Rubrik: Finanzen
Format: Spezialbericht
Autor: Sinisa Brkic (sb)
Christine Lagarde steht vor einer der schwierigsten Entscheidungen ihrer Amtszeit. Nach der Zinserhöhung im Juni hat die Europäische Zentralbank im Juli innegehalten, doch die Inflation liegt wieder deutlich über dem Zwei Prozent Ziel und ein weiterer Zinsschritt im September wird an den Märkten zunehmend erwartet. Zugleich holt Lagarde ihre eigene Vergangenheit ein: eine rechtskräftig festgestellte Nachlässigkeit in der französischen Tapie Affäre, umstrittene Entscheidungen während der Pandemie und die Fehleinschätzung der Inflation 2021 gehören ebenso zu ihrer Bilanz wie die Frage, wer Europas mächtigste Notenbank nach ihr führen wird.
Eine Präsidentin im zweiten Inflationssturm
Christine Lagarde führt die Europäische Zentralbank seit November 2019. Als sie ihr Amt übernahm, war das Hauptproblem der europäischen Geldpolitik eine hartnäckig niedrige Inflation. Sieben Jahre später hat sich die Welt grundlegend verändert. Pandemie, Krieg, Energiekrisen, geopolitische Fragmentierung und ein zunehmend unsicherer Welthandel haben aus der früheren Sorge vor Deflation eine permanente Auseinandersetzung mit Preisschocks gemacht. Lagardes reguläre achtjährige Amtszeit läuft bis Ende Oktober 2027.
Im Sommer 2026 steht die EZB erneut an einem kritischen Punkt. Der Einlagenzins liegt seit der Erhöhung im Juni bei 2,25 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,40 Prozent und der Spitzenrefinanzierungssatz bei 2,65 Prozent. Am 23. Juli ließ der EZB Rat alle drei Sätze unverändert. Die Entscheidung bedeutete jedoch keineswegs die Rückkehr zu einer entspannten Geldpolitik. Sie war vielmehr ein Warten auf belastbarere Daten.
Die jährliche Inflationsrate im Euroraum wurde für Juli auf 2,9 Prozent geschätzt, nach 2,8 Prozent im Juni. Damit liegt sie wieder sichtbar über dem Zwei Prozent Ziel der EZB. In ihren Projektionen vom Juni erwarteten die Fachleute des Eurosystems für das Gesamtjahr 2026 eine Inflation von durchschnittlich 3,0 Prozent, für 2027 von 2,3 Prozent und erst für 2028 wieder 2,0 Prozent. Verantwortlich für die Revision sind vor allem höhere Energiepreise und deren mögliche Weitergabe an Lebensmittel, Waren und Dienstleistungen. Damit ist Lagarde erneut dort angekommen, wo Zentralbankpräsidenten besonders verletzlich werden: zwischen der Gefahr, zu wenig zu tun, und dem Risiko, mit einer überzogenen Reaktion die Realwirtschaft zu beschädigen.
Der Zinsschritt im Juni war eine Warnung
Die Zinserhöhung vom 11. Juni war die erste Erhöhung der EZB seit fast drei Jahren. Sie folgte auf einen erneuten Energiepreisschock infolge der Eskalation im Nahen Osten. Die Notenbank reagierte nicht deshalb, weil im Euroraum bereits eine klassische Lohn Preis Spirale zu erkennen gewesen wäre. Sie handelte vor allem präventiv, um zu verhindern, dass ein zunächst externer Preisschub in Erwartungen, Löhne und Unternehmenspreise einsickert.
Das ist ein entscheidender Unterschied zur Inflationskrise von 2021 und 2022. Damals unterschätzten die EZB und andere große Zentralbanken über Monate die Dauer des Preisanstiegs. Im November 2021 erklärte Lagarde eine Zinserhöhung im Jahr 2022 noch für sehr unwahrscheinlich. Wenige Monate später zwang die Entwicklung die EZB zu einer historischen Kehrtwende. Als sie im Juli 2022 erstmals anhob, lag die Inflation bereits bei rund acht Prozent.
Diese Erfahrung prägt die heutige Reaktion. Lagarde kann es sich politisch wie institutionell kaum leisten, erneut den Eindruck entstehen zu lassen, die EZB erkenne eine Inflationsgefahr zu spät. Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung der Zinserhöhung vom Juni. Sie war nicht nur Geldpolitik. Sie war auch eine Reaktion auf die Erinnerung an den Fehler von 2021.
September wird zum Test für die neue EZB Doktrin
Am Markt wird inzwischen überwiegend mit einem weiteren Schritt gerechnet. In einer Mitte August veröffentlichten Umfrage erwarteten 57 von 69 befragten Ökonomen eine Erhöhung des Einlagenzinses um weitere 0,25 Prozentpunkte auf 2,50 Prozent im September. Die Mehrheit rechnet anschließend mit einer längeren Phase unveränderter Zinsen.
Genau diese Entscheidung birgt jedoch beträchtliches Risiko. Denn die derzeitige Inflation wird wesentlich von Energiepreisen getrieben. Höhere Zinsen können weder Öl fördern noch Gasleitungen ersetzen. Sie verteuern Kredite, bremsen Investitionen und dämpfen die Nachfrage. Ihre Rechtfertigung entsteht erst dann wirklich, wenn die EZB verhindern muss, dass höhere Energiekosten dauerhaft in das gesamte Preisgefüge übergehen.
Im Juli erklärte Lagarde, dass solche Zweitrundeneffekte bislang nicht klar erkennbar seien. Löhne, Unternehmensbefragungen und Inflationserwartungen lieferten noch keine eindeutigen Hinweise auf eine selbsttragende Inflationsspirale. Genau deshalb entschied sich der EZB Rat einstimmig für eine Pause. Gleichzeitig machte Lagarde deutlich, dass die vollständigen Auswirkungen des Energieschocks noch nicht sichtbar seien.
Das erzeugt ein ungewöhnliches Dilemma. Eine Zinserhöhung im September könnte sich im Nachhinein als notwendige Versicherung gegen eine erneute Inflationsentankerung erweisen. Sie könnte aber ebenso als Reaktion auf einen Angebotsschock erscheinen, den die Geldpolitik kaum kontrollieren kann.
Der Schatten von 2011 liegt über Frankfurt
Die historische Parallele ist unangenehm. Im Jahr 2011 erhöhte die EZB unter Jean Claude Trichet zweimal die Zinsen, weil Energiepreise und Inflation anzogen. Kurz darauf verschärfte sich die Staatsschuldenkrise. Die damaligen Zinserhöhungen werden heute von zahlreichen Ökonomen als geldpolitischer Fehler betrachtet. Die aktuelle Straffungsphase könnte, falls im September ein zweiter Schritt folgt, die kürzeste seit jenem Jahr werden.
Natürlich ist die Situation nicht identisch. Die Banken sind anders kapitalisiert, die institutionellen Schutzmechanismen der Währungsunion wurden ausgebaut und die EZB verfügt heute über Instrumente, die es 2011 nicht gab. Dazu zählt insbesondere das Transmission Protection Instrument, mit dem die Notenbank gegen ungeordnete Marktbewegungen vorgehen kann, wenn diese die einheitliche Übertragung der Geldpolitik im Euroraum gefährden.
Trotzdem bleibt die Grundfrage dieselbe: Wie aggressiv darf eine Zentralbank auf importierte Inflation reagieren, wenn gleichzeitig Wachstum, Industrie und Investitionen unter Druck stehen? Lagardes Vermächtnis könnte wesentlich davon abhängen, ob sie diese Balance diesmal besser trifft als ihre Vorgänger.
Die zweite Front: Billionen aus der Ära des billigen Geldes
Die öffentliche Debatte konzentriert sich auf Leitzinsen. Ein wesentlicher Teil der heutigen EZB Politik spielt sich jedoch in ihrer Bilanz ab. Nach Jahren massiver Anleihekäufe lässt das Eurosystem seine Bestände schrittweise schrumpfen. Beim früheren Ankaufprogramm APP werden fällige Wertpapiere nicht mehr ersetzt. Auch die Wiederanlage aus dem Pandemieprogramm PEPP wurde Ende 2024 beendet. Ende Juli 2026 hielt das Eurosystem allein im APP weiterhin Wertpapiere im Umfang von rund 2,3 Billionen Euro.
Diese Bilanz ist das Erbe jener Jahre, in denen die EZB mit Negativzinsen und massiven Anleihekäufen gegen Deflation und Wirtschaftskrisen kämpfte. Das Problem zeigt sich nun in umgekehrter Richtung. Die Notenbanken besitzen große Bestände niedrig verzinster Anleihen, während sie Banken für deren Einlagen beim Eurosystem deutlich höhere Zinsen bezahlen müssen.
Das hat Verluste in Teilen des Eurosystems verursacht und eine politisch sensible Debatte ausgelöst. Nach Informationen von Reuters erwägt die EZB unter anderem, die unverzinste Mindestreserve der Banken von derzeit einem auf zwei Prozent anzuheben. Eine solche Verdoppelung könnte die Zinsausgaben des Eurosystems um annähernd vier Milliarden Euro im Jahr reduzieren. Lagarde bestätigte im Juli, dass das Thema im EZB Rat diskutiert werden soll.
Die Banken sehen das kritisch. Für sie würde eine höhere unverzinste Reserve faktisch bedeuten, dass ein größerer Teil ihrer Liquidität keine Rendite mehr erwirtschaftet. Gerade deshalb ist diese scheinbar technische Entscheidung politisch bemerkenswert. Sie macht sichtbar, dass die Rechnung der früheren ultralockeren Geldpolitik noch lange nicht vollständig bezahlt ist.
Der größte geldpolitische Makel: Die Fehleinschätzung von 2021
Wer Lagardes Amtszeit bewerten will, kommt an der Inflationsprognose von 2021 nicht vorbei. Die EZB ging damals lange davon aus, dass der Preisanstieg weitgehend vorübergehend sein würde. Noch im Herbst 2021 hielt Lagarde Zinserhöhungen im folgenden Jahr für äußerst unwahrscheinlich. Die tatsächliche Entwicklung widerlegte diese Einschätzung dramatisch.
Dabei wäre es zu einfach, den Fehler allein Lagarde zuzuschreiben. Lieferkettenprobleme, die Folgen der Pandemie und später der Energiepreisschock nach der russischen Invasion in der Ukraine veränderten die Lage schneller, als viele Modelle erfassen konnten. Auch andere Zentralbanken lagen mit ihren Prognosen daneben. Dennoch trägt die Präsidentin die politische Verantwortung für die Kommunikation und die strategische Linie der Institution.
Der Fehler hatte Folgen. Die EZB musste später wesentlich aggressiver reagieren. Der anschließende Straffungszyklus war der stärkste in ihrer Geschichte. Für Kreditnehmer, Unternehmen und Immobilienmärkte bedeutete das einen abrupten Wechsel von extrem billigem Geld zu deutlich höheren Finanzierungskosten. Gerade deshalb reagiert Frankfurt im Jahr 2026 empfindlicher auf neue Inflationsrisiken.
Die Gefahr besteht nun in einer Überkorrektur. Eine Zentralbank, die einmal zu spät reagiert hat, kann beim nächsten Schock versucht sein, zu früh oder zu stark zu handeln. Die geldpolitische Herausforderung für Lagarde besteht deshalb nicht darin, den Fehler von 2021 einfach umzukehren. Sie muss verhindern, dass aus der Angst vor dem alten Fehler ein neuer entsteht.
