Rubrik: Wirtschaft
Format: Spezialbericht
Autor: Sinisa Brkic (sb)
Die mögliche Übernahme von PayPal erreicht eine neue Phase. Nachdem ein gemeinsames Angebot von Stripe und Advent International über 60,50 Dollar je Aktie dem PayPal-Verwaltungsrat zu niedrig war, wird inzwischen direkt über einen höheren Preis gesprochen. Ein Abschluss steht weiterhin nicht fest, doch aus einem Übernahmeversuch ist ein ernsthafter Milliardenpoker um einen der bekanntesten Namen der globalen Finanztechnologie geworden
Aus der Offerte wird eine ernsthafte Verhandlung
Die Ausgangslage hat sich verändert. Bereits im Juli hatten Stripe und der Finanzinvestor Advent International gemeinsam 60,50 Dollar je PayPal-Aktie geboten. Das entsprach einer Bewertung von mehr als 53 Milliarden Dollar. Der PayPal-Verwaltungsrat hielt diesen Preis jedoch für nicht ausreichend.
Nun sitzen die Parteien offenbar tatsächlich am Verhandlungstisch. Im Mittelpunkt steht ein möglicherweise höherer Kaufpreis. Genau darin liegt der neue Nachrichtenwert: Nicht mehr das bloße Interesse an PayPal bestimmt die Geschichte, sondern die Frage, ob sich Käufer und Verkäufer auf eine Bewertung einigen können, die für beide Seiten tragfähig ist.
Eine Vereinbarung gibt es bislang nicht. Auch ein erfolgreicher Abschluss innerhalb der kommenden Wochen ist keineswegs garantiert. Bei Transaktionen dieser Größenordnung können Finanzierung, Regulierung, Haftungsfragen und strategische Detailentscheidungen selbst in einer fortgeschrittenen Phase noch zum Scheitern führen.
Warum PayPal 60,50 Dollar nicht reichen
Der bekannte Juli-Preis lag bei 60,50 Dollar je Aktie. Aus Sicht der Käufer war das bereits ein Angebot in zweistelliger Milliardenhöhe, aus Sicht des PayPal-Verwaltungsrats offenbar noch keine ausreichende Bewertung für ein Unternehmen mit einer global etablierten Marke, hunderten Millionen Kundenbeziehungen und einer bedeutenden Stellung im digitalen Zahlungsverkehr.
PayPal verfügt trotz jahrelanger Kritik an Wachstum, Wettbewerb und strategischer Positionierung über Vermögenswerte, die für einen Käufer nur schwer neu aufzubauen wären. Dazu gehören die Marke PayPal selbst, Venmo, das Händlergeschäft Braintree, Angebote im Bereich Buy Now Pay Later sowie eine weltweit gewachsene Infrastruktur für digitale Zahlungen.
Für den Verwaltungsrat entsteht damit ein klassisches M&A-Problem. Ein zu niedriger Preis könnte gegenüber den Aktionären schwer zu rechtfertigen sein, während eine überzogene Forderung das Risiko erhöht, dass potenzielle Käufer abspringen. Die laufenden Gespräche dürften deshalb wesentlich davon abhängen, wie hoch Stripe und Advent ihre Bewertung noch anheben können, ohne die finanzielle Logik des Geschäfts zu beschädigen.
Wie teuer könnte PayPal werden?
An den Finanzmärkten richtet sich der Blick bereits auf die nächste mögliche Preisstufe. In Marktanalysen wurde ein Wert von etwa 70 Dollar je Aktie als wirtschaftlich grundsätzlich denkbare Größenordnung diskutiert. Ein solches Niveau wäre allerdings kein bestätigtes neues Angebot, sondern eine analytische Einschätzung darüber, wie weit das Käuferkonsortium theoretisch gehen könnte.
Der Unterschied ist entscheidend. Bislang gibt es keinen belastbar bekannten neuen Angebotspreis. Aussagen über 65, 70 oder mehr Dollar bleiben daher Szenarien und dürfen nicht mit einem tatsächlich vorgelegten Gebot verwechselt werden.
Ein höherer Preis würde zudem unmittelbar die Finanzierung belasten. Für das ursprüngliche Angebot standen nach bisherigen Informationen umfangreiche Bankzusagen zur Verfügung. Jede zusätzliche Milliarde erhöht jedoch den Kapitalbedarf und verschlechtert unter Umständen die Renditeerwartung der Käufer. Was für PayPal-Aktionäre attraktiv wäre, könnte für Stripe und Advent zunehmend schwieriger zu rechtfertigen sein.
Warum Stripe ausgerechnet PayPal will
Strategisch wäre die Kombination weitreichend. Stripe ist vor allem als Zahlungsinfrastruktur für Unternehmen gewachsen. PayPal wiederum verfügt über eine enorme Bekanntheit auf der Verbraucherseite und über direkte Beziehungen zu einer großen Zahl von Nutzern.
Eine Übernahme könnte Stripe Zugang zu einer Kundenbasis verschaffen, die sich organisch nur über viele Jahre aufbauen ließe. Besonders Venmo wäre dabei von Bedeutung. Der Dienst besitzt vor allem in den USA eine starke Stellung bei direkten Zahlungen zwischen Privatpersonen und könnte Stripe zusätzliche Möglichkeiten jenseits seines traditionellen Händlergeschäfts eröffnen.
Auch PayPals Aktivitäten rund um digitale Wallets, Debitprodukte, Ratenzahlungen und Stablecoins dürften für die strategische Bewertung eine Rolle spielen. Die Transaktion wäre damit weit mehr als der Kauf eines etablierten Zahlungsdienstleisters. Sie könnte die Kräfteverhältnisse im internationalen Fintech-Markt neu ordnen.
