Rubrik: Politik
Format: Spezialbericht
Autor: Sinisa Brkic (sb)
Datenstand: 30. August 2026
Österreichs eigene Daten zeigen bei Kokain eine Entwicklung, die kaum noch als Randphänomen abgetan werden kann. Abwasseranalysen legen nahe, dass sich die täglich konsumierte Wirkstoffmenge seit 2019 verdoppelt hat, während sichergestelltes Kokain immer wieder sehr hohe Reinheitsgrade erreicht. Im 240 Seiten umfassenden Regierungsprogramm von ÖVP, SPÖ und NEOS fehlen die Begriffe Drogen, Suchtmittel, Suchtgift und Kokain dennoch vollständig.
240 Seiten und eine politische Leerstelle
Ein Regierungsprogramm ist kein Lexikon sämtlicher Probleme eines Landes. Es muss weder jede Straftat noch jedes Gesundheitsrisiko ausdrücklich benennen. Es ist aber das zentrale politische Arbeitsdokument einer Koalition und zeigt damit, welche Themen drei Regierungsparteien ausdrücklich zu Aufgaben ihrer gemeinsamen Amtszeit erklären.
Das Regierungsprogramm 2025 bis 2029 umfasst 240 Seiten. In diesem offiziellen Dokument findet sich kein Treffer für „Drogen“, „Suchtmittel“, „Suchtgift“ oder „Kokain“. Auch „Drogenhandel“ wird nicht genannt. Für sich genommen wäre eine solche Wortsuche noch kein politischer Befund. Bedeutung erhält sie erst durch den Vergleich mit dem, was die Republik gleichzeitig über den österreichischen Drogenmarkt weiß. Denn die Datenlage beim Kokain hat sich verändert.
Die Republik misst, was im Regierungsprogramm nicht vorkommt
Das Bundeskriminalamt weist für das Jahr 2025 rund 274,6 Kilogramm sichergestelltes Kokain aus. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem weiteren Anstieg von rund sechs Prozent. Auch die Zahl der Anzeigen mit Kokainbezug nahm zu.
Sicherstellungsmengen sind allerdings kein zuverlässiges Maß für den tatsächlichen Konsum. Einzelne Großaufgriffe, internationale Ermittlungen und die Intensität polizeilicher Kontrollen können Jahreswerte erheblich beeinflussen. Das Bundeskriminalamt warnt selbst davor, kurzfristige Veränderungen ohne zusätzliche Informationen als eindeutigen Trend zu interpretieren. Österreich verfügt jedoch inzwischen über eine zweite Messmethode. Und sie macht die Entwicklung wesentlich schwerer wegzuerklären. Das Abwasser zeigt den stärkeren Befund
Abwasseranalysen messen Rückstände von Substanzen und deren Stoffwechselprodukten. Sie hängen weder davon ab, ob jemand seinen Konsum bei einer Befragung angibt, noch davon, ob Polizei und Justiz eine Lieferung entdecken. Genau deshalb gelten sie als besonders wertvolles Instrument zur Beobachtung von Veränderungen auf dem Drogenmarkt. Für 2025 wurden in Österreich 18 Regionen mit rund 190 Gemeinden untersucht. Damit erfasst das Monitoring nahezu 40 Prozent der Bevölkerung. Neben Wien, Graz, Salzburg und Innsbruck gehören auch zahlreiche kleinere Regionen zum Untersuchungsgebiet.
Beim Kokain ist die Entwicklung deutlich. Nach den im aktuellen Lagebericht ausgewerteten Daten legen die Abwasserwerte nahe, dass sich die täglich konsumierte Wirkstoffmenge seit 2019 verdoppelt hat. Seit 2022 weist die daraus geschätzte konsumierte Kokainmenge eine jährliche Wachstumsrate von rund 15 Prozent auf. Das ist der entscheidende Befund dieses Spezialberichts. Er stammt nicht aus einer politischen Debatte und nicht aus einer spektakulären Razzia. Er ergibt sich aus einer über Jahre aufgebauten wissenschaftlichen Messreihe.
Kokain wächst schneller als die politische Aufmerksamkeit
Auch die Medizinische Universität Innsbruck kommt für 2025 zu einem klaren Ergebnis. Der Kokainkonsum steigt weiter an. Die seit mehreren Jahren dokumentierte Zunahme der Rückstände im österreichischen Abwasser setzt sich fort. Regional zeigen sich erhebliche Unterschiede. In Westösterreich wird pro Kopf mehr Kokain konsumiert als im Osten. Kufstein weist wie bereits in den vergangenen Jahren den höchsten Pro Kopf Verbrauch unter den untersuchten österreichischen Regionen auf.