Der Satz, der 2020 die Märkte erschütterte
Schon zu Beginn ihrer Präsidentschaft erlebte Lagarde einen Kommunikationsfehler mit unmittelbaren Marktfolgen. Im März 2020, als Europa in die Pandemie rutschte, erklärte sie auf einer Pressekonferenz sinngemäß, die EZB sei nicht dafür da, Renditeabstände zwischen Staatsanleihen zu schließen. Italienische Anleiherenditen stiegen daraufhin stark, während die Mailänder Börse an diesem Tag massiv einbrach.
Die Aussage traf einen empfindlichen Nerv der Währungsunion. Wenn die Finanzierungskosten einzelner Eurostaaten stark auseinanderlaufen, kann sich eine wirtschaftliche Krise rasch in eine Vertrauenskrise des Euro verwandeln. Lagarde korrigierte ihre Kommunikation noch am selben Tag und betonte, dass die EZB eine gefährliche Fragmentierung verhindern werde. Wenige Tage später folgte mit dem Pandemie Notfallankaufprogramm eine massive geldpolitische Intervention.
Der Vorfall war kein Skandal im rechtlichen Sinn. Er war aber ein früher Hinweis auf eine Schwäche, die Lagardes Amtszeit mehrfach begleiten sollte: Die ehemalige Politikerin und Juristin ist eine ausgesprochen erfahrene internationale Verhandlerin, doch Zentralbankkommunikation verzeiht sprachliche Ungenauigkeit kaum. Wenige Worte können Milliarden bewegen.
Die Tapie Affäre: Der schwerste juristische Schatten ihrer Karriere
Anders liegt der Fall bei der sogenannten Tapie Affäre. Hier handelt es sich nicht nur um politische Kritik, sondern um ein tatsächliches Gerichtsverfahren mit einem Schuldspruch. Der Vorgang stammt aus Lagardes Zeit als französische Wirtschafts und Finanzministerin unter Präsident Nicolas Sarkozy.
Im Zentrum stand ein jahrzehntelanger Streit des Unternehmers Bernard Tapie mit dem früher staatlich kontrollierten Crédit Lyonnais über den Verkauf seiner Adidas Beteiligung. Unter Lagardes Verantwortung wurde der Konflikt 2008 einem privaten Schiedsverfahren überlassen. Tapie erhielt schließlich eine Entschädigung von rund 400 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln. Später wurde der Schiedsspruch wegen betrügerischer Umstände aufgehoben und Tapie zur Rückzahlung verpflichtet.
Lagarde wurde nicht wegen Betrugs, Korruption oder persönlicher Bereicherung verurteilt. Das ist für die rechtliche Einordnung entscheidend. Der französische Gerichtshof der Republik befand sie 2016 jedoch wegen Nachlässigkeit im Umgang mit öffentlichen Geldern für schuldig. Beanstandet wurde insbesondere, dass sie den Schiedsspruch nicht angefochten hatte. Das Gericht verhängte keine Strafe. Lagarde blieb anschließend an der Spitze des Internationalen Währungsfonds.
Der Fall bleibt dennoch außergewöhnlich. Eine spätere EZB Präsidentin war als frühere Ministerin gerichtlich wegen Nachlässigkeit im Umgang mit einer Zahlung von mehreren hundert Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln schuldig gesprochen worden und erreichte trotzdem zwei der einflussreichsten Finanzämter der Welt.
Wer daraus allerdings einen Korruptionsskandal Lagardes konstruiert, überschreitet die Faktenlage. Das Gericht stellte keine persönliche Bereicherung fest und verurteilte sie nicht wegen Beteiligung an dem später festgestellten Betrug rund um das Schiedsverfahren. Die politische Verantwortung und die strafrechtlich festgestellte Nachlässigkeit sind schwerwiegend genug. Eine weitergehende Behauptung wäre nicht belegt.
