Rubrik: Wirtschaft
Format: Spezialbericht
Autor: Sinisa Brkic (sb)
Donald Trump will mit hohen Zöllen Industrie, Arbeitsplätze und Investitionen in die Vereinigten Staaten zurückholen. Doch während Europa Marktanteile verlieren kann, steigen auch für amerikanische Unternehmen Kosten und Risiken. Gleichzeitig verschieben sich Handelsströme Richtung Asien und ausgerechnet dort könnten einige der größten Gewinner einer Politik entstehen, die eigentlich Amerika stärken soll. Vor mehr als 125 Jahren setzte bereits ein amerikanischer Präsident auf eine ähnliche Strategie. William McKinley wurde zum Symbol des amerikanischen Protektionismus, bevor er gegen Ende seiner Präsidentschaft die Grenzen wirtschaftlicher Abschottung zunehmend erkannte. Einen Tag nach seiner letzten großen Rede wurde er niedergeschossen. Der historische Vergleich führt mitten in eine Frage, die heute erneut über Milliardeninvestitionen, Arbeitsplätze und industrielle Macht entscheidet.
Trump macht den Zoll wieder zur Machtfrage
Für Donald Trump sind Zölle weit mehr als ein Instrument klassischer Handelspolitik. Sie sollen amerikanische Unternehmen schützen, Produktion zurückholen, Abhängigkeiten reduzieren, Staatseinnahmen erzeugen und gleichzeitig als Druckmittel gegenüber Handelspartnern dienen. Der Zugang zum gewaltigen amerikanischen Absatzmarkt wird damit selbst zum politischen Instrument.
Diese Strategie hat die amerikanische Handelspolitik seit 2025 tiefgreifend verändert. Nach zahlreichen Ankündigungen, Ausnahmen, bilateralen Vereinbarungen, juristischen Auseinandersetzungen und neuen Rechtsgrundlagen liegt die Zollbelastung der Vereinigten Staaten heute erheblich über dem Niveau vor Trumps zweiter Amtszeit. Berechnungen für 2026 bewegen sich je nach Stichtag und Methodik um rund zehn bis elf Prozent, während der handelsgewichtete Satz vor der großen Zollwende bei ungefähr zwei Prozent lag. Die entscheidende Frage lautet deshalb längst nicht mehr, ob Trump seine Zollpolitik tatsächlich umsetzt. Entscheidend ist, was sie bewirkt, welche Investitionen sie auslöst und wer am Ende dafür bezahlt.
Der Präsident, den heute kaum jemand kennt
Trumps historisches Vorbild ist ein Mann, dessen Name heute außerhalb der Vereinigten Staaten nur noch wenigen geläufig ist. William McKinley war der 25. Präsident der USA und regierte von 1897 bis zu seiner Ermordung im September 1901. Bereits vor seiner Präsidentschaft hatte er sich als einer der prominentesten Vertreter hoher amerikanischer Schutzzölle etabliert. Der berühmte McKinley Tariff von 1890 entstand allerdings nicht während seiner Präsidentschaft, wie häufig behauptet wird. McKinley war damals Vorsitzender des mächtigen Ways and Means Committee im Repräsentantenhaus und eine treibende politische Kraft hinter dem Gesetz, während Benjamin Harrison im Weißen Haus saß. Das Gesetz erhöhte die Abgaben auf zahlreiche zollpflichtige Importe erheblich und machte McKinleys Namen zum Synonym für eine Politik, die amerikanische Produzenten vor ausländischer Konkurrenz schützen sollte. Als McKinley 1897 selbst Präsident wurde, blieb Protektionismus ein zentraler Bestandteil seiner Wirtschaftspolitik. Noch im selben Jahr erhöhte der Dingley Tariff die amerikanischen Zölle erneut. Dahinter stand eine Vorstellung, die heute erstaunlich vertraut klingt: Produktion sollte im eigenen Land stattfinden, amerikanische Arbeitsplätze sollten geschützt und ausländische Anbieter auf dem heimischen Markt zurückgedrängt werden.
