CIA-Direktor in Moskau: Was steckt hinter dieser Mission?

Veröffentlicht am 29. August 2026 um 07:15

Rubrik: Geopolitik
Format: Spezialbericht & Kommentar
Autor: Sinisa Brkic (sb)

Kommentar: Sinisa Brkic (sb) Ich bin mir meiner absoluten Überzeugung sicher, dass dieser Besuch des CIA-Direktors auch verdeckt hätte stattfinden können. Doch exakt das Gegenteil ist passiert. Ich glaube, dass dies so geplant und vorgesehen war. Alle sollten es mitbekommen.



CIA-Direktor John Ratcliffe reist unangekündigt nach Moskau, trifft die Spitze des russischen Auslandsgeheimdienstes und spricht nach Angaben informierter Quellen auch mögliche russische Operationen gegen NATO-Staaten an. Donald Trump spielt die Bedeutung der Reise herunter und versichert, Wladimir Putin werde kein NATO-Gebiet angreifen. Ein unmittelbar bevorstehender Angriff ist tatsächlich nicht belegt. Doch die Diskrepanz zwischen der öffentlichen Ruhe und dem Verhalten hinter den Kulissen wirft eine andere Frage auf: Welche Entwicklung hält Washington für ernst genug, um den CIA-Direktor persönlich nach Moskau zu schicken?

Ein ungewöhnlicher Besucher in Moskau

Am 25. August 2026 reiste John Ratcliffe nach Moskau. Der Direktor der Central Intelligence Agency gehört zu den ranghöchsten Sicherheitsbeamten der Vereinigten Staaten. Besuche eines CIA-Chefs in Russland sind zwar kein diplomatisches Tabu, gehören aber erst recht während eines Krieges in Europa nicht zum politischen Alltag.

Der Kreml bestätigte anschließend, dass Ratcliffe mit Vertretern der russischen Nachrichtendienste gesprochen hatte. Zu seinen Gesprächspartnern gehörte Sergej Naryschkin, der Direktor des russischen Auslandsgeheimdienstes SVR. Naryschkin bezeichnete das Treffen öffentlich als Arbeitsgespräch über sensible Fragen im Zuständigkeitsbereich beider Dienste. Wladimir Putin traf Ratcliffe nicht persönlich. Der Kreml stellte allerdings klar, dass der russische Präsident über die Gespräche informiert wurde. Damit erreichten die Botschaften des amerikanischen Geheimdienstchefs sehr wahrscheinlich jene politische Ebene, auf der Entscheidungen über Krieg, Sicherheit und strategische Eskalation getroffen werden.

Allein daraus lässt sich noch keine außergewöhnliche Bedrohungslage ableiten. Geheimdienste halten gerade in angespannten Zeiten Kommunikationskanäle offen, weil sie Missverständnisse vermeiden, Gefangenenaustausche koordinieren oder besonders sensible Nachrichten übermitteln können. Auffällig wird Ratcliffes Reise erst durch das, was inzwischen über ihre Themen bekannt geworden ist.



Die NATO-Frage war tatsächlich Gegenstand der Gespräche

Nach Angaben von Personen, die mit dem Vorgang vertraut sind, brachte Ratcliffe in Moskau die Möglichkeit russischer Operationen gegen einen NATO-Mitgliedstaat zur Sprache. Damit ist ein wesentlicher Teil jener Berichte bestätigt, die unmittelbar nach Bekanntwerden der Reise für Aufsehen sorgten.

Nicht bestätigt ist hingegen, dass eine Warnung vor einem russischen NATO-Angriff der alleinige oder überhaupt der wichtigste Zweck der Mission war. Die Gespräche umfassten mehrere Themen. Dazu gehörten nach dem derzeit bekannten Stand auch der Krieg gegen die Ukraine und Russlands Unterstützung für Iran.

Diese Unterscheidung ist entscheidend. Es wäre nicht seriös, aus Ratcliffes Reise den Schluss zu ziehen, Washington habe Beweise für einen bevorstehenden russischen Angriff auf NATO-Gebiet. Ebenso falsch wäre es inzwischen jedoch, die NATO-Dimension des Besuchs als bloße Spekulation abzutun. Der amerikanische Sicherheitsapparat beschäftigt sich mit entsprechenden Szenarien. Ratcliffe sprach sie auf höchster Geheimdienstebene in Moskau an. Allein diese Tatsache verleiht der Reise ein Gewicht, das über einen gewöhnlichen Arbeitskontakt hinausweist.

