Siemens: Konzernumbau ein Fehler von Joe Kaesers?

Veröffentlicht am 15. August 2026 um 13:05

Rubrik: Wirtschaft
Format: Spezialbericht
Autor: Sinisa Brkic (sb)

Der Siemens Gesamtbetriebsratschef Tobias Bäumler stellt eine der folgenreichsten industriepolitischen Entscheidungen der vergangenen Jahre infrage. Die Trennung von Siemens Energy und die Verselbstständigung von Siemens Healthineers seien strategische Fehler gewesen, argumentiert der Arbeitnehmervertreter. Die Börsenwerte der drei Unternehmen verleihen der Kritik auf den ersten Blick enorme Wucht. Doch eine genauere Betrachtung zeigt, dass die Milliardenrechnung deutlich komplizierter ist.

Eine Kritik, die den Kern der Siemens Strategie trifft

Tobias Bäumlers Angriff auf die Ära Joe Kaeser ist mehr als die nachträgliche Kritik eines Arbeitnehmervertreters an einer früheren Unternehmensführung. Der Vorsitzende des Siemens Gesamtbetriebsrats bezeichnet die unter Kaeser vollzogene Verselbstständigung von Siemens Healthineers und die Abspaltung von Siemens Energy ausdrücklich als Fehler. Seine Begründung ist einfach und politisch wirksam: Beide Unternehmen hätten sich hervorragend entwickelt, gemeinsam wäre Siemens heute wertvoller.

Damit steht eine Grundfrage moderner Konzernpolitik wieder auf dem Tisch. Schaffen fokussierte, eigenständige Unternehmen mehr Wert als ein großer Industriekonzern, der unterschiedliche Geschäfte unter einem Dach bündelt? Bei Siemens lässt sich diese Frage heute an drei der bedeutendsten deutschen Börsenunternehmen beobachten.



Fast 400 Milliarden Euro und eine Rechnung mit Haken

Die Zahlen wirken zunächst spektakulär. Siemens wird Mitte August 2026 an der Börse mit rund 218 Milliarden Euro bewertet, Siemens Energy kommt auf etwa 137 Milliarden Euro und Siemens Healthineers auf rund 44 Milliarden Euro. Wer die drei Werte einfach addiert, landet bei knapp 400 Milliarden Euro.

Genau diese Rechnung wäre jedoch wirtschaftlich irreführend. Siemens hält weiterhin rund zwei Drittel der Aktien von Healthineers. Auch an Siemens Energy bestand zuletzt noch eine Beteiligung, die nach weiteren Veräußerungsschritten deutlich kleiner geworden ist. Ein Teil des Börsenwertes von Healthineers und Energy steckt deshalb bereits wirtschaftlich im Wert von Siemens und würde bei einer simplen Addition doppelt gezählt.

Selbst eine grobe Bereinigung dieser Beteiligungen führt nicht zu einer belastbaren Antwort auf die Frage, was ein niemals aufgespaltener Siemens Konzern heute wert wäre. Rechnerisch lässt sich eine Größenordnung von rund 360 Milliarden Euro für die getrennt betrachteten wirtschaftlichen Beteiligungen ableiten. Daraus folgt aber gerade nicht, dass ein gemeinsamer Siemens Konzern denselben Wert erreicht hätte.

Kaeser wollte nicht verkleinern, sondern Wert freisetzen

Die damalige Logik des Umbaus war klar. Joe Kaeser wollte die Geschäfte stärker fokussieren, Verantwortlichkeiten schärfen und einzelnen Bereichen mehr unternehmerische Freiheit geben. Unterschiedliche Industrien sollten ihre Investitionen, Strategien und Kapitalstrukturen stärker nach den Bedingungen ihrer jeweiligen Märkte ausrichten können.

Bei Siemens Energy ging der Schritt besonders weit. Mit der Börsennotierung im September 2020 gab Siemens die unternehmerische Kontrolle über das Energiegeschäft ab. Siemens Aktionäre erhielten direkt Anteile an der neuen Gesellschaft, während Siemens zunächst selbst eine bedeutende Beteiligung behielt und diese später schrittweise reduzierte.

Der entscheidende Punkt wird in der heutigen Debatte leicht übersehen. Der Wert von Siemens Energy verschwand durch die Abspaltung nicht einfach aus den Händen der damaligen Siemens Aktionäre. Ein erheblicher Teil wurde ihnen unmittelbar in Form von Energy Aktien übertragen. Ob die Trennung Wert vernichtete oder freisetzte, lässt sich deshalb nicht allein aus der heutigen Größe von Siemens Energy ableiten.

Siemens Energy ist das stärkste Argument für beide Seiten

Gerade Siemens Energy macht die Bewertung des Kaeser Kurses besonders schwierig. Das Unternehmen musste nach der Trennung schwere Krisen bewältigen, vor allem im Windkraftgeschäft von Siemens Gamesa. Zeitweise standen Milliardenverluste, staatlich flankierte Garantien und erhebliche Zweifel an der Stabilität des Konzerns im Mittelpunkt.

Wäre Energy vollständig bei Siemens geblieben, wären diese Belastungen direkt im Industriekonzern angekommen. Gewinne aus Automatisierung, Infrastruktur, Mobilität und Software hätten sich mit den Risiken eines extrem kapitalintensiven Energiegeschäfts vermischt. Aus dieser Perspektive erscheint die Trennung rückblickend keineswegs offensichtlich falsch.