Was McKinley schließlich erkannte
Die amerikanische Wirtschaft entwickelte sich jedoch weiter. Die Vereinigten Staaten wurden zu einer immer mächtigeren Industrienation und produzierten zunehmend mehr Waren, als der heimische Markt aufnehmen konnte. Damit veränderte sich auch das handelspolitische Problem. Eine wachsende Industrienation benötigte nicht mehr ausschließlich Schutz vor ausländischen Konkurrenten. Sie benötigte Absatzmärkte für die eigenen Produkte. Genau an diesem Punkt begann sich McKinleys handelspolitisches Denken sichtbar weiterzuentwickeln. Am 5. September 1901 hielt er bei der Pan American Exposition in Buffalo seine letzte große öffentliche Rede. Der Präsident sprach weiterhin als Mann, der den Schutz amerikanischer Industrie grundsätzlich verteidigte, doch seine Botschaft unterschied sich deutlich von der früheren Vorstellung einer möglichst hohen Zollmauer. McKinley erklärte, die Zeit wirtschaftlicher Abgeschlossenheit sei vorbei. Handelskriege seien unprofitabel, gegenseitige Handelsvereinbarungen entsprächen den neuen Erfordernissen und Vergeltungsmaßnahmen führten nicht zum gewünschten Ergebnis. Die Vereinigten Staaten könnten nicht dauerhaft erwarten, ihre Waren überall zu verkaufen und gleichzeitig möglichst wenig aus dem Ausland zu kaufen. Das war keine vollständige Bekehrung zum Freihandel. McKinley wollte amerikanische Produzenten weiterhin schützen, doch er hatte einen grundlegenden Widerspruch erkannt: Wer selbst Märkte abschottet, muss damit rechnen, dass andere Staaten ebenfalls Barrieren errichten und damit amerikanische Exporte treffen. Seine Antwort war zunehmend Gegenseitigkeit. Zölle sollten dort bestehen, wo Schutz notwendig erschien, zugleich sollten Handelsvereinbarungen und gegenseitige Zugeständnisse neue Märkte für amerikanische Unternehmen öffnen. McKinley verwarf damit nicht seine gesamte frühere Politik, aber er erkannte sichtbar deren Grenzen und begann, sein handelspolitisches Konzept weiterzuentwickeln.
Einen Tag später fallen die Schüsse
Nur einen Tag nach dieser Rede kehrte McKinley am 6. September 1901 zur Pan American Exposition zurück. Im Temple of Music war am Nachmittag ein öffentlicher Empfang angesetzt, bei dem Besucher dem Präsidenten persönlich begegnen und ihm die Hand reichen konnten. Unter den wartenden Menschen befand sich der 28 Jahre alte Leon Czolgosz. Er stammte aus einer Arbeiterfamilie, hatte selbst in Fabriken gearbeitet und sich zunehmend anarchistischen Vorstellungen zugewandt. Seine politische Radikalisierung richtete sich grundsätzlich gegen staatliche Herrschaft und die bestehende gesellschaftliche Ordnung. Czolgosz hatte eine Pistole in seiner rechten Hand verborgen, die er mit einem Tuch beziehungsweise einer bandagenartigen Abdeckung verdeckte. Als er vor McKinley stand und der Präsident ihn begrüßen wollte, feuerte er aus unmittelbarer Nähe zweimal. Eine Kugel verursachte eine vergleichsweise leichte Verletzung. Die zweite drang in McKinleys Bauch ein und verletzte innere Organe. Czolgosz wurde unmittelbar nach den Schüssen überwältigt, während der schwer verletzte Präsident medizinisch versorgt wurde.
Acht Tage zwischen Hoffnung und Tod
McKinley wurde noch am selben Tag operiert. Die Ärzte konnten die tief eingedrungene Kugel nicht finden, dennoch stabilisierte sich sein Zustand zunächst und zeitweise bestand die Hoffnung, dass er den Anschlag überleben würde. Dann verschlechterte sich sein Zustand dramatisch. Das verletzte Gewebe führte zu schweren Komplikationen und einer Infektion, gegen die die Medizin des Jahres 1901 nur begrenzte Möglichkeiten besaß. Antibiotika standen nicht zur Verfügung, moderne bildgebende Diagnostik existierte nicht. Am 14. September 1901, acht Tage nach dem Attentat, starb William McKinley. Vizepräsident Theodore Roosevelt wurde noch am selben Tag als 26. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt und sollte seinen Vorgänger später historisch weit überstrahlen. Die zeitliche Abfolge ist bemerkenswert. Am 5. September hatte einer der bekanntesten amerikanischen Protektionisten die Grenzen wirtschaftlicher Abschottung beschrieben. Am 6. September wurde er niedergeschossen, am 14. September war er tot und damit endete seine Präsidentschaft genau in jener Phase, in der sich seine Handelspolitik sichtbar weiterentwickelte.
Das Attentat war kein Ergebnis der Zollpolitik
So eindrucksvoll diese Abfolge ist, sie darf nicht in eine falsche Kausalität verwandelt werden. Czolgosz hatte wirtschaftliche Unsicherheit und Arbeitslosigkeit erlebt, doch es gibt keine belastbare historische Grundlage für die Behauptung, er habe McKinley wegen dessen Zollpolitik ermordet oder das Attentat sei eine direkte Folge der wirtschaftlichen Auswirkungen des Protektionismus gewesen. Der Täter begründete seine Tat mit anarchistischen Überzeugungen und erklärte nach seiner Festnahme, allein gehandelt zu haben. Die sozialen Spannungen und enormen wirtschaftlichen Unterschiede jener Epoche gehören zum historischen Hintergrund, dürfen aber nicht mit einem nachgewiesenen unmittelbaren Tatmotiv verwechselt werden. Gerade die tatsächliche Geschichte ist stark genug. McKinley wird nicht deshalb zu einer interessanten Vergleichsfigur, weil seine Zollpolitik angeblich zu seinem Tod führte, sondern weil einer der bedeutendsten amerikanischen Protektionisten seiner Zeit am Ende selbst erkannte, dass eine Industrienation nicht ausschließlich von Abschottung leben kann.
McKinley und Trump im direkten Vergleich
Zwischen McKinley und Trump liegen mehr als 125 Jahre, zwei völlig unterschiedliche Weltwirtschaften und fundamental verschiedene internationale Institutionen. Trotzdem verbindet beide Präsidenten die Vorstellung, dass der amerikanische Binnenmarkt groß genug ist, um ausländische Produzenten durch Zölle unter Druck zu setzen und heimische Produktion zu schützen. McKinley agierte allerdings in einer aufsteigenden Industrienation, deren internationale Absatzmärkte immer wichtiger wurden. Trump regiert eine hochentwickelte Dienstleistungs, Technologie und Industriewirtschaft, deren Unternehmen tief in globale Lieferketten eingebunden sind. Ein moderner amerikanischer Konzern kann Produkte in Kalifornien entwickeln, Maschinen aus Deutschland einsetzen, Chips aus Taiwan beziehen, Teile in Mexiko fertigen lassen und anschließend weltweit verkaufen. Auch die Funktion der Zölle unterscheidet sich. McKinley betrachtete sie primär als Schutzinstrument für amerikanische Produzenten und als wichtige Einnahmequelle des Staates. Trump nutzt Zölle zusätzlich als Verhandlungsinstrument, als geopolitisches Druckmittel und als Bestandteil einer Strategie, die Produktion und strategische Lieferketten zurück in die Vereinigten Staaten bringen soll. Der bemerkenswerteste Unterschied liegt jedoch am Ende von McKinleys politischer Entwicklung. McKinley erkannte zunehmend, dass eine erfolgreiche Exportnation nicht gleichzeitig erwarten kann, ihre eigenen Märkte weitgehend abzuschotten und uneingeschränkten Zugang zu ausländischen Märkten zu behalten. Genau dieser Widerspruch steht heute erneut im Zentrum der amerikanischen Zollstrategie.
