Rubrik: Österreich
Format: Spezialbericht
Autor: Sinisa Brkic (sb)
Österreich ist reich an Substanz, aber arm an Zeit. Hohe Steuern auf Arbeit, schwache Produktivitätszuwächse, ein schwerfälliger Staat, demografischer Druck, Bildungsdefizite und ungelöste Integrationsfragen gefährden nicht den Wohlstand von heute, sondern den von morgen. Wer Österreich wieder an die europäische Spitze führen will, braucht deshalb mehr als einzelne Reformen. Es braucht einen neuen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vertrag, klare Ziele bis 2030 und 2040 und einen Staat, der Entscheidungen wieder umsetzt.
Österreich lebt gut. Aber das reicht nicht mehr.
Österreich gehört weiterhin zu jenen Ländern, in denen ein großer Teil der Bevölkerung unter Bedingungen lebt, die international beneidenswert erscheinen. Infrastruktur, Gesundheitsversorgung, soziale Sicherheit, Industrie, öffentlicher Raum und politische Stabilität bilden ein starkes Fundament. Gerade dieses Fundament kann jedoch darüber hinwegtäuschen, dass mehrere zentrale Zukunftsindikatoren längst nicht mehr zur europäischen Spitze gehören.
Österreichs Problem ist deshalb kein plötzlicher Absturz. Es ist die schleichende Erosion von Dynamik. Produktivität wächst zu langsam, Investitionen werden schwieriger, der Staat benötigt zu lange für Entscheidungen und ein wachsender Teil der öffentlichen Mittel ist bereits gebunden, bevor über neue Zukunftsinvestitionen überhaupt diskutiert werden kann.
Wohlstand kann über Jahre erhalten bleiben, obwohl seine wirtschaftliche Grundlage bereits schwächer wird. Ein Land bemerkt diesen Prozess oft erst dann, wenn Unternehmen nicht mehr investieren, junge Talente ausweichen, Infrastruktur altert und Verteilungskämpfe härter werden.
Österreich muss handeln, bevor dieser Punkt erreicht ist.
Die eigentliche Frage lautet: Was bedeutet überhaupt Spitze?
Zur europäischen Spitze zurückzukehren darf kein leerer politischer Slogan sein. Der Anspruch muss messbar werden. Österreich sollte sich das strategische Ziel setzen, bis spätestens 2035 wieder zu den leistungsfähigsten kleineren Volkswirtschaften Europas zu gehören.
Das bedeutet konkret: hohe Produktivität, international wettbewerbsfähige Arbeitskosten, ein Steuer und Abgabensystem, das Leistung nicht bestraft, schnellere Investitionsverfahren, eine führende digitale Verwaltung, bessere Bildungsleistungen, eine hohe Erwerbsquote und eine Forschungslandschaft, aus der mehr erfolgreiche Unternehmen entstehen.
Nicht jede Kennzahl muss auf Rang eins liegen. Entscheidend ist das Gesamtmodell. Österreich muss wieder ein Land werden, in dem Unternehmen investieren wollen, qualifizierte Menschen leben wollen und junge Menschen davon überzeugt sind, sich etwas aufbauen zu können. Genau daran muss Politik gemessen werden.
Warum Österreich früher erfolgreich war
Österreichs Aufstieg nach dem Zweiten Weltkrieg beruhte auf einer bemerkenswert erfolgreichen Mischung aus industrieller Kompetenz, Infrastruktur, beruflicher Ausbildung und gesellschaftlicher Stabilität. Der Staat investierte, Unternehmen produzierten, Beschäftigte wurden qualifiziert und wirtschaftliche Konflikte konnten häufig pragmatisch gelöst werden.
Die duale Ausbildung brachte Generationen gut ausgebildeter Fachkräfte hervor. Kleine und mittlere Unternehmen entwickelten hoch spezialisierte Produkte, österreichische Industriebetriebe fanden internationale Märkte und die geografische Lage im Zentrum Europas wurde nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zu einem erheblichen Vorteil.
Österreich war zudem berechenbar. Wer investierte, konnte langfristig planen. Wer arbeitete, konnte sozialen Aufstieg erwarten. Wer ein Unternehmen führte, fand qualifizierte Mitarbeiter, Infrastruktur und einen vergleichsweise stabilen gesellschaftlichen Rahmen. Dieses Erfolgsmodell war nie perfekt. Aber es funktionierte.
Die Welt hat Österreich eingeholt
Heute findet der Wettbewerb unter anderen Bedingungen statt. Kapital bewegt sich in Sekunden, künstliche Intelligenz verändert ganze Berufsbilder, Energieversorgung wird geopolitisch relevant und Unternehmen vergleichen Standorte weltweit.
Ein österreichischer Betrieb konkurriert nicht nur mit einem Unternehmen in Bayern oder Norditalien. Er konkurriert mit Produktionsstandorten in Asien, Entwicklungsteams in Osteuropa, Technologieunternehmen in den USA und zunehmend hoch ambitionierten Volkswirtschaften im Nahen Osten. Daraus folgt eine einfache Konsequenz: Österreich kann seinen Wohlstand nicht verteidigen, indem es lediglich bewahrt, was früher funktioniert hat. Das Land braucht ein neues Erfolgsmodell.
Der größte wirtschaftliche Widerspruch: Österreich braucht Arbeit und besteuert sie stark
Kaum eine Zahl beschreibt den österreichischen Standort präziser als die Belastung von Arbeit. Der Steuer und Abgabenkeil eines alleinstehenden Durchschnittsverdieners lag 2025 bei rund 47 Prozent. Bei zusätzlicher Arbeit kann die marginale Gesamtbelastung deutlich über 50 Prozent steigen.
Das bedeutet nicht, dass ein Beschäftigter 47 Prozent seines Bruttogehalts als Einkommensteuer bezahlt. Der Steuerkeil umfasst Einkommensteuer sowie Arbeitnehmer und Arbeitgeberbeiträge. Entscheidend ist jedoch die wirtschaftliche Wirkung: Zwischen dem Betrag, den ein Arbeitsplatz ein Unternehmen kostet, und dem Betrag, der beim Arbeitnehmer tatsächlich ankommt, liegt eine sehr große Differenz.
Für ein Land mit wachsendem Arbeitskräftemangel ist das problematisch. Österreich benötigt mehr Arbeitsstunden, mehr qualifizierte Beschäftigte und mehr Menschen, die länger im Erwerbsleben bleiben. Gleichzeitig ist zusätzliche Arbeit fiskalisch stark belastet. Diese Logik muss sich ändern.
Ziel Nummer eins: Arbeit systematisch entlasten
Österreich braucht keine kurzfristige Steuergeschenkdebatte. Es braucht einen verbindlichen Entlastungspfad über mehrere Jahre. Der politische Anspruch sollte lauten, den Steuer und Abgabenkeil auf durchschnittliche Arbeitseinkommen bis 2030 deutlich zu reduzieren und bis Mitte der kommenden Dekade näher an jene erfolgreichen europäischen Staaten heranzuführen, die Beschäftigung weniger stark belasten.
