Joshua Kushner und der gescheiterte Milliardenumbau der FIFA

Veröffentlicht am 3. August 2026 um 21:21

Rubrik: Wirtschaft
Format: Spezialbericht
Autor: Sinisa Brkic (sb)

Joshua Kushner und der gescheiterte FIFA-Milliardendeal. Joshua Kushner (Bruder von Jared Kushner) sollte den Investoreneinstieg bei der FIFA anführen. Der gescheiterte Milliardenplan gefährdet nun Gianni Infantinos Präsidentschaft.

Gianni Infantino wollte das kommerzielle Zentrum der FIFA in eine mit 20 Milliarden US-Dollar bewertete Gesellschaft überführen und einen Minderheitsanteil an private Investoren abgeben. Als führender Kapitalgeber war ein von Joshua Kushner gegründetes Investmentvehikel vorgesehen. Der Plan ist zurückgezogen, doch der Vorgang legt offen, wie nah privates Kapital, politische Netzwerke und die Kontrolle über den Weltfußball inzwischen zusammengerückt sind.

Ein Geschäft, das weit über den Fußball hinausging

Innerhalb weniger Tage wurde aus einem ehrgeizigen Finanzierungsmodell eine institutionelle Krise. FIFA-Präsident Gianni Infantino wollte die kommerziellen Rechte und den operativen Turnierbetrieb des Weltverbands in einer neuen Gesellschaft namens FIFA Forward Enterprise bündeln. Private Investoren sollten bis zu 20 Prozent dieser Einheit erwerben und dafür insgesamt bis zu 4,2 Milliarden US-Dollar bereitstellen.

Die FIFA bezifferte den Ausgangswert der geplanten Gesellschaft auf rund 20 Milliarden US-Dollar. Unter ihrem Dach sollten unter anderem Übertragungsrechte, Sponsoring, Ticketverkauf, Lizenzgeschäfte und die operative Durchführung der FIFA-Turniere zusammengeführt werden. Damit wäre nicht irgendein Randgeschäft ausgelagert worden, sondern der wirtschaftliche Kern der Organisation.

Die FIFA betonte, dass sie alleinige Eigentümerin bleiben und sämtliche sportlichen sowie regulatorischen Entscheidungen weiterhin selbst treffen würde. Diese formale Abgrenzung beruhigte die Kritiker jedoch nicht. Wer die Einnahmeströme, Vermarktungsplattformen und wirtschaftlichen Zielvorgaben kontrolliert, besitzt zwar nicht automatisch die sportliche Entscheidungsgewalt, erhält aber erheblichen Einfluss auf die Richtung, in die sich ein globaler Wettbewerb entwickelt.



Kushners vorgesehene Schlüsselrolle

Als erwarteter führender Investor war Thrive Eternal vorgesehen, ein von Joshua Kushner gegründetes Anlagevehikel. Die US-Bank J.P. Morgan beriet die FIFA bei der geplanten Kapitalaufnahme. Kushner wäre damit nicht bloß einer von mehreren anonymen Geldgebern gewesen, sondern der zentrale private Partner eines Geschäfts geworden, das die kommerzielle Architektur der FIFA bis mindestens 2038 geprägt hätte.

Joshua Kushner ist vor allem als Gründer der New Yorker Investmentgesellschaft Thrive Capital bekannt, die ihren Schwerpunkt bei Technologie-, Software- und internetbasierten Unternehmen hat. Thrive Eternal wurde als langfristig orientiertes Investitionsvehikel für Beteiligungen an Sportorganisationen und bekannten Marken positioniert. Der geplante Einstieg bei der FIFA hätte Kushners Geschäftsfeld auf eine neue Ebene gehoben, denn zur Debatte stand nicht die Beteiligung an einem einzelnen Klub, sondern ein Anteil am kommerziellen Betrieb des gesamten Weltverbands.

Über die tatsächlichen Rechte, Schutzklauseln und Mitwirkungsmöglichkeiten von Thrive Eternal ist bislang nur wenig öffentlich bekannt. Die FIFA sprach von einer nicht kontrollierenden Minderheitsbeteiligung. Ohne vollständige Vertragsentwürfe lässt sich jedoch nicht beurteilen, welche Informationsrechte, Zustimmungsvorbehalte oder wirtschaftlichen Sicherheiten einem Investor dieser Größenordnung eingeräumt worden wären.