Hinzu kommt ein klar erkennbares zeitliches Muster. In vielen Regionen liegen die Kokainwerte am Wochenende höher als an Werktagen. Das deutet auf einen ausgeprägten Freizeitkonsum hin und passt zu einer Substanz, die längst nicht mehr ausschließlich einer eng definierten Drogenszene zugeordnet werden kann. Gerade diese gesellschaftliche Verbreitung macht das Thema politisch anspruchsvoller. Kokain lässt sich nicht mehr allein als Fall für die klassische Straßenkriminalität behandeln.
Zwei bis 15 Tonnen pro Jahr
Wie groß der österreichische Kokainmarkt tatsächlich ist, kann niemand exakt bestimmen. Illegale Märkte verfügen naturgemäß über keine vollständige Produktions, Handels oder Umsatzstatistik. Jede Hochrechnung muss deshalb mit Unsicherheiten arbeiten. Das Bundeskriminalamt versucht dennoch, die Dimension anhand der Abwasseranalysen einzugrenzen. Für Kokain ergibt sich daraus eine geschätzte jährlich umgesetzte Menge von zwei bis 15 Tonnen.
Diese enorme Bandbreite ist kein Mangel, den man verschweigen sollte. Sie zeigt vielmehr die Grenzen jeder Berechnung eines illegalen Marktes. Entscheidend ist, dass selbst die untere Schätzung weit über den Mengen liegt, die tatsächlich beschlagnahmt werden. Der Staat sieht einen Teil des Marktes. Das Abwasser zeigt, dass dahinter eine wesentlich größere Dimension stehen dürfte.
81,5 Prozent Reinheit
Neben der konsumierten Menge verändert sich auch die Beschaffenheit des Produkts. Der Median des Wirkstoffgehalts kriminaltechnisch untersuchter Kokainproben stieg von 64,01 Prozent im Jahr 2021 auf 81,51 Prozent im Jahr 2025. Der höchste 2025 festgestellte Wert lag bei 94,81 Prozent. Das Bundeskriminalamt spricht ausdrücklich von einer weiterhin hohen Verfügbarkeit von Kokain mit sehr hohen Reinheitsgraden.
Diese Werte sind aus zwei Gründen relevant. Für Konsumenten steigt das gesundheitliche Risiko, wenn hochkonzentriertes Kokain verfügbar ist und Wirkstoffmengen schwer eingeschätzt werden können. Für Ermittlungsbehörden ist die Reinheit zugleich ein Hinweis auf die Leistungsfähigkeit der internationalen Lieferketten. Kokain erreicht Österreich offensichtlich nicht nur in beträchtlichen Mengen. Es erreicht den Markt teilweise in hoher Qualität.
Auch die Gesundheitsdaten zeigen in dieselbe Richtung
Gesundheit Österreich beschreibt die Drogensituation insgesamt nicht als flächendeckende Eskalation. Gerade diese nüchterne Einordnung ist wichtig. Der Konsum illegaler Substanzen entwickelt sich nicht bei allen Drogen gleich. Beim Kokain und bei anderen Stimulanzien stellen die Fachleute jedoch ausdrücklich eine zunehmende Relevanz fest. Rund sechs Prozent der 15 bis 64 Jährigen geben in einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung an, zumindest einmal Kokain konsumiert zu haben. Etwa 1,5 Prozent berichten von Konsum innerhalb des vergangenen Jahres, rund 0,8 Prozent innerhalb der vergangenen 30 Tage.
Auch im Behandlungssystem steigt seit mehreren Jahren der Anteil jener Menschen, bei denen Kokain oder andere Stimulanzien eine Rolle spielen. Damit weisen Polizeidaten, Abwasseranalysen, Bevölkerungsbefragungen und Daten aus dem Gesundheitsbereich nicht auf völlig unterschiedliche Entwicklungen. Beim Kokain verdichtet sich das Bild.
Der Markt ist größer als die Frage nach dem Konsum
Politisch relevant wird Kokain nicht allein deshalb, weil Menschen die Substanz konsumieren. Der Handel ist Teil eines internationalen Geschäftsmodells, das organisierte Kriminalität, Geldwäsche, Logistik, Korruption und digitale Kommunikation miteinander verbindet.
Das Bundeskriminalamt bezeichnet den illegalen Handel mit Suchtmitteln als eine der bedeutendsten Erscheinungsformen organisierter Kriminalität. Gerade Kokain und synthetische Drogen entwickeln sich nach Einschätzung der Behörde weiterhin dynamisch. Kriminelle Netzwerke arbeiten grenzüberschreitend und nutzen verschlüsselte Kommunikationskanäle, soziale Medien und digitale Handelsstrukturen.