Das bedeutet zunächst niedrigere Abgaben auf zusätzliche Arbeit. Mehrstunden, der Wechsel von Teilzeit zu höherer Beschäftigung und das freiwillige Weiterarbeiten im höheren Alter sollten spürbar mehr Nettoeinkommen erzeugen.
Eine Reform darf dabei nicht nur hohe Einkommen erreichen. Besonders mittlere Einkommen müssen profitieren. Facharbeiter, Techniker, Pflegekräfte, Lehrer, Ingenieure, Mitarbeiter im Handel und viele qualifizierte Angestellte tragen einen großen Teil der wirtschaftlichen Leistung, haben jedoch häufig das Gefühl, dass zusätzliche Leistung netto nur begrenzt ankommt. Ein Hochlohnland darf Leistung nicht billig machen. Es muss sie attraktiv machen.
Die Einkommensteuer braucht eine neue Logik
Österreich hat mit der Abschaffung der kalten Progression einen wichtigen Schritt gesetzt. Das Grundproblem hoher Grenzbelastungen bleibt dennoch bestehen. Der Einkommensteuertarif sollte deshalb langfristig flacher werden. Nicht durch eine pauschale Begünstigung höchster Einkommen, sondern durch größere Abstände zwischen den Tarifstufen und eine stärkere Entlastung jener Einkommensbereiche, in denen qualifizierte Vollzeitbeschäftigung stattfindet.
Dabei muss auch die internationale Konkurrenz berücksichtigt werden. Ein hochqualifizierter Softwareentwickler, Arzt, Ingenieur oder Wissenschaftler kann heute leichter denn je entscheiden, in welchem Land er arbeitet. Steuern sind nicht der einzige Faktor dieser Entscheidung, aber sie sind Teil des Gesamtpakets. Österreich muss daher aufhören, Talentpolitik und Steuerpolitik getrennt zu behandeln.
Unternehmenssteuern: 23 Prozent sind nicht das Kernproblem
Die Körperschaftsteuer liegt in Österreich bei 23 Prozent. Im internationalen Vergleich ist das kein außergewöhnlicher Wert mehr. Deshalb wäre es zu einfach, die gesamte Standortdiskussion auf eine weitere Senkung dieses Satzes zu reduzieren. Unternehmen entscheiden über Investitionen auf Basis vieler Faktoren: Energie, Personal, Finanzierung, Rechtssicherheit, Genehmigungsdauer, Infrastruktur, Steuern und Regulierung.
Ein Unternehmen akzeptiert durchaus einen etwas höheren Steuersatz, wenn der Standort hervorragend funktioniert. Problematisch wird es, wenn die Steuerbelastung durchschnittlich ist, Verfahren aber überdurchschnittlich lange dauern. Österreich muss deshalb weniger über symbolische Steuersatzdebatten und stärker über die effektive Rendite einer Investition sprechen.
Reinvestierte Gewinne gezielter belohnen
Wer Unternehmensgewinne in neue Maschinen, Produktionsanlagen, Forschung, Digitalisierung oder zusätzliche Arbeitsplätze investiert, schafft zukünftige Steuerbasis. Diese Investitionen sollten daher steuerlich systematisch attraktiver werden.
Beschleunigte Abschreibungen, stabile Investitionsfreibeträge und verlässliche Regelungen über mehrere Jahre könnten dazu beitragen. Wichtig ist dabei weniger eine immer neue Förderlandschaft als Planungssicherheit. Unternehmen treffen Investitionsentscheidungen über fünf, zehn oder zwanzig Jahre. Ein Standort, dessen Förderprogramme jährlich wechseln, erzeugt Unsicherheit statt Investitionsbereitschaft. Österreich braucht weniger Förderaktionismus und mehr stabile Investitionsbedingungen.
Der Mittelstand braucht eine eigene Standortstrategie
Österreichs wirtschaftliche Struktur wird wesentlich vom Mittelstand getragen. Familienunternehmen, Handwerksbetriebe, Industriezulieferer, Dienstleister und spezialisierte Nischenanbieter stellen Beschäftigung und Wertschöpfung in nahezu allen Regionen sicher.
Ihre Probleme unterscheiden sich von jenen großer Konzerne. Ein multinationales Unternehmen beschäftigt eigene Rechtsabteilungen und Steuerexperten. Ein Betrieb mit 40 Mitarbeitern nicht. Für mittelständische Unternehmen wirkt Bürokratie deshalb überproportional. Jede zusätzliche Meldung, Statistik, Genehmigung oder Dokumentationspflicht bindet Personal, das nicht für Kunden, Produktion oder Innovation eingesetzt werden kann.
Ein echter Mittelstandspakt müsste genau hier ansetzen: weniger Berichtspflichten, schnellere Verfahren, digitale Behördenkontakte, leichterer Zugang zu Investitionsfinanzierung und bessere Rahmenbedingungen für Betriebsübergaben. Der Staat sollte sich dabei eine einfache Frage stellen: Welche Information besitzt er bereits? Wenn die Antwort lautet, dass dieselben Daten bei Finanzverwaltung, Sozialversicherung oder einem anderen Register vorhanden sind, darf ein Unternehmen sie nicht noch einmal melden müssen.
Österreich muss zwischen Start ups, Mittelstand und Industrie unterscheiden
Wirtschaftspolitik scheitert häufig daran, alle Unternehmen gleich zu behandeln. Ein junges Technologieunternehmen benötigt andere Bedingungen als ein Maschinenbauer mit 500 Beschäftigten.
Start ups brauchen Kapital, Fachkräfte und schnelle Gründungsprozesse. Mittelständische Unternehmen brauchen Planungssicherheit, weniger Bürokratie und Finanzierung für Digitalisierung und Wachstum. Industrieunternehmen benötigen darüber hinaus Energie, Netzinfrastruktur, Flächen und schnelle Großgenehmigungen. Eine moderne Standortpolitik muss diese Unterschiede berücksichtigen. Österreich braucht nicht eine Wirtschaftspolitik.
Es braucht eine gemeinsame Strategie mit unterschiedlichen Instrumenten.
Die nächste große Baustelle heißt Kapital
Österreich besitzt beträchtliches privates Vermögen. Gleichzeitig erhalten junge Wachstumsunternehmen häufig zu wenig heimisches Kapital. Das Problem entsteht besonders in späteren Wachstumsphasen. Für die Gründung eines Unternehmens lässt sich oftmals Finanzierung finden. Wenn jedoch zweistellige oder dreistellige Millionenbeträge für internationale Expansion benötigt werden, dominieren häufig ausländische Investoren. Ausländisches Kapital ist nicht grundsätzlich problematisch. Im Gegenteil, offene Kapitalmärkte sind für eine kleine Volkswirtschaft wichtig.
