Rubrik: Geopolitik
Format: Spezialbericht
Autor: Sinisa Brkic (sb)
Sudan Krieg 2026: Der Kampf um El Obeid und die drohende Teilung. Der Krieg im Sudan eskaliert rund um El Obeid. Der Spezialbericht analysiert die militärische Lage, die humanitäre Katastrophe, ausländische Einflussnahme und die Gefahr einer dauerhaften Teilung des Landes.
Während die internationale Aufmerksamkeit anderen Krisen folgt, tritt der Krieg im Sudan in eine neue und möglicherweise entscheidende Phase. Im Zentrum steht El Obeid, ein strategischer Verkehrsknoten zwischen dem vom Militär kontrollierten Osten und den Machtgebieten der paramilitärischen Rapid Support Forces im Westen. Der Kampf um die Stadt zeigt, dass es längst nicht mehr allein um die Führung des Staates geht, sondern um die Frage, ob Sudan als zusammenhängendes Land bestehen bleibt.
Eine Stadt wird zum strategischen Scharnier
El Obeid ist kein symbolischer Nebenkriegsschauplatz. Die Hauptstadt des Bundesstaates Nordkordofan liegt an den Verbindungen zwischen Khartum, Darfur und den südlichen Landesteilen. Wer die Stadt kontrolliert, beeinflusst wichtige Nachschubwege, Handelsrouten und den Zugang zu mehreren umkämpften Regionen.
Die paramilitärischen Rapid Support Forces, kurz RSF, versuchen seit Monaten, ihren Einfluss rund um El Obeid auszubauen. Die sudanesischen Streitkräfte halten dagegen, weil ein Verlust der Stadt ihre Verbindung nach Westen weiter schwächen und den territorialen Zusammenhalt des von ihnen kontrollierten Staatsgebiets gefährden würde. Damit wird El Obeid zu einem militärischen Scharnier, dessen Bedeutung weit über Nordkordofan hinausreicht.
Für die Zivilbevölkerung bedeutet diese strategische Lage eine nahezu vollständige Einkreisung durch den Krieg. Hunderttausende Menschen leben unter Bedingungen, die von Wasserknappheit, zerstörter Infrastruktur, eingeschränkter medizinischer Versorgung und wiederholten Drohnenangriffen geprägt sind. Internationale Beobachter warnen vor einer Entwicklung, die an frühere Eskalationen in Darfur erinnert.
Der Krieg hat seine Geografie verändert
Als die Kämpfe im April 2023 begannen, konzentrierte sich die öffentliche Wahrnehmung vor allem auf Khartum. Die Hauptstadt wurde zum Schauplatz eines offenen Machtkampfes zwischen Armeechef Abdel Fattah al Burhan und RSF Kommandeur Mohamed Hamdan Dagalo, bekannt als Hemedti. Beide Männer hatten zuvor gemeinsam den politischen Übergang des Landes blockiert und die zivile Regierung entmachtet.
Inzwischen hat sich das Kräfteverhältnis räumlich verschoben. Die Armee konnte Khartum weitgehend zurückerobern und ihre Kontrolle über den Norden, Osten und Teile des Zentrums festigen. Die RSF beherrscht dagegen große Gebiete im Westen, insbesondere in Darfur, und hat dort parallele politische und administrative Strukturen aufgebaut.
Die militärischen Fronten zeichnen damit zunehmend die Konturen zweier Machtbereiche. Eine formelle Teilung wurde bislang von keiner relevanten internationalen Instanz anerkannt. Praktisch entstehen jedoch getrennte Verwaltungsräume, unterschiedliche Sicherheitsordnungen und zunehmend auch voneinander abweichende wirtschaftliche Systeme.
Drohnen machen jeden Ort zur Front
Der Krieg im Sudan hat sich technologisch verändert. Beide Seiten setzen verstärkt Drohnen ein, die nicht mehr nur militärische Stellungen, sondern immer wieder auch Märkte, Fahrzeuge, Energieanlagen und andere zivile Einrichtungen treffen. Allein in den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 wurden nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als tausend Zivilisten durch Drohnenangriffe getötet.
Die zunehmende Reichweite dieser Systeme hebt die frühere Trennung zwischen Front und Hinterland auf. Städte können angegriffen werden, ohne dass Bodentruppen unmittelbar vorrücken müssen. Für die Bevölkerung entsteht dadurch ein permanenter Zustand der Unsicherheit, in dem selbst Wasserstellen, Straßen und Versorgungswege zu lebensgefährlichen Orten werden.