Heute hat sich das Bild gedreht. Siemens Energy profitiert von Investitionen in Stromnetze, Kraftwerkstechnik und die weltweite Elektrifizierung, der Börsenwert ist massiv gestiegen. Genau dieser Erfolg verleiht Bäumlers Kritik ihre Kraft. Er beweist aber nicht, dass dieselbe Entwicklung innerhalb des alten Siemens Konzerns in gleicher Form stattgefunden hätte.

Healthineers macht die These noch komplizierter

Bei Siemens Healthineers ist die Geschichte ohnehin keine klassische vollständige Abspaltung. Siemens brachte das Medizintechnikgeschäft 2018 an die Börse, behielt aber die klare Mehrheit. Der Mutterkonzern profitierte somit weiterhin erheblich von der Entwicklung des Unternehmens.

Bemerkenswert ist vielmehr, dass Roland Busch die Trennung inzwischen weiter vorantreibt. Siemens plant, zusätzliche Healthineers Anteile direkt an die eigenen Aktionäre zu übertragen und damit die Kontrolle über das Medizintechnikunternehmen aufzugeben. Die entscheidende Abstimmung soll nach derzeitiger Planung auf der Hauptversammlung im Februar 2027 erfolgen.

Gerade dieser Schritt relativiert die Vorstellung eines fundamentalen Bruchs zwischen Kaeser und Busch. Busch baut den alten Mischkonzern nicht wieder zusammen. Er konzentriert Siemens noch stärker auf jene Geschäfte, die technologisch eng miteinander verbunden werden können.

Roland Busch baut einen anderen Siemens Konzern

Die Strategie des heutigen Vorstandschefs setzt auf industrielle Software, Automatisierung, intelligente Infrastruktur, Mobilität, Daten und künstliche Intelligenz. Unter dem Programm ONE Tech Company sollen diese Fähigkeiten enger miteinander verzahnt werden. Siemens will nicht möglichst viele Industriebranchen besitzen, sondern dort dominieren, wo reale Maschinen, Anlagen und Infrastruktur mit Software und digitalen Modellen verbunden werden.

Die jüngsten Geschäftszahlen geben diesem Kurs Rückenwind. Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026 stiegen die vergleichbaren Auftragseingänge um 14 Prozent, der Umsatz um 8 Prozent. Das industrielle Geschäft erreichte einen Rekordgewinn von 3,5 Milliarden Euro, während das Digitalgeschäft in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres um 18 Prozent wuchs.

Künstliche Intelligenz wird dabei nicht als zusätzliches Softwareprodukt verstanden. Siemens versucht, KI direkt in Entwicklung, Fertigung, digitale Zwillinge, Automatisierung und den Betrieb industrieller Anlagen einzubauen. Die vertiefte Zusammenarbeit mit Nvidia und die Entwicklung eines industriellen KI Betriebssystems zeigen, wohin Busch den Konzern bewegen will.

Der eigentliche Unterschied liegt nicht zwischen groß und klein

Bäumlers Kritik trifft dennoch einen empfindlichen Punkt. Große Industriekonzerne verfügen über gemeinsame Forschungsressourcen, globale Kundenbeziehungen, Einkaufsmacht, Finanzkraft und einen tiefen Pool an Ingenieuren und Spezialisten. Werden Unternehmen getrennt, können solche Synergien schwächer werden oder ganz verschwinden.

Dem stehen die klassischen Nachteile eines Konglomerats gegenüber. Unterschiedliche Geschäftsmodelle konkurrieren um Kapital, Risiken werden miteinander vermischt und der Kapitalmarkt bewertet komplexe Strukturen häufig mit Abschlägen. Ein Medizintechnikkonzern, ein Energieausrüster und ein auf industrielle Digitalisierung ausgerichteter Technologiekonzern sprechen zudem unterschiedliche Investoren an.

Welche Seite überwiegt, lässt sich nicht nachträglich mit einer einzigen Zahl beweisen. Dafür müsste bekannt sein, wie sich Energy und Healthineers innerhalb eines gemeinsamen Siemens entwickelt hätten. Genau diese Vergleichswelt existiert nicht.

Kein Beweis für einen Fehler, aber eine berechtigte Milliardenfrage

Die heutige Börsenentwicklung liefert deshalb keinen Beweis dafür, dass Joe Kaeser Siemens zu stark zerlegt hat. Sie zeigt allerdings, welche enormen Unternehmenswerte inzwischen außerhalb des klassischen Siemens Kerns entstanden sind und warum die damaligen Entscheidungen erneut diskutiert werden.

Die vielleicht wichtigste Pointe liegt woanders. Roland Busch korrigiert Kaesers Strategie nicht, indem er die verlorenen Teile zurückholt. Er führt die Konzentration weiter, definiert den verbliebenen Kern aber schärfer und versucht, aus Siemens einen integrierten Industriekonzern für Software, Automatisierung und künstliche Intelligenz zu machen.

Ob Kaesers Umbau ein Fehler war, entscheidet sich daher weniger an der Frage, was Siemens Energy und Healthineers heute wert sind. Entscheidend ist, ob der neue Siemens Konzern langfristig mehr Wert aus seinem technologischen Fokus schaffen kann, als ein gemeinsamer Großkonzern aus seinen industriellen Synergien hätte ziehen können. Genau diese Rechnung ist noch offen.


Siemens, Energy und Healthineers: War Joe Kaesers Umbau ein Fehler? Siemens Betriebsratschef Tobias Bäumler kritisiert Joe Kaesers Konzernumbau. Was Energy, Healthineers und Siemens heute wert sind und ob die Trennung tatsächlich ein Milliardenfehler war.

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