Problematisch wird es, wenn erfolgreiche Unternehmen ihre strategische Führung, Forschung und spätere Wertschöpfung schrittweise ebenfalls ins Ausland verlagern. Österreich braucht deshalb einen stärkeren Kapitalmarkt.
Langfristiges Sparen muss produktiver werden
Private Vorsorge sollte stärker mit langfristiger Kapitalbildung verbunden werden können. Österreich könnte dafür steuerlich begünstigte langfristige Investmentkonten schaffen, die breit diversifizierte Investitionen in Unternehmen ermöglichen. Auch institutionelles Kapital von Versicherungen und Pensionssystemen könnte unter klaren Risikoregeln stärker in europäische Wachstumsunternehmen fließen. Ziel wäre nicht Spekulation, sondern die Finanzierung produktiver Investitionen.
Ein Land, das Innovation fördert, aber deren Wachstum anschließend ausländischen Kapitalmärkten überlässt, verschenkt einen Teil der eigenen Wertschöpfung. Forschungspolitik endet nicht im Labor.
Forschung: Österreich ist stark, aber noch nicht Spitze
Österreich gehört bei Forschung und Entwicklung zu den engagiertesten Staaten Europas. Im Innovationsvergleich zählt es weiterhin zur Gruppe der starken Innovatoren und liegt innerhalb der Europäischen Union im oberen Feld. Doch genau hier liegt ein wichtiger Unterschied. Österreich ist stark, aber kein europäischer Innovationsführer.
Die Schwäche liegt weniger darin, dass zu wenig Wissen entsteht. Sie liegt darin, dass aus Wissen zu selten Unternehmen von internationaler Größenordnung entstehen. Österreich braucht deshalb eine zweite Säule seiner Forschungspolitik: Kommerzialisierung.
Universitäten, Fachhochschulen, Industrie, Gründer und Kapitalgeber müssen enger zusammenarbeiten. Aus Patenten müssen Produkte entstehen, aus Forschungsprojekten Unternehmen und aus österreichischen Unternehmen häufiger internationale Marktführer.
Der Staat kann nicht entlasten, ohne selbst effizienter zu werden
Eine große steuerliche Entlastung von Arbeit lässt sich nicht dauerhaft durch zusätzliche Schulden finanzieren. Österreich befindet sich bereits in einer angespannten budgetären Situation. Das Maastricht Defizit lag 2025 weiterhin deutlich oberhalb der europäischen Drei Prozent Marke. Auch für die kommenden Jahre bleibt erheblicher Konsolidierungsbedarf.
Wer deshalb eine Entlastung von Arbeit fordert, muss gleichzeitig erklären, wie sie finanziert werden kann. Genau hier unterscheidet sich eine ernsthafte Reformagenda von populärer Steuerpolitik.
Die Gegenfinanzierung: Österreich braucht eine Ausgabenreform
Der Staat muss zunächst aufhören, Budgetkonsolidierung ausschließlich als Frage einzelner Kürzungen zu behandeln. Entscheidend ist die Struktur der Ausgaben. Jedes Ministerium und jede größere staatliche Organisation sollte regelmäßig einer systematischen Ausgabenprüfung unterzogen werden. Nicht mit der Vorgabe, pauschal fünf Prozent zu kürzen, sondern mit der Frage, welche Programme tatsächlich Wirkung erzielen.
Förderungen müssen messbare Ziele besitzen. Wenn ein Förderprogramm über Jahre keine nachweisbare Wirkung entfaltet, muss es veränderbar oder beendbar sein. Auch steuerliche Ausnahmen gehören in diese Prüfung. Österreich besitzt zahlreiche Sonderbestimmungen, Begünstigungen und historische Regelungen, deren wirtschaftspolitischer Nutzen unterschiedlich groß ist.
Eine Entlastung von Arbeit darf nicht automatisch bedeuten, dass anderswo dieselbe Summe durch neue Belastungen eingehoben wird. Ein Teil muss aus höherer Effizienz, geringerem Ausgabenwachstum und mehr Beschäftigung kommen.
Die Steuerstruktur muss neu diskutiert werden
Österreich besteuert Arbeit stark, während andere Steuerbasen vergleichsweise gering belastet werden. Das gilt insbesondere für wiederkehrende Immobilienbesteuerung. Eine Reform in diesem Bereich wäre politisch heikel. Sie sollte deshalb weder als pauschale Belastung von Eigenheimbesitzern noch als ideologische Vermögensdebatte geführt werden.
Eine moderne Grundsteuer könnte stärker an realistischen Werten orientiert werden und gleichzeitig Freibeträge oder Stundungsmodelle für einkommensschwache Eigentümer vorsehen. Unbebaute gewidmete Grundstücke und spekulativer Leerstand könnten gezielter belastet werden.
Der wirtschaftspolitische Grundsatz sollte lauten: weniger Belastung produktiver Arbeit, stärkere Nutzung jener Steuerbasen, die Beschäftigung und Investitionen weniger unmittelbar bremsen. Das ist keine einfache Reform.
Aber eine ehrliche Steuerreform wird nicht ohne schwierige Entscheidungen funktionieren.
Pensionen: Die Rechnung lässt sich nicht dauerhaft verschieben
Österreich gibt einen sehr hohen Anteil seiner Wirtschaftsleistung für öffentliche Pensionen aus. In den kommenden Jahren wird dieser Anteil voraussichtlich weiter steigen. Gleichzeitig verändert sich die Altersstruktur deutlich. Bis 2040 wird der Anteil der Menschen über 65 erheblich höher sein als heute.
Das Problem ist mathematisch. Wenn weniger Erwerbstätige relativ mehr Pensionisten finanzieren, müssen Beiträge steigen, Leistungen sinken, Menschen länger arbeiten oder zusätzliche Finanzierung aus anderen Steuern kommen. Diese Realität lässt sich politisch gestalten, aber nicht abschaffen.
Länger arbeiten muss sich deutlich lohnen
Eine Reform sollte deshalb nicht primär mit Zwang beginnen, sondern mit Anreizen. Wer freiwillig länger arbeitet, sollte finanziell erheblich profitieren. Gleichzeitig darf die Politik unterschiedliche Berufe nicht gleich behandeln. Menschen mit körperlich schweren Tätigkeiten haben andere Voraussetzungen als Beschäftigte in weniger belastenden Berufen.
Das Ziel muss sein, das tatsächliche Pensionsantrittsalter schrittweise zu erhöhen und gleichzeitig flexible Übergänge zu schaffen. Weiterbildung ab 50 muss dabei selbstverständlich werden. Eine Gesellschaft kann nicht längere Erwerbsbiografien erwarten und gleichzeitig Menschen ab einem bestimmten Alter bei Qualifizierung abschreiben.
