Rubrik: Energie
Format: Analyse
Autor: Sinisa Brkic (sb)
Der Ölfluss aus dem Nahen Osten erholt sich, doch die eigentliche Belastungsprobe für den Weltmarkt könnte erst danach beginnen. Milliarden Barrel an ausgefallenem Angebot und massive Entnahmen aus Lagerbeständen haben den Sicherheitspuffer der globalen Energieversorgung erheblich verkleinert. Saudi Aramco warnt nun, dass der Wiederaufbau der Reserven bis zu zwei Jahre dauern könnte.
Die Krise verändert ihren Charakter
Die Aufmerksamkeit des Ölmarktes richtet sich seit Monaten auf die Straße von Hormus, auf Tankerbewegungen, Angriffe auf Energieinfrastruktur und die Frage, wie viel Rohöl den Persischen Golf tatsächlich verlassen kann. Doch während sich die Exportströme zuletzt teilweise erholt haben, tritt ein Problem hervor, das weit über die unmittelbare Transportkrise hinausreicht: Die Welt hat einen erheblichen Teil ihrer energetischen Sicherheitsreserve verbraucht. Amin Nasser, Chef von Saudi Aramco, bezifferte das seit Beginn des Konflikts ausgefallene Ölangebot auf nahezu drei Milliarden Barrel. Rund eine Milliarde Barrel sei aus Lagerbeständen mobilisiert worden, um einen Teil dieser Verluste auszugleichen. Damit wurde nicht nur eine kurzfristige Versorgungslücke überbrückt. Es wurde Substanz verbraucht, die beim nächsten größeren Angebotsschock fehlt. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass sich Verkehrswege vergleichsweise schnell normalisieren können. Lagerbestände lassen sich dagegen nicht per Beschluss wiederherstellen. Sie müssen zusätzlich zur laufenden weltweiten Nachfrage neu aufgebaut werden.
Eine Milliarde Barrel müssen zurück in die Lager
Nach Nassers Einschätzung könnte allein der Wiederaufbau der verbrauchten Bestände über einen Zeitraum von etwa 18 Monaten eine zusätzliche Nachfrage nach rund zwei Millionen Barrel täglich erzeugen. Diese Mengen müssten auf einem Markt verfügbar sein, der gleichzeitig mehr als 100 Millionen Barrel pro Tag für seinen normalen Verbrauch benötigt. Die Rechnung zeigt die Größenordnung. Zwei Millionen Barrel zusätzlich pro Tag entsprechen innerhalb von 18 Monaten mehr als einer Milliarde Barrel. Genau diese zusätzliche Nachfrage könnte entstehen, wenn Staaten und Unternehmen ihre zuvor reduzierten Lager wieder auf ein widerstandsfähigeres Niveau bringen wollen. Nasser hält deshalb einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren für möglich, bis die globalen Bestände ausreichend aufgefüllt sind. Das ist keine feststehende Entwicklung. Die tatsächliche Dauer hängt von Fördermengen, Nachfrage, Sicherheitslage, Transportwegen und Raffineriekapazitäten ab. Doch die Aussage macht deutlich, dass ein Ende der unmittelbaren geopolitischen Störung nicht automatisch ein Ende ihrer wirtschaftlichen Folgen bedeutet.
Der Bestand auf dem Papier täuscht
Noch bedeutender ist die Frage, wie viel Öl aus den vorhandenen Lagern tatsächlich kurzfristig verfügbar ist. Die weltweiten kommerziellen Bestände umfassen weiterhin mehrere Milliarden Barrel. Ein erheblicher Teil davon kann jedoch nicht ohne Weiteres aus dem System genommen werden. Pipelines benötigen Mindestmengen, Tanks können technisch nicht vollständig geleert werden und Teile der Bestände sind für den laufenden Betrieb gebunden. Nach Nassers Darstellung ist deshalb nur ein vergleichsweise kleiner Anteil der vorhandenen Lagerbestände praktisch kurzfristig mobilisierbar. Zwischen statistisch vorhandenem Öl und tatsächlich verfügbarer Reserve besteht damit eine erhebliche Differenz. Das bedeutet nicht, dass der Welt unmittelbar das Öl ausgeht. Der relevante Befund ist präziser: Der Puffer, der einen erneuten größeren Angebotsschock abfedern könnte, ist deutlich kleiner geworden.
Mehr Exporte lösen das Problem nicht
Ausgerechnet die jüngste Erholung der Ölströme aus dem Nahen Osten verdeutlicht diesen Unterschied. Die Exporte haben zuletzt wieder deutlich zugelegt. Damit hat sich ein Teil der unmittelbaren Rohölknappheit entschärft. Die Preise bleiben dennoch hoch. Brent notiert weiterhin oberhalb von 100 Dollar je Barrel. Neben der Sicherheitslage wirken Transportkosten, Versicherungsprämien, längere Routen und begrenzte Raffineriekapazitäten auf den Markt. Gerade bei raffinierten Produkten bleibt die Lage angespannt. Branchenvertreter beziffern den gegenwärtigen Ausfall auf rund sechs Millionen Barrel täglich. Rohöl allein reicht nicht, wenn die erforderlichen Kapazitäten fehlen, um daraus Diesel, Kerosin und andere Produkte in ausreichender Menge und am richtigen Ort herzustellen. Damit wird sichtbar, dass die aktuelle Energiekrise nicht mehr ausschließlich eine Frage der Förderung ist. Transport, Verarbeitung, Lagerung und verfügbare Reservekapazitäten bilden inzwischen ein zusammenhängendes Risikosystem.