Griechenland und die politische Seite der Technokratin
Auch ihre Jahre an der Spitze des Internationalen Währungsfonds waren nicht frei von Kontroversen. Lagarde leitete den IWF von 2011 bis 2019 und war damit eine zentrale Figur während der europäischen Staatsschuldenkrise. Besonders die Programme für Griechenland lösten heftige politische und ökonomische Auseinandersetzungen aus.
Der IWF wurde dafür kritisiert, in der Griechenlandkrise eigene Regeln gedehnt und harte Anpassungsprogramme unterstützt zu haben. Gleichzeitig drängte der Fonds unter Lagarde später stärker als manche europäischen Regierungen auf Schuldenerleichterungen, weil er die griechische Verschuldung für nicht nachhaltig hielt. Das Bild ist deshalb komplexer als die einfache Erzählung von einer kompromisslosen Austeritätspolitikerin.
Diese Episode zeigt jedoch etwas, das auch für ihre EZB Präsidentschaft relevant ist. Lagarde war nie eine reine Geldtheoretikerin. Ihr Aufstieg verlief über internationale Wirtschaftskanzleien, französische Ministerien, den IWF und schließlich die EZB. Ihre Stärke liegt in politischer Vermittlung und institutioneller Machtkoordination. Genau das macht sie in Krisen wirkungsvoll, öffnet aber zugleich die Frage, wo bei einer unabhängigen Zentralbank die Grenze zwischen Geldpolitik und Politik verlaufen soll.
Hat Lagarde die EZB politischer gemacht?
Unter Lagarde hat die EZB Themen stärker aufgegriffen, die früher nicht zum klassischen Kern einer Zentralbank gehörten. Dazu zählen Klimarisiken, Biodiversität, strategische Autonomie Europas, internationale Zahlungsstrukturen und zuletzt immer stärker die geopolitische Rolle des Euro.
Befürworter halten das für notwendig. Klimaschäden, Energieabhängigkeit oder geopolitische Fragmentierung können Inflation, Kreditrisiken und Finanzstabilität unmittelbar beeinflussen. Kritiker sehen dagegen die Gefahr einer schleichenden Ausweitung des Mandats. Bereits 2022 wurde Lagardes Klimastrategie im Europäischen Parlament als Ablenkung vom Kernauftrag der Preisstabilität kritisiert. Auch innerhalb der Zentralbankwelt gab es Stimmen, die vor einer politischen Überdehnung des Mandats warnten.
Hinzu kamen Spannungen im eigenen Haus. In einer 2024 veröffentlichten Umfrage der Gewerkschaft IPSO erklärte eine Mehrheit der teilnehmenden Beschäftigten, Lagarde sei aus ihrer Sicht nicht die richtige Person für die Führung der EZB zu diesem Zeitpunkt. Die EZB kritisierte die Aussagekraft der Erhebung. Solche Befragungen sind kein objektives Urteil über die Qualität der Geldpolitik, aber sie zeigen, dass Lagardes Führungsstil auch intern nicht unumstritten ist. Von einem Skandal kann hier nicht gesprochen werden. Von einer institutionellen Kontroverse sehr wohl.
Der digitale Euro wird zu Lagardes zweitem großen Vermächtnis
Während die Zinspolitik das Tagesgeschäft bestimmt, arbeitet die EZB an einem Projekt mit langfristig wesentlich größerer Tragweite. Der digitale Euro soll öffentliches Zentralbankgeld in die digitale Welt übertragen und Bargeld ergänzen, nicht ersetzen. Für Lagarde ist das Projekt inzwischen eng mit Europas monetärer Souveränität verbunden.
Dahinter steht eine strategische Sorge. Ein großer Teil des europäischen digitalen Zahlungsverkehrs hängt von privaten und vielfach außereuropäischen Zahlungsnetzen ab. Gleichzeitig entwickeln sich Stablecoins und andere private digitale Geldformen weiter. Aus Sicht der EZB könnte ein eigener digitaler Euro verhindern, dass der staatlich garantierte Euro im digitalen Alltag schrittweise an Bedeutung verliert.
Das Projekt hat 2026 politisch an Dynamik gewonnen. Die EZB begrüßte im Juli Fortschritte im Europäischen Parlament und strebt eine politische Einigung über den gesetzlichen Rahmen bis Ende des Jahres an. In der derzeit diskutierten Planung soll zunächst ein Pilot folgen, bevor ein möglicher breiterer Einsatz gegen Ende des Jahrzehnts denkbar wird.
Doch gerade hier entstehen neue Konfliktlinien. Banken befürchten, dass Einlagen aus dem Geschäftsbankensystem in digitales Zentralbankgeld abwandern könnten. Datenschützer fragen, wie weit staatliche oder institutionelle Einsicht in Zahlungsströme reichen darf. Andere Kritiker bezweifeln, ob ein digitales Zentralbankgeld überhaupt einen ausreichend großen zusätzlichen Nutzen gegenüber bestehenden elektronischen Zahlungsmitteln bietet.
Sollte der digitale Euro tatsächlich eingeführt werden, könnte er langfristig stärker mit Lagardes Namen verbunden bleiben als einzelne Zinsschritte. Dann hätte sie die EZB nicht nur durch zwei Inflationskrisen geführt, sondern die Form des europäischen Geldes selbst verändert.
Europas Zentralbank wird zunehmend geopolitisch
Parallel dazu treibt Lagarde eine größere strategische Erzählung voran. Europa müsse seine wirtschaftliche und finanzielle Handlungsfähigkeit stärken, Kapitalmärkte vertiefen und die internationale Rolle des Euro ausbauen. Die EZB sieht im digitalen Euro ausdrücklich ein Instrument zur Sicherung monetärer Souveränität. Der internationale Stellenwert der Gemeinschaftswährung hat sich zuletzt moderat verbessert, bleibt jedoch weit hinter der globalen Dominanz des US Dollar zurück.
Damit bewegt sich Lagarde auf einem schmalen Grat. Eine Zentralbank kann auf strukturelle Risiken hinweisen, aber sie kann fehlende politische Integration nicht ersetzen. Sie kann keinen europäischen Kapitalmarkt per Beschluss schaffen und keine gemeinsame Finanzpolitik erzwingen. Je stärker sich die EZB zu Europas strategischer Architektur äußert, desto stärker wird zugleich die Frage nach ihrer demokratischen Legitimation.
Lagarde scheint dieses Risiko bewusst einzugehen. Ihre Präsidentschaft hat die EZB jedenfalls sichtbarer als politischen Akteur Europas positioniert, auch wenn ihr rechtlicher Kernauftrag unverändert die Preisstabilität bleibt.
Die offene Rechnung der Banken
Eine der nächsten Auseinandersetzungen könnte weniger öffentlichkeitswirksam, wirtschaftlich aber erheblich sein. Die mögliche Erhöhung der Mindestreserve würde Banken einen Teil ihrer derzeit verzinsten Liquidität entziehen. Deutsche Bankenverbände haben bereits Widerstand signalisiert und argumentieren, eine solche Maßnahme würde ihre Profitabilität und Kreditvergabemöglichkeiten belasten.
Für die EZB geht es hingegen um ein strukturelles Problem ihres alten Krisenmodells. Zwischen 2015 und 2022 wurde enorme Liquidität geschaffen. Solange die Zinsen bei null oder darunter lagen, war das finanziell relativ unproblematisch. Mit steigenden Einlagenzinsen änderte sich die Rechnung. Das Eurosystem zahlt nun hohe Zinsen auf Reserven, während ein Teil seiner längerfristigen Wertpapiere deutlich weniger abwirft.
Dieser Konflikt berührt einen empfindlichen Punkt der Geldpolitik. Zentralbanken sind keine gewöhnlichen Unternehmen und müssen keinen Gewinn erwirtschaften. Dauerhafte Verluste können ihre geldpolitische Handlungsfähigkeit grundsätzlich nicht auf dieselbe Weise bedrohen wie bei einer Geschäftsbank. Politisch sind sie dennoch relevant, weil geringere Zentralbankgewinne auch geringere Ausschüttungen an nationale Haushalte bedeuten können.
Die Diskussion über Mindestreserven zeigt deshalb, wie eng heutige Entscheidungen mit den Krisenmaßnahmen der Vergangenheit verbunden sind. Die Bilanz von Lagardes Ära lässt sich nicht allein an der Inflationsrate messen.
Wird Lagarde vorzeitig gehen?
Offiziell endet Lagardes Amtszeit Ende Oktober 2027. Im Laufe des Jahres 2026 entstanden jedoch wiederholt Spekulationen über einen früheren Abgang. Im Februar wurde berichtet, sie könne ihren Posten vorzeitig räumen. Im Juli ließ Lagarde selbst grundsätzlich erkennen, dass sie eine Rolle in der französischen Debatte vor der Präsidentschaftswahl nicht vollständig ausschließe, betonte aber zugleich, derzeit keine Kandidatur anzustreben.
Nach der EZB Sitzung im Juli schlug sie einen deutlich verbindlicheren Ton an und erklärte, dass sie jedenfalls nicht vor 2027 gehen werde. Ein ausdrückliches Versprechen, bis zum letzten Tag ihrer Amtszeit im Oktober 2027 zu bleiben, war dies allerdings nicht. Die Spekulationen dürften deshalb nicht vollständig verschwinden.
Das ist mehr als Personalpolitik. Der Präsident oder die Präsidentin der EZB wird von den europäischen Staats und Regierungschefs ausgewählt. Der Zeitpunkt eines möglichen Wechsels kann damit Einfluss darauf haben, welche Regierungen an dieser Entscheidung beteiligt sind. Vor dem Hintergrund der französischen Präsidentschaftswahl 2027 bekommt Lagardes persönlicher Zeitplan eine europapolitische Dimension.
Gerade für eine Institution, deren Glaubwürdigkeit auf politischer Unabhängigkeit beruht, ist diese Konstellation sensibel. Solange Lagarde im Amt ist, muss jede geldpolitische Entscheidung frei von dem Verdacht bleiben, sie könne mit nationalen politischen Überlegungen verbunden sein. Für einen solchen Zusammenhang gibt es derzeit keinen belastbaren Beleg. Die Wahrnehmung allein kann für eine Zentralbank dennoch problematisch werden.
Die Nachfolge wird zur Richtungsentscheidung
Die nächste EZB Präsidentschaft wird unter Bedingungen beginnen, die mit dem Europa von 2019 kaum noch vergleichbar sind. Der künftige Amtsinhaber übernimmt eine Notenbank mit einer weiterhin enormen Bilanz, einem digitalen Währungsprojekt, steigenden Verteidigungs und Investitionsbedürfnissen Europas, neuen Handelskonflikten und einer Inflation, die strukturell volatiler werden könnte.
Die Strategieüberprüfung der EZB von 2025 hat das symmetrische Zwei Prozent Ziel bestätigt. Gleichzeitig hält die Bank ausdrücklich daran fest, auf große und anhaltende Abweichungen in beide Richtungen kraftvoll reagieren zu können. Anleihekäufe, Zinsinstrumente und andere außergewöhnliche Maßnahmen bleiben damit grundsätzlich im Werkzeugkasten.
Lagardes Nachfolger wird deshalb nicht einfach über einen Leitzins entscheiden. Er oder sie wird darüber bestimmen, wie interventionistisch die EZB nach Jahren permanenter Krisen sein darf. Wie stark soll sie Anleihemärkte stabilisieren? Welche Rolle spielt Klimarisiko? Wie weit soll der digitale Euro reichen? Wie viel Fragmentierung zwischen hoch und niedrig verschuldeten Mitgliedstaaten kann die Währungsunion verkraften? Und wann wird Unterstützung für die Übertragung der Geldpolitik faktisch zur Unterstützung nationaler Finanzpolitik?