Gesundheit und Pflege: Mehr Geld allein löst die Struktur nicht
Der demografische Wandel wird auch Gesundheit und Pflege deutlich stärker belasten. Österreich verfügt über ein leistungsfähiges Gesundheitssystem, aber auch über komplexe Zuständigkeiten und teilweise fragmentierte Finanzierungsstrukturen.
Die zentrale Reformfrage lautet daher nicht nur, wie viel mehr Geld benötigt wird. Sie lautet, wie vorhandenes Geld effizienter eingesetzt werden kann. Digitale Patientenprozesse, bessere Datenverfügbarkeit, stärkere Primärversorgung und weniger administrative Mehrfachstrukturen könnten Ressourcen freisetzen. Gleichzeitig braucht es eine langfristige Personalstrategie für Pflege und Medizin.
Gesundheitspolitik wird damit zu einem Kernbereich der Standortpolitik. Eine alternde Gesellschaft braucht einen Gesundheitsstaat, der organisiert statt nur finanziert.
Digitalisierung ist kein eigenes Politikfeld mehr
Österreich diskutiert Digitalisierung noch immer häufig als zusätzliches Thema. Diese Sichtweise ist überholt. Digitalisierung ist kein Ressort neben Wirtschaft, Bildung, Gesundheit oder Verwaltung. Sie ist die Infrastruktur, auf der alle diese Bereiche künftig funktionieren müssen.
Die Europäische Union sieht Österreich bei digitaler Kompetenz und Unternehmensdigitalisierung in mehreren Bereichen gut aufgestellt. Gleichzeitig bestehen weiterhin Defizite bei durchgängigen digitalen Verwaltungsleistungen, dem Datenaustausch zwischen Behörden und der konsequenten Umsetzung des Grundsatzes, Informationen nur einmal erfassen zu müssen. Genau dort liegt enormes Reformpotenzial.
Österreich braucht ein digitales Staatsmodell
Die wichtigste Digitalisierungsentscheidung lautet nicht, welche neue App entwickelt wird. Entscheidend ist, welche Architektur dahintersteht. Bürger sollten langfristig über einen zentralen digitalen Zugang zu staatlichen Leistungen verfügen. Unternehmen benötigen einen entsprechenden Unternehmenszugang. Dort könnten Bescheide, Anträge, Steuerinformationen, Genehmigungen und Behördenkommunikation gebündelt werden. Der Bürger muss nicht wissen, wie der Staat intern organisiert ist.
Der Staat muss wissen, wie er das Anliegen des Bürgers intern organisiert.
Daten nur einmal
Das Once Only Prinzip muss zu einem verbindlichen Standard werden. Daten, die der Staat rechtmäßig besitzt, dürfen grundsätzlich nicht erneut abgefragt werden. Ein Umzug sollte automatisiert jene Stellen informieren können, die aufgrund gesetzlicher Zuständigkeit informiert werden müssen. Unternehmensstammdaten sollten nicht parallel bei mehreren Behörden eingetragen werden müssen. Dafür benötigt Österreich interoperable Register, gemeinsame technische Standards und klare Regeln für Datenschutz und Zugriffsrechte.
Das ist keine technische Nebenfrage. Es ist eine Staatsreform.
Erst Prozesse ändern, dann digitalisieren
Viele Digitalisierungsprojekte scheitern daran, dass bestehende Bürokratie lediglich elektronisch abgebildet wird. Ein schlechtes Verfahren bleibt schlecht, wenn sein Formular statt auf Papier am Bildschirm erscheint. Deshalb muss die Reihenfolge lauten: Prozess hinterfragen, Prozess vereinfachen, Prozess digitalisieren und danach prüfen, welche Teile automatisiert werden können. Jeder große Verwaltungsprozess sollte auf diese Weise untersucht werden. Digitalisierung muss Bearbeitungszeit reduzieren. Sonst ist sie nur neue Oberfläche.
Künstliche Intelligenz kann den Staat grundlegend verändern
Künstliche Intelligenz eröffnet der Verwaltung Möglichkeiten, die vor wenigen Jahren technisch kaum realistisch waren. Dokumente können automatisch strukturiert, Anträge vorgeprüft, Wissen durchsucht und standardisierte Bürgeranfragen vorbereitet werden.
Bei rechtlich relevanten Entscheidungen muss menschliche Verantwortung klar bestehen bleiben. Dennoch wäre es ein Fehler, aus Angst vor Risiken auf die Technologie zu verzichten. Österreich sollte ein nationales Programm für sichere Verwaltungs KI entwickeln. Jede Anwendung müsste klare Regeln für Datenschutz, Nachvollziehbarkeit, Verantwortlichkeit und menschliche Kontrolle besitzen.
Das Ziel ist nicht, Beamte durch Maschinen zu ersetzen. Das Ziel ist, Fachkräfte von Routinearbeit zu entlasten, damit sie jene Aufgaben übernehmen können, bei denen Menschen tatsächlich gebraucht werden.
Verwaltung: Zeit wird zur wirtschaftlichen Kennzahl
Ein Investor misst einen Standort nicht nur in Prozentpunkten der Steuerbelastung. Er misst ihn in Monaten und Jahren. Wie schnell wird ein Produktionsstandort genehmigt? Wann ist der Netzanschluss verfügbar? Wie lange dauert ein Bauverfahren? Wie schnell kann ein qualifizierter ausländischer Mitarbeiter seine Tätigkeit aufnehmen? Österreich braucht deshalb verbindliche Zielzeiten für wichtige Verfahren.
Komplexe Genehmigungen benötigen weiterhin sorgfältige Prüfung. Sorgfalt darf aber nicht mit Unbestimmtheit verwechselt werden. Ein Rechtsstaat kann schnell und gründlich sein. Er muss seine Verfahren nur entsprechend organisieren.
Föderalismus braucht klare Verantwortlichkeiten
Österreichs föderale Struktur hat Vorteile. Länder und Gemeinden kennen regionale Bedürfnisse häufig besser als eine zentrale Verwaltung. Problematisch wird Föderalismus dort, wo mehrere Ebenen dasselbe Thema bearbeiten, Finanzierungsverantwortung und Entscheidungskompetenz auseinanderfallen oder digitale Systeme nicht miteinander kommunizieren. Eine große Staatsreform muss deshalb nicht automatisch Zentralisierung bedeuten. Sie muss Verantwortlichkeit bedeuten. Für jede zentrale öffentliche Leistung muss klar erkennbar sein, welche Ebene entscheidet, welche finanziert und welche gegenüber den Bürgern für das Ergebnis verantwortlich ist.
Wo drei Ebenen zuständig sind, fühlt sich am Ende häufig keine verantwortlich.