Österreich ist innerhalb dieses Systems nicht nur Absatzmarkt. Die Sicherheitsbehörden beschreiben das Land auch als Transit und Umschlagplatz. Seine geografische Lage und internationale Verkehrsanbindung machen Österreich zu einem Teil europäischer Verteilungsstrukturen. Damit berührt Kokainpolitik mehrere Ressorts gleichzeitig. Innere Sicherheit, Justiz, Gesundheit, Prävention, Geldwäschebekämpfung und internationale Zusammenarbeit lassen sich in diesem Bereich kaum voneinander trennen.
Glücksspiel konkret, Kokain nicht einmal erwähnt
Gerade vor diesem Hintergrund wirkt das Regierungsprogramm bemerkenswert selektiv. Sucht und gesundheitlich problematischer Konsum werden darin durchaus behandelt, teilweise mit erheblicher Detailtiefe. Beim Glücksspiel kündigt die Bundesregierung regulatorische Änderungen an. Spielerschutz, Jugendschutz, illegales Glücksspiel und Maßnahmen zur Verringerung der Suchtgefahr werden ausdrücklich angesprochen. Selbst Lootboxen in Computerspielen erhalten einen konkreten politischen Prüfauftrag unter Beteiligung von Sucht und Jugendschutzfachleuten.
Auch Tabak und neue Nikotinprodukte werden detailliert behandelt. Das Regierungsprogramm beschäftigt sich mit Nikotinbeuteln, elektronischen Zigaretten, Besteuerung, Vertrieb und Jugendschutz. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Glücksspiel und Nikotin sind legitime Gegenstände staatlicher Gesundheits und Regulierungspolitik. Der Kontrast bleibt dennoch auffällig. Ein illegaler Markt, bei dem staatliche Stellen einen deutlichen Anstieg des Kokainkonsums dokumentieren, findet als solcher keinen ausdrücklichen Niederschlag im Regierungsprogramm.
Keine Drogenstrategie im Programm bedeutet nicht keine Drogenpolitik
Hier ist eine klare Grenze notwendig. Aus der fehlenden Erwähnung illegaler Drogen im Regierungsprogramm lässt sich nicht ableiten, dass Österreich nichts gegen Drogenkriminalität unternimmt. Eine solche Behauptung wäre falsch.
Rund 600 speziell ausgebildete Exekutivbedienstete sind österreichweit schwerpunktmäßig mit der Bekämpfung der Suchtmittelkriminalität befasst. 2025 wurden 36.801 Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz registriert und 2.293 Personen im Zusammenhang mit Suchtmitteldelikten festgenommen. Zusätzlich arbeiten Polizei, Zoll, Justiz, Gesundheitsbehörden und internationale Partnerorganisationen in diesem Bereich zusammen. Auch Prävention findet statt. Das Bundeskriminalamt weist für 2025 bundesweit 941 Präventionsmaßnahmen mit mehr als 20.000 erreichten Personen aus. Der österreichische Staat ist beim Thema Drogen also keineswegs untätig. Genau darin liegt jedoch die politische Besonderheit: Die Verwaltung arbeitet an einem Problem, das die Bundesregierung in ihrem zentralen politischen Arbeitsprogramm nicht ausdrücklich als strategisches Handlungsfeld definiert.
Österreich hat eine Strategie, doch sie stammt aus dem Jahr 2015
Auch strategisch beginnt Österreich nicht bei null. Die Österreichische Suchtpräventionsstrategie wurde 2015 geschaffen und umfasst neben Alkohol und Tabak auch illegale Drogen, neue psychoaktive Substanzen, Medikamente, Glücksspiel und andere Verhaltenssüchte. Sie bildet einen grundsätzlichen Orientierungsrahmen für Prävention, Suchthilfe und Sicherheit. Das ist ein wichtiger Unterschied zur Behauptung, Österreich verfüge über keinerlei Konzept.
Doch ein Orientierungsrahmen aus dem Jahr 2015 beantwortet nicht automatisch die politischen Fragen des Jahres 2026. Der Kokainmarkt hat sich verändert, digitale Vertriebswege haben an Bedeutung gewonnen, die Reinheitsgrade sind hoch und Abwasserdaten zeigen einen langjährigen Anstieg. Damit stellt sich nicht die Frage, ob Österreich irgendwann eine Strategie formuliert hat. Es stellt sich die Frage, ob die bestehende Strategie noch auf einen Markt zugeschnitten ist, dessen Struktur und Größenordnung sich sichtbar verschoben haben.
