Rubrik: Geopolitik
Format: Analyse
Autor: Sinisa Brkic (sb)
Donald Trump und Wladimir Putin sprechen wieder direkt miteinander, während amerikanische Vermittler zwischen Moskau und Kyjiw pendeln und der Krieg unvermindert weitergeht. Bemerkenswert ist dabei nicht nur, dass gesprochen wird, sondern worüber: Der Kreml verbindet ein mögliches Ende des Krieges inzwischen offen mit einer umfassenden Wiederherstellung der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. Damit zeichnet sich eine Verhandlungsebene ab, die weit über einen Waffenstillstand in der Ukraine hinausreichen könnte.
Ein Gespräch mit ungewöhnlich großer Reichweite
Das Telefonat zwischen Donald Trump und Wladimir Putin am 8. September dauerte nach Angaben des Kremls rund eine Stunde. Auf den ersten Blick war es ein weiteres Gespräch in einer inzwischen intensiveren diplomatischen Phase rund um den Ukrainekrieg. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass Moskau dem Telefonat eine Bedeutung gab, die deutlich über militärische Fragen oder einen möglichen Waffenstillstand hinausgeht.
Nach Darstellung des außenpolitischen Putin Beraters Juri Uschakow machte Trump deutlich, dass er den Krieg möglichst rasch beendet sehen wolle. Ein Ende der Kämpfe könne nach dieser Darstellung weitreichende Perspektiven für eine Wiederherstellung der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Russland eröffnen. Besonders hervorgehoben wurden mögliche Vorteile für Handel und wirtschaftliche Zusammenarbeit. Putin habe diesen Ansatz unterstützt. Genau an dieser Stelle wird aus einem Gespräch über den Krieg möglicherweise ein Gespräch über die politische Ordnung nach dem Krieg.
Die ausführliche Darstellung stammt aus Moskau
Journalistisch entscheidend ist eine Einschränkung. Die detailliertesten Informationen über den Inhalt des Telefonats wurden vom Kreml veröffentlicht. Eine entsprechend ausführliche amerikanische Gesprächsdarstellung lag zunächst nicht vor. Damit muss zwischen dem bestätigten Gespräch und der russischen Darstellung seines Inhalts unterschieden werden. Moskau hat ein eigenes Interesse daran, das Telefonat als Beleg dafür erscheinen zu lassen, dass Russland wieder als gleichberechtigter Gesprächspartner der Vereinigten Staaten behandelt wird und eine politische Normalisierung möglich ist.
Allerdings bestätigte Trump einen wesentlichen Teil der politischen Stoßrichtung später selbst. Er bezeichnete das Gespräch als sehr gut und erklärte, Putin wolle eine Vereinbarung über ein Ende des Ukrainekriegs erreichen. Damit erhält die Darstellung aus Moskau zusätzliches Gewicht, auch wenn die konkreten Bedingungen eines möglichen Abkommens weiterhin unbekannt sind.
Erst Moskau, dann Kyjiw, danach der direkte Draht
Das Telefonat stand nicht isoliert. Kurz zuvor waren Trumps Sondergesandter Steve Witkoff und sein Schwiegersohn Jared Kushner nach Moskau und anschließend nach Kyjiw gereist. Beide führen einen wesentlichen Teil der amerikanischen Vermittlungsbemühungen.
In Moskau sprachen sie mehrere Stunden mit Putin, anschließend führten sie Gespräche mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Ein Durchbruch wurde nicht verkündet. Selenskyj erklärte jedoch später, die amerikanischen Unterhändler hätten einige aus seiner Sicht brauchbare und interessante Vorschläge präsentiert. Über Einzelheiten wurde Stillschweigen vereinbart. Die Zurückhaltung zeigt zumindest, dass konkrete Modelle diskutiert werden, deren Inhalt bislang nicht öffentlich belastbar bekannt ist. Das Telefonat zwischen Trump und Putin folgte unmittelbar auf diese Pendeldiplomatie. Damit entsteht ein erkennbares Muster: Amerikanische Unterhändler sondieren die Positionen in Moskau und Kyjiw, während Trump den direkten politischen Kanal zu Putin offenhält.
Kriegsende gegen Normalisierung?
