalen Krieg als an eine Reihe offener Pulverfässer, zwischen denen bereits Funken fliegen. Iran und die USA greifen einander direkt an, Saudi Arabien hat militärisch eingegriffen, Jordanien wird beschossen, der Irak verliert Kontrolle über sein eigenes Territorium und die Ukraine hat den iranisch russischen Nachschubraum zum Ziel gemacht. Gleichzeitig bleiben die Konfliktlinien in Ostasien und an der Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan ungelöst.
Ich habe keinen Krieg erlebt, und ich wünsche niemandem, dass sich das ändert. Doch gerade deshalb halte ich es für fahrlässig, die erkennbare Gefahr kleinzureden. Ebenso fahrlässig wäre es, den Weltkrieg bereits auszurufen und damit Analyse durch Angst zu ersetzen.
Die richtige Haltung ist weder Panik noch Gleichgültigkeit. Sie ist präzise Aufmerksamkeit gegenüber jedem Schritt, der bislang getrennte Kriege miteinander verbindet. Denn die Geschichte zeigt, dass große Kriege selten in jenem Moment beginnen, in dem die Welt sie offiziell so nennt. Sie beginnen früher, in den Entscheidungen von Regierungen, die überzeugt sind, der Gegner werde nach dem nächsten Angriff schon zurückweichen.
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