In El Obeid zeigt sich diese Entwicklung besonders drastisch. Frauen und Mädchen stehen nach Angaben von Hilfsorganisationen vor der Wahl, tagsüber Drohnenangriffe zu riskieren oder nachts Wasser zu holen, wenn die Gefahr sexueller Gewalt steigt. Der Krieg greift damit nicht nur auf das Territorium zu, sondern auf jede alltägliche Handlung.
Das Land zerfällt auch wirtschaftlich
Die drohende Teilung des Sudan ist nicht allein auf Landkarten sichtbar. In den von der RSF kontrollierten Gebieten sind Banknoten aufgetaucht, die außerhalb des offiziellen Systems der von der Armee gestützten Zentralbank zirkulieren. Gleichzeitig versucht eine von der RSF unterstützte Parallelregierung, staatliche Aufgaben wie Gehaltszahlungen und Finanzverwaltung zu übernehmen.
Damit wird Geld selbst zum Instrument des Krieges. Die Armee und die RSF kämpfen nicht nur um Städte, Kasernen und Straßen, sondern auch um Zahlungsverkehr, Steuereinnahmen und die Kontrolle wirtschaftlicher Ressourcen. Je länger diese parallelen Systeme bestehen, desto schwieriger wird eine spätere Wiederherstellung gemeinsamer staatlicher Institutionen.
Hinzu kommen Einnahmen aus Gold, Landwirtschaft und dem Handel mit Gummiarabikum. Sudan gehört zu den wichtigsten Produzenten dieses Rohstoffs, der unter anderem in Lebensmitteln, Medikamenten und Kosmetik eingesetzt wird. Teile des Handels verlaufen durch umkämpfte Gebiete und schwer kontrollierbare Lieferketten, wodurch Gewinne aus dem Export zur Finanzierung des Krieges beitragen können.
Ausländische Unterstützung verlängert den Konflikt
Der Krieg wird im Sudan geführt, doch seine Versorgung reicht über die Landesgrenzen hinaus. Beide Lager verfügen über politische Unterstützer und mutmaßliche militärische Lieferanten im Ausland. Die sudanesische Armee erhält in unterschiedlichem Umfang Rückhalt von Staaten wie Ägypten, der Türkei, Saudi Arabien und Katar.
Den Vereinigten Arabischen Emiraten wird von den Vereinten Nationen, amerikanischen Politikern und der sudanesischen Armee vorgeworfen, die RSF mit Waffen und logistischer Unterstützung zu versorgen. Abu Dhabi weist diese Anschuldigungen zurück. Unabhängig von den jeweiligen Dementis zeigt die Dauer des Krieges, dass beide Seiten weiterhin Zugang zu Geld, Treibstoff, Waffen und moderner Militärtechnik besitzen.
Diese externe Unterstützung verändert die politische Logik des Konflikts. Solange die Kriegsparteien darauf vertrauen können, militärisch versorgt zu werden, sinkt der Druck zu ernsthaften Verhandlungen. Diplomatische Initiativen bleiben wirkungslos, wenn dieselben regionalen Akteure, die öffentlich zum Frieden aufrufen, gleichzeitig ihre eigenen strategischen Interessen verfolgen.
Friedenspläne scheitern an der Machtfrage
Die Vereinigten Staaten haben einen Plan vorgelegt, der eine humanitäre Feuerpause, anschließende Waffenstillstandsverhandlungen und eine zivile politische Übergangsordnung vorsieht. Die sudanesische Armee hat zentrale Bestandteile grundsätzlich akzeptiert, verlangt jedoch den vollständigen Rückzug der RSF aus den von ihr kontrollierten Städten. Die RSF wiederum zeigt sich zu Verhandlungen bereit, ohne ihre militärischen Positionen vorab aufzugeben.
Damit bleibt der entscheidende Widerspruch ungelöst. Die Armee betrachtet einen Rückzug der RSF als Voraussetzung für politische Gespräche. Die RSF will ihre territoriale Kontrolle dagegen als Verhandlungsmasse erhalten und nicht vor Beginn eines politischen Prozesses aufgeben.
Ein Waffenstillstand ist unter diesen Bedingungen mehr als eine technische Vereinbarung über das Ende von Kampfhandlungen. Er würde festlegen, welche Seite ihre militärischen Gewinne behält und mit welchem Gewicht sie in eine spätere politische Ordnung eintritt. Genau deshalb ist die Diplomatie blockiert.
Eine humanitäre Katastrophe wird zur politischen Normalität
Millionen Menschen wurden seit Beginn des Krieges vertrieben. Ganze Regionen leiden unter Hunger, Krankheiten und dem Zusammenbruch medizinischer Versorgung. Besonders Frauen und Kinder sind von Vertreibung, sexualisierter Gewalt und dem Verlust elementarer Schutzräume betroffen.