Amerika gewinnt und bezahlt gleichzeitig
Zu den möglichen Gewinnern gehören amerikanische Produzenten, die unmittelbar mit Importen konkurrieren. Werden ausländische Waren durch Zölle teurer, verbessert sich ihre relative Position. Gleichzeitig kann die Aussicht auf dauerhaft höhere Handelsbarrieren Unternehmen dazu bewegen, neue Produktionskapazitäten direkt in den Vereinigten Staaten aufzubauen. Auch der Staat erzielt zusätzliche Einnahmen. Zölle fließen in den amerikanischen Bundeshaushalt und können fiskalisch eine erhebliche Größenordnung erreichen, auch wenn die tatsächlichen Einnahmen nach gerichtlichen Entscheidungen, Rückerstattungen und politischen Änderungen niedriger ausfallen können als ursprünglich erwartet. Auf der anderen Seite stehen Unternehmen, die ausländische Maschinen, Rohstoffe und Komponenten benötigen. Ihre Kosten steigen und können entweder die Gewinnmargen reduzieren oder über höhere Preise an Kunden weitergegeben werden. Amerikanische Verbraucher gehören deshalb ebenfalls zur Rechnung. Ökonomische Untersuchungen früherer Trump Zölle zeigen, dass ein erheblicher Teil der Belastung innerhalb der Vereinigten Staaten getragen wurde und nicht einfach bei ausländischen Produzenten verblieb.
Das Waschmaschinen Experiment zeigt den Mechanismus
Ein besonders anschauliches Beispiel lieferte Trumps erste Amtszeit. 2018 belegten die Vereinigten Staaten importierte Waschmaschinen mit zusätzlichen Abgaben, um amerikanische Produzenten gegen ausländische Konkurrenz zu schützen. Untersuchungen stellten anschließend einen Preisanstieg von ungefähr zwölf Prozent bei Waschmaschinen fest. Bemerkenswert war, dass auch Wäschetrockner ungefähr im gleichen Umfang teurer wurden, obwohl sie vom betreffenden Zoll nicht unmittelbar erfasst waren. Gleichzeitig entstanden Schätzungen zufolge rund 1.800 zusätzliche Arbeitsplätze in der amerikanischen Waschmaschinenproduktion. Die höheren Verbraucherpreise summierten sich jedoch auf ungefähr 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr, womit die Kosten je geschaffenem Arbeitsplatz bei mehr als 800.000 Dollar lagen. Das Beispiel zeigt den Kern des Problems. Ein Zoll kann tatsächlich Arbeitsplätze in einer geschützten Industrie schaffen und gleichzeitig wesentlich höhere Kosten auf Verbraucher und andere Teile der Wirtschaft verteilen.
Die amerikanische Rechnung 2026
Trotz der Zollpolitik befindet sich die amerikanische Wirtschaft nicht in einer Zollkrise. Für 2026 bewegen sich aktuelle Wachstumsprognosen um rund zwei Prozent, während die Arbeitslosenquote weiterhin auf einem im historischen Vergleich moderaten Niveau liegt. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Zölle keine Kosten verursachen. Amerikanische Haushalts und Forschungsinstitutionen rechnen gegenüber einem Szenario ohne die zusätzlichen Handelsbarrieren mit höheren Preisen, geringeren Investitionen und einer niedrigeren Wirtschaftsleistung. Gleichzeitig können neue Produktionsinvestitionen und die Verlagerung strategischer Lieferketten einen Teil dieser Belastungen ausgleichen. Gerade deshalb lässt sich die Zollpolitik nicht seriös mit einem einzigen Beschäftigungs oder Wachstumswert bewerten. Steuerpolitik, Zinsen, Energiepreise, Migration, künstliche Intelligenz und staatliche Ausgaben wirken gleichzeitig auf dieselbe Volkswirtschaft. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Amerika wächst. Entscheidend ist, ob Amerika mit dieser Zollpolitik langfristig stärker wächst, mehr investiert und produktiver wird, als es ohne diese Handelsbarrieren der Fall gewesen wäre.