Der politisch interessanteste Punkt aus der russischen Gesprächsdarstellung betrifft nicht Donetsk, Sicherheitsgarantien oder Waffenlieferungen. Er betrifft die Zukunft der Beziehungen zwischen Washington und Moskau. Sollte Trump tatsächlich ein Ende des Krieges mit einer weitreichenden Normalisierung der amerikanisch russischen Beziehungen verbinden, verändert das den Rahmen der Verhandlungen erheblich. Für den Kreml wäre damit eine Perspektive verbunden, die über die Ukraine hinausgeht: wirtschaftliche Zusammenarbeit, politische Annäherung und möglicherweise ein schrittweiser Abbau jener politischen und wirtschaftlichen Isolation, die westliche Staaten seit der russischen Großinvasion von 2022 gegenüber Moskau betrieben haben.
Das bedeutet nicht, dass eine Aufhebung von Sanktionen oder konkrete wirtschaftliche Vereinbarungen bereits beschlossen wären. Dafür gibt es bislang keinen belastbaren Beleg. Doch allein die Verknüpfung von Kriegsende und Wiederherstellung der Beziehungen zeigt, welche Dimension ein möglicher Verhandlungsprozess erreichen könnte. Für Putin wäre eine solche Entwicklung strategisch erheblich. Russland könnte versuchen, militärische Zugeständnisse oder einen Waffenstillstand nicht ausschließlich gegen ukrainische Gegenleistungen einzutauschen, sondern in eine breitere politische und wirtschaftliche Verständigung mit Washington einzubetten. Ob die amerikanische Regierung zu einer solchen Konstruktion bereit wäre, ist bislang offen.
Putin sendet zwei Botschaften gleichzeitig
Bemerkenswert ist auch eine weitere Passage des Gesprächs. Putin sagte Trump nach Angaben des Kremls, Russland habe keine aggressiven Absichten gegenüber europäischen Staaten. Zugleich stellte Moskau die in Europa verbreiteten Warnungen vor einer russischen Bedrohung als unbegründet dar. Gleichzeitig informierte Putin Trump nach Angaben seines Beraters über die Lage an der Front und die russischen militärischen Ziele. Darin liegt ein auffälliger Widerspruch der russischen Kommunikation: Gegenüber Washington präsentiert sich Moskau als berechenbare Macht ohne weitergehende Ambitionen in Europa, während Russland im Krieg gegen die Ukraine unverändert versucht, eigene territoriale und militärische Ziele durchzusetzen.
Für Trump eröffnet diese Darstellung politischen Spielraum. Wenn Washington Putins Versicherung zumindest als Verhandlungsgrundlage behandelt, könnte die amerikanische Regierung den Ukrainekrieg stärker als begrenzten Konflikt betrachten, während zahlreiche europäische Regierungen ihn als Teil einer wesentlich größeren Sicherheitsfrage für den Kontinent verstehen. Diese unterschiedlichen Perspektiven könnten für den weiteren Verlauf der Verhandlungen erhebliche Bedeutung bekommen.
Trump glaubt offenbar an Putins Verhandlungsbereitschaft
Einen Tag nach dem Telefonat wurde Trump deutlicher. Putin wolle einen Deal, erklärte der amerikanische Präsident. Wenn auch Selenskyj zu einer Vereinbarung bereit sei, könne dies zu einem Ergebnis führen. Trump beschrieb eines der zentralen Hindernisse zudem als persönliche Feindschaft zwischen Putin und Selenskyj. Diese Sichtweise entspricht seiner Tendenz, internationale Konflikte stark über direkte Beziehungen zwischen politischen Führungen und persönliche Verhandlungen zu betrachten.
Der Ukrainekrieg lässt sich allerdings nicht auf persönliche Gegensätze reduzieren. Territorialfragen, Sicherheitsgarantien, die Zukunft der besetzten Gebiete, Sanktionen, militärische Abschreckung und die politische Orientierung der Ukraine bleiben strukturelle Konfliktpunkte. Gerade deshalb wird entscheidend sein, ob hinter Trumps Optimismus bereits konkrete russische Zugeständnisse stehen oder vorerst lediglich die Bereitschaft, weiterzuverhandeln.
Putin verhandelt ohne militärischen Rückzug
Parallel zur Diplomatie setzt Russland seine Angriffe auf die Ukraine fort. Auch die ukrainischen Streitkräfte greifen weiterhin Ziele in Russland und russisch kontrollierten Gebieten an. Von einer militärischen Entspannung, die einen politischen Durchbruch bereits sichtbar machen würde, kann daher keine Rede sein. Besonders der Donbas bleibt einer der schwierigsten Konfliktpunkte. Russland beansprucht Gebiete, die es trotz jahrelanger Kämpfe bislang nicht vollständig kontrolliert, während die Ukraine einen erzwungenen Verzicht auf eigenes Territorium ablehnt.