Trump sieht keinen bevorstehenden Angriff

Donald Trump beurteilt die Lage öffentlich deutlich weniger alarmierend. Am 27. August erklärte der Präsident, Putin werde kein NATO-Gebiet angreifen. Ratcliffes Reise spielte er ebenfalls herunter und stellte sie als weitgehend routinemäßigen Kontakt zwischen Geheimdienstchefs dar.

Trump bestritt zudem, dass Ratcliffe mit einer bestimmten Botschaft nach Moskau geschickt worden sei. Nach seiner Darstellung bestehen zwischen den Leitungen der amerikanischen und russischen Nachrichtendienste ohnehin regelmäßige Kontakte. Gleichzeitig deutete er an, dass aus dem Besuch etwas entstehen könne und verwies dabei auf seine Bemühungen, den Krieg in der Ukraine zu beenden. Das ergibt auf den ersten Blick einen Widerspruch. Der Präsident sagt öffentlich, ein Angriff auf die NATO sei nicht zu erwarten. Sein CIA-Direktor spricht gleichzeitig mit der russischen Seite über genau die Möglichkeit russischer Operationen gegen Bündnisstaaten.

Dieser Gegensatz muss jedoch nicht bedeuten, dass Trump und seine Nachrichtendienste zu völlig unterschiedlichen Lagebildern gekommen sind. Regierungen können ein Risiko intern ernst nehmen und es gleichzeitig öffentlich als unwahrscheinlich darstellen. Abschreckung besteht schließlich nicht nur darin, auf eine bereits feststehende Gefahr zu reagieren, sondern auch darin, dafür zu sorgen, dass aus einer möglichen Option niemals eine Entscheidung wird.

Die entscheidende Grenze zwischen Gefahr und Alarmismus

An dieser Stelle muss zwischen zwei völlig unterschiedlichen Szenarien unterschieden werden. Das erste wäre ein unmittelbar bevorstehender konventioneller Angriff Russlands auf einen NATO-Staat. Für ein solches Szenario gibt es derzeit keinen öffentlich belastbaren Nachweis.

Die estnische Auslandsaufklärung kommt in ihrer veröffentlichten Sicherheitsanalyse für 2026 ausdrücklich zu dem Ergebnis, dass Russland innerhalb des kommenden Jahres keine militärische Attacke auf Estland oder einen anderen NATO-Mitgliedstaat beabsichtigt. Die Behörde führt diese Einschätzung gerade auch auf die gewachsene Abschreckungsfähigkeit Europas und des Bündnisses zurück. Das zweite Szenario ist wesentlich schwieriger zu greifen. Es betrifft begrenzte Provokationen, hybride Operationen, Cyberangriffe, Sabotage oder andere Aktionen, mit denen Russland die Reaktionsfähigkeit der NATO testen könnte, ohne sofort einen offenen Krieg zu beginnen. Amerikanische Sicherheitskreise beschäftigen sich nach übereinstimmenden Angaben intensiv mit genau dieser Möglichkeit.

Wer von einer akuten Gefahr spricht, muss deshalb präzisieren, was damit gemeint ist. Akut im Sinne eines unmittelbar bevorstehenden russischen Einmarsches in das Baltikum ist die Bedrohung nach der öffentlich bekannten Lage nicht. Akut im Sinne einer erhöhten Gefahr von Provokationen und bewusst kalkulierten Eskalationen sieht die Situation anders aus.

Der gefährliche Raum unterhalb des offenen Krieges

Für Moskau wäre ein direkter Angriff auf NATO-Gebiet mit extremen Risiken verbunden. Artikel 5 des Nordatlantikvertrages bildet den Kern der kollektiven Verteidigung. Ein eindeutiger militärischer Angriff auf einen Bündnisstaat könnte eine Reaktion aller Mitgliedstaaten auslösen und Russland in eine direkte Konfrontation mit den Vereinigten Staaten und den europäischen NATO-Mächten führen.

Strategisch interessanter sind deshalb Maßnahmen, bei denen die Schwelle zwischen Angriff, Provokation und verdeckter Operation verschwimmt. Cyberangriffe können kritische Infrastruktur treffen, ohne dass unmittelbar erkennbar ist, wer verantwortlich ist. Sabotage kann wirtschaftlichen Schaden verursachen, während die Urheberschaft bestritten wird. Elektronische Störungen, Desinformation oder verdeckte Aktionen können erheblichen politischen Druck erzeugen, ohne automatisch einen militärischen Gegenschlag auszulösen.

Die NATO selbst beschreibt Russland inzwischen als bedeutendste direkte Bedrohung für die Sicherheit ihrer Mitglieder und verweist ausdrücklich auf Sabotage, Cyberaktivitäten, elektronische Störungen, Einflussoperationen und andere hybride Maßnahmen. Hinzu kommen wiederholte Zwischenfälle im europäischen Luftraum und eine zunehmende Sorge vor Operationen gegen kritische Infrastruktur. Genau dieser Graubereich ist sicherheitspolitisch besonders problematisch. Ein Gegner muss nicht versuchen, die NATO militärisch zu besiegen. Es kann bereits genügen, ihre politische Geschlossenheit zu testen.

Was bedeutet es, die NATO zu testen?

Ein solcher Test müsste nicht mit Panzern beginnen. Er könnte mit einem Zwischenfall starten, dessen Urheberschaft zunächst unklar bleibt. Entscheidend wäre anschließend weniger der unmittelbare militärische Schaden als die politische Reaktion.

Reagieren die Vereinigten Staaten sofort? Sind sich Deutschland, Frankreich, Polen und die baltischen Staaten über die Bewertung einig? Gilt ein schwerer Cyberangriff als ausreichender Anlass für eine gemeinsame Reaktion? Wie weit reicht die Solidarität des Bündnisses, wenn Moskau jede Verantwortung bestreitet? Genau diese Fragen machen begrenzte Operationen strategisch interessant. Je mehr Unsicherheit über die Reaktion besteht, desto größer wird für einen Gegner der Anreiz, die Grenze auszutesten.

Donald Trumps wiederholte Kritik an europäischen NATO-Partnern bildet dabei einen zusätzlichen politischen Faktor. Zwar hat der Präsident auch erklärt, Verbündete verteidigen zu wollen. Seine frühere Skepsis gegenüber der Lastenteilung innerhalb des Bündnisses kann in Moskau dennoch die Frage aufwerfen, wie geschlossen Washington in einer schwer einzuordnenden Krise reagieren würde.

Für die amerikanischen Sicherheitsbehörden wäre schon die Möglichkeit einer solchen russischen Fehleinschätzung Grund genug, gegenzusteuern. Eine direkte Botschaft des CIA-Direktors könnte deshalb weniger eine Reaktion auf einen bereits beschlossenen russischen Angriff gewesen sein als der Versuch, eine gefährliche Annahme im Kreml gar nicht erst entstehen zu lassen.



Warum schickt Washington ausgerechnet den CIA-Direktor?

Dieser Punkt gehört zu den auffälligsten Elementen der gesamten Mission. Für gewöhnliche politische Botschaften stehen den Vereinigten Staaten das Außenministerium, diplomatische Kanäle und zahlreiche Gesprächsformate zur Verfügung. Wenn jedoch der Direktor der CIA persönlich reist, verändert sich die Qualität des Kontakts.

Geheimdienstchefs können über Informationen sprechen, die niemals in ein diplomatisches Kommuniqué gelangen würden. Sie können deutlich machen, welche Aktivitäten beobachtet werden, welche Fähigkeiten der Gegenseite bekannt sind und welche roten Linien Washington zieht. Dabei müssen weder Geheimdienstquellen offengelegt noch Erkenntnisse öffentlich bestätigt werden. Die Botschaft kann gerade deshalb besonders deutlich sein. Ein Gegenüber soll verstehen, dass bestimmte Vorgänge erkannt wurden, ohne zu erfahren, wie sie erkannt wurden.

Ratcliffe verfügt zudem über direkten Zugang zum Präsidenten und zum amerikanischen Sicherheitsapparat. Wenn er eine Botschaft übermittelt, kann die russische Seite davon ausgehen, dass sie nicht die Privatmeinung eines Diplomaten wiedergibt. Zugleich erhält Washington durch einen solchen Kontakt unmittelbar Hinweise darauf, wie Moskau reagiert. Die Reise war daher nicht zwingend dramatisch, aber sie war strategisch relevant. Der Kanal selbst ist Teil der Botschaft.