Energie entscheidet über die industrielle Zukunft
Österreich kann industrielle Wertschöpfung nur halten, wenn Energie zuverlässig und wettbewerbsfähig verfügbar bleibt. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie sensibel energieintensive Unternehmen auf Kostensteigerungen reagieren. Gleichzeitig steigt durch Elektrifizierung, Rechenzentren, Mobilität und Digitalisierung der Bedarf an leistungsfähigen Stromnetzen. Österreich braucht deshalb eine Energiepolitik, die über einzelne Legislaturperioden hinausdenkt. Netze, Speicher, Erzeugungskapazitäten und industrielle Anschlüsse müssen langfristig geplant werden. Unternehmen investieren Milliarden nur dort, wo sie wissen, dass Energieversorgung und Infrastruktur auch in zehn Jahren funktionieren.
Bildung ist die wichtigste Wirtschaftspolitik des Landes
Kein Steuerpaket kann dauerhaft ausgleichen, was im Bildungssystem verloren geht. Österreich besitzt gute Schulen und hervorragende Lehrkräfte. Gleichzeitig hängt Bildungserfolg noch immer zu stark von familiärer Herkunft, Einkommen und Sprachkompetenz ab.
Für ein kleines Land ist das besonders teuer. Jedes Talent, das nicht entwickelt wird, fehlt später als Fachkraft, Unternehmer, Wissenschaftler oder qualifizierter Mitarbeiter. Bildungspolitik ist deshalb nicht nur Sozialpolitik. Sie ist die wichtigste langfristige Form von Industriepolitik.
Der Kindergarten muss zur ersten Bildungseinrichtung werden
Sprachliche und kognitive Defizite entstehen häufig lange vor dem ersten Schultag. Wenn das System erst mit sechs oder sieben Jahren reagiert, wird bereits verlorene Zeit aufgeholt. Österreich muss deshalb frühkindliche Bildung deutlich ernster nehmen.
Sprachstand, motorische Entwicklung und grundlegende Fähigkeiten sollten früh erfasst werden. Wo Förderung notwendig ist, muss sie intensiv und professionell angeboten werden. Das gilt besonders für Deutschkenntnisse. Ein Kind kann nur dann erfolgreich am österreichischen Bildungssystem teilnehmen, wenn es die Unterrichtssprache ausreichend beherrscht. Diese Erwartung ist keine kulturelle Ausgrenzung. Sie ist Voraussetzung für Chancengleichheit.
Schulen müssen wieder klare Kernaufgaben besitzen
Schulen werden mit immer mehr gesellschaftlichen Problemen konfrontiert. Sie können nicht jedes davon lösen. Ihre zentrale Aufgabe bleibt Bildung. Lesen, Schreiben, Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte, demokratische Bildung, wirtschaftliches Verständnis und digitale Kompetenz bilden die Grundlage. Künstliche Intelligenz verändert diese Aufgabe zusätzlich. Junge Menschen müssen lernen, KI Systeme nicht nur zu verwenden, sondern deren Ergebnisse kritisch zu beurteilen. Sie müssen verstehen, wie Daten entstehen, wie Manipulation funktioniert und wie Technologie produktiv eingesetzt werden kann. Die kommende Generation darf nicht nur Konsument neuer Technologien werden. Sie muss sie gestalten.
Die Lehre kann Österreich einen strategischen Vorteil verschaffen
Das duale Ausbildungssystem gehört zu den großen wirtschaftlichen Stärken Österreichs. Es muss jedoch technologisch weiterentwickelt werden. Künftige Fachkräfte benötigen Kompetenzen in Robotik, Automatisierung, digitalen Produktionssystemen, Energietechnik und künstlicher Intelligenz. Auch traditionelle Berufe verändern sich. Elektriker arbeiten mit intelligenten Energiesystemen, Mechaniker mit Softwarediagnostik und Installateure mit vernetzten Gebäudesystemen. Die Grenze zwischen Handwerk und Technologie wird zunehmend verschwimmen. Österreich sollte diese Entwicklung nutzen.
Die junge Generation braucht wieder Aufstieg
Die wichtigste gesellschaftspolitische Frage ist möglicherweise nicht, wie hoch das heutige Bruttoinlandsprodukt ist. Sie lautet: Kann ein heute 20 jähriger Mensch davon ausgehen, durch eigene Leistung ein besseres Leben aufzubauen? Kann er eine Wohnung finanzieren? Kann sie eine Familie gründen, ohne wirtschaftlich dauerhaft unter Druck zu geraten? Kann jemand ohne vermögende Eltern ein Unternehmen aufbauen oder Eigentum erwerben? Wenn die Antwort immer häufiger Nein lautet, entsteht ein tieferes Problem als bloße Unzufriedenheit.
Dann verliert eine Gesellschaft ihren Aufstiegsoptimismus. Eine erfolgreiche Reformagenda muss deshalb Eigentumsbildung, Unternehmensgründung, Bildung und Leistungsanreize wieder stärker miteinander verbinden.
Wohnen wird zur Generationenfrage
Hohe Wohnkosten treffen junge Menschen besonders stark. Wer einen großen Teil seines Einkommens für Miete aufbringen muss, kann kaum Vermögen bilden. Österreich benötigt daher nicht nur Mietpolitik, sondern mehr Wohnangebot. Dichtere Bebauung, schnelleres Bauen, bessere Nutzung vorhandener Flächen und eine engere Verbindung zwischen Verkehr und Wohnbau müssen Teil einer langfristigen Strategie werden. Auch Leerstand und ungenutztes Bauland gehören in diese Debatte. Wohnungspolitik darf nicht dauerhaft nur Preise regulieren. Sie muss Angebot schaffen.
Migration: Österreich braucht Klarheit statt Dauerkonflikt
Österreichs demografische Entwicklung macht Migration zu einer strukturellen Frage. 2025 wurden rund 76.000 Kinder geboren, während knapp 88.000 Menschen starben. Die Geburtenbilanz war damit erneut negativ. Gleichzeitig lag die durchschnittliche Kinderzahl je Frau bei nur etwa 1,3. Ohne Zuwanderung würde die Bevölkerung bereits zurückgehen. Diese Realität bedeutet aber nicht, dass jede Form von Migration denselben wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Effekt besitzt. Arbeitsmigration, EU Mobilität, internationale Studierende, Familiennachzug, Flucht und Asyl sind unterschiedliche Kategorien. Politik muss endlich konsequent zwischen ihnen unterscheiden.
Österreich muss um qualifizierte Menschen kämpfen
Bei Arbeitsmigration braucht Österreich deutlich mehr Selbstbewusstsein und Geschwindigkeit. Qualifizierte Menschen warten nicht unbegrenzt auf Behördenentscheidungen. Ein IT Spezialist, Ingenieur oder Arzt kann mehrere Staaten miteinander vergleichen. Österreich benötigt deshalb schnelle digitale Verfahren, transparente Kriterien und rasche Anerkennung ausländischer Qualifikationen. Auch internationale Studierende sollten stärker als potenzielle Fachkräfte verstanden werden. Wer in Österreich erfolgreich ein anspruchsvolles Studium abschließt und anschließend gebraucht wird, sollte nicht durch unnötige Bürokratie zur Ausreise gedrängt werden. Talentgewinnung ist Wirtschaftspolitik.