Deutschland trifft der Konflikt an einer empfindlichen Stelle
Für Deutschland stellt sich die Lage anders dar. Die Bundesrepublik besitzt eine stark exportorientierte industrielle Struktur und kämpft gleichzeitig mit hohen Energiekosten, schwacher Investitionsdynamik, strukturellen Problemen und zunehmender chinesischer Konkurrenz. 2025 erreichte der Warenhandel zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten rund 240,5 Milliarden Euro. Der deutsche Exportüberschuss gegenüber den USA sank dabei von 69,6 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf 51,9 Milliarden Euro. Im ersten Quartal 2026 gingen die deutschen Warenexporte in die Vereinigten Staaten gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 12,1 Prozent zurück. Bei Kraftfahrzeugen und Kraftfahrzeugteilen lag das Minus sogar bei 28,4 Prozent, während der deutsche Exportüberschuss gegenüber den USA deutlich zurückging. Diese Entwicklung setzte sich allerdings nicht linear fort. Im Juli lagen die deutschen Exporte in die Vereinigten Staaten wieder deutlich über dem Vorjahresniveau. Unternehmen ziehen Lieferungen vor, verschieben Aufträge, verändern Produktionsstandorte und reagieren auf neue Zollregeln, weshalb einzelne Monate nur begrenzt aussagekräftig sind.
Europa steht zwischen Washington und Peking
Die Europäische Union befindet sich in einer schwierigen strategischen Position. Die Vereinigten Staaten sind einer ihrer wichtigsten Absatzmärkte, gleichzeitig bleibt China für zahlreiche europäische Unternehmen ein entscheidender Produktionsstandort, Lieferant und Absatzmarkt. 2025 exportierte die EU Waren im Wert von rund 554 Milliarden Euro in die Vereinigten Staaten. Gleichzeitig importierte sie amerikanische Waren im Wert von rund 354 Milliarden Euro und erzielte damit im Warenhandel einen erheblichen Überschuss. Genau dieser Überschuss macht Europa aus Sicht Washingtons angreifbar. Für Trump gilt ein dauerhaftes Handelsdefizit häufig als Hinweis auf ein unausgewogenes Verhältnis, während Handelsbilanzen ökonomisch wesentlich komplexer sind und unter anderem von Kapitalströmen, Dienstleistungen, Wechselkursen und unterschiedlichen Sparquoten beeinflusst werden. Für Europa entsteht ein zusätzliches Problem, wenn chinesische Waren aufgrund amerikanischer Handelsbarrieren verstärkt auf andere Märkte gelenkt werden. Europäische Unternehmen könnten damit gleichzeitig Marktanteile in den USA verlieren und auf ihrem Heimatmarkt stärkeren chinesischen Konkurrenzdruck erleben.
Ist China der große Gewinner?
Auf den ersten Blick liegt diese Vermutung nahe. Wenn sich Washington und Brüssel wirtschaftlich unter Druck setzen, könnte China von einer Schwächung seiner beiden großen westlichen Konkurrenten profitieren. Die Rechnung ist jedoch komplizierter. China selbst verliert durch amerikanische Handelsbarrieren Zugang zum wichtigsten Konsummarkt der Welt und muss Exportstrukturen verändern. Gleichzeitig kämpft die chinesische Volkswirtschaft mit schwachem Binnenkonsum, Problemen im Immobiliensektor und strukturellen Herausforderungen. China verfügt jedoch über einen entscheidenden Vorteil. Das Land besitzt enorme industrielle Kapazitäten in Bereichen wie Batterien, Elektrofahrzeugen, Solartechnik, Maschinenbau, Elektronik und zunehmend anspruchsvollen Technologieprodukten. Wenn amerikanische Märkte schwieriger erreichbar werden, können chinesische Unternehmen versuchen, ihre Produkte verstärkt in Europa, Asien, Lateinamerika, Afrika und anderen Schwellenländern abzusetzen. Damit verliert China möglicherweise Marktanteile in den Vereinigten Staaten und gewinnt gleichzeitig Einfluss in anderen Regionen. China ist deshalb nicht automatisch der Gewinner von Trumps Zollpolitik. In einzelnen Industrien könnte das Land jedoch seine globale Stellung trotz amerikanischer Abschottung weiter ausbauen.