Das Baltikum bleibt der empfindlichste Raum

Wenn westliche Sicherheitsbehörden über einen möglichen Test der NATO sprechen, richtet sich der Blick zwangsläufig auf die östliche Flanke des Bündnisses. Estland, Lettland und Litauen grenzen unmittelbar an den russischen Machtbereich und gehören aufgrund ihrer geografischen Lage zu den sensibelsten Mitgliedstaaten der Allianz.

Die baltischen Nachrichtendienste zeichnen dabei ein differenziertes Bild. Estland sieht gegenwärtig keine russische Absicht zu einem kurzfristigen militärischen Angriff. Litauen warnt gleichzeitig davor, dass Russland seine militärischen Fähigkeiten in der Nähe der östlichen NATO-Grenzen weiter ausbaut. Beide Einschätzungen können gleichzeitig zutreffen. Moskau muss heute keinen Angriff planen, um Fähigkeiten für einen möglichen Konflikt von morgen aufzubauen. Militärische Strukturen, Verbände und Produktionskapazitäten entstehen über Jahre und verändern das strategische Kräfteverhältnis unabhängig davon, ob bereits ein konkreter Operationsbefehl existiert.

Litauens Sicherheitsbehörden weisen zudem darauf hin, dass eine Verringerung des westlichen Drucks auf Russland dessen Möglichkeiten zur Vorbereitung auf einen möglichen Konflikt mit der NATO verbessern könnte. Solange große russische Ressourcen im Krieg gegen die Ukraine gebunden bleiben, ist Moskaus Spielraum begrenzter. Eine grundlegende Veränderung dieses Krieges könnte jedoch auch die Kräfteverhältnisse an der NATO-Grenze verschieben.

Die Ukraine ist Teil derselben Gleichung

Ratcliffes Moskau-Reise kann deshalb nicht losgelöst vom Krieg gegen die Ukraine betrachtet werden. Dieser Krieg bindet russische Truppen, Material, industrielle Kapazitäten und politische Aufmerksamkeit. Gleichzeitig prägt sein Verlauf die zukünftigen militärischen Möglichkeiten Russlands.

Bemerkenswert ist, dass die ukrainische Führung über amerikanische Gespräche in Moskau informiert wurde. Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte am 28. August, Washington habe Kiew über mehrere dort stattgefundene Treffen unterrichtet. Einzelheiten nannte er nicht, bedankte sich jedoch ausdrücklich für die Informationen und für den Ton, den die amerikanische Seite gegenüber Russland angeschlagen habe.

Nach Angaben aus ukrainischen Regierungskreisen war Kiew bereits vor dem Besuch darüber informiert worden, dass sich eine hochrangige amerikanische Delegation nach Moskau begeben werde. Die Ukraine sollte während der Anwesenheit der Delegation auf bestimmte Angriffe verzichten. Eine solche Maßnahme dient zunächst dem Schutz der amerikanischen Besucher und lässt keinen Rückschluss auf den Inhalt der Gespräche zu. Sie zeigt jedoch, wie sorgfältig die Reise vorbereitet wurde. Washington wollte offenbar vermeiden, dass ein ukrainischer Angriff während Ratcliffes Aufenthalt eine Krise auslöst oder die Gespräche überschattet.

Auch Polen war nicht überrascht

Interessant ist ebenfalls die Reaktion Warschaus. Polens Ministerpräsident Donald Tusk erklärte am 28. August, seine Regierung stehe in ständigem Kontakt mit der CIA-Führung und sei von Ratcliffes Moskau-Besuch nicht überrascht worden. Tusk sprach zugleich von öffentlich erkennbaren Signalen, wonach Russland Spannungen sowohl im Krieg gegen die Ukraine als auch in der Region verschärfen könnte. Die kommenden Monate könnten aus seiner Sicht für die russische Strategie eine entscheidende Phase darstellen.

Solche Aussagen sind keine Bestätigung eines konkreten Angriffsszenarios. Sie zeigen aber, dass Ratcliffes Reise offenbar in einen größeren Austausch zwischen Washington und europäischen Verbündeten eingebettet war. Der Besuch war damit nicht bloß ein bilateraler Geheimdiensttermin zwischen Amerikanern und Russen. Für die Bewertung der Mission ist das wesentlich. Je stärker Verbündete informiert oder eingebunden waren, desto plausibler wird die Annahme, dass Washington nicht nur ein isoliertes amerikanisches Anliegen verfolgte, sondern Fragen der europäischen Sicherheitsordnung ansprach.