Der Name Kushner und die politische Dimension

Joshua Kushner ist der jüngere Bruder von Jared Kushner, dem Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump. Diese familiäre Verbindung fiel in eine Phase, in der Infantino seine persönliche und politische Nähe zum Weißen Haus demonstrativ ausgebaut hatte. Während der Weltmeisterschaft 2026 traten Trump und Infantino wiederholt gemeinsam auf, auch beim Finale am 19. Juli im Raum New York.

Aus dieser Nähe folgt kein Beleg dafür, dass die US-Regierung den FIFA-Deal gesteuert, vermittelt oder wirtschaftlich unterstützt hat. Ebenso gibt es keine belastbaren Hinweise darauf, dass Joshua Kushner, Jared Kushner, Trump oder Infantino persönliche unzulässige Vorteile aus dem Vorhaben gezogen hätten. Die politische Brisanz entstand aus der Konstellation selbst: Ein mit dem Präsidentenumfeld familiär verbundener Investor sollte eine Schlüsselposition in einer Gesellschaft erhalten, die das wertvollste Sportereignis der Welt wirtschaftlich verwalten sollte.

Gerade deshalb hätte es maximale Transparenz gebraucht. Wer den Eindruck politischer Verflechtung vermeiden will, muss Auswahlverfahren, Bewertung, Investorenrechte und mögliche Interessenkonflikte offenlegen. Dass zentrale Funktionäre und Verbände nach eigenen Angaben erst sehr spät oder nur unvollständig informiert wurden, verstärkte den Verdacht einer Machtverschiebung hinter verschlossenen Türen.

Sofortiges Geld für 211 Verbände

Das Angebot an die Mitgliedsverbände war finanziell außergewöhnlich attraktiv. Jeder der 211 nationalen Verbände sollte die Möglichkeit erhalten, unmittelbar bis zu 20 Millionen US-Dollar für besondere Projekte abzurufen. Zusätzlich wollte die FIFA ihre regulären Entwicklungszahlungen bis 2038 deutlich erhöhen.

Diese Konstruktion war politisch wirksam, aber institutionell heikel. Die Verbände sollten über ein Strukturmodell entscheiden, während ihnen zugleich erhebliche zusätzliche Mittel in Aussicht gestellt wurden. Das ist kein Beleg für Bestechung oder rechtswidrige Einflussnahme, wirft aber eine klare Governancefrage auf: Wie unabhängig kann eine Entscheidung sein, wenn die Zustimmung mit einem unmittelbaren finanziellen Vorteil verbunden wird?

Die versprochenen Einmalzahlungen hätten bei vollständiger Inanspruchnahme nahezu die gesamte geplante Kapitalaufnahme verbraucht. Damit entstand der Eindruck, dass privates Geld zunächst eingesetzt werden sollte, um Zustimmung und globale Unterstützung für die neue Struktur zu sichern. Langfristig hätte das Kapital jedoch über die wirtschaftliche Entwicklung der ausgegliederten Gesellschaft refinanziert werden müssen.

Die ungelöste Renditefrage

Die FIFA erklärte, sämtliche Nettovorteile der neuen Gesellschaft sollten wieder in den Fußball fließen. Gleichzeitig sollte ein privater Investor mehrere Milliarden US-Dollar für einen Minderheitsanteil aufbringen. Wie Thrive Eternal und weitere Geldgeber ihre Rendite erzielen sollten, wurde öffentlich nicht ausreichend erläutert.

Denkbar wären Wertsteigerungen der Beteiligung, ein späterer Weiterverkauf oder vertraglich geregelte wirtschaftliche Vorrechte gewesen. Welche dieser Möglichkeiten tatsächlich vorgesehen waren, ist nicht belegt. Ohne Einsicht in Vertragsentwürfe bleibt deshalb die entscheidende Frage offen, wie das Versprechen vollständiger Reinvestition mit den Renditeerwartungen privater Kapitalgeber vereinbart werden sollte.