Asyl darf nicht mit Arbeitsmigration verwechselt werden
Asyl folgt einer anderen Logik. Menschen erhalten Schutz nicht deshalb, weil Österreich einen bestimmten Beruf benötigt, sondern weil rechtliche Schutzgründe bestehen. Gerade deshalb muss das System glaubwürdig funktionieren. Verfahren müssen schnell sein. Wer Schutz erhält und länger bleiben wird, sollte sofort mit Sprache, Qualifikation und Arbeitsmarktintegration beginnen können.
Wer rechtskräftig keinen Schutzanspruch und kein anderes Aufenthaltsrecht besitzt, muss das Land grundsätzlich wieder verlassen können. Beide Seiten gehören zusammen. Ein Asylsystem, das positive Entscheidungen umsetzt, negative aber dauerhaft folgenlos lässt, verliert Glaubwürdigkeit.
Integration beginnt nicht mit einem Pass
Österreich hatte Anfang 2026 rund 9,2 Millionen Einwohner. Mehr als 20 Prozent besaßen keine österreichische Staatsangehörigkeit. Damit ist Integration keine Randfrage mehr. Sie gehört ins Zentrum staatlicher Zukunftspolitik. Integration lässt sich jedoch nicht allein daran messen, wie viele Kurse besucht wurden. Entscheidend ist, ob Menschen Sprache beherrschen, arbeiten, Bildungschancen nutzen, gesellschaftliche Regeln akzeptieren und tatsächlich am öffentlichen Leben teilnehmen.
Der Anspruch muss klar sein. Wer dauerhaft in Österreich lebt, soll eine reale Chance erhalten, Teil dieser Gesellschaft zu werden. Im Gegenzug darf Österreich erwarten, dass seine Rechtsordnung, Gleichberechtigung, Schulpflicht und demokratischen Prinzipien respektiert werden.
Die zweite Generation ist der eigentliche Prüfstein
Die langfristige Bewertung von Migration entscheidet sich nicht primär in Erstaufnahmezentren. Sie entscheidet sich in Schulen. Kinder, die in Österreich geboren werden oder hier aufwachsen, dürfen nicht dauerhaft aufgrund der Herkunft ihrer Eltern schlechtere Chancen haben. Wenn große Gruppen junger Menschen die Schule mit unzureichenden Sprachkenntnissen oder geringen beruflichen Perspektiven verlassen, entstehen wirtschaftliche und gesellschaftliche Kosten über Jahrzehnte. Deshalb müssen Integration und Bildung wesentlich stärker zusammengedacht werden. Hohe Erwartungen und hohe Förderung gehören zusammen.
Gesellschaft braucht gemeinsame Regeln
Eine vielfältigere Bevölkerung führt nicht automatisch zu gesellschaftlicher Instabilität. Sie erhöht aber den Bedarf an gemeinsamen Grundlagen. Österreich muss klar formulieren, welche Regeln für alle gelten. Rechtsstaat, Demokratie, Gleichberechtigung, individuelle Freiheit und Gewaltmonopol sind keine kulturellen Optionen. Gleichzeitig muss Gesellschaft Räume schaffen, in denen unterschiedliche Gruppen tatsächlich miteinander in Kontakt kommen. Schulen, Vereine, Sport, freiwilliges Engagement, Gemeinden und Arbeitsplätze spielen dabei eine entscheidende Rolle. Zusammenhalt entsteht nicht in Regierungserklärungen. Er entsteht im Alltag.
Der Sozialstaat braucht wieder ein klares Versprechen
Österreichs Sozialstaat gehört zu den großen Errungenschaften des Landes. Er kann aber nur stabil bleiben, wenn genügend Menschen seine Finanzierung tragen. Der Grundsatz sollte deshalb einfach sein. Wer Hilfe benötigt, muss sie bekommen. Wer arbeiten kann, soll durch Arbeit spürbar besser gestellt sein. Wer zusätzliche Verantwortung übernimmt, sollte wirtschaftlich davon profitieren. Sozialpolitik darf Menschen nicht dauerhaft in Abhängigkeit halten. Sie muss ihnen ermöglichen, diese Abhängigkeit zu verlassen. Das gilt für österreichische Staatsbürger ebenso wie für Zugewanderte.
Zehn Entscheidungen für die ersten 100 Tage
- Ein nationaler Reformrat mit klarer Umsetzungsverantwortung muss eingerichtet werden. Er darf kein weiteres Beratungsgremium sein, sondern muss Fortschritte bei Steuerreform, Digitalisierung, Bildung, Verwaltung und Standortpolitik messen und regelmäßig öffentlich dokumentieren.
- Die Bundesregierung muss einen verbindlichen Entlastungspfad für Arbeit festlegen. Ziel muss eine mehrjährige Senkung von Lohnnebenkosten und Abgaben sein, gekoppelt an konkrete Gegenfinanzierungen und Beschäftigungseffekte.
- Alle großen Förderprogramme des Bundes müssen einer Wirkungskontrolle unterzogen werden. Programme ohne nachvollziehbare wirtschaftliche, soziale oder ökologische Wirkung müssen zusammengeführt, verändert oder beendet werden können.
- Für strategische Unternehmens und Infrastrukturprojekte müssen verbindliche Verfahrensziele gelten. Die zuständige Behörde muss von Beginn an eindeutig feststehen und für den gesamten Prozess verantwortlich bleiben.
- Das Once Only Prinzip muss gesetzlich und technisch zum Standard der Verwaltung werden. Bürger und Unternehmen dürfen Informationen grundsätzlich nicht mehrfach einreichen müssen, wenn diese bereits rechtmäßig im Staat vorhanden sind.
- Ein einheitliches digitales Bürger und Unternehmenskonto muss zur zentralen Verwaltungsoberfläche ausgebaut werden. Bestehende Systeme sollen integriert statt durch weitere parallele Portale ergänzt werden.
- Für Kinder mit unzureichenden Deutschkenntnissen muss vor Schuleintritt ein verbindlicher Förderpfad gelten. Die dafür notwendigen Ressourcen müssen gezielt dorthin fließen, wo der Förderbedarf tatsächlich am größten ist.
- Arbeitsmigration, Asyl und Integration müssen administrativ stärker voneinander getrennt werden. Qualifizierte Arbeitskräfte benötigen schnelle Verfahren, anerkannte Flüchtlinge einen verbindlichen Integrationspfad und negative rechtskräftige Aufenthaltsentscheidungen tatsächliche Konsequenzen.