Der spannendste Gewinner könnte außerhalb Chinas liegen
Noch interessanter ist die Entwicklung anderer asiatischer Volkswirtschaften. Wenn chinesische Waren in den Vereinigten Staaten erheblich teurer werden, muss der entsprechende Auftrag keineswegs automatisch an einen amerikanischen Produzenten gehen. Unternehmen können ihre Produktion ebenso nach Vietnam, Indien oder in andere asiatische Standorte verlagern. Dort sind Arbeitskosten häufig niedriger als in den Vereinigten Staaten, gleichzeitig existieren zunehmend leistungsfähige industrielle Lieferketten. Dieser Effekt wird als Handelsumleitung bezeichnet. Ein Zoll verändert dann zwar die Herkunft eines Produktes, bringt die Produktion aber nicht zwingend zurück in das Land, das den Zoll eingeführt hat. Bereits 2025 kamen rund 5,7 Prozent der amerikanischen Warenimporte aus Vietnam, während Chinas Anteil bei rund 9,3 Prozent lag. Vietnam hatte sich damit zu einem der wichtigsten Lieferländer der Vereinigten Staaten entwickelt und lag bereits vor mehreren großen asiatischen Industrienationen. Im ersten Quartal 2026 war Ostasien zugleich einer der wichtigsten Motoren des weltweiten Handelswachstums. Besonders dynamisch entwickelten sich technologieintensive Bereiche wie Halbleiter, Batterien, Informations und Kommunikationstechnologie sowie Elektrofahrzeuge. Damit entsteht eine für Washington unbequeme Möglichkeit. Trumps Zölle könnten Produktion tatsächlich aus China herausdrängen, ohne dass diese Produktion vollständig in die Vereinigten Staaten zurückkehrt.
Wenn aus Made in China Made in Vietnam wird
Für den Erfolg der amerikanischen Strategie ist dieser Unterschied entscheidend. Wird eine chinesische Fabrik geschlossen und durch eine Fabrik in Ohio ersetzt, erreicht die Zollpolitik eines ihrer zentralen Ziele. Wird dieselbe Produktion dagegen nach Vietnam oder Indien verlagert, hat Washington zwar die chinesische Abhängigkeit reduziert, aber nicht automatisch amerikanische Industriearbeitsplätze geschaffen. Die asiatische Werkbank würde lediglich neu organisiert. Hinzu kommt, dass chinesische Unternehmen selbst auf diese Entwicklung reagieren können. Sie können Produktionskapazitäten in Drittstaaten errichten, lokale Partner nutzen oder einzelne Fertigungsschritte verlagern, um neue Handelsbedingungen zu berücksichtigen. Die entscheidende wirtschaftspolitische Frage lautet deshalb nicht, wie stark Importe aus China zurückgehen. Entscheidend ist, wo die Produktion anschließend stattfindet und wem die neuen Investitionen zugutekommen.
Der Arbeitsmarkt entscheidet über die politische Bilanz
Trump begründet seine Zollpolitik immer wieder mit Arbeitsplätzen. Tatsächlich können geschützte Branchen Beschäftigung aufbauen, wenn höhere Importpreise heimische Produktion rentabler machen. Gleichzeitig entstehen Verluste an anderer Stelle. Unternehmen, deren Vorprodukte teurer werden, können Investitionen reduzieren, Stellen nicht nachbesetzen oder Produktion verlagern. Exportindustrien wiederum können unter Gegenmaßnahmen anderer Staaten leiden. Für die Vereinigten Staaten ergibt sich deshalb keine einfache Gleichung, nach der höhere Zölle automatisch mehr Beschäftigung bedeuten. Entscheidend ist, ob zusätzliche Arbeitsplätze in geschützten Branchen größer sind als Verluste bei importabhängigen Unternehmen, Exporteuren und anderen Teilen der Wirtschaft. Für Deutschland ist die Herausforderung anders gelagert. Wenn Exportaufträge zurückgehen und gleichzeitig Investitionen schwach bleiben, trifft dies eine industrielle Struktur, deren Beschäftigung wesentlich stärker von internationalen Absatzmärkten abhängig ist.