Für Kushner wäre gerade dieser Punkt von zentraler Bedeutung gewesen. Ein professioneller Investor stellt Milliardenbeträge nicht allein aus institutioneller Sympathie bereit. Er benötigt eine nachvollziehbare Perspektive für Wertzuwachs, Liquidität und Risikobegrenzung, auch wenn die Beteiligung keine formelle Kontrolle über sportliche Entscheidungen verleiht.

Formale Kontrolle, wirtschaftliche Abhängigkeit

Die FIFA argumentierte, sie werde alle sportlichen Befugnisse behalten. Sie sollte über Regeln, Spielkalender, Wettbewerbsformate und sämtliche fußballpolitischen Entscheidungen bestimmen. Die neue Gesellschaft hätte dennoch Übertragung, Sponsoring, Ticketing, Lizenzen und den operativen Turnierbetrieb gebündelt.

Diese Trennung zwischen sportlicher Autorität und kommerzieller Steuerung ist theoretisch möglich, in der Praxis aber schwer sauber aufrechtzuerhalten. Einnahmeziele können Einfluss darauf nehmen, wie viele Turniere organisiert werden, welche Märkte bevorzugt bedient werden, wie Ticketpreise gestaltet sind und welche Wettbewerbsformate besonders attraktiv erscheinen. Ohne die Verträge lässt sich nicht behaupten, dass Thrive Eternal entsprechende Entscheidungen hätte bestimmen können, doch genau diese Abgrenzung hätte transparent und überprüfbar geregelt werden müssen.

Die entscheidende Machtfrage lag daher nicht allein in Stimmrechten. Sie lag in der Möglichkeit, die wirtschaftlichen Erwartungen einer globalen Sportorganisation dauerhaft mit den Interessen externer Kapitalgeber zu verbinden. Für die UEFA und weitere Gegner des Plans war dies keine gewöhnliche Finanzierung, sondern eine strukturelle Veränderung des Weltfußballs.

Ein Plan mit schmaler institutioneller Basis

Der Widerstand wurde zusätzlich dadurch verschärft, dass selbst führende FIFA-Mitarbeiter den Entscheidungsprozess öffentlich kritisierten. FIFA-Geschäftsführer Kevin Lamour erklärte, Mitarbeiter seien über die Vorbereitung des Projekts getäuscht worden. Er bezeichnete das Vorhaben als das Projekt einer einzelnen Person und stellte damit Infantinos Führungsstil offen infrage.

Die Aussagen waren für die FIFA besonders beschädigend, weil sie nicht von einem externen Gegner kamen. Sie vermittelten den Eindruck, dass ein Geschäft von historischer Tragweite außerhalb der üblichen internen Kontrollmechanismen vorbereitet worden war. Der Konflikt drehte sich damit nicht mehr nur um Private Equity, sondern um die Frage, ob die FIFA überhaupt über belastbare institutionelle Gegengewichte zu ihrem Präsidenten verfügt.

Infantino zog den Plan schließlich in der Nacht zum 1. August zurück. Er begründete den Schritt damit, dass die entstandenen Spaltungen dem ursprünglich verfolgten Ziel schadeten. Das Projekt war damit vorerst beendet, die politischen Folgen ließen sich jedoch nicht mehr zurückholen.

Europas Gegenangriff wird juristisch

Die UEFA beschränkte sich nach dem Rückzug des Plans nicht auf politische Kritik. Ihre Anwälte informierten die FIFA, dass rechtliche Schritte, Schiedsverfahren und Beschwerden bei Aufsichtsbehörden geprüft würden. In einem Schreiben wurden 18 FIFA-Führungskräfte aufgefordert, Dokumente, Daten und elektronische Nachrichten im Zusammenhang mit FIFA Forward Enterprise zu sichern.

Die Aufforderung zur Beweissicherung bedeutet nicht, dass bereits eine Klage eingereicht wurde. Sie zeigt jedoch, dass die UEFA mögliche Verfahren ernsthaft vorbereitet und verhindern will, dass relevante Unterlagen verloren gehen. Genannt wurden neben Infantino unter anderem Finanzchef Thomas Peyer und der für globale Fußballentwicklung zuständige Arsène Wenger.