- Österreich braucht einen nationalen Kapitalmarktplan für Wachstum und Vorsorge. Langfristige private und institutionelle Investitionen in Unternehmen sollen erleichtert werden, ohne den Anlegerschutz zu schwächen.
- Jede große Reform muss messbare Ziele erhalten. Bürger müssen spätestens jährlich sehen können, welche Ziele erreicht wurden, welche nicht und welche politische Stelle dafür verantwortlich ist.
Bis 2030: Die Reform muss im Alltag spürbar sein
Bis zum Ende dieses Jahrzehnts darf Österreich nicht mehr über Digitalisierung sprechen, während Bürger dieselben Daten mehrfach an Behörden übermitteln. Die wichtigsten Verwaltungsverfahren müssen vollständig digital durchführbar sein und medienbruchfrei zwischen öffentlichen Stellen funktionieren. Arbeit muss spürbar weniger belastet sein. Die tatsächliche Beschäftigungsquote älterer Menschen muss steigen und der Wechsel von Teilzeit zu höherer Beschäftigung für jene attraktiver werden, die mehr arbeiten möchten.
Unternehmensgründungen und wichtige Investitionsverfahren müssen deutlich schneller funktionieren. Der Staat sollte Bearbeitungszeiten ebenso selbstverständlich veröffentlichen wie andere Leistungskennzahlen.
Im Bildungssystem muss früher eingegriffen werden. Sprachförderung, Grundkompetenzen und digitale Bildung müssen messbar bessere Ergebnisse liefern. Auch Integration muss anhand von Ergebnissen bewertet werden. Beschäftigung, Sprachkompetenz, Bildungsabschlüsse und wirtschaftliche Eigenständigkeit sind aussagekräftiger als die Zahl organisierter Programme.
Bis 2035: Österreich muss wieder Führungsanspruch entwickeln
Österreich sollte spätestens Mitte der kommenden Dekade wieder erkennbar zur europäischen Spitzengruppe gehören. Der Steuer und Abgabenkeil auf Arbeit muss deutlich näher am Niveau erfolgreicher Wettbewerber liegen. Österreich sollte beim europäischen Innovationsvergleich nicht mehr nur zu den starken Innovatoren gehören, sondern die Schwelle zur Führungsgruppe angreifen. Die digitale Verwaltung muss zu den besten Europas zählen. Große Unternehmensinvestitionen dürfen nicht wegen jahrelanger administrativer Unsicherheit verloren gehen. Österreichische Wachstumsunternehmen müssen mehr heimisches und europäisches Kapital finden können. Und junge Menschen müssen wieder realistische Möglichkeiten besitzen, durch Bildung, Arbeit und Unternehmertum Vermögen aufzubauen.
Bis 2040: Das Zielbild
Österreich 2040 sollte ein Land sein, in dem ein Unternehmen innerhalb weniger Tage vollständig digital gegründet werden kann und seine wichtigsten Behördenverfahren über einen einzigen Zugang erledigt. Es sollte ein Land sein, in dem zusätzliche Arbeit nicht durch außergewöhnlich hohe Grenzbelastungen entmutigt wird und qualifizierte Fachkräfte einen international attraktiven Standort vorfinden. Österreich sollte seine industrielle Tradition mit künstlicher Intelligenz, Robotik, Energieinnovation und hochentwickelter Produktion verbinden. Das Bildungssystem sollte Herkunft wesentlich weniger stark über Zukunft entscheiden lassen. Migration sollte nachvollziehbar gesteuert werden. Integration sollte klare Erwartungen und reale Chancen verbinden. Und der Sozialstaat sollte stark genug sein, Menschen in Not zu schützen, ohne wirtschaftliche Eigenständigkeit zu erschweren.
Drei Wege, die Österreich jetzt offenstehen
Szenario eins: Der verwaltete Wohlstandsverlust
Österreich kann weitermachen wie bisher. Reformen werden angekündigt, Interessenkonflikte vertagt und bestehende Systeme mit zusätzlichem Geld stabilisiert. Dieses Szenario führt nicht unmittelbar in eine Krise. Gerade deshalb ist es gefährlich. Das Land würde langsam relativ zurückfallen. Unternehmen würden Investitionen häufiger anderswo tätigen, Talente würden international mobiler und steigende Sozialausgaben würden zunehmend weniger Spielraum für Zukunftsinvestitionen lassen. Österreich bliebe wohlhabend. Aber der Wohlstand würde stärker verteilt als neu geschaffen.
Szenario zwei: Die solide Stabilisierung
Österreich könnte einzelne strukturelle Probleme entschärfen. Arbeit würde moderat entlastet, Verwaltungsprozesse verbessert und Teile des Bildungssystems reformiert. Damit ließe sich der relative Abstieg wahrscheinlich stoppen. Das Land wäre weiterhin attraktiv, stabil und wohlhabend. Doch Spitzenpositionen würden andere Staaten besetzen. Dieses Szenario wäre politisch bequem. Es wäre jedoch zu wenig für ein Land mit Österreichs Möglichkeiten.
Szenario drei: Der Neustart
Das dritte Szenario verlangt mehr. Österreich entscheidet sich für eine koordinierte Reform über mehrere Legislaturperioden. Steuerpolitik, Sozialstaat, Digitalisierung, Bildung, Kapitalmarkt, Migration und Infrastruktur werden nicht mehr als getrennte Baustellen behandelt. Arbeit wird entlastet, während der Staat seine Ausgabenstruktur reformiert. Digitalisierung wird zum Betriebssystem der Verwaltung. Bildung wird zur zentralen Investition in Produktivität. Migration wird stärker gesteuert und Integration messbarer. Investitionen erhalten Geschwindigkeit. Dieses Szenario wäre politisch schwieriger. Aber nur dieses Szenario eröffnet Österreich die Chance, tatsächlich wieder zur Spitze zu gehören.
Politik muss wieder erklären, was sie erreichen will
Einer der größten Fehler moderner Politik ist die Verwechslung von Maßnahmen mit Ergebnissen. Eine Regierung kann hundert Programme beschließen und trotzdem wenig verändern. Entscheidend ist nicht, wie viele Förderungen existieren, sondern ob Investitionen steigen. Entscheidend ist nicht, wie viele Digitalisierungsprojekte finanziert wurden, sondern ob Verfahren schneller geworden sind. Politik braucht deshalb weniger Aktivitätsberichte und mehr Ergebnisberichte. Jede Bundesregierung sollte wenige nationale Kernziele festlegen, an denen sie öffentlich gemessen werden kann. Wenn Ziele nicht erreicht werden, muss erklärt werden, warum.
Das klingt selbstverständlich. In der politischen Praxis wäre es revolutionär.