Iran erweitert die Dimension der Mission

Die Gespräche in Moskau betrafen nach Angaben informierter Quellen außerdem Russlands Unterstützung für Iran. Damit öffnet sich eine zweite strategische Ebene, die zeigt, wie weit Ratcliffes Auftrag über eine einzelne NATO-Frage hinausgereicht haben könnte.

Russland und Iran haben ihre militärische und sicherheitspolitische Kooperation in den vergangenen Jahren ausgebaut. Für Washington hat diese Verbindung zusätzliche Bedeutung gewonnen, weil Entscheidungen Moskaus direkte Auswirkungen auf amerikanische Interessen im Nahen Osten haben können. Damit erscheint die Reise zunehmend als Krisengespräch über mehrere miteinander verbundene Konflikte. Ukraine, europäische Sicherheit und Iran bilden aus Sicht der amerikanischen Führung unterschiedliche Schauplätze, werden aber durch russische Interessen und Fähigkeiten miteinander verbunden.

Gerade deshalb wäre es zu einfach, Ratcliffes Mission auf die Schlagzeile einer einzigen NATO-Warnung zu reduzieren. Wahrscheinlicher ist ein breiteres Gespräch über rote Linien, militärische Risiken und strategische Interessen zwischen zwei Staaten, deren Beziehungen von mehreren parallelen Konflikten geprägt sind.

Die Parallele zu William Burns und ihre Grenzen

Dass ein CIA-Direktor nach Moskau reist, erinnert zwangsläufig an November 2021. Damals wurde der damalige CIA-Chef William Burns nach Russland geschickt, während Washington zunehmend konkrete Hinweise auf russische Vorbereitungen für einen Angriff auf die Ukraine erhielt.

Burns sollte die russische Führung vor den Konsequenzen einer Invasion warnen. Rund drei Monate später begann Russland seinen groß angelegten Angriff. Diese historische Parallele ist auffällig, darf aber nicht überstrapaziert werden. Es gibt derzeit keinen öffentlich zugänglichen Beleg dafür, dass Ratcliffe 2026 mit Erkenntnissen nach Moskau gereist wäre, die hinsichtlich ihrer Konkretheit mit den amerikanischen Informationen des Jahres 2021 vergleichbar wären. Die eigentliche Parallele liegt deshalb nicht in einer angeblich unmittelbar bevorstehenden Invasion. Sie liegt im Instrument. Wenn Washington besonders sensible Sicherheitsbotschaften unmittelbar an den russischen Machtapparat übermitteln will, kann der CIA-Direktor zum persönlichen Überbringer werden. Dass die Vereinigten Staaten dieses Instrument erneut einsetzen, ist für sich genommen bemerkenswert.



Öffentliche Ruhe kann Teil der Abschreckung sein

Damit erhält auch Trumps Verhalten eine andere mögliche Erklärung. Seine Aussagen müssen nicht zwangsläufig bedeuten, dass im Weißen Haus keinerlei Besorgnis besteht. Sie können ebenso Bestandteil einer Strategie sein, bei der Washington öffentlich beruhigt und vertraulich Grenzen setzt.

Ein Präsident hat wenig Interesse daran, ohne Not eine unmittelbar bevorstehende Konfrontation mit Russland heraufzubeschwören. Solche Aussagen können Finanzmärkte bewegen, europäische Gesellschaften verunsichern und diplomatische Handlungsspielräume einschränken.

Gleichzeitig kann es notwendig sein, Moskau privat sehr deutlich mitzuteilen, welche Handlungen nicht akzeptiert würden. Beides kann gleichzeitig geschehen. Sollte Ratcliffes Besuch tatsächlich vor allem der Abschreckung gedient haben, wäre seine Mission gerade dann erfolgreich, wenn anschließend nichts geschieht. Geheimdienstliche Krisenprävention hinterlässt selten spektakuläre Ergebnisse. Ihr Ziel besteht darin, Entwicklungen zu verhindern, die später Schlagzeilen produzieren würden.

Was wissen die Amerikaner?

Das bleibt die zentrale unbeantwortete Frage. Öffentlichkeit und Medien kennen weder die vollständigen amerikanischen Geheimdienstbewertungen noch die Informationen, die Ratcliffe in Moskau zur Sprache brachte.

