EZB öffnet den Euro für Blockchain Finanzmärkte

Veröffentlicht am 22. September 2026 um 09:34

Rubrik: Finanzen
Format: Beitrag
Autor: Sinisa Brkic (sb)



Das Eurosystem bringt Zentralbankgeld in den produktiven Markt für tokenisierte Wertpapiere. Mit Pontes können Banken und Finanzmarktinfrastrukturen digitale Wertpapiergeschäfte über Systeme auf Basis verteilter Datenbanken abwickeln, ohne für die Zahlungsseite auf private digitale Zahlungsmittel angewiesen zu sein. Gleichzeitig bereitet die Europäische Zentralbank erstmals eigene Investitionen in tokenisierte Wertpapiere vor.

Vom Experiment zur realen Finanzmarktinfrastruktur

Die Europäische Zentralbank und die nationalen Zentralbanken des Euroraums haben einen Schritt vollzogen, der weit über ein weiteres Blockchain Experiment hinausgeht. Seit dem 21. September 2026 ist mit Pontes eine Lösung des Eurosystems in Betrieb, über die Transaktionen mit tokenisierten Vermögenswerten im professionellen Finanzmarkt in Zentralbankgeld abgewickelt werden können. Damit beginnt für die Tokenisierung des europäischen Kapitalmarktes eine neue Phase. Nach Tests und Erprobungen geht es nicht mehr ausschließlich darum, technische Möglichkeiten unter kontrollierten Bedingungen zu untersuchen. Banken, Emittenten und Marktinfrastrukturen erhalten nun einen operativen Zugang zu einer Abwicklung, bei der die Geldseite einer digitalen Wertpapiertransaktion innerhalb der Infrastruktur des Eurosystems verankert bleibt.



Pontes verbindet dafür Distributed Ledger Plattformen des Marktes mit den bestehenden TARGET Diensten. Diese Systeme bilden seit Jahren einen zentralen Teil der europäischen Zahlungs- und Wertpapierinfrastruktur. Tokenisierte Finanzinstrumente können damit auf neuen technischen Plattformen entstehen und gehandelt werden, während die abschließende Zahlung weiterhin in Zentralbankgeld erfolgt. Der Start ist zunächst auf einen Kernumfang begrenzt. Funktionen und Betriebszeiten sollen schrittweise erweitert werden, die vollständige Umsetzung ist nach derzeitiger Planung bis 2028 vorgesehen. Entscheidend ist dennoch der Übergang vom Versuchsaufbau zum nutzbaren Marktangebot.

Zentralbankgeld bleibt im Zentrum der Abwicklung

Die technische Konstruktion ist nur ein Teil der Bedeutung von Pontes. Dahinter steht eine grundsätzliche Frage für die künftige Finanzarchitektur: Welches Geld wird verwendet, wenn Wertpapiere, Anleihen und andere Vermögenswerte zunehmend auf digitalen Netzwerken ausgegeben und übertragen werden? In traditionellen Finanzmarktstrukturen spielt Zentralbankgeld bei der endgültigen Abwicklung zwischen Finanzinstituten eine zentrale Rolle. Es gilt als sicherstes Abwicklungsmedium, weil eine Forderung gegenüber einer Zentralbank kein Kreditrisiko gegenüber einem privaten Emittenten trägt. Wird der Kapitalmarkt auf neue technische Systeme verlagert, muss diese Funktion nicht automatisch mitwandern.

Genau an dieser Stelle setzt Pontes an. Ohne eine solche Verbindung könnten sich tokenisierte Märkte stärker um privat ausgegebenes digitales Geld, Bankeinlagen in tokenisierter Form oder Stablecoins entwickeln. Das Eurosystem schafft deshalb eine Infrastruktur, über die auch auf DLT basierende Geschäfte weiterhin mit Zentralbankgeld abgeschlossen werden können. Für die EZB ist das keine technische Nebensache. Zentralbankgeld soll auch dann monetärer Anker des Finanzsystems bleiben, wenn sich dessen technologische Grundlage verändert. Damit verteidigt das Eurosystem nicht nur eine bestehende Funktion, sondern überträgt sie bewusst in eine neue Marktarchitektur.

Große Banken und Marktinfrastrukturen sind bereits angebunden

Das Projekt startet nicht in einem abgeschlossenen Labor. Eine erste Gruppe von 13 Marktteilnehmern hat das Onboarding bereits abgeschlossen. Dazu gehören unter anderem Deutsche Bank, BayernLB, DZ Bank, DekaBank, KfW, Santander und die Europäische Investitionsbank. Daneben sind mehrere Betreiber von DLT Infrastrukturen eingebunden, darunter Clearstream, Cashlink, SWIAT und Axiology. Auch die Deutsche Bundesbank hat ein Onboarding als Marktteilnehmer abgeschlossen. Weitere Institute sollen in den kommenden Monaten folgen. Die Zusammensetzung zeigt, dass Pontes nicht auf ein enges Kryptomarktsegment zielt. Beteiligt sind klassische Banken, öffentliche Finanzierungsinstitute, europäische Institutionen und etablierte Marktinfrastrukturen. Die Tokenisierung wird damit zunehmend zu einem Thema des traditionellen Kapitalmarktes. Für Banken liegt der mögliche Nutzen vor allem in einer stärkeren Automatisierung von Abläufen. Ausgabe, Handel, Abwicklung, Verwahrung und weitere Schritte eines Wertpapierzyklus können auf digitalen Systemen enger miteinander verbunden werden. Ob daraus tatsächlich deutliche Kostensenkungen und Effizienzgewinne entstehen, wird jedoch erst der praktische Betrieb in größerem Maßstab zeigen.

Die EZB will selbst zum Investor werden

Parallel zum Start von Pontes geht die Europäische Zentralbank einen weiteren bemerkenswerten Schritt. Sie hat Vorbereitungen aufgenommen, um einen kleinen Teil ihres eigenen Vermögens erstmals in tokenisierte Wertpapiere zu investieren und die entsprechenden Geschäfte über Pontes abzuwickeln. Vorgesehen sind keine Kryptowährungen. Im Fokus stehen auf Euro lautende Wertpapiere von Staaten des Euroraums, regionalen öffentlichen Stellen, öffentlichen Einrichtungen sowie europäischen supranationalen Institutionen. Wirtschaftlich handelt es sich damit um klassische Schuldinstrumente, deren Ausgabe und Abwicklung lediglich über eine neue technische Infrastruktur erfolgt.

Die geplanten Käufe gehören auch nicht zur Geldpolitik der EZB. Verwendet werden soll ein kleiner Teil ihres Eigenmittelportfolios, also jenes nicht geldpolitischen Vermögensbestands, aus dem die Zentralbank unter anderem Erträge zur Finanzierung ihres Betriebs erzielt. Dieses Portfolio hatte Ende 2025 einen Wert von rund 23,1 Milliarden Euro. Wie groß das erste Investment tatsächlich ausfallen wird, ist noch offen. Auch Zeitpunkt und operative Details sind noch nicht beschlossen. Darüber soll das EZB Direktorium entscheiden, sobald die Vorbereitungsarbeiten abgeschlossen sind und genügend geeignete tokenisierte Emissionen verfügbar sind. Die strategische Bedeutung liegt deshalb weniger in der zunächst investierten Summe. Die EZB will Erfahrungen aus der Perspektive eines tatsächlichen Marktteilnehmers sammeln, vom Handel über die Abwicklung bis zur Portfolioverwaltung. Sie baut die Infrastruktur damit nicht nur für andere, sondern bereitet sich darauf vor, sie selbst zu verwenden.

Pontes ist nicht der digitale Euro für Verbraucher

Der Start von Pontes darf nicht mit dem geplanten digitalen Euro verwechselt werden. Beide Vorhaben beschäftigen sich mit der Digitalisierung von Zentralbankgeld, richten sich jedoch an unterschiedliche Bereiche des Finanzsystems. Pontes gehört zum sogenannten Wholesale Bereich. Die Infrastruktur ist für Banken, Marktinfrastrukturen und professionelle Finanzmarktteilnehmer bestimmt und dient der Abwicklung von Finanzgeschäften. Verbraucher erhalten damit weder ein digitales EZB Konto noch ein neues Zahlungsmittel für Einkäufe. Der digitale Euro für Bürger und Unternehmen ist ein separates Projekt. Die EZB arbeitet weiterhin an den technischen und organisatorischen Voraussetzungen und strebt an, für eine mögliche erste Ausgabe im Jahr 2029 bereit zu sein. Eine tatsächliche Einführung hängt jedoch weiterhin von der europäischen Gesetzgebung und einer späteren Entscheidung des EZB Rats ab. Diese Trennung ist wesentlich. Pontes bedeutet nicht, dass der Euro für Verbraucher auf eine Blockchain verlagert wird. Es bedeutet, dass Zentralbankgeld nun auch in einer neuen Generation professioneller Finanzmarktinfrastrukturen verwendet werden kann.

Europas Kampf um die Infrastruktur hinter dem Geld

Pontes hat deshalb auch eine strategische Dimension. Tokenisierung verändert nicht nur die Form von Wertpapieren, sondern kann langfristig darüber entscheiden, auf welchen technischen Systemen Finanzmärkte betrieben werden und welches Geld innerhalb dieser Systeme dominiert. Private Stablecoins haben in den vergangenen Jahren gezeigt, wie schnell digitale Zahlungsmittel eigene Ökosysteme entwickeln können. Viele der international bedeutenden Stablecoins orientieren sich am US Dollar. Würden sich künftige tokenisierte Kapitalmärkte überwiegend auf solchen privaten Strukturen entwickeln, könnte ein wachsender Teil der digitalen Finanzinfrastruktur außerhalb des unmittelbaren Einflussbereichs des Eurosystems entstehen. Europa versucht deshalb, eine eigene Alternative aufzubauen, ohne private Innovation aus dem Markt zu drängen. Marktteilnehmer können neue DLT Systeme verwenden, während Pontes dafür sorgt, dass auf der Geldseite weiterhin eine Verbindung zum Zentralbankgeld des Eurosystems besteht. Das entspricht zugleich dem erklärten Ziel, die strategische Autonomie Europas im Zahlungsverkehr und auf den Kapitalmärkten zu stärken. Der Euro soll nicht erst nachträglich an eine neue Finanzarchitektur angeschlossen werden. Er soll von Beginn an Bestandteil dieser Architektur bleiben.

Der entscheidende Test beginnt erst jetzt

Pontes allein macht aus Europa noch keinen vollständig tokenisierten Kapitalmarkt. Die Plattform startet mit begrenzten Funktionen, weitere technische Fähigkeiten sollen erst schrittweise hinzukommen. Parallel arbeitet das Eurosystem mit dem Projekt Appia an einer umfassenderen Architektur für ein europäisches digitales Finanzökosystem, deren Konzept bis 2028 entwickelt werden soll. Auch die entscheidende Marktfrage bleibt offen. Eine technisch funktionierende Infrastruktur garantiert noch nicht, dass Banken, Unternehmen und öffentliche Emittenten tokenisierte Wertpapiere in großem Umfang nutzen werden. Erst höhere Transaktionsvolumina, breitere Emissionen und eine zunehmende Zahl angebundener Marktteilnehmer werden zeigen, ob aus der Technologie ein neuer Standard entsteht. Der 21. September 2026 markiert dennoch einen klaren Einschnitt. Das Eurosystem beschränkt sich nicht länger darauf, die Tokenisierung der Finanzmärkte zu beobachten und zu testen. Es stellt Zentralbankgeld für diesen Markt bereit, verbindet neue digitale Plattformen mit seiner bestehenden Infrastruktur und bereitet zugleich eigene Investitionen auf diesen Systemen vor.

Damit verschiebt sich die entscheidende Frage. Nicht mehr das grundsätzliche Interesse der Zentralbanken an tokenisierten Märkten steht im Mittelpunkt, sondern die künftige Rolle des Euro innerhalb dieser neuen Finanzarchitektur. Genau darüber wird Pontes in den kommenden Jahren entscheiden helfen.


EZB startet Pontes: Zentralbankgeld für tokenisierte Finanzmärkte. Mit Pontes bringt die EZB Zentralbankgeld in tokenisierte Finanzmärkte. Banken können digitale Wertpapiere über die Infrastruktur des Eurosystems abwickeln.

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