Das sind Machtfragen, keine technischen Randfragen.
Lagardes Bilanz ist widersprüchlicher als das öffentliche Bild
Christine Lagarde ist weder die unfehlbare Krisenmanagerin, als die sie gelegentlich dargestellt wird, noch die politisierte Zentralbankchefin, auf die sich sämtliche Fehler der europäischen Geldpolitik reduzieren lassen. Ihre Bilanz enthält beides: erhebliche institutionelle Erfahrung und belegte Fehlentscheidungen.
Die Tapie Affäre bleibt der schwerste persönliche juristische Makel ihrer Karriere. Die Fehleinschätzung der Inflation 2021 gehört zu den zentralen geldpolitischen Schwächen ihrer Amtszeit. Der Kommunikationsfehler vom März 2020 zeigte früh, wie gefährlich unpräzise Worte an der Spitze einer Zentralbank sein können. Gleichzeitig führte sie die EZB durch die Pandemie, die Energiekrise und den anschließenden historischen Inflationsschock, ohne dass die Währungsunion auseinanderbrach.
Heute steht sie erneut vor einer Entscheidung, die erst im Rückblick eindeutig zu beurteilen sein wird. Erhöht die EZB im September nochmals die Zinsen und fällt die Inflation anschließend rasch, wird die Frage entstehen, ob sie unnötig gebremst hat. Verzichtet sie auf eine Erhöhung und verfestigt sich der Preisdruck, wird sofort die Erinnerung an 2021 zurückkehren.
Genau darin liegt die eigentliche Härte ihres Amtes. Zentralbankpolitik wird in Echtzeit unter Unsicherheit gemacht, ihre Fehler werden dagegen im Nachhinein mit vollständigen Daten beurteilt.
Das Vermächtnis entscheidet sich jetzt
Für Lagarde beginnt damit möglicherweise das letzte große Kapitel ihrer Präsidentschaft. Bis Ende 2027 bleiben regulär nur noch etwas mehr als vierzehn Monate. In dieser Zeit könnte sich entscheiden, ob die neue Inflationswelle eingedämmt wird, ob der digitale Euro den politischen Durchbruch schafft, wie die EZB mit den finanziellen Altlasten ihrer Anleihekäufe umgeht und ob die Präsidentin ihre Amtszeit tatsächlich vollständig beendet.
Ihr größtes Risiko ist dabei nicht eine einzelne falsche Zinsentscheidung. Es ist eine Glaubwürdigkeitsfrage. Die EZB muss beweisen, dass sie aus der verspäteten Reaktion von 2021 gelernt hat, ohne deshalb in die Überreaktion von 2011 zurückzufallen.
Dazwischen liegt jener schmale Bereich, in dem erfolgreiche Geldpolitik stattfindet. Genau dort muss Christine Lagarde in den kommenden Monaten navigieren. Sollte ihr das gelingen, könnte ihre Amtszeit trotz aller Kontroversen als Phase institutioneller Stabilisierung in Erinnerung bleiben. Sollte es misslingen, werden die alten Fragen schnell zurückkehren: ob die EZB zu politisch geworden ist, ob sie ihre eigenen Modelle überschätzt hat und ob Europas mächtigste Finanzinstitution aus vergangenen Fehlern tatsächlich gelernt hat.
Christine Lagarde und die EZB: Zinsen, Inflation, Kontroversen und die Zukunft des Euro. Christine Lagarde steht vor einer neuen geldpolitischen Bewährungsprobe. Der Spezialbericht analysiert die aktuelle EZB Politik, frühere Kontroversen, die Tapie Affäre, den digitalen Euro und die Machtfrage um ihre Nachfolge.
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