Putins Verhandlungslinie scheint deshalb darauf ausgerichtet, Diplomatie und militärischen Druck parallel einzusetzen. Gespräche bedeuten aus russischer Sicht offenbar nicht automatisch eine Reduzierung der militärischen Operationen.
Die Ukraine darf nicht zur Variable eines größeren Deals werden
Für Kyjiw liegt genau hier das Risiko. Wenn Washington und Moskau über eine grundsätzliche Normalisierung ihrer Beziehungen sprechen, entsteht zwangsläufig die Frage, welchen Platz die Ukraine in einer solchen Konstruktion einnimmt. Bislang gibt es keinen belastbaren Hinweis darauf, dass Trump und Putin eine Vereinbarung über den Kopf der ukrainischen Regierung hinweg getroffen hätten. Im Gegenteil: Die amerikanischen Vermittler führten unmittelbar nach ihren Gesprächen in Moskau auch Verhandlungen in Kyjiw, und Selenskyj sprach anschließend von interessanten neuen Vorschlägen.
Dennoch wird die ukrainische Führung genau darauf achten müssen, ob sich die amerikanische Strategie verändert. Ein Friedensprozess, der nicht nur einen Waffenstillstand, sondern gleichzeitig eine Neuordnung der Beziehungen zwischen Washington und Moskau verfolgt, schafft zusätzliche Interessen. Davon könnte auch die russische Verhandlungsposition profitieren.
Europa steht vor einer schwierigen Frage
Für Europa ist die Entwicklung nicht weniger bedeutend. Sollte Washington eine langfristige Verständigung mit Moskau anstreben, werden europäische Regierungen klären müssen, wie weit ihre sicherheitspolitischen Interessen mit der amerikanischen Strategie übereinstimmen. Putins Botschaft an Trump, Russland hege keine aggressiven Absichten gegenüber Europa, richtet sich deshalb politisch nicht ausschließlich an den amerikanischen Präsidenten. Sie berührt einen zentralen Streitpunkt westlicher Sicherheitspolitik: Ist Russland nach einem möglichen Ende des Ukrainekriegs wieder schrittweise integrierbar, oder bleibt es eine dauerhafte militärische und politische Bedrohung?
Für zahlreiche europäische Staaten, insbesondere im Osten der Europäischen Union und innerhalb der NATO, dürfte eine rasche Normalisierung mit Moskau schwer vorstellbar sein. Eine amerikanische Politik, die deutlich früher auf Annäherung setzt, könnte deshalb auch neue Spannungen innerhalb des westlichen Bündnisses erzeugen.
Noch kein großer Deal, aber ein größerer Verhandlungstisch
Es wäre voreilig, aus dem Telefonat bereits einen großen amerikanisch russischen Deal abzuleiten. Weder ein Waffenstillstand noch eine territoriale Vereinbarung oder eine Aufhebung von Sanktionen sind bislang bekannt. Russland und die Ukraine liegen bei wesentlichen Fragen weiterhin weit auseinander. Doch die politische Architektur verändert sich sichtbar. Witkoff und Kushner führen Gespräche in Moskau und Kyjiw, Selenskyj spricht von neuen Vorschlägen, Trump telefoniert direkt mit Putin und erklärt anschließend öffentlich, der russische Präsident wolle eine Vereinbarung.
Hinzu kommt ein bemerkenswerter Faktor: Moskau spricht nicht mehr nur darüber, wie der Krieg beendet werden könnte. Der Kreml spricht bereits darüber, was danach zwischen Russland und den Vereinigten Staaten möglich wäre. Genau deshalb verdient dieses Telefonat Aufmerksamkeit. Die entscheidende Frage lautet möglicherweise nicht mehr allein, unter welchen Bedingungen der Krieg endet. Zunehmend geht es auch darum, welche politische Ordnung Washington und Moskau für die Zeit danach anstreben und welchen Preis die beteiligten Seiten dafür zu zahlen bereit sind.
Trump und Putin sprechen über Kriegsende und neue Beziehungen zwischen USA und Russland. Nach dem Telefonat zwischen Donald Trump und Wladimir Putin rückt eine größere politische Frage in den Mittelpunkt: Verhandeln Washington und Moskau bereits über mehr als nur ein Ende des Ukrainekriegs?