Berichten zufolge hatten sich die 55 UEFA-Mitglieder während der akuten Auseinandersetzung darauf verständigt, FIFA-Veranstaltungen zu boykottieren, solange der Investoreneinstieg weiterverfolgt wurde. Nach dem Rückzug des Projekts ist diese unmittelbare Drohung vorerst entfallen. Eine formelle, dauerhafte Boykottentscheidung gegen kommende Weltmeisterschaften liegt daraus nicht vor.

Infantinos Präsidentschaft verliert ihre Selbstverständlichkeit

Noch unmittelbar nach der Weltmeisterschaft galt Infantinos Wiederwahl als nahezu gesichert. Die FIFA hatte erklärt, der Präsident verfüge über Unterstützungsschreiben von rund 200 der 211 Mitgliedsverbände. Nach dem Zusammenbruch des Projekts begannen jedoch einzelne europäische Verbände, ihre Unterstützung zurückzuziehen.

Wales, Schweden und Serbien haben ihre bisherige Unterstützung inzwischen zurückgenommen. Die UEFA sucht nach Angaben des schwedischen Verbands aktiv nach einem Gegenkandidaten. Der nächste Wahlkongress findet am 18. März 2027 in Rabat statt, ein offizieller Herausforderer wurde bislang jedoch nicht präsentiert.

Damit ist Infantino nicht abgesetzt und auch nicht zum Rücktritt gezwungen. Er verfügt weiterhin über ein weitreichendes Netzwerk, besonders in Afrika und Teilen Südamerikas. Der gescheiterte Deal hat aber gezeigt, dass seine Macht nicht mehr unangreifbar ist und sich eine ungewöhnlich breite Koalition aus Europa, Nord- und Mittelamerika sowie Asien gegen ihn formieren kann.

Die Grenzen des gesicherten Wissens

Ungeklärt bleibt, wie weit die Verhandlungen mit Thrive Eternal tatsächlich fortgeschritten waren. Öffentlich bekannt sind weder vollständige Vertragsentwürfe noch sämtliche wirtschaftlichen Nebenabreden, Investorenrechte oder Ausstiegsklauseln. Auch die komplette Zusammensetzung der vorgesehenen Investorengruppe wurde nicht veröffentlicht.

Nicht belegt ist, dass Joshua Kushner oder Gianni Infantino persönliche finanzielle Vorteile erhalten sollten. Ebenso wenig ist nachgewiesen, dass Jared Kushner oder die Trump-Regierung an der Ausarbeitung des Geschäfts beteiligt waren. Berichte, wonach Infantino nach dem Zusammenbruch des Plans politische Unterstützung in Washington suchte, wurden teilweise zurückgewiesen und sind nicht mit einer offiziellen Unterstützungszusage verbunden.

Auch die Zukunft des Modells ist offen. Die konkrete FFE-Konstruktion wurde aufgegeben, doch die FIFA hat nicht grundsätzlich ausgeschlossen, neue Finanzierungswege für ihre Entwicklungsprogramme zu prüfen. Ob eine veränderte Form des Geschäfts später erneut vorgelegt wird, lässt sich derzeit nicht belastbar beantworten.

Der Deal ist gescheitert, der Machtkampf bleibt

Joshua Kushners vorgesehene Beteiligung war kein beiläufiges Detail. Sie zeigte, wie attraktiv die zentralen Einnahmeströme des Weltfußballs inzwischen für langfristig orientierte private Investoren geworden sind. Zugleich machte die Konstellation sichtbar, wie schnell ein wirtschaftliches Projekt zur politischen Belastung wird, wenn Transparenz, institutionelle Kontrolle und nachvollziehbare Entscheidungswege fehlen.

Infantino verlor den Deal innerhalb weniger Tage. Ob er auch seine Präsidentschaft verliert, entscheidet sich erst in den kommenden Monaten. Schon jetzt steht jedoch fest, dass FIFA Forward Enterprise eine Grenze markiert hat: Die kommerzielle Macht der FIFA kann nicht mehr hinter verschlossenen Türen neu verteilt werden, ohne einen offenen Konflikt über Eigentum, Kontrolle und die politische Zukunft des Weltfußballs auszulösen.


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