Unternehmen tragen ebenfalls Verantwortung
Der Staat kann Rahmenbedingungen schaffen. Er kann Unternehmen jedoch nicht innovativ machen. Österreichische Betriebe müssen selbst stärker in Technologie, Weiterbildung und Produktivität investieren. Wer Fachkräftemangel beklagt, aber Weiterbildung vernachlässigt, verschärft das eigene Problem. Wer künstliche Intelligenz ausschließlich als Bedrohung betrachtet, wird gegenüber Unternehmen verlieren, die sie produktiv einsetzen. Die österreichische Wirtschaft besitzt enorme technische Erfahrung. Die nächste Aufgabe besteht darin, diese Erfahrung mit neuen Technologien zu verbinden.
Auch die Gesellschaft muss sich verändern
Eine nationale Reformagenda kann nicht ausschließlich darin bestehen, Forderungen an die Politik zu stellen. Österreichs Zukunft hängt auch davon ab, wie Menschen mit Veränderung umgehen. Weiterbildung muss selbstverständlich werden. Unternehmertum muss gesellschaftlich stärker anerkannt werden. Arbeit, Verantwortung und Leistung dürfen nicht permanent unter Generalverdacht stehen. Gleichzeitig muss wirtschaftlicher Erfolg mit gesellschaftlicher Verantwortung verbunden bleiben. Ein Land wird nicht stark, indem wenige gewinnen und viele das Gefühl haben, zurückgelassen zu werden. Die österreichische Stärke lag historisch gerade darin, wirtschaftlichen Erfolg und soziale Stabilität miteinander zu verbinden. Diese Verbindung muss modernisiert werden, nicht abgeschafft.
Der neue österreichische Gesellschaftsvertrag
Das Land braucht am Ende ein neues Versprechen. Der Staat garantiert gute Bildung, Rechtsstaatlichkeit, Sicherheit, leistungsfähige Infrastruktur, soziale Absicherung und faire Aufstiegschancen. Er verlangt im Gegenzug Eigenverantwortung, Respekt vor gemeinsamen Regeln und die Bereitschaft, nach den eigenen Möglichkeiten zur Gesellschaft beizutragen. Für Menschen, die neu nach Österreich kommen, gilt dasselbe Prinzip. Wer Schutz benötigt, erhält Schutz. Wer dauerhaft bleibt, erhält Chancen. Wer arbeiten kann, soll wirtschaftlich eigenständig werden. Und wer hier lebt, respektiert die grundlegenden Regeln der österreichischen Demokratie. Ein solches Modell wäre weder kalt noch naiv. Es wäre konsequent.
Die wichtigste Reform ist nicht steuerlich, sondern kulturell
Österreich besitzt genug Studien. Es besitzt genug Experten. Es besitzt genug Strategiepapiere. Das Defizit liegt nicht primär beim Wissen. Es liegt bei der Umsetzung. Zu häufig beginnt eine österreichische Reformdebatte mit den Hindernissen. Welche Zuständigkeit spricht dagegen? Welche Interessengruppe könnte verlieren? Welche bestehende Regel verhindert die Änderung? Ein erfolgreiches Land beginnt mit einer anderen Frage.
Was muss funktionieren? Erst danach wird geklärt, welche Strukturen dafür verändert werden müssen. Genau diese Mentalität braucht Österreich.
Österreich muss nicht billiger werden. Es muss besser werden.
Ein Hochlohnland kann im internationalen Wettbewerb keine Niedriglohnstrategie verfolgen. Österreich muss nicht billiger sein als andere. Es muss produktiver sein. Es muss schneller entscheiden, besser ausbilden, intelligenter regulieren und technologisch stärker werden. Hohe Einkommen sind kein wirtschaftliches Problem, solange die Wertschöpfung entsprechend hoch ist. Hohe Steuern sind nicht automatisch ein Standortkiller, solange staatliche Leistungen hervorragend funktionieren. Problematisch wird die Kombination aus hohen Kosten, hohen Abgaben und durchschnittlicher Geschwindigkeit. Genau diese Kombination muss Österreich auflösen.
Die Generationenfrage entscheidet
Der Erfolg dieser Reform wird nicht daran gemessen werden, ob die nächste Regierung eine Wahl gewinnt. Er wird daran gemessen werden, wie Österreich im Jahr 2040 aussieht. Die heute 15, 20 oder 25 Jährigen werden dann Unternehmen führen, Familien finanzieren, Steuern zahlen und den Sozialstaat tragen. Sie werden darüber entscheiden, ob Österreich ein Land geblieben ist, in dem Menschen Zukunft aufbauen wollen. Diese Generation darf nicht lediglich jene Rechnungen übernehmen, die frühere Generationen vertagt haben. Sie braucht Kapital, Bildung, Eigentumsmöglichkeiten, digitale Infrastruktur und politische Handlungsfähigkeit. Vor allem braucht sie das Gefühl, dass Leistung wieder etwas verändert.
Österreich kann zurück an die Spitze
Die Ausgangslage ist besser, als viele Krisendebatten vermuten lassen. Österreich besitzt hervorragende Unternehmen, qualifizierte Arbeitskräfte, Forschungsinstitutionen, Kapital, politische Stabilität, geografische Vorteile und eine hohe Lebensqualität. Das Land beginnt nicht bei null. Es beginnt aus einer Position großer Stärke. Aber diese Stärke kann verspielt werden. Ein Steuerstaat, der Arbeit zu stark belastet, verliert Dynamik. Ein Sozialstaat, der Demografie ignoriert, verliert Finanzierungsspielraum. Ein Bildungssystem, das Herkunft zu stark über Zukunft entscheiden lässt, verliert Talente. Ein Staat, der vorhandene Daten nicht intelligent nutzt, verliert Zeit.
Eine Migrationspolitik, die nicht zwischen Schutz, Integration und qualifizierter Einwanderung unterscheidet, verliert Vertrauen. Und eine Politik, die Probleme kennt, sie aber über Jahre nicht löst, verliert Glaubwürdigkeit. Die Rückkehr an die Spitze verlangt deshalb keine einzelne Wunderreform. Sie verlangt Konsequenz. Arbeit muss sich stärker lohnen. Unternehmen müssen investieren können. Der Staat muss einfacher und schneller werden. Bildung muss Talente entwickeln. Digitalisierung muss Prozesse neu organisieren. Migration muss gesteuert und Integration eingefordert werden. Der Sozialstaat muss solidarisch bleiben und gleichzeitig wirtschaftliche Eigenständigkeit fördern.
Österreich muss nicht seine Vergangenheit zurückholen. Es muss aus seinen früheren Stärken ein neues Modell entwickeln.
Die wichtigste Entscheidung darüber fällt nicht 2040. Sie fällt jetzt.
Österreich zurück an die Spitze: Die Reformagenda bis 2040. Österreich besitzt Wohlstand und enorme Substanz, verliert aber an Dynamik. Dieser Spezialbericht entwickelt eine konkrete Reformagenda für Steuern, Wirtschaft, Digitalisierung, Bildung, Migration, Sozialstaat und Politik bis 2040.
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