Die EU-Idee: Nazi-Pläne von 1942

Veröffentlicht am 10. September 2026 um 11:01

Rubrik: Europa
Format: Spezialbericht
Autor: Sinisa Brkic (sb)



Fünfzehn Jahre vor den Römischen Verträgen erschien mitten im Zweiten Weltkrieg in Berlin ein 229 Seiten starkes Werk mit einem Titel, der später zum Namen einer zentralen europäischen Institution werden sollte: „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“. Wirtschaftsstrategen des NS-Staates diskutierten darin Märkte, Währungen, Handel, Industrie und die wirtschaftliche Organisation des Kontinents. 1944 berichteten alliierte Geheimdienste zudem über Industrielle und Funktionäre, die bereits über die Zeit nach einer deutschen Niederlage nachgedacht haben sollen. Die Dokumente sind real. Die entscheidende Frage lautet, wie weit ihre Spur tatsächlich bis zur heutigen Europäischen Union reicht.

1942 steht der Begriff bereits schwarz auf weiß

Die Geschichte beginnt nicht 1957 in Rom. Sie beginnt auch nicht 1950 mit Robert Schumans berühmter Erklärung zur europäischen Kohle- und Stahlgemeinschaft. Wer in die wirtschaftspolitischen Quellen des Zweiten Weltkrieges zurückgeht, stößt bereits 1942 auf einen Titel, der aus heutiger Sicht verblüffend vertraut wirkt. In Berlin erschien damals das Werk „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“. Eine Ausgabe aus dem Jahr 1942 ist bibliografisch mit 229 Seiten nachweisbar. 1943 erschien eine zweite, durchgesehene Auflage, ebenfalls mit 229 Seiten.



Damit ist ein Punkt eindeutig: Der Begriff „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“ wurde nicht erst im Umfeld der Römischen Verträge geprägt. Er war rund fünfzehn Jahre zuvor im nationalsozialistischen Deutschland bereits öffentlich verwendet worden und bezeichnete dort keine beiläufige Idee, sondern ein umfangreich behandeltes wirtschaftspolitisches Konzept. Das ist zunächst ein historischer Befund. Was er für die Entstehung der späteren Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft bedeutet, ist eine andere und deutlich schwierigere Frage.

Ein Name, der erst fünfzehn Jahre später europäische Geschichte schrieb

Am 25. März 1957 unterzeichneten Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg, die Niederlande und die Bundesrepublik Deutschland in Rom die Verträge zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der Europäischen Atomgemeinschaft. Die EWG trat zum 1. Januar 1958 in Kraft und wurde zu einem der institutionellen Vorläufer der heutigen Europäischen Union. Die zeitliche Gegenüberstellung ist bemerkenswert. Berlin 1942: „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“. Rom 1957: Vertrag zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft.

Dazwischen lagen die totale militärische Niederlage Deutschlands, die Auflösung des Dritten Reiches, die Besatzung, die Gründung zweier deutscher Staaten, der Beginn des Kalten Krieges und eine vollständige Veränderung der politischen Ordnung Westeuropas. Dennoch tauchte derselbe deutsche Begriff wieder auf. Allein diese Übereinstimmung beweist keine Abstammung. Sie ist aber zu auffällig, um sie in einer ernsthaften Untersuchung der europäischen Ideengeschichte einfach zu übergehen.

Es ging nicht nur um einen Namen

Noch interessanter wird das Dokument von 1942 durch seinen Inhalt. Die Beiträge beschäftigten sich mit einem europäischen Wirtschaftsraum, dem Handel zwischen europäischen Staaten, Landwirtschaft, Industrie, Arbeitskräften, Verkehrswegen, Zahlungsverkehr und Währungsfragen. Walther Funk schrieb über das wirtschaftliche Gesicht eines neuen Europa. Horst Jecht behandelte ausdrücklich die Entwicklung zur europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Heinrich Hunke stellte am Ende des Bandes die grundlegende Frage, ob Europa lediglich ein geografischer Begriff oder bereits eine politische Tatsache sei.

Weitere Autoren kamen aus Wissenschaft, Ministerien, Diplomatie und Wirtschaft. Die Publikation war damit keine philosophische Abhandlung über eine ferne Zukunft, sondern eine Sammlung wirtschaftspolitischer Vorstellungen, die innerhalb des damaligen deutschen Machtapparates und seines wirtschaftlichen Umfeldes diskutiert wurden. Das macht die Quelle bedeutend. Es macht sie aber noch nicht zum Gründungsdokument der heutigen EU.

Es war kein geheimer Hitler-Plan

An diesem Punkt beginnt eine der wichtigsten Unterscheidungen des gesamten Themas. Adolf Hitler war weder Autor des Bandes noch ist eine persönliche redaktionelle Steuerung dieser konkreten Publikation durch ihn dokumentiert. Die wirtschaftlichen Detailkonzepte entstanden bei Ökonomen, Ministerialbeamten, Wirtschaftsvertretern und Fachfunktionären. Viele dieser Personen sind heute weitgehend vergessen, obwohl sie innerhalb der damaligen Wirtschaftsverwaltung über beträchtlichen Einfluss verfügten. Daraus darf jedoch nicht geschlossen werden, die nationalsozialistische Führung habe mit diesen Vorstellungen nichts zu tun gehabt. Einer der prominentesten Beteiligten war Walther Funk, Reichswirtschaftsminister und Präsident der Deutschen Reichsbank. Funk gehörte eindeutig zur Führungsebene des NS-Staates und wurde später im Nürnberger Prozess verurteilt.

Die historisch präzise Aussage lautet deshalb: Die „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“ von 1942 war kein persönlicher EU-Bauplan Hitlers. Sie entstand aber ebenso wenig außerhalb des nationalsozialistischen Macht- und Wirtschaftsapparates.