Die Zahlen liegen längst auf dem Tisch
An fehlenden Informationen kann die politische Zurückhaltung kaum liegen. Österreich erhebt Sicherstellungsmengen, dokumentiert Anzeigen, untersucht Wirkstoffgehalte, analysiert Abwasser und beobachtet Entwicklungen im Gesundheits und Behandlungsbereich. Kaum ein illegaler Markt wird aus so unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Sicherheitsbehörden sehen seine kriminellen Strukturen, wissenschaftliche Einrichtungen messen Konsumtrends und Gesundheitsinstitutionen beobachten die Folgen.
Auch die Einschränkungen der einzelnen Datensätze sind bekannt. Sicherstellungen können schwanken, Abwasseranalysen liefern Hochrechnungen und Bevölkerungsbefragungen beruhen auf Selbstauskünften. Gerade deshalb ist entscheidend, ob unterschiedliche Methoden über längere Zeit in dieselbe Richtung weisen. Beim Kokain tun sie das zunehmend.
Was will die Bundesregierung eigentlich erreichen?
Damit führt die Recherche zu einer politischen Frage, die über den Wortlaut eines Koalitionspapiers hinausgeht. Welche konkreten Ziele verfolgt die Bundesregierung beim Kokainmarkt? Soll die Suchtpräventionsstrategie aktualisiert werden? Gibt es messbare Ziele zur Eindämmung des Konsums? Sollen Präventionsangebote verändert werden, wenn sich Kokain gesellschaftlich breiter verteilt? Sind zusätzliche Instrumente gegen digitale Vertriebswege, internationale Tätergruppen und Geldwäsche vorgesehen?
Auch die Zuständigkeit verdient Klarheit. Ein Problem, das gleichzeitig Gesundheit, organisierte Kriminalität, Strafverfolgung und Prävention betrifft, benötigt eine politische Koordination, die über einzelne Ressortmaßnahmen hinausgeht. Das Regierungsprogramm gibt darauf keine spezifische Antwort.
Eine Leerstelle ist noch kein Versagen
Es wäre zu einfach, daraus unmittelbar politisches Versagen abzuleiten. Regierungsprogramme sind Kompromissdokumente. Ressorts setzen auch Maßnahmen um, die darin nicht ausdrücklich angekündigt wurden, und aktuelle Entwicklungen können während einer Legislaturperiode neue Prioritäten erzwingen.
Ebenso falsch wäre es jedoch, die Leerstelle für bedeutungslos zu erklären. Wenn eine Bundesregierung auf 240 Seiten politische Prioritäten definiert und zugleich detaillierte Maßnahmen für andere Formen von Sucht und riskantem Konsum festlegt, darf gefragt werden, weshalb illegale Drogen darin keine vergleichbare Aufmerksamkeit erhalten. Diese Frage wird umso relevanter, je deutlicher die amtlichen Daten werden. Das Kokainproblem wurde nicht von Medien erfunden. Der Staat vermisst es selbst.
Wenn die Statistik schneller ist als die Politik
Österreich steht nicht vor einem pauschalen Drogenkollaps. Die vorhandenen Daten rechtfertigen keine Panik und keine moralische Kampagne. Sie zeigen jedoch beim Kokain eine Entwicklung, die über mehrere Jahre Bestand hat und inzwischen mit unterschiedlichen Methoden sichtbar wird. Die täglich konsumierte Wirkstoffmenge hat sich laut Abwasserdaten seit 2019 ungefähr verdoppelt. Seit 2022 liegt die daraus abgeleitete jährliche Wachstumsrate bei rund 15 Prozent. Der Median der untersuchten Kokainproben liegt bei mehr als 81 Prozent Wirkstoffgehalt, während die Sicherheitsbehörden einen international vernetzten und dynamischen Markt beschreiben.
Die Regierung muss deshalb nicht erklären, warum das Wort Kokain in einem Dokument fehlt. Sie muss erklären können, welche politische Antwort sie auf die Entwicklung hat, die hinter diesem Wort steht. Ein fehlender Begriff wäre keine Geschichte. Eine fehlende erkennbare Schwerpunktsetzung bei gleichzeitig immer deutlicheren staatlichen Daten ist eine.
Kokain boomt. Im Regierungsprogramm: Fehlanzeige.
Kokain boomt in Österreich: Im Regierungsprogramm Fehlanzeige. Österreichs Kokainkonsum steigt deutlich, Behörden melden hohe Reinheitsgrade und einen dynamischen Markt. Im Regierungsprogramm 2025 bis 2029 fehlen illegale Drogen dennoch als ausdrücklicher politischer Schwerpunkt.