Der nächste Preisdruck könnte nach der Entspannung kommen
Eine politische oder militärische Entspannung im Nahen Osten könnte den Ölpreis zunächst erheblich entlasten. Sinkende Sicherheitsprämien, niedrigere Transportkosten und ein verlässlicherer Verkehr durch Hormus würden den Markt unmittelbar beruhigen. Doch anschließend beginnt der Wiederaufbau. Staaten und Unternehmen, die ihre Lagerbestände während der Krise reduziert haben, werden einen Teil der zusätzlich verfügbaren Mengen wieder einlagern wollen. Dadurch entsteht eine Nachfrage, die auch nach einer geopolitischen Entspannung bestehen bleibt. Für Verbraucher und Unternehmen ist dieser Mechanismus entscheidend. Selbst wenn die sichtbarsten Symptome der Energiekrise nachlassen, können Öl, Diesel, Flugtreibstoff und Transportleistungen länger teuer bleiben. Die Belastung würde dann nicht mehr hauptsächlich aus einer blockierten Meerenge entstehen, sondern aus dem Versuch, die Widerstandsfähigkeit des gesamten Systems wiederherzustellen.
Energie bleibt ein Inflationsrisiko
Ein dauerhaft höheres Preisniveau bei Öl und raffinierten Produkten reicht weit über Tankstellen hinaus. Energie verteuert Güterverkehr, Luftfahrt, Landwirtschaft, industrielle Produktion und zahlreiche internationale Lieferketten. Steigende Dieselkosten treffen nahezu jede Volkswirtschaft, unabhängig davon, ob sie selbst große Mengen Rohöl importiert. Damit gewinnt die Entwicklung auch für Zentralbanken an Bedeutung. Fed und EZB können geopolitische Angebotsschocks nicht mit Zinserhöhungen beseitigen. Sie müssen jedoch darauf reagieren, wenn hohe Energiepreise in Transportkosten, Warenpreise und Inflationserwartungen übergehen. Die schwierige Konstellation wäre deshalb eine wirtschaftliche Abschwächung bei gleichzeitig hartnäckigem Preisdruck. Je länger Energie teuer bleibt, desto komplizierter wird es für Zentralbanken, Wachstumssorgen und Inflationsrisiken gleichzeitig auszubalancieren.
Die Reserven haben ihren Zweck erfüllt
Notfallbestände existieren, um außergewöhnliche Versorgungsschocks abzufedern. In der aktuellen Krise haben sie genau diese Funktion erfüllt. Unternehmen und Staaten konnten fehlende Mengen teilweise ersetzen und damit verhindern, dass schwere Störungen unmittelbar zu einer noch größeren Versorgungskrise wurden. Die G7-Staaten haben Anfang Oktober vereinbart, insgesamt 100 Millionen Barrel Rohöl und Diesel aus Notfallreserven freizugeben und zugleich auf Beschränkungen von Energieexporten zu verzichten. Gleichzeitig waren kommerzielle Bestände bereits zuvor erheblich beansprucht worden. Eine Reserve kann jedoch nur einmal entnommen werden, bevor sie wieder aufgefüllt werden muss. Jede weitere größere Störung würde deshalb auf ein System treffen, dessen verfügbare Sicherheitsmarge geringer geworden ist.
Zwei Jahre sind keine Gewissheit
Die von Aramco genannte Schätzung von bis zu zwei Jahren darf nicht als feststehender Fahrplan verstanden werden. Eine schnellere Normalisierung der Förderung, zusätzliche Kapazitäten oder eine schwächere weltweite Nachfrage könnten den Aufbau der Lager beschleunigen. Eine Konjunkturabkühlung würde den Verbrauch senken und zusätzliche Mengen für die Einlagerung freisetzen. Das Gegenrisiko ist ebenso klar. Neue Angriffe auf Produktionsanlagen, Pipelines, Tanker oder Raffinerien könnten erneut Mengen aus dem Markt nehmen. Weitere Störungen an Hormus oder Bab al-Mandab würden Transportwege verteuern und die Wiederherstellung der Reserven erschweren. Die Einschätzung beschreibt deshalb weniger ein festes Enddatum als die Größenordnung des Problems. Der Weltmarkt muss nicht nur zu normalen Liefermengen zurückkehren. Er muss anschließend auch jene Sicherheitsmarge rekonstruieren, die während der Krise verbraucht wurde.
Die zweite Phase der Energiekrise beginnt
Der globale Ölmarkt hat bislang bewiesen, dass er selbst massive Störungen auffangen kann. Produktion wurde umgeleitet, Lager wurden geöffnet, Transportketten angepasst und zusätzliche Risiken eingepreist. Das System ist unter enormem Druck funktionsfähig geblieben. Doch diese Widerstandsfähigkeit wurde nicht kostenlos erkauft. Ein Teil der Reserven ist verbraucht, Raffineriekapazitäten bleiben angespannt und die Logistik ist teurer und verletzlicher geworden. Die Welt befindet sich damit nicht automatisch am Ende der Energiekrise, nur weil wieder mehr Öl transportiert wird. Die erste Phase war vom Kampf um die laufende Versorgung geprägt. Die zweite wird vom Wiederaufbau jener Reserven bestimmt, die diesen Kampf überhaupt ermöglicht haben. Genau darin liegt das neue Risiko: Der nächste größere Angebotsschock würde auf einen deutlich dünneren Sicherheitspuffer treffen.
Ölreserven am Limit: Warum die Energiekrise noch Jahre nachwirken könnte. Globale Ölbestände sind stark geschrumpft. Selbst bei einer Entspannung an der Straße von Hormus könnte der Wiederaufbau der Reserven Jahre dauern und Preise, Inflation und Geldpolitik belasten.
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