Braintree könnte zum Problem werden
Nicht jeder Teil von PayPal passt allerdings konfliktfrei zu Stripe. Besonders Braintree überschneidet sich in wichtigen Bereichen mit dem bestehenden Geschäft der potenziellen Käuferseite. Genau dort könnten regulatorische Fragen entstehen.
Bei einer Transaktion dieser Größenordnung dürften Wettbewerbsbehörden genau prüfen, welche Marktstellung ein kombinierter Konzern im Zahlungsverkehr erreichen würde. Denkbar wären Auflagen, Verkäufe einzelner Geschäftsbereiche oder strukturelle Verpflichtungen. Solche Fragen können den Wert einer Übernahme erheblich beeinflussen.
Für die Verhandlungen bedeutet das: Der Kaufpreis ist nur eine Ebene. Ebenso wichtig ist die Frage, welche Teile von PayPal Stripe tatsächlich übernehmen könnte und welche Zugeständnisse erforderlich wären, um einen regulatorisch genehmigungsfähigen Deal zu schaffen.
Die Finanzierung setzt dem Poker Grenzen
Das ursprüngliche Angebot wurde durch umfangreiche zugesagte Bankfinanzierung unterstützt. Das zeigt, dass es sich nicht um einen unverbindlichen Gedankengang handelte, sondern um einen finanziell vorbereiteten Übernahmeversuch.
Doch eine Erhöhung des Kaufpreises verändert die Rechnung. Je höher Stripe und Advent gehen, desto größer werden Kapitalbedarf, Verschuldung und zukünftiger Renditedruck. Gleichzeitig muss ein Kaufpreis hoch genug sein, damit PayPals Board seinen Aktionären einen Verkauf überzeugend empfehlen kann.
Dieser Interessenkonflikt bildet den Kern der derzeitigen Gespräche. PayPal versucht, den Wert seiner Plattform und seiner Nutzerbasis auszuschöpfen. Die Käufer müssen dagegen verhindern, dass aus einem strategisch attraktiven Deal eine finanziell überdehnte Transaktion wird.
Was die Gespräche für die PayPal-Aktie bedeuten
Die Börse reagierte unmittelbar auf den neuen Verhandlungsstand. Die PayPal-Aktie stieg am Freitag um rund 1,8 Prozent auf 61,66 Dollar. Damit lag der Marktpreis bereits leicht oberhalb der zuletzt bekannten Offerte von 60,50 Dollar.
Das lässt sich als Hinweis darauf verstehen, dass Anleger zumindest eine gewisse Wahrscheinlichkeit für einen höheren Preis oder eine andere positive Entwicklung einrechnen. Eine Garantie ist das nicht. Scheitern die Gespräche, kann sich ein Teil der Übernahmefantasie ebenso schnell wieder aus dem Kurs lösen.
Für Anleger ist deshalb besonders wichtig, zwischen dem bekannten Angebot, möglichen zukünftigen Preisvorstellungen und tatsächlichen Vereinbarungen zu unterscheiden. Aus laufenden Gesprächen lässt sich weder ein sicherer Übernahmepreis noch eine belastbare Kursprognose ableiten.
Venmo könnte zu einem Schlüsselwert der Transaktion werden
Bei der Bewertung von PayPal dürfte sich ein erheblicher Teil des strategischen Interesses auf Vermögenswerte richten, deren Wert sich nicht allein aus aktuellen Gewinnkennzahlen ableiten lässt. Venmo ist dafür das deutlichste Beispiel.
Die Plattform verschafft einem möglichen Käufer direkten Zugang zu Millionen Nutzern und zu einem etablierten digitalen Zahlungsökosystem. Für Stripe, dessen Stärke historisch vor allem in der Infrastruktur für Händler und Unternehmen liegt, könnte genau diese Verbraucherseite einen erheblichen strategischen Mehrwert darstellen.
Ähnliches gilt für PayPals weitere Zahlungsdienste und die internationale Markenbekanntheit. Ein Käufer erwirbt nicht nur Technologie und Umsatz, sondern auch Reichweite, Vertrauen und eine Position im Zahlungsverkehr, deren Aufbau enorme Zeit und Investitionen erfordert.
Ein Milliardenpoker ohne sicheren Ausgang
Der mögliche Verkauf von PayPal ist damit deutlich konkreter geworden, entschieden ist er noch lange nicht. Der Abstand zwischen 60,50 Dollar und einem Preis, den der Verwaltungsrat akzeptieren könnte, bleibt einer der entscheidenden Punkte. Gleichzeitig müssen Stripe und Advent Finanzierung, regulatorische Risiken und die strategische Integration eines komplexen globalen Konzerns beherrschbar halten.
Genau diese Kombination macht die kommenden Wochen entscheidend. Ein höheres Angebot könnte die Verhandlungen erheblich beschleunigen. Ebenso möglich bleibt jedoch, dass Preisvorstellungen oder strukturelle Probleme unüberwindbar werden.
Fest steht bislang nur eines: Die PayPal-Übernahme ist nicht mehr lediglich ein externes Angebot, über das ein Verwaltungsrat entscheidet. Käufer und Zielunternehmen verhandeln inzwischen über den Wert eines der bekanntesten Namen der Fintech-Branche. Ob daraus tatsächlich einer der größten Deals des Sektors entsteht, entscheidet sich erst am Ende dieses Milliardenpokers.
PayPal-Übernahme: Stripe und Advent verhandeln über höheren Preis. PayPal verhandelt mit Stripe und Advent International über einen möglichen Verkauf. Nach der abgelehnten Offerte von 60,50 Dollar je Aktie steht nun ein höherer Übernahmepreis im Raum.
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