Es ist möglich, dass Washington konkrete russische Aktivitäten beobachtet, die als Vorbereitung begrenzter Operationen interpretiert werden. Ebenso möglich ist, dass die Reise präventiven Charakter hatte und amerikanische Dienste lediglich eine wachsende russische Risikobereitschaft erkennen. Zwischen beiden Szenarien liegt ein erheblicher Unterschied. Das erste würde auf operative Vorbereitungen hinweisen. Das zweite wäre klassische Abschreckung angesichts einer Verschlechterung des strategischen Umfelds.

Nach der öffentlich bekannten Faktenlage lässt sich nicht entscheiden, welche Variante näher an der Realität liegt. Genau deshalb verbietet sich die Behauptung, Washington wisse von einem unmittelbar bevorstehenden Angriff.

Ebenso wenig sollte jedoch ignoriert werden, was tatsächlich geschehen ist. Der CIA-Direktor reiste persönlich nach Moskau. Mögliche Operationen gegen NATO-Staaten wurden angesprochen. Putin wurde über die Gespräche informiert. Verbündete wussten von dem Kontakt. Parallel warnen westliche Sicherheitsbehörden vor russischen hybriden Aktivitäten und einer wachsenden militärischen Herausforderung an der Ostflanke. Diese Kombination ist keine Kriegserklärung. Sie ist aber auch keine Routine.

Ist die Bedrohung akut?

Die präziseste Antwort lautet deshalb: nicht in dem Sinn, den das Wort zunächst nahelegt. Es gibt keine öffentlich belastbaren Hinweise darauf, dass russische Truppen unmittelbar vor einem Angriff auf Estland, Lettland, Litauen oder einen anderen NATO-Staat stehen. Wer aus Ratcliffes Reise einen bevorstehenden großen Krieg ableitet, überschreitet die Grenze zwischen Analyse und Spekulation.

Die Lage ist dennoch ernst. Westliche Sicherheitsbehörden beschäftigen sich offensichtlich mit der Möglichkeit, dass Russland unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges weiter gehen könnte als bisher. Der potenziell gefährliche Punkt liegt deshalb weniger in einer klassischen Invasion als in einem kalkulierten Test der politischen und militärischen Reaktionsfähigkeit des Bündnisses.

Ein solcher Test wäre riskant, gerade weil niemand sicher vorhersagen kann, wann eine begrenzte Provokation außer Kontrolle gerät. Die Geschichte internationaler Krisen zeigt, dass nicht jede Eskalation geplant beginnt. Fehlinterpretationen, falsche Erwartungen und falsch eingeschätzte rote Linien können ebenso gefährlich sein wie bewusste Entscheidungen. Genau deshalb existieren Kanäle wie jener zwischen CIA und SVR.

Die eigentliche Botschaft aus Moskau

Ratcliffes Reise liefert keine Antwort auf die Frage, ob Russland einen NATO-Staat angreifen wird. Sie liefert aber einen seltenen Einblick darin, welche Szenarien hinter verschlossenen Türen offenbar ernst genug genommen werden, um sie auf höchster Geheimdienstebene anzusprechen.

Donald Trump sagt öffentlich, Putin werde die NATO nicht angreifen. Die estnische Auslandsaufklärung sieht ebenfalls keine kurzfristige russische Absicht zu einem konventionellen Angriff. Gleichzeitig beobachten amerikanische und europäische Sicherheitsapparate hybride Aktivitäten, Russland baut militärische Fähigkeiten aus und Washington spricht mögliche Operationen gegen NATO-Staaten direkt mit Moskau an.

Darin liegt kein zwingender Widerspruch. Abschreckung bedeutet gerade, heute Maßnahmen zu ergreifen, damit eine gefährliche Option morgen nicht attraktiv erscheint. Die wichtigste Frage nach Ratcliffes Moskau-Mission lautet deshalb nicht, ob der nächste große Krieg bereits beschlossen wurde. Dafür gibt es keinen Beleg. Die entscheidende Frage lautet, warum Washington es für notwendig hielt, gerade jetzt persönlich mit der russischen Geheimdienstführung über jene Grenzen zu sprechen, deren Überschreitung eine völlig neue Phase der europäischen Sicherheitskrise eröffnen könnte.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Botschaft dieser Reise: Die Vereinigten Staaten erwarten offenbar keinen unmittelbar bevorstehenden Angriff auf die NATO. Sie wollen aber ebenso offenbar sicherstellen, dass Moskau daraus nicht den falschen Schluss zieht.

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