Die Männer hinter der sichtbaren Führung

Das öffentliche Bild einer Diktatur konzentriert sich fast zwangsläufig auf ihre bekanntesten Köpfe. Hitler, Göring, Himmler, Goebbels und Bormann dominieren bis heute die Wahrnehmung des Dritten Reiches. Ein hochindustrialisierter Staat wurde jedoch nicht allein durch diese Männer organisiert.

Unterhalb der politischen Spitze arbeitete ein weit verzweigter Apparat aus Ministerien, Unternehmen, Banken, Wirtschaftsverbänden, Planungsämtern, Forschungsstellen und Verwaltungsbehörden. Dort saßen Spezialisten für Rohstoffe, Devisen, Handel, Produktion, Verkehr, Währungen und internationale Wirtschaftsbeziehungen.

Gerade bei der Planung einer europäischen Wirtschaftsordnung waren solche Fachleute entscheidend. Sie mussten beantworten, wie Warenströme kontrolliert, Währungen miteinander verrechnet, industrielle Kapazitäten verteilt und nationale Volkswirtschaften in einen größeren Raum eingebunden werden konnten. Diese zweite Ebene des Regimes ist für die Geschichte der Europa-Pläne wesentlich. Nicht weil sie außerhalb des Nationalsozialismus gestanden hätte, sondern weil politische Herrschaft ohne administratives und wirtschaftliches Fachwissen kaum dauerhaft organisiert werden kann.

Die Planungen reichen sogar vor 1942 zurück

Das Buch von 1942 entstand nicht aus dem Nichts. Bereits 1940 hatte Reichswirtschaftsminister Funk Vorstellungen einer wirtschaftlichen Neuordnung Europas öffentlich erläutert. Innerhalb des Reichswirtschaftsministeriums spielte Gustav Schlotterer eine wichtige Rolle. In einem nach ihm benannten Ausschuss kamen deutsche Großindustrielle mit Wirtschaftsvertretern aus den Benelux-Staaten zusammen. Diskutiert wurden ein größerer europäischer Wirtschaftsraum, der Abbau bestimmter Zoll- und Währungshemmnisse sowie eine engere industrielle Verflechtung.

Auch Fragen einer europäischen Währungsordnung beschäftigten die Planer. In der historischen Forschung wird beschrieben, wie innerhalb des NS-Wirtschaftsapparates über ein multilaterales Clearing, feste Währungsbeziehungen und eine Reichsmark-basierte Ordnung nachgedacht wurde. Das klingt in einzelnen technischen Begriffen erstaunlich modern. Der politische Rahmen war es nicht.

Europa sollte unter deutscher Führung stehen

Wer nur Wörter wie Wirtschaftsraum, Währungsordnung, gemeinsamer Handel oder europäische Zusammenarbeit herausgreift, bekommt ein verzerrtes Bild. Das nationalsozialistische Europamodell beruhte auf deutscher Hegemonie. Deutschland hatte einen großen Teil des Kontinents militärisch besetzt. Volkswirtschaften wurden in den deutschen Kriegsapparat eingespannt, Rohstoffe abgeschöpft, Arbeitskräfte ausgebeutet und ganze Gesellschaften einer rassistischen Hierarchie unterworfen.

Die wirtschaftliche Integration des Kontinents war in diesem System kein Zusammenschluss gleichberechtigter Demokratien. Sie war Teil einer Ordnung, in der Berlin das Zentrum bilden sollte. Gerade dieser Unterschied trennt die später entstandene Europäische Gemeinschaft politisch fundamental von den NS-Konzepten. Ähnliche wirtschaftliche Instrumente können in völlig unterschiedlichen Herrschaftssystemen unterschiedlichen Zwecken dienen.

Das Problem mit den verblüffenden Parallelen

Damit verschwindet die Irritation dennoch nicht. Nationalsozialistische Wirtschaftsplaner diskutierten bereits während des Krieges über Fragen, die Jahrzehnte später erneut auf der europäischen Tagesordnung standen. Wie organisiert man grenzüberschreitenden Handel? Wie verringert man wirtschaftliche Hindernisse zwischen Staaten? Welche Rolle spielt eine gemeinsame Währungsordnung? Wie lassen sich Industrien miteinander verbinden? Wie kann Europa wirtschaftlich gegenüber anderen Weltregionen auftreten?

Diese Fragen gehören nicht einer politischen Ideologie. Sie ergeben sich zum Teil aus der geografischen und wirtschaftlichen Struktur Europas selbst. Genau deshalb ist es methodisch falsch, aus ähnlichen Antworten automatisch auf denselben politischen Ursprung zu schließen. Entscheidend wäre der Nachweis, dass spätere europäische Planer konkrete NS-Konzepte kannten, übernahmen und in ihre Institutionen einbauten.

Die Forschung kennt Kontinuitäten, aber keinen einfachen Stammbaum

Die historische Forschung hat durchaus darauf hingewiesen, dass wirtschaftliche Strukturen Europas nicht 1945 bei null begannen. Kartelle, deutsch-französische Industriebeziehungen, internationale Unternehmensverbindungen und Vorstellungen größerer Wirtschaftsräume existierten schon vor Hitler, während des Dritten Reiches und teilweise auch danach.

Gerade im Bereich von Kohle und Stahl gab es langfristige wirtschaftliche Verflechtungen, die verschiedene politische Systeme überspannten. Manche Historiker sprechen deshalb von einer korporativen Vorgeschichte der späteren Montanunion, die auch die Jahre des Dritten Reiches einschloss. Das ist ein wesentlich stärkerer Befund als die simple Behauptung eines geheimen Nazi-Masterplans. Historische Kontinuität kann existieren, ohne dass eine Institution identisch fortgeführt wird. Menschen übernehmen Erfahrungen. Unternehmen behalten Kontakte. Wirtschaftsprobleme bleiben bestehen. Technische Lösungen können später in einem vollständig anderen politischen Rahmen wieder auftauchen.

1943: Das „Europakränzchen“ trifft sich in Berlin

Am 16. Dezember 1943 kam im Berliner Hotel Esplanade ein Kreis zusammen, der als „Europakränzchen“ bezeichnet wurde. Hans Kehrl, Chef des Planungsamtes im Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion, blickte dort auf die Entwicklung europäischer Vorstellungen seit dem Sommer 1940 zurück. Kehrl beklagte, dass die Zusammenarbeit innerhalb der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft weiterhin unzureichend sei. Schon diese Formulierung zeigt, wie selbstverständlich der Begriff innerhalb bestimmter deutscher Planungszirkel inzwischen verwendet wurde.

Damit lässt sich die „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“ von 1942 nicht als isolierter Titel eines einzelnen Buches abtun. Sie gehörte zu einem breiteren Diskurs über die wirtschaftliche Ordnung Europas. Ende 1943 hatte sich allerdings etwas Grundlegendes verändert. Deutschland befand sich militärisch längst nicht mehr in jener Position, aus der solche Überlegungen 1940 begonnen hatten.

Der Krieg kippte, die Planungen veränderten sich

Stalingrad war verloren. Die deutsche Wehrmacht stand im Osten unter zunehmendem Druck, Italien war aus dem Bündnis mit Deutschland ausgeschieden und die westlichen Alliierten bereiteten die Rückkehr auf den europäischen Kontinent vor. Damit gewann eine neue Frage an Bedeutung. Was würde geschehen, wenn Deutschland den Krieg nicht gewann?

Für Unternehmen, Banken, Fachbeamte und Wirtschaftsplaner war diese Frage existenziell. Eine Niederlage bedrohte nicht nur das politische Regime, sondern Eigentum, Patente, Auslandsguthaben, Produktionsanlagen und internationale Geschäftsbeziehungen. Aus der Planung eines deutschen Nachkriegseuropas konnte damit eine Planung für das wirtschaftliche Überleben nach einer deutschen Niederlage werden. Im Sommer 1944 finden sich genau dafür bemerkenswerte Hinweise.

Straßburg 1944: Das Dokument ist echt

Am 10. August 1944 soll im Hotel Rotes Haus in Straßburg ein Treffen deutscher Industrieller und Funktionäre stattgefunden haben. Überliefert ist der Vorgang durch einen Bericht der Wirtschaftssektion des Nachrichtendienstes G-2 beim alliierten Oberkommando SHAEF.

Der Bericht trägt die Nummer EW Pa 128 und ist auf den 7. November 1944 datiert. Das Dokument befindet sich heute in den Beständen des amerikanischen Nationalarchivs. Es ist also kein später erfundener Text aus dem Internet. Der vielfach als „Red House Report“ bezeichnete Bericht ist ein reales alliiertes Geheimdienstdokument. Allerdings existiert im amerikanischen Nationalarchiv kein offizielles Dokument mit dem Titel „Red House Report“. Diese Bezeichnung setzte sich erst später für EW Pa 128 durch.

Was die Quelle tatsächlich ist

Für die Bewertung ist entscheidend, dass EW Pa 128 kein originales deutsches Sitzungsprotokoll darstellt. Die Informationen stammten laut Dokument von einem Agenten des französischen Deuxième Bureau. Der Informant wurde von alliierter Seite als erfahren und zuverlässig eingeschätzt. Er soll während der Besatzungszeit enge Kontakte zu Deutschen, insbesondere zu Industriellen, gepflegt und Deutschland noch im August 1944 besucht haben. 

Das gibt dem Bericht erheblichen Quellenwert. Es bedeutet aber nicht, dass jede darin wiedergegebene Behauptung automatisch als unabhängig bestätigte Tatsache gelten kann. Genau diese Grenze wurde in vielen späteren Veröffentlichungen verwischt.

Hitler wird nicht genannt

Für die Frage nach einer angeblichen geheimen Nachkriegsstrategie ist eine Feststellung besonders wichtig. Adolf Hitler erscheint in EW Pa 128 weder als Teilnehmer des Treffens noch als dessen Auftraggeber. Der Bericht enthält keinen Hitler-Befehl zur Schaffung eines „Vierten Reiches“. Er enthält auch keinen Hinweis darauf, dass Hitler die spätere Europäische Gemeinschaft geplant oder die Straßburger Zusammenkunft persönlich gesteuert hätte.

Das gilt ebenso für eine häufig erzählte Rolle Martin Bormanns. Bormann wird im eigentlichen EW Pa 128 nicht als Organisator oder Auftraggeber des Treffens genannt. Damit bricht ein zentraler Bestandteil vieler späterer Erzählungen weg. Das macht das Dokument aber keineswegs belanglos.

Am Tisch saß eine andere Form von Macht

Der Bericht nennt stattdessen Vertreter bedeutender Unternehmen und staatlicher Stellen. Aufgeführt werden unter anderem Personen, die Krupp, Röchling, Messerschmitt, Rheinmetall, Büssing und das Volkswagenwerk vertreten haben sollen. Hinzu kamen nach Darstellung des Berichtes Personen aus staatlichen beziehungsweise militärischen Strukturen. Den Vorsitz führte ein Mann, der im Dokument als Dr. Scheid bezeichnet wird.

Ob alle Personenzuordnungen und Dienststellungen des Informanten im Detail korrekt waren, muss quellenkritisch offenbleiben. Das Gesamtbild ist dennoch deutlich: Im Zentrum des Treffens standen nicht Hitlers berühmte Paladine, sondern Akteure aus Industrie, Rüstung und Verwaltung. Das ist möglicherweise der interessanteste Aspekt der gesamten Geschichte.



Eine Niederlage wurde bereits einkalkuliert

Nach dem Bericht erklärte der Vorsitzende, dass der Krieg nicht mehr gewonnen werden könne. Die deutsche Industrie müsse deshalb Schritte für eine kommerzielle Kampagne nach dem Krieg vorbereiten. Unternehmen sollten Verbindungen zu ausländischen Firmen sichern oder neu aufbauen. Diese Kontakte sollten nach Möglichkeit individuell gepflegt werden, damit kein auffälliges gemeinsames Vorgehen erkennbar wurde.

Gleichzeitig sollte eine finanzielle Grundlage entstehen, auf die deutsche Unternehmen nach dem Krieg zurückgreifen könnten. Auslandsbeziehungen, Beteiligungen und Patente erhielten damit eine strategische Bedeutung. Das Denken hatte sich verschoben. Nicht der militärische Sieg stand im Mittelpunkt, sondern das wirtschaftliche Überleben nach einer möglichen Niederlage.

Das kleinere Treffen war wesentlich brisanter

EW Pa 128 berichtet anschließend von einer zweiten, kleineren Besprechung. Sie soll von einem Dr. Bosse aus dem Rüstungsministerium geleitet worden sein und nur einen ausgewählten Kreis von Industrievertretern umfasst haben. An dieser Stelle verändert sich der Inhalt des Berichtes deutlich. Nun ging es nicht mehr nur um Unternehmensstrategien, Auslandskontakte und Kapital.

Nach den Angaben des Informanten sei erklärt worden, die NSDAP habe die Industriellen darüber informiert, dass der Krieg praktisch verloren sei. Zugleich sollte Deutschland weiterkämpfen, während die Industrie ihre Position für die Zeit nach der Niederlage vorbereitete. Der Bericht beschreibt damit eine Parallelplanung, die bereits über das bestehende Reich hinausdachte.

Geld, Netzwerke und eine Partei im Untergrund

Der brisanteste Teil betrifft die politische Dimension. Industrielle sollten nach Darstellung des Geheimdienstberichts bereit sein, die NSDAP finanziell zu unterstützen, wenn sie nach der deutschen Niederlage gezwungen wäre, im Untergrund weiterzuarbeiten. Zugleich sollten finanzielle Reserven außerhalb Deutschlands aufgebaut oder erhalten werden. Der Bericht spricht davon, dass solche Mittel später sowohl wirtschaftlichen als auch parteipolitischen Zwecken dienen könnten.

Diese Passage ist real und steht im historischen Dokument. Sie ist einer der wichtigsten Gründe dafür, dass EW Pa 128 später als Beleg für eine Strategie des nationalsozialistischen Überlebens interpretiert wurde. Was daraus nicht folgt, ist ebenso wichtig. Ein dokumentierter Bericht über eine solche Absicht beweist nicht, dass der Plan anschließend erfolgreich verwirklicht wurde.

Kleine Forschungsstellen für die Zeit danach

Besonders auffällig sind die Überlegungen zur Sicherung technischen Wissens. Nach EW Pa 128 sollten große deutsche Unternehmen kleine technische Büros oder Forschungsstellen schaffen, die nach außen unabhängig von den Mutterunternehmen erscheinen konnten. Dort sollten Pläne, Zeichnungen und Unterlagen zu neuen Waffen sowie andere Forschungsdokumente aufbewahrt werden. Diese Einrichtungen sollten möglichst unauffällig bleiben und nur einem kleinen Kreis bekannt sein.

Der Bericht schildert sogar die Vorstellung, wichtige, aber weniger bekannte Parteimitglieder später als technische Fachkräfte oder Mitarbeiter solcher Forschungsstellen unterzubringen. Damit wird eine Form von Kontinuität beschrieben, die nicht auf einer sichtbaren Regierung beruhen musste. Menschen, Wissen, Geld und Unternehmensstrukturen konnten theoretisch auch dann fortbestehen, wenn der politische Staat zusammenbrach.

Die Strategie war nicht spektakulär, sondern praktisch

Gerade dieser Punkt wird häufig unterschätzt. Wer eine Niederlage überleben will, braucht nicht zwingend einen geheimen Staat mit eigener Regierung. Kapital kann außerhalb des Landes liegen. Patente können durch Unternehmensstrukturen geschützt werden. Fachleute können neue Funktionen übernehmen. Internationale Geschäftspartner können erhalten bleiben, technische Kenntnisse können weitergegeben werden.

Eine solche Strategie wäre wesentlich unscheinbarer als die Vorstellung eines fertig organisierten „Vierten Reiches“. Sie wäre zugleich realistischer. Auch deshalb lohnt es sich, weniger auf die prominenten Namen und stärker auf die Funktionseliten zu schauen.

Die unbekannten Akteure konnten wichtiger sein als Hitler

Hitler war international unverwechselbar und im Falle einer deutschen Niederlage politisch nicht integrierbar. Dasselbe galt für andere Spitzen des Regimes. Ein Ministerialbeamter, Ingenieur, Manager oder Wirtschaftsexperte konnte dagegen eine völlig andere Zukunft haben. Seine Kenntnisse wurden auch nach einem politischen Systembruch gebraucht.

Genau darin liegt ein strukturelles Problem jedes Regimewechsels. Staaten können Regierungen austauschen, aber nicht innerhalb weniger Monate sämtliche technischen, wirtschaftlichen und administrativen Kompetenzen ersetzen. Wer nach Kontinuitäten nach 1945 sucht, findet deshalb zwangsläufig zahlreiche Biografien, die beide politischen Systeme berühren. Das ist historisch nachweisbar und benötigt keine Verschwörungstheorie.

Die Alliierten nahmen diese Gefahr sehr ernst

Das Straßburger Dokument stand nicht isoliert. Bereits 1944 beschäftigten sich die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten intensiv mit deutschen Vermögenswerten, Auslandsbeteiligungen, Tarnkonstruktionen und wirtschaftlichen Netzwerken. Das entsprechende Programm wurde unter dem Namen Safehaven bekannt. Sein Ziel bestand unter anderem darin, deutsche Vermögenswerte in neutralen Staaten aufzuspüren, geraubtes Eigentum zu sichern und zu verhindern, dass wirtschaftliches oder militärisches Potenzial nach der Niederlage unkontrolliert weiterbestehen konnte.

Die amerikanischen Behörden untersuchten Bankguthaben, Unternehmensbeteiligungen, Patente, Warenbestände und die Tätigkeit deutscher Fachkräfte im Ausland. Neutrale Staaten, besonders die Schweiz, standen deshalb im Zentrum intensiver Aufmerksamkeit. Der Grundgedanke hinter EW Pa 128 war also nicht außergewöhnlich. Die Alliierten verfügten über zahlreiche Hinweise darauf, dass deutsches Kapital und wirtschaftliche Ressourcen über den Zusammenbruch hinaus gesichert werden sollten.

Safehaven bestätigt das Problem, nicht die große Theorie

Gerade hier entscheidet sich die Qualität der Einordnung. Safehaven zeigt, dass die Alliierten deutsche Auslandsvermögen und mögliche Nachkriegsnetzwerke als reale Gefahr betrachteten. Es beweist nicht, dass diese Netzwerke später die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft kontrollierten oder gründeten. Dafür wäre eine völlig andere Beweiskette erforderlich.

Man müsste nachvollziehen können, welche Gelder wohin gelangten, welche Personen damit welche Institutionen beeinflussten und wie daraus konkrete Entscheidungen der europäischen Integration entstanden. Eine solche geschlossene Linie von Straßburg 1944 zu den Römischen Verträgen von 1957 ist nicht belegt. Die historische Realität ist komplizierter.

1945 war kein vollständiger Neubeginn

Ebenso falsch wäre allerdings die Vorstellung, der 8. Mai 1945 habe sämtliche gesellschaftlichen und personellen Verbindungen zur Vergangenheit ausgelöscht. Die sogenannte Stunde Null war politisch mächtig, historisch aber nur begrenzt Realität.

In der jungen Bundesrepublik kehrten zahlreiche Menschen mit beruflichen oder politischen Biografien aus der NS-Zeit in Verwaltung, Justiz, Diplomatie, Wissenschaft und Wirtschaft zurück. Umfang und persönliche Belastung unterschieden sich erheblich, doch die personellen Kontinuitäten selbst sind unstrittig. Besonders gut dokumentiert ist das spätere Auswärtige Amt. In seiner Anfangsphase lag der Anteil ehemaliger NSDAP-Mitglieder im höheren Dienst bei rund 40 Prozent. Solche Zahlen zeigen, wie wenig plausibel die Vorstellung eines personell vollkommen neuen Staates ist. Sie beweisen dennoch keine geheime Fortsetzung des Nationalsozialismus.

Kontinuität ist nicht dasselbe wie Fortsetzung

Genau hier liegt die schwierige Mitte des Themas. Ein früherer Beamter kann nach einem Regimewechsel dieselben fachlichen Kenntnisse einsetzen, ohne dieselben politischen Ziele zu verfolgen. Ein Unternehmen kann vor 1945 und nach 1945 existieren und dennoch unter völlig veränderten rechtlichen und politischen Bedingungen arbeiten. Eine wirtschaftliche Idee kann in einer Diktatur diskutiert und später in einer Demokratie neu formuliert werden. Deshalb muss historische Kontinuität genauer untersucht werden als durch die bloße Feststellung, dass dieselben Personen, Firmen oder Begriffe in zwei Epochen vorkommen. Die entscheidende Frage ist immer: Was genau wurde fortgeführt?

Walter Hallstein und die Suche nach dem fehlenden Bindeglied

Kaum eine Person wird in Erzählungen über eine angebliche nationalsozialistische Herkunft der Europäischen Gemeinschaft häufiger genannt als Walter Hallstein. Der deutsche Jurist wurde nach dem Krieg Staatssekretär und schließlich erster Präsident der Kommission der EWG.

Seine Biografie während des Dritten Reiches ist deshalb relevant. Hallstein gehörte mehreren nationalsozialistisch geprägten Berufs- und Standesorganisationen an, war nach heutigem Forschungsstand aber kein Mitglied der NSDAP. Er war Hochschullehrer, später Soldat und geriet 1944 in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Die Behauptung, Hallstein sei ein führender nationalsozialistischer Europa-Stratege gewesen, der anschließend einen NS-Bauplan in Brüssel verwirklicht habe, lässt sich aus den belastbaren biografischen Quellen nicht ableiten. Damit fehlt gerade bei einer der meistgenannten Figuren jener konkrete Nachweis, den eine direkte Kontinuitätsthese benötigen würde.

Wo ist die Brücke zwischen 1942 und 1957?

Diese Frage ist der Prüfstein für jede Behauptung, die „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“ von 1942 sei die unmittelbare Grundlage der EWG von 1957 gewesen. Gab es Personen, die an beiden Projekten maßgeblich beteiligt waren? Gibt es Briefe, Memoranden oder Sitzungsprotokolle, aus denen hervorgeht, dass die späteren europäischen Verhandler den Band von 1942 kannten und als Grundlage verwendeten?

Wurden konkrete institutionelle Vorschläge aus dem NS-Konzept übernommen? Lässt sich ein organisatorischer oder finanzieller Transfer dokumentieren? Bislang gibt es dafür keine geschlossene Beweiskette. Diese Feststellung nimmt dem Fund von 1942 nichts von seiner Bedeutung. Sie bestimmt lediglich, wie weit seine Interpretation reichen darf.

Europa war schon vor Hitler eine politische Idee

Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der jede einfache Abstammungsthese erschwert. Ideen einer engeren politischen oder wirtschaftlichen Verbindung Europas entstanden lange vor dem Nationalsozialismus. Die Paneuropa-Bewegung Richard Coudenhove-Kalergis stammt aus den zwanziger Jahren. Auch der französische Politiker Aristide Briand legte vor Hitlers Machtübernahme Vorstellungen einer engeren europäischen Zusammenarbeit vor.

Während des Zweiten Weltkrieges entwickelten Gegner des Faschismus ebenfalls europäische Konzepte. Das Manifest von Ventotene aus dem Jahr 1941 steht exemplarisch für eine föderale Vorstellung Europas, die ausdrücklich aus der Erfahrung von Diktatur und Krieg entstand. Europa war deshalb kein nationalsozialistisches Konzept. Nationalsozialisten waren vielmehr eine von mehreren politischen Kräften, die versuchten, den Begriff Europa mit ihrer eigenen Ordnungsvorstellung zu füllen.

1950 beginnt ein anderes institutionelles Projekt

Am 9. Mai 1950 präsentierte der französische Außenminister Robert Schuman den Vorschlag, die französische und westdeutsche Kohle- und Stahlproduktion einer gemeinsamen Hohen Behörde zu unterstellen. Das politische Ziel war ausdrücklich, einen weiteren Krieg zwischen Frankreich und Deutschland nicht nur unwahrscheinlicher, sondern materiell schwieriger zu machen. Die gemeinsame Kontrolle zweier Schlüsselindustrien sollte aus jahrzehntelanger Rivalität eine institutionelle Abhängigkeit schaffen. 1951 folgte der Vertrag über die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Die Gemeinschaft nahm 1952 ihre Arbeit auf. Erst anschließend entwickelte sich daraus jene Integrationsgeschichte, die 1957 zu den Römischen Verträgen führte.

1957 kehrt der Name zurück

Mit den Römischen Verträgen wurde die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft geschaffen. Der Name, der 1942 bereits auf einem Berliner Buch gestanden hatte, wurde nun zur offiziellen Bezeichnung einer internationalen Vertragsgemeinschaft demokratischer Staaten. Das ist die stärkste sichtbare Parallele zwischen beiden Epochen.

Die Unterschiede sind ebenso deutlich. Das nationalsozialistische Konzept entstand in einem von Deutschland militärisch beherrschten Europa. Die EWG entstand durch Verträge souveräner Staaten, deren Regierungen und Parlamente den Integrationsprozess trugen. Ähnlichkeit des Namens bedeutet deshalb keine Identität des Systems. Die historische Frage nach möglichen intellektuellen, wirtschaftlichen und personellen Kontinuitäten bleibt davon unberührt.

Die EU entstand auch nicht einfach aus dem Nichts

Ebenso problematisch wäre die gegenteilige Erzählung, wonach einige visionäre Politiker nach 1945 vollkommen neue Ideen entwickelt hätten, die keinerlei Vorgeschichte besaßen. Die europäische Integration griff auf ältere Vorstellungen zurück. Sie entstand aus wirtschaftlichen Erfahrungen, internationalen Verflechtungen, politischen Traditionen und den Konsequenzen zweier Weltkriege.

Dazu gehörten demokratische und föderalistische Ideen ebenso wie lange bestehende Wirtschaftsbeziehungen und technokratische Konzepte, die bereits vor 1945 diskutiert worden waren. Geschichte funktioniert selten als vollständiger Neubeginn. Gerade deshalb ist die Publikation von 1942 wichtig. Sie zeigt, wie weit bestimmte wirtschaftspolitische Fragen bereits vor die offiziell erzählte Nachkriegsgeschichte zurückreichen.



Der Begriff war da, bevor Schuman sprach

Als Robert Schuman 1950 seinen Vorschlag für Kohle und Stahl präsentierte, war die Formulierung „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“ in Deutschland bereits acht Jahre zuvor gedruckt worden. Als die sechs Staaten 1957 in Rom den EWG-Vertrag unterzeichneten, lag die Berliner Veröffentlichung rund fünfzehn Jahre zurück. Dieser zeitliche Befund ist nicht interpretierbar, sondern überprüfbar. Interpretierbar ist dagegen seine Bedeutung. Wer daraus folgert, die EU sei vollständig ein NS-Projekt, überspringt die fehlende institutionelle Brücke. Wer dagegen behauptet, sämtliche Vorstellungen einer europäischen Wirtschaftsordnung seien erst nach 1945 entwickelt worden, ignoriert die dokumentierte Vorgeschichte. Beides wird den Quellen nicht gerecht.

Das „Vierte Reich“ und die Macht eines einfachen Narrativs

Aus genau diesen historischen Fragmenten entwickelte sich später die Vorstellung eines sogenannten „Vierten Reiches“. Der Begriff verbindet reale NS-Europapläne, reale wirtschaftliche Nachkriegsvorsorge, tatsächliche Vermögensverschiebungen und nachgewiesene personelle Kontinuitäten zu einer großen Gesamterzählung. Ihre Stärke liegt darin, dass viele Einzelteile tatsächlich existieren. Ihre Schwäche liegt darin, dass die Verbindung zwischen diesen Einzelteilen oft stärker behauptet wird, als die Quellen sie belegen. Das Straßburger Dokument existiert. Die Publikation von 1942 existiert. Safehaven existierte. Personelle Kontinuitäten existierten. Ein daraus zentral gesteuertes Projekt zur Gründung der späteren EU ist dagegen nicht nachgewiesen.

Vielleicht wurde lange die falsche Frage gestellt

Die Frage, ob Hitler die Europäische Union geplant habe, führt historisch in eine Sackgasse. Für einen solchen persönlichen Masterplan gibt es keinen belastbaren Nachweis. Die interessantere Frage lautet, welche wirtschaftlichen und administrativen Vorstellungen innerhalb des nationalsozialistischen Europas entwickelt wurden und welche davon den Zusammenbruch von 1945 als Wissen, Erfahrung oder strukturelles Problem überlebten. Diese Perspektive verändert die Recherche fundamental. Sie sucht nicht nach einer geheimen Regierung. Sie sucht nach Personen, Konzepten, Institutionen, wirtschaftlichen Beziehungen und dokumentierbaren Transfers. Und genau dort werden die Kontinuitäten greifbarer.

Die zweite Reihe verdient mehr Aufmerksamkeit

Das vielleicht bemerkenswerteste Ergebnis liegt deshalb nicht bei Hitler. Es liegt bei Fachleuten wie Funk, Schlotterer, Kehrl, Puhl, Jecht, Hunke und anderen Männern, die innerhalb von Ministerien, Banken, Hochschulen und Wirtschaftsorganisationen an Konzepten für einen größeren europäischen Wirtschaftsraum arbeiteten. Einige waren überzeugte Nationalsozialisten. Andere waren in unterschiedlichem Maße in das Regime eingebunden. Ihre Vorstellungen waren keineswegs identisch und bildeten keinen einzigen, durchgehend verbindlichen Plan. Aber sie zeigen, dass eine detaillierte wirtschaftliche Beschäftigung mit Europa lange vor den späteren Gründungsverträgen existierte. Das verdient Aufmerksamkeit, ohne daraus eine historische Gewissheit zu konstruieren, die die Dokumente nicht hergeben.

Straßburg zeigt einen zweiten entscheidenden Bruch

1942 diskutierten deutsche Wirtschaftsstrategen noch aus der Position eines militärisch dominierenden Reiches über Europas Ordnung. Im August 1944 hatte sich diese Perspektive umgekehrt. Nun erscheint in einem alliierten Geheimdienstbericht die Frage, wie deutsche Industrie, Kapital, Forschung und politische Netzwerke eine Niederlage überleben könnten. Das ist kein kleiner Unterschied.

1942 ging es um die Organisation eines europäischen Raumes unter deutscher Macht. 1944 ging es in Teilen bereits um das Überleben nach dem Verlust dieser Macht. Gerade diese Entwicklung macht die Dokumente zusammen so interessant.

Hitler war nicht der Mann am Tisch

Für das Straßburger Treffen bleibt ein zentraler Befund bestehen. Der einschlägige alliierte Bericht nennt Hitler weder als Teilnehmer noch als Auftraggeber. Das sollte nicht zu der Behauptung umgedreht werden, die nationalsozialistische Führung sei mit sämtlichen Nachkriegsüberlegungen unbefasst gewesen. Dafür gibt es keine Grundlage. Aber es zeigt, dass Teile des Wirtschafts- und Verwaltungsapparates über Handlungsmöglichkeiten verfügten und Zukunftsfragen diskutierten, ohne dass dafür ein persönlicher Hitler-Befehl dokumentiert sein muss. Das ist historisch plausibler als die Vorstellung, jede bedeutende Planung des Regimes habe zwingend unmittelbar von Hitler ausgehen müssen.

Was nach einem Regime übrig bleibt

Politische Systeme können innerhalb weniger Tage zusammenbrechen. Gesellschaften tun das nicht. Unternehmen bleiben bestehen. Wissen bleibt vorhanden. Juristen, Ingenieure, Wissenschaftler und Beamte besitzen weiterhin ihre Ausbildung. Internationale Wirtschaftsbeziehungen können unterbrochen und später reaktiviert werden. Kapital kann Grenzen überschreiten. Patente können weiterexistieren. Netzwerke können sich neu formieren. Deshalb ist die Frage nach Kontinuitäten nach 1945 vollkommen legitim. Sie sollte nur präziser gestellt werden als durch den Begriff „Viertes Reich“.

Der entscheidende Unterschied zwischen Kontinuität und Verschwörung

Eine Verschwörungsthese benötigt einen zentralen Plan, einen steuernden Akteur und eine nachvollziehbare Umsetzung über Jahre oder Jahrzehnte. Historische Kontinuität benötigt all das nicht.

Sie kann daraus bestehen, dass dieselben Experten an ähnlichen Problemen arbeiten. Sie kann darin liegen, dass Unternehmen und Behörden Personal weiterbeschäftigen. Sie kann sich in wirtschaftlichen Denkweisen, institutioneller Erfahrung oder bestehenden internationalen Beziehungen zeigen. Gerade deshalb lassen sich reale Kontinuitäten nachweisen, ohne daraus eine geheime Fortsetzung des Dritten Reiches abzuleiten. Diese Unterscheidung ist keine Abschwächung des Themas. Sie macht es historisch belastbarer.

Der eigentliche Befund ist stark genug

Am Ende dieser Recherche bleibt eine Reihe von Tatsachen, die keiner zusätzlichen Dramatisierung bedürfen. Bereits 1942 erschien in Berlin ein 229 Seiten umfassendes Werk mit dem Titel „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“. Im Jahr 1943 folgte eine zweite, durchgesehene Auflage.

Nationalsozialistische Wirtschaftsfachleute und hohe Funktionsträger beschäftigten sich mit einem europäischen Wirtschaftsraum, Handel, Währungen, Industrie und grenzüberschreitender Organisation. Der Begriff war damit lange vorhanden, bevor die Römischen Verträge ihn 1957 zur offiziellen Bezeichnung der EWG machten.

Im Dezember 1943 diskutierte das sogenannte „Europakränzchen“ erneut über europäische Wirtschaftsorganisation. Im August 1944 soll nach einem authentischen alliierten Geheimdienstbericht ein Kreis deutscher Industrieller und Funktionäre bereits darüber gesprochen haben, wie Kapital, internationale Unternehmensbeziehungen, Forschung und politische Strukturen die Niederlage überstehen könnten. Adolf Hitler wird in diesem Bericht weder als Teilnehmer noch als Auftraggeber genannt. Diese Punkte sind voneinander zu unterscheiden. Zusammen ergeben sie dennoch ein bemerkenswertes Bild.

Nicht die Erfindung von 1957

Die europäische Wirtschaftsordnung der Nachkriegszeit entstand nicht in einem historischen Vakuum. Die Menschen, die sie entwickelten, lebten auf einem Kontinent, der bereits Jahrzehnte wirtschaftlicher Verflechtung, Krisen, Kartelle, Währungsprobleme, Kriege und konkurrierender Europakonzepte hinter sich hatte. Auch der Begriff „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“ hatte eine Vorgeschichte. Das bedeutet nicht, dass Robert Schuman, Jean Monnet, Konrad Adenauer oder die Unterzeichner der Römischen Verträge lediglich einen Nazi-Plan fortschrieben.

Es bedeutet aber sehr wohl, dass zentrale Fragen einer wirtschaftlichen Ordnung Europas nicht erst nach 1945 entdeckt wurden. Und genau das korrigiert ein zu einfaches Bild von der europäischen Geschichte.

Die unbequeme Antwort

War die heutige Europäische Union also das Ergebnis eines Nazi-Plans? Für diese weitreichende Aussage reicht die Quellenlage nicht. Gab es bereits während des Dritten Reiches konkrete Pläne für eine europäische Wirtschaftsordnung, die mit Begriffen und Instrumenten arbeiteten, die später erneut auftauchten? Dafür lautet die Antwort eindeutig: ja.

War die Bezeichnung „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“ bereits 1942 dokumentiert, rund fünfzehn Jahre bevor die Römischen Verträge die EWG schufen? Auch das ist eindeutig: ja.

Gab es 1944 Berichte über deutsche Industrielle und Funktionäre, die sich mit Kapital, Forschung, Unternehmensnetzwerken und möglichen politischen Strukturen für die Zeit nach einer Niederlage beschäftigten? Auch dafür existiert ein authentisches alliiertes Geheimdienstdokument. Ist Hitler als Initiator dieses Straßburger Treffens belegt? Nein.

Die Geschichte ist größer als der Mythos

Vielleicht liegt gerade darin die stärkste Schlussfolgerung. Die Geschichte braucht keinen geheimen Hitler-Plan für Brüssel, um unbequem zu sein. Es reicht, die vorhandenen Dokumente ernst zu nehmen. Sie zeigen ein Europa, über dessen wirtschaftliche Organisation schon während des Krieges detailliert nachgedacht wurde. Sie zeigen Funktionäre und Wirtschaftsstrategen, die nicht erst 1945 begannen, über größere Märkte, Währungen und kontinentale Verflechtungen nachzudenken. Sie zeigen zudem, dass einzelne Kreise spätestens 1944 bereits eine Zeit nach der militärischen Niederlage Deutschlands einkalkulierten.

Nach 1945 entstand daraus nicht nachweisbar eine geheime Fortsetzung des Dritten Reiches. Es entstand eine neue politische Ordnung mit demokratischen Verträgen, anderen Zielen und anderen institutionellen Grundlagen. Doch auch diese Ordnung begann nicht auf einem weißen Blatt.

Genau darin liegt die historisch relevante Kontinuität: Nicht ein verborgenes Reich lässt sich nachweisen, sondern das Überleben von Fragen, Wissen, wirtschaftlichen Strukturen, Personen und Vorstellungen über einen politischen Zusammenbruch hinweg. Deshalb bleibt das Jahr 1942 so bemerkenswert. Fünfzehn Jahre bevor sechs demokratische Staaten in Rom eine Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gründeten, stand derselbe Begriff bereits auf dem Titel eines 229 Seiten starken Buches im nationalsozialistischen Berlin. Das ist kein Beweis dafür, dass die heutige EU ein Nazi-Projekt ist.

Es ist aber ein historischer Befund, der zeigt, dass die Vorgeschichte europäischer Wirtschaftsordnung älter, widersprüchlicher und dunkler ist, als die einfache Erzählung eines vollständigen Neubeginns nach 1945 vermuten lässt. Wer Europas Entstehung verstehen will, muss deshalb beides aushalten: den fundamentalen politischen Bruch von 1945 und jene Kontinuitäten, die diesen Bruch überlebten. Erst zusammen ergeben sie das vollständige Bild.


Die EU-Idee: Nazi-Pläne von 1942 und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft. Bereits 1942 erschien in Berlin eine 229 Seiten starke „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“. Was Nazi-Strategen planten, was 1944 in Straßburg besprochen worden sein soll und welche Verbindungen zur späteren EU tatsächlich belegbar sind.