Die internationale Hilfe bleibt weit hinter dem tatsächlichen Bedarf zurück. Zugleich erschweren Angriffe, Straßensperren und bürokratische Blockaden den Zugang zu den betroffenen Gebieten. Hilfe wird damit nicht nur knapp, sondern selbst zum Gegenstand militärischer Kontrolle.
Das Gefährliche an dieser Entwicklung ist ihre schleichende Normalisierung. Der Krieg dauert inzwischen so lange, dass selbst extreme Zahlen kaum noch politische Reaktionen auslösen. Was andernorts als akute internationale Krise behandelt würde, droht im Sudan als dauerhafter Zustand akzeptiert zu werden.
Darfur bleibt das Zentrum möglicher Kriegsverbrechen
In Darfur wird die aktuelle Gewalt von der Geschichte früherer Massaker überschattet. Der Internationale Strafgerichtshof untersucht Verbrechen, die in Städten wie El Geneina und El Fasher begangen worden sein sollen. Ermittler sehen Fortschritte bei der Frage, ob konkrete Gewalttaten höheren militärischen und politischen Führungsebenen zugerechnet werden können.
Derartige Ermittlungen sind entscheidend, weil sich die Verantwortung für Massentötungen, Vertreibungen und sexualisierte Gewalt nicht auf einzelne Kämpfer reduzieren lässt. Moderne Kriegsverbrechen entstehen häufig in Befehlsketten, durch organisierte Logistik und durch politische Entscheidungen, die bestimmte Bevölkerungsgruppen schutzlos machen.
Auch die sudanesischen Streitkräfte werden schwerer Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht beschuldigt. Eine glaubwürdige juristische Aufarbeitung darf deshalb nicht nach politischer Zugehörigkeit unterscheiden. Wer Verantwortlichkeit selektiv behandelt, stärkt nicht das Recht, sondern verlängert die Logik der Straflosigkeit.
Warum der Krieg Europa betrifft
Sudan liegt an einer geopolitisch sensiblen Schnittstelle zwischen dem Sahel, dem Horn von Afrika, dem Roten Meer und der arabischen Welt. Ein dauerhafter Zerfall des Landes würde nicht an seinen Grenzen enden. Er könnte Fluchtbewegungen verstärken, Schmuggelrouten ausweiten und bewaffneten Gruppen neue Rückzugsräume eröffnen.
Auch die Stabilität benachbarter Staaten steht unter Druck. Tschad, Südsudan, Äthiopien, Eritrea, Ägypten und die Zentralafrikanische Republik sind auf unterschiedliche Weise von Flüchtlingsbewegungen, Grenzkonflikten oder politischen Interessen im Sudan betroffen. Je länger der Krieg dauert, desto größer wird die Gefahr, dass aus einem innerstaatlichen Machtkampf eine dauerhaft regionalisierte Konfliktordnung entsteht.
Für Europa ist die bisherige Distanz deshalb kurzsichtig. Humanitäre Hilfe allein kann einen politisch und militärisch gespeisten Staatszerfall nicht aufhalten. Erforderlich wären koordinierter Druck auf ausländische Unterstützer, schärfere Kontrollen von Waffenlieferungen und eine Diplomatie, die nicht nur Feuerpausen verwaltet, sondern die ökonomischen Grundlagen des Krieges angreift.
El Obeid entscheidet nicht allein über eine Stadt
Der Kampf um El Obeid macht sichtbar, worauf der Krieg im Sudan hinausläuft. Gewinnt die RSF entscheidend an Boden, könnte sie ihren Herrschaftsraum zwischen Darfur und Kordofan festigen. Hält die Armee die Stadt, bleibt ihre Verbindung zu den westlichen Fronten bestehen, ohne dass dadurch eine politische Lösung näher rückt.
Keine der beiden Seiten verfügt derzeit über eine überzeugende Ordnung für das gesamte Land. Die Armee bietet militärische Zentralisierung, aber keine glaubwürdige Rückkehr zu einem zivilen Übergang. Die RSF errichtet parallele Strukturen, deren Grundlage bewaffnete Kontrolle und territoriale Macht ist.
Sudan steht deshalb nicht nur vor der Frage, wer den Krieg gewinnt. Entscheidend ist, ob nach diesem Krieg überhaupt noch ein gemeinsamer Staat existiert, der politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich wieder verbunden werden kann. El Obeid ist der Ort, an dem diese Frage militärisch verhandelt wird, während die internationale Gemeinschaft weiterhin nach einer Strategie sucht.
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