Rubrik: Gesellschaft
Format: Spezialbericht
Autor: Sinisa Brkic (sb)
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Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes
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Existiert das jüdische Volk seit der Antike als weitgehend unveränderte Abstammungsgemeinschaft, oder entstand die moderne Vorstellung einer gemeinsamen nationalen Herkunft erst im Zuge des europäischen Nationalismus? Der israelische Historiker Shlomo Sand stellte diese Frage in seinem 2008 veröffentlichten Buch und löste damit eine internationale Kontroverse aus. Archäologische Erkenntnisse, historische Quellen und moderne genetische Untersuchungen erlauben inzwischen eine differenzierte Bewertung seiner Thesen. Dabei zeigt sich eine Geschichte, die weder mit der Vorstellung einer einheitlichen biologischen Abstammung noch mit Sands weitreichendsten Gegenthesen vollständig erklärt werden kann.
Ein Buch gegen die Gewissheiten nationaler Geschichte
Als der israelische Historiker Shlomo Sand 2008 sein Buch „Die Erfindung des jüdischen Volkes“ veröffentlichte, stellte er eