Rubrik: Geopolitik
Format: Spezialbericht
Autor: Sinisa Brkic (sb)
Stand: 22. August 2026
Acht israelische Luftangriffe auf einen weitgehend leeren syrischen Militärflugplatz haben eine Frage aufgeworfen, die vor wenigen Jahren noch abwegig erschien: Können Israel und die Türkei in Syrien militärisch aneinandergeraten? Hinter dem Angriff auf Abu al Duhur steht kein gewöhnlicher Streit um Einfluss. Israel will verhindern, dass türkische Militärstrukturen seine Handlungsfreiheit in Syrien einschränken. Ankara wiederum baut genau dort die Streitkräfte eines neuen syrischen Staates mit auf.
Acht Luftangriffe auf einen Flugplatz, der kaum in Betrieb war
Am 18. August griff Israel den Militärflugplatz Abu al Duhur im Nordwesten Syriens an. Nach syrischen Angaben trafen acht Angriffe die Startbahn und Lagerbereiche. Tote wurden nicht gemeldet. Der Stützpunkt liegt rund 70 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt und war seit 2013 nicht mehr als regulärer Militärflugplatz in Betrieb.
Militärisch erscheint das Ziel auf den ersten Blick überschaubar. Politisch war der Angriff alles andere als das. Israel übernahm die Verantwortung und erklärte, Syrien habe kurz davor gestanden, türkischen Truppen die Nutzung des Flugplatzes zu ermöglichen. Eine solche Entwicklung, so die israelische Führung, würde die eigene Sicherheit gefährden.
Damit veränderte Jerusalem die Bedeutung des Angriffs selbst. Es ging nicht darum, türkische Soldaten zu treffen. Nach allen öffentlich bekannten Angaben waren dort keine stationiert. Israel zerstörte Infrastruktur, von der es annahm, dass sie künftig eine türkische Militärpräsenz ermöglichen könnte. Das ist die eigentliche Eskalation.
Was Israel behauptet und was tatsächlich belegt ist
Für eine rechtlich und journalistisch belastbare Einordnung ist die Trennung entscheidend. Belegt ist, dass türkische Militärvertreter Abu al Duhur vor dem Angriff besucht hatten. Syriens Außenminister Asaad al Shaibani erklärte, diese Besuche hätten der laufenden Zusammenarbeit bei Ausbildung und Erfahrungsaustausch gedient.
Nicht unabhängig belegt ist dagegen, dass Ankara unmittelbar davorstand, auf dem Flugplatz eine permanente Militärbasis einzurichten. Damaskus bestreitet dies ausdrücklich. Al Shaibani erklärte, der Standort sei für die syrischen Streitkräfte rehabilitiert worden und weder eine dauerhafte türkische Basis noch eine permanente türkische Truppenstationierung seien vorgesehen gewesen. Das türkische Verteidigungsministerium erklärte ebenfalls, vor oder während des israelischen Angriffs habe sich keine türkische Militärdelegation dort befunden.
Israel stellt den Vorgang anders dar. Das Büro von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu erklärte, Damaskus habe kurz davor gestanden, einen mit Israel vereinbarten sicherheitspolitischen Status quo zu verletzen. Türkische Truppen auf dem Stützpunkt seien als Bedrohung betrachtet worden. Damit stehen zwei Darstellungen gegeneinander. Öffentlich zugängliche Informationen erlauben derzeit nicht, die israelische Behauptung über eine unmittelbar bevorstehende türkische Stationierung unabhängig zu bestätigen.
Vier Tage zuvor sprach der Mossad Chef mit Damaskus
Der Angriff war allerdings keine spontane Reaktion auf eine kurzfristige Beobachtung. Am 14. August, vier Tage vor den Luftangriffen, telefonierte Mossad Direktor Roman Gofman mit Syriens Außenminister al Shaibani. Nach Angaben von drei mit dem Gespräch vertrauten Personen dominierte die türkische Rolle in Syrien die Unterredung.
Israel erkundigte sich demnach nach einer wachsenden türkischen Militärpräsenz, nach Waffenlieferungen und nach Drohnen für die syrischen Streitkräfte. Der Vorgang ist bemerkenswert, weil es sich um einen der bislang ranghöchsten direkten Kontakte zwischen Israel und der neuen Führung in Damaskus handelte.
Netanyahu machte anschließend deutlich, wie Israel das Ergebnis dieses Kontakts bewertete. Seine Regierung hatte gewarnt, eine türkische militärische Etablierung in Syrien werde nicht akzeptiert. Als Israel wenige Tage später Abu al Duhur bombardierte, war die militärische Botschaft unübersehbar. Israels rote Linie wird damit zunehmend konkret: Nicht erst der Einsatz türkischer Waffen gegen Israel soll verhindert werden. Bereits der Aufbau einer türkischen Militärstruktur an strategisch relevanten Orten in Syrien kann aus israelischer Sicht einen Angriff auslösen.
Abu al Duhur ist kein Einzelfall
Genau deshalb beginnt die Geschichte nicht im August 2026. Bereits im Frühjahr 2025 hatte sich nahezu dasselbe Muster gezeigt. Türkische Militärteams untersuchten damals mindestens drei syrische Luftwaffenstützpunkte auf ihre mögliche künftige Nutzung, darunter T4 und Palmyra in der Provinz Homs sowie den Militärflugplatz von Hama.
Geprüft wurden Startbahnen, Hangars und weitere Infrastruktur. Israel griff anschließend genau jene Anlagen an, die türkische Teams untersucht hatten. Am Stützpunkt T4 wurden nach damaligen Berichten unter anderem Startbahn, Kontrollturm und Hangars schwer beschädigt.
Wenige Tage später begannen israelische und türkische Vertreter in Aserbaidschan technische Gespräche, um unbeabsichtigte militärische Zusammenstöße in Syrien zu verhindern. Eine israelische Quelle bezeichnete insbesondere die Errichtung türkischer Basen im Raum Palmyra damals ausdrücklich als rote Linie. Der Angriff auf Abu al Duhur ist deshalb nicht die Entstehung eines neuen Konflikts. Er ist dessen zweite deutlich sichtbare Runde.
Was Ankara tatsächlich in Syrien aufbaut
Die türkische Rolle lässt sich gleichzeitig nicht auf angebliche Militärbasen reduzieren. Ankara hat seit dem Sturz Bashar al Assads eine systematische sicherheitspolitische Partnerschaft mit der neuen syrischen Führung aufgebaut. Im August 2025 unterzeichneten beide Staaten ein Memorandum über gemeinsame Ausbildung und Beratung ihrer Streitkräfte.
Der öffentlich bekannte Umfang ist beträchtlich. Vorgesehen sind militärische Ausbildung, Beratung, Austausch von Erfahrungen, logistische Unterstützung sowie die Beschaffung von militärischer Ausrüstung und Waffensystemen. Später wurde bekannt, dass syrische Soldaten türkische Einrichtungen für ihre Ausbildung nutzen und syrische Offiziersanwärter türkische Militärakademien besuchen.
Das ist keine geheime Einflussoperation. Ankara erklärt offen, dass es die syrischen Streitkräfte reorganisieren und wieder handlungsfähig machen will. Aus türkischer Sicht dient dies einem stabilen Zentralstaat, der seine Grenzen kontrollieren, separatistische Strukturen eindämmen und einen erneuten Zerfall Syriens verhindern kann. Für Israel entsteht genau daraus das Problem.
Was Ankara Stabilisierung nennt, kann Israel als Machtverschiebung lesen
Unter Assad war Israels militärische Rechnung in Syrien vergleichsweise eindeutig. Im Zentrum standen Iran, dessen Revolutionsgarden, die Hisbollah und Waffenwege in Richtung Libanon. Israel entwickelte über Jahre eine weitreichende Fähigkeit, Ziele auf syrischem Gebiet aus der Luft anzugreifen.
Nach Assads Sturz brach ein erheblicher Teil dieser Ordnung zusammen. Israel zerstörte zusätzlich große Teile schwerer syrischer Waffen und militärischer Infrastruktur und weitete seine Präsenz im Südwesten Syriens aus. Die israelische Begründung lautete, neue Bedrohungen frühzeitig verhindern zu müssen.
Doch an die Stelle des iranischen Einflusses trat nicht einfach ein machtpolitisches Vakuum. Ankara wurde zum entscheidenden externen Partner der neuen syrischen Führung. Damit traf Israels Strategie, den militärischen Wiederaufbau Syriens eng zu begrenzen, auf eine türkische Strategie, die genau diesen Wiederaufbau unterstützt. Beide Staaten können ihre Politik aus ihrer jeweiligen Sicherheitslogik erklären. Zusammengenommen sind diese beiden Logiken jedoch kaum miteinander vereinbar.
Die wirkliche rote Linie heißt Operationsfreiheit
Der Konflikt wird verständlicher, wenn man Abu al Duhur gedanklich aus der Geschichte entfernt. Israel hat kein besonderes strategisches Interesse an dieser einzelnen Startbahn. Entscheidend ist, was eine dauerhafte türkische Militärpräsenz auf syrischen Flugplätzen langfristig ermöglichen könnte.
Ein türkisch unterstütztes Netzwerk aus Radar, Flugabwehr, Drohnen, Aufklärung und militärischer Beratung könnte die Bedingungen verändern, unter denen Israel bisher über Syrien operiert. Schon die Möglichkeit leistungsfähiger Luftverteidigung würde israelische Einsatzplanung komplexer machen. Türkische Flugzeuge oder türkisch geführte Luftverteidigung würden das Risiko noch erheblich erhöhen.
Bereits bei der Auseinandersetzung um T4 im Jahr 2025 war genau diese Sorge erkennbar. Damalige Analysen verwiesen darauf, dass türkische Luftverteidigung und Drohnensysteme Israels operative Freiheit beeinträchtigen könnten. Eine konkrete Stationierung solcher Systeme in Abu al Duhur ist gegenwärtig allerdings nicht öffentlich belegt. Israels strategisches Ziel lässt sich deshalb präziser formulieren: Jerusalem will verhindern, dass ein anderer starker Staat in Syrien die Fähigkeit erhält, israelische Luftoperationen wirksam zu begrenzen.
Aber aus einer Sicherheitsinteresse wird nicht automatisch ein Recht
Hier beginnt der rechtlich heikle Teil. Das Völkerrecht schützt grundsätzlich die territoriale Integrität und politische Unabhängigkeit von Staaten vor militärischer Gewalt. Artikel 2 Absatz 4 der Charta der Vereinten Nationen enthält das grundlegende Gewaltverbot. Ausnahmen bestehen insbesondere bei einer Ermächtigung durch den Sicherheitsrat oder im Rahmen des Rechts auf Selbstverteidigung.
Israel kann Sicherheitsbedenken gegenüber einer möglichen türkischen Militärpräsenz geltend machen. Eine solche Bedrohungsanalyse ist politisch und militärisch relevant. Sie beantwortet jedoch noch nicht automatisch die völkerrechtliche Frage, ob ein Angriff auf syrisches Territorium zulässig war.
Nach dem öffentlich bekannten Sachstand befanden sich in Abu al Duhur keine türkischen Truppen, die Israel angegriffen hätten. Auch ein unmittelbar bevorstehender türkischer Angriff auf Israel ist öffentlich nicht dokumentiert. Welche geheimdienstlichen Erkenntnisse Israel besaß, ist unbekannt. Eine abschließende rechtliche Bewertung anhand nicht veröffentlichter Informationen ist deshalb nicht möglich. Gerade deshalb wäre es unsauber, Israels Sicherheitsargument entweder pauschal als ausreichende Rechtsgrundlage anzuerkennen oder ohne Kenntnis sämtlicher Umstände abschließend zu verwerfen.
Der rätselhafte „Status quo“
Zusätzliche Brisanz erhält der Vorgang durch einen Widerspruch zwischen Jerusalem und Damaskus. Israel behauptet, Syrien habe kurz davor gestanden, einen bereits vereinbarten sicherheitspolitischen Status quo zu verletzen. Syrien wiederum erklärt, beide Seiten hätten zwar erhebliche Fortschritte bei Verhandlungen erzielt, ein Sicherheitsabkommen sei jedoch nicht umgesetzt worden.
Tatsächlich hatten Israel und Syrien seit 2025 unter amerikanischer Vermittlung intensiv über Sicherheitsregelungen verhandelt. Dabei ging es unter anderem um den Süden Syriens, israelische Militärpositionen, Entmilitarisierung und eine Neuordnung der Sicherheitsbeziehungen. Noch im Januar 2026 wurden die Gespräche wieder aufgenommen, ohne dass eine abschließende Vereinbarung bekanntgegeben wurde.
Damit ist öffentlich nicht geklärt, welchen genauen rechtlichen oder politischen Charakter jener von Israel angeführte „Status quo“ besitzt. Ein veröffentlichter Vertragstext, aus dem sich ein Verbot türkischer Aktivitäten in Abu al Duhur eindeutig ableiten ließe, liegt nicht vor. Für die Bewertung des Angriffs ist das wesentlich. Israel beschreibt seine Aktion als Durchsetzung einer bereits gezogenen Grenze. Damaskus bestreitet, diese Grenze in der von Israel behaupteten Form überschritten zu haben.
Auch Ankara argumentiert nicht aus einem machtpolitischen Vakuum
Die türkische Position verdient dieselbe kritische Prüfung. Ankara beschreibt seine Zusammenarbeit mit Syrien als legitime Unterstützung eines souveränen Staates. Sollte die syrische Regierung türkische Soldaten tatsächlich ausdrücklich auf ihr Territorium einladen, wäre diese Zustimmung völkerrechtlich ein gewichtiger Unterschied zu einer nicht genehmigten Intervention.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die türkische Syrienpolitik ausschließlich aus defensiver Aufbauhilfe besteht. Die Türkei unterhält seit Jahren eigene Streitkräfte im Norden Syriens und hat mehrfach grenzüberschreitende Militäroperationen gegen kurdische Kräfte durchgeführt, die Ankara als Sicherheitsbedrohung und als eng mit der PKK verbunden betrachtet.
Ankaras Forderung nach uneingeschränkter syrischer Souveränität steht deshalb vor dem Hintergrund einer langen eigenen militärischen Intervention in diesem Land. Die heutige Zusammenarbeit mit der Regierung in Damaskus schafft eine andere politische Grundlage, löscht diese Vorgeschichte aber nicht aus. Auch die Türkei verfolgt in Syrien keine abstrakte Ordnungspolitik. Sie verfolgt nationale Sicherheitsinteressen.
Zwei Sicherheitsdoktrinen beanspruchen denselben Raum
Damit liegt der Kernkonflikt offen. Israel beansprucht für sich die Fähigkeit, militärische Entwicklungen in Syrien notfalls präventiv zu verhindern, wenn es darin eine künftige Gefahr sieht. Die Türkei beansprucht das Recht, gemeinsam mit Damaskus einen syrischen Sicherheitsapparat aufzubauen, der seinen Namen wieder verdient.
Für Ankara wäre ein dauerhaft schwaches Syrien ein Risiko. Instabile Grenzen, neue Flüchtlingsbewegungen, bewaffnete Gruppen und eine erneute territoriale Fragmentierung würden die Türkei unmittelbar treffen. Für Israel kann dagegen ein wiederbewaffnetes Syrien, dessen wichtigste ausländische Schutzmacht die Türkei ist, selbst zum Risiko werden.
Beide Sichtweisen besitzen eine innere Logik. Gerade deshalb ist der Konflikt gefährlich. Ein Kompromiss verlangt nicht nur weniger Rhetorik, sondern eine Einigung darüber, welche militärischen Fähigkeiten Syrien künftig überhaupt besitzen darf und welche Rolle Ankara dabei spielen kann. Das ist eine erheblich größere Frage als die Zukunft eines einzelnen Flugplatzes.
Washington erkannte das Risiko noch am Tag des Angriffs
Wie ernst die Lage ist, zeigt die Reaktion der Vereinigten Staaten. US Sondergesandter Tom Barrack erklärte nach dem Angriff, die Türkei sei nicht vorab informiert worden. Ankara habe die israelischen Flugzeuge auf ihrem Weg nach Norden beobachten können und hätte nach seiner Einschätzung vernünftigerweise eine eigene militärische Reaktion vorbereiten können.
Dass dies nicht geschah, schrieb Barrack besonnenen Entscheidungen zu. Washington arbeitet nun an einem belastbareren Kommunikationsmechanismus zwischen Israel, der Türkei und Syrien, der Fehlinterpretationen und unbeabsichtigte Konfrontationen verhindern soll. Ein erster israelisch türkischer Mechanismus war bereits 2025 aufgebaut worden. Offenkundig reicht er für die neue Lage nicht aus.
US Botschafter Mike Huckabee relativierte zwei Tage später die unmittelbare Kriegsgefahr und erklärte, Washington sehe Israel und die Türkei noch nicht nahe an einer direkten Konfrontation. Beides kann gleichzeitig zutreffen: Ein geplanter Krieg ist derzeit unwahrscheinlich, ein unbeabsichtigter militärischer Zwischenfall dagegen real genug, um neue Kommunikationskanäle notwendig zu machen. Genau diese Unterscheidung ist entscheidend.
Der gefährlichste Moment wäre nicht ein neuer Luftangriff
Ein weiterer israelischer Angriff auf eine leere syrische Militäranlage wäre politisch schwerwiegend, müsste aber noch keinen israelisch türkischen Konflikt auslösen. Gefährlicher würde es, sobald sich tatsächlich türkisches Personal an einem Ziel befindet.
Tötet ein israelischer Angriff türkische Soldaten, verändert sich die politische Rechnung in Ankara schlagartig. Erdoğan könnte einen solchen Vorgang kaum wie die Zerstörung einer unbesetzten Startbahn behandeln. Gleichzeitig müsste eine türkische Reaktion keineswegs unmittelbar in einem Angriff auf israelisches Staatsgebiet bestehen.
Wahrscheinlicher wären zunächst Maßnahmen innerhalb Syriens. Ankara könnte sensible Anlagen stärker schützen, seine Luftaufklärung intensivieren, elektronische Gegenmaßnahmen einsetzen oder syrische Standorte durch eigene Luftverteidigung absichern. Jede dieser Maßnahmen würde allerdings genau jene israelische Operationsfreiheit berühren, um die der Konflikt bereits heute kreist.
Das kritischste Szenario heißt Luftverteidigung
Die gefährlichste qualitative Veränderung wäre deshalb nicht eine größere Zahl türkischer Soldaten, sondern die Stationierung von Systemen, die israelische Flugzeuge erkennen, verfolgen oder bekämpfen können. Von diesem Augenblick an würde jedes israelische Eindringen in den betreffenden Luftraum ein unmittelbares Interaktionsrisiko mit türkischen Streitkräften erzeugen.
Ein türkisches Radar müsste kein israelisches Flugzeug abschießen, um die Lage zu verändern. Bereits die Zielerfassung könnte von israelischen Piloten und Einsatzplanern als Vorbereitung eines Angriffs bewertet werden. Israel könnte wiederum versuchen, eine solche Anlage frühzeitig auszuschalten. Damit entstünde der klassische Mechanismus einer Eskalationsspirale. Beide Seiten könnten behaupten, defensiv zu handeln, während jede defensive Maßnahme für die Gegenseite offensiv aussieht.
Szenario eins: Bewaffnete Abschreckung ohne direkten Zusammenstoß
Dies bleibt derzeit die plausibelste Entwicklung. Israel greift syrische Infrastruktur an, wenn es dort eine aus seiner Sicht problematische türkische Nutzung erwartet. Ankara protestiert, baut seine Zusammenarbeit mit Damaskus weiter aus, vermeidet aber eine direkte militärische Antwort.
Washington versucht gleichzeitig, Standorte und Bewegungen beider Seiten besser voneinander zu trennen. Ein solcher Zustand wäre weder Frieden noch Normalisierung. Er wäre eine technisch verwaltete Rivalität, deren Stabilität davon abhängt, dass sich beide Seiten an informelle Grenzen halten. Dieses Modell funktioniert allerdings nur, solange keine türkischen Soldaten sterben.
Szenario zwei: Ankara stellt Israel vor vollendete Tatsachen
Die Türkei könnte sich auch entscheiden, ihre Präsenz auf einem syrischen Stützpunkt so sichtbar und schnell auszubauen, dass ein israelischer Angriff politisch deutlich teurer würde. Türkische Flaggen, Personal und offen deklarierte Ausbildungsmissionen könnten bewusst als Schutzschwelle dienen.
Für Israel wäre das ein Dilemma. Akzeptiert es die Stationierung, verliert seine rote Linie an Glaubwürdigkeit. Greift es dennoch an, riskiert es erstmals unmittelbar türkische Opfer und damit eine direkte Reaktion einer der stärksten Streitkräfte der Region. Eine solche Strategie wäre für Ankara ebenfalls riskant. Sie würde Israel geradezu zwingen, zwischen Zurückweichen und Eskalieren zu wählen.
Szenario drei: Ein Zwischenfall entscheidet innerhalb von Minuten
Das gefährlichste realistische Szenario beginnt nicht im Präsidentenpalast in Ankara oder im israelischen Sicherheitskabinett. Es beginnt auf einem Radarschirm.
Ein israelischer Verband fliegt eine Operation über Syrien. Türkische oder türkisch unterstützte Luftverteidigung erfasst die Maschinen. Die israelische Seite interpretiert die Aktivität als bevorstehenden Beschuss und greift zuerst an. Türkische Soldaten werden getroffen, Ankara reagiert.
Keine der beiden Regierungen müsste einen Krieg gewollt haben. Dennoch wäre aus einer Abfolge militärisch nachvollziehbarer Entscheidungen binnen Minuten eine direkte Konfrontation geworden. Genau deshalb ist Washington so stark an einem funktionierenden Mechanismus zur Konfliktvermeidung interessiert.
Szenario vier: Ein offener Krieg
Ein bewusst begonnener umfassender Krieg zwischen Israel und der Türkei bleibt nach der gegenwärtigen Lage deutlich weniger wahrscheinlich. Beide Staaten hätten enorm viel zu verlieren, beide unterhalten zentrale Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, und Ankara hat wiederholt erklärt, keine direkte Konfrontation in Syrien anzustreben. Israel wiederum konzentriert seine öffentliche Begründung bislang darauf, konkrete türkische militärische Strukturen in Syrien verhindern zu wollen.
Sollte es dennoch zu einer größeren Auseinandersetzung kommen, wäre sie kaum mit einem klassischen Grenzkrieg vergleichbar. Israel und die Türkei besitzen keine gemeinsame Staatsgrenze. Syrien würde zum entscheidenden Zwischenraum für Luftoperationen, Drohnen, elektronische Kriegführung, Aufklärung und möglicherweise Raketen. Der größte Verlierer wäre damit erneut ein Staat, der nach mehr als einem Jahrzehnt Krieg gerade versucht, seine eigenen Institutionen wieder aufzubauen.
Die Türkei kann Israel nicht einfach ignorieren und Israel die Türkei nicht mehr wegdrängen
Das Kräfteverhältnis in Syrien hat sich verändert. Israel besitzt die Fähigkeit und die erklärte Bereitschaft, militärisch tief im Land einzugreifen. Die Türkei besitzt dagegen etwas, das sich durch einzelne Luftangriffe kaum beseitigen lässt: politischen Einfluss auf Damaskus, institutionelle Verbindungen, militärische Ausbildungsstrukturen und unmittelbare geografische Nähe.
Israel kann Flugplätze zerstören. Es kann damit aber nicht automatisch verhindern, dass die Türkei zum wichtigsten militärischen Partner Syriens wird. Ankara wiederum kann syrische Streitkräfte ausbilden und ausrüsten. Es kann aber nicht davon ausgehen, dass Israel eine militärische Infrastruktur akzeptiert, die dessen bisherige Bewegungsfreiheit fundamental verändert. Genau daraus entsteht die neue Gefahr.
Noch ist es kein Krieg. Aber die Regeln werden bereits mit Bomben ausgehandelt
Der Angriff auf Abu al Duhur war keine Kriegserklärung an die Türkei. Ihn so zu beschreiben wäre überzogen. Ebenso falsch wäre es jedoch, ihn als gewöhnlichen israelischen Angriff auf syrische Militärinfrastruktur abzutun.
Zum zweiten Mal innerhalb von rund anderthalb Jahren griff Israel Anlagen an, die mit einer möglichen oder tatsächlichen türkischen Militärrolle in Verbindung standen. Dazwischen entstanden Kommunikationskanäle, Verteidigungsvereinbarungen, türkische Ausbildungsprogramme für die syrische Armee und direkte Gespräche zwischen Israel und Damaskus. Trotzdem endete der jüngste Streit wieder mit israelischen Bomben auf einer syrischen Startbahn.
Das macht die Lage gefährlicher als die aggressive Rhetorik beider Regierungen. Israel und die Türkei wollen nach allem öffentlich Erkennbaren keinen Krieg miteinander. Sie wollen aber zwei sicherheitspolitische Ordnungen für Syrien, die sich an einem entscheidenden Punkt widersprechen. Ankara will einen syrischen Staat, der militärisch wieder auf eigenen Beinen stehen kann und dabei eng mit der Türkei verbunden ist. Israel will einen syrischen Raum, aus dem keine neue militärische Bedrohung entstehen kann und in dem seine Fähigkeit zum Eingreifen nicht von einer anderen Regionalmacht blockiert wird.
Solange niemand klärt, wie beides gleichzeitig möglich sein soll, bleibt Abu al Duhur mehr als ein beschädigter Flugplatz. Es ist der Ort, an dem erstmals besonders deutlich wurde, wie schmal der Abstand zwischen geopolitischer Rivalität und militärischem Zusammenstoß inzwischen geworden ist.
Israel und Türkei in Syrien: Wie real ist die Gefahr eines Zusammenstoßes? Israels Angriff auf Abu al Duhur verschärft den Konflikt mit der Türkei. Was Ankara in Syrien tatsächlich aufbaut, welche rote Linie Israel zieht und wie gefährlich die Lage geworden ist.
Kommentar hinzufügen
Kommentare