Investitionen könnten wichtiger werden als Zölle
Langfristig könnte die entscheidende Wirkung der neuen Handelspolitik weniger im unmittelbaren Zollaufkommen liegen als in der Frage, wo Unternehmen ihre nächsten Fabriken bauen. Eine Produktionsanlage wird häufig für Jahrzehnte geplant, weshalb Unternehmen einschätzen müssen, welche Handelsbedingungen langfristig gelten. Dauerhafte Handelsbarrieren können Investitionen in den Vereinigten Staaten attraktiver machen. Permanente Unsicherheit kann jedoch den gegenteiligen Effekt haben und Unternehmen dazu bewegen, Entscheidungen aufzuschieben oder Produktionskapazitäten über mehrere Regionen zu verteilen. Genau darin liegt eines der größten Risiken eines ständig wechselnden Zollsystems. Nicht nur die Höhe eines Zolls beeinflusst Investitionen, sondern auch die Unsicherheit darüber, welche Regeln morgen gelten. Internationale Modellrechnungen zeigen deshalb bei einer weiteren Eskalation nicht nur Auswirkungen auf den Handel. Besonders relevant werden geringere Investitionen und eine schwächere Kapitalbildung, weil Unternehmen bei dauerhaft unsicheren Handelsbedingungen vorsichtiger werden.
Wer gewinnt und wer verliert
Für die Vereinigten Staaten liegen die Chancen in zusätzlicher heimischer Produktion, einer geringeren Abhängigkeit von strategisch wichtigen Importen und neuen Investitionen. Die Risiken liegen in höheren Verbraucherpreisen, teureren Vorprodukten, Gegenmaßnahmen anderer Staaten und möglichen Produktivitätsverlusten. Für Europa liegt die Chance in einer beschleunigten Diversifizierung seiner Handelsbeziehungen und möglicherweise einer stärkeren strategischen Eigenständigkeit. Gleichzeitig drohen Marktanteilsverluste in den Vereinigten Staaten, zusätzlicher chinesischer Wettbewerbsdruck und eine weitere Belastung industrieller Investitionen. China kann Teile seiner Exporte verlieren und wird von einer Fragmentierung der Weltwirtschaft selbst getroffen. Gleichzeitig besitzt das Land die industrielle Größe, seine Handelsströme stärker auf Asien und andere Weltregionen auszurichten und seine Stellung in strategischen Technologien auszubauen. Andere asiatische Volkswirtschaften könnten zu den interessantesten Gewinnern gehören. Vietnam, Indien und weitere Standorte können Investitionen anziehen, wenn Unternehmen Lieferketten aus China heraus verlagern, ohne die deutlich höheren Produktionskosten der Vereinigten Staaten akzeptieren zu wollen.
Drei Szenarien für die neue Weltwirtschaft
Das erste Szenario wäre ein teilweiser Erfolg der amerikanischen Strategie. Unternehmen bauen zusätzliche Produktionskapazitäten in den Vereinigten Staaten auf, strategische Lieferketten werden unabhängiger von China und einzelne Industriebranchen gewinnen Beschäftigung zurück. Der Preis wären höhere Importkosten und Effizienzverluste in anderen Bereichen. Amerikanische Verbraucher und importabhängige Unternehmen würden einen Teil der Rechnung tragen, während die politischen Vorteile stärker in einzelnen Industrieregionen sichtbar würden. Das zweite Szenario wäre für Washington problematischer. Produktion verlässt China, wandert aber nicht in großem Umfang in die Vereinigten Staaten, sondern nach Vietnam, Indien, Mexiko oder in andere wettbewerbsfähige Produktionsstandorte. Amerika hätte in diesem Fall chinesische Importe reduziert, ohne entsprechend viele industrielle Arbeitsplätze zurückzugewinnen. Die größten Gewinner wären jene Drittstaaten, die sich erfolgreich zwischen den großen Wirtschaftsblöcken positionieren. Das dritte Szenario reicht wesentlich weiter. Die Weltwirtschaft könnte sich dauerhaft in mehrere große Wirtschafts und Handelsräume aufteilen, in denen nicht mehr ausschließlich Kosten und Effizienz über Produktionsstandorte entscheiden, sondern zunehmend Sicherheit, politische Bündnisse und strategische Kontrolle. Die Vereinigten Staaten würden einen stärker geschützten amerikanischen Wirtschaftsraum aufbauen, China seine Verbindungen mit Asien und dem globalen Süden vertiefen und Europa versuchen, zwischen beiden Machtzentren größere wirtschaftliche Eigenständigkeit zu entwickeln. Eine solche Welt könnte in einzelnen Bereichen widerstandsfähiger werden, wäre insgesamt aber wahrscheinlich teurer und weniger effizient.
Der Hähnchenkrieg zeigt, wie lange Zölle leben können
Wie hartnäckig einmal eingeführte Handelsbarrieren werden können, zeigt ein Konflikt, der heute beinahe absurd klingt. Anfang der 1960er Jahre stritten Europa und die Vereinigten Staaten über amerikanisches Geflügel. Europäische Maßnahmen erschwerten amerikanischen Hühnerproduzenten den Zugang zum europäischen Markt. Washington reagierte mit Vergeltungszöllen auf europäische Waren, darunter bestimmte leichte Lastkraftwagen. Der amerikanische Zoll auf diese Fahrzeuge wurde auf 25 Prozent angehoben. Was als Reaktion auf einen Geflügelstreit begann, entwickelte sich zu einem jahrzehntelang wirksamen Schutzinstrument für Teile der amerikanischen Automobilindustrie. Die sogenannte Chicken Tax wurde damit zum Lehrstück dafür, wie schwer einmal etablierte Zölle wieder verschwinden. Unternehmen passen Produktion und Investitionen an solche Barrieren an. Sobald Branchen vom Schutz profitieren, entstehen wirtschaftliche Interessen, die sich gegen eine spätere Abschaffung richten und ein ursprünglich temporäres Instrument dauerhaft im System verankern können.
McKinleys letzte Erkenntnis wird wieder aktuell
Damit führt die Geschichte zurück zu jenem Präsidenten, auf den sich Trump so gerne beruft. William McKinley glaubte an den Schutz amerikanischer Industrie und wurde zum politischen Symbol hoher Zölle. Doch gegen Ende seiner Präsidentschaft erkannte er, dass eine erfolgreiche Industrienation mehr braucht als einen geschützten Binnenmarkt. Sie benötigt Absatzmärkte, Handelspartner und Regeln, die es ihren Unternehmen ermöglichen, Waren auch außerhalb der eigenen Grenzen zu verkaufen. Seine letzte große Rede war deshalb keine Kapitulation vor dem Freihandel. Sie war die Erkenntnis eines Protektionisten, dass Schutzpolitik eine Grenze besitzt, sobald andere Staaten ebenfalls beginnen, ihre Märkte zu schließen. Donald Trump greift heute McKinleys ursprüngliche Idee mit enormer politischer Konsequenz wieder auf. Ob seine Strategie funktioniert, wird jedoch nicht allein daran zu erkennen sein, wie viele Milliarden Dollar Washington durch Zölle einnimmt oder wie stark Importe aus China zurückgehen. Entscheidend wird sein, wo neue Fabriken entstehen, wo Unternehmen investieren und wo die Arbeitsplätze der kommenden Jahre geschaffen werden. Wenn Produktion China verlässt und in die Vereinigten Staaten zurückkehrt, kann Washington einen strategischen Erfolg verbuchen. Wenn sie stattdessen nach Vietnam, Indien oder in andere asiatische Produktionszentren wandert, sieht die Bilanz vollkommen anders aus. Die eigentliche Rechnung von Trumps Zollwette wird deshalb weder allein in Washington noch in Brüssel oder Peking geschrieben. Sie entsteht in den Investitionsentscheidungen tausender Unternehmen, in neuen Fabriken, veränderten Lieferketten und der Frage, welche Volkswirtschaften das Kapital der kommenden Jahre anziehen. Darin liegt die historische Ironie dieser Geschichte. Der Präsident, den Trump für seine Zollpolitik bewundert, begann am Ende seines Lebens zu erkennen, dass wirtschaftliche Stärke nicht allein daraus entsteht, andere vom eigenen Markt fernzuhalten. Sie entscheidet sich ebenso daran, ob die Welt die eigenen Produkte noch kaufen will.
Trumps Zölle: Gewinner und Verlierer in USA, Europa und Asien. Trumps Zölle verändern Handel, Investitionen und Arbeitsplätze. Der Vergleich mit US Präsident William McKinley zeigt historische Parallelen, Risiken und mögliche Gewinner der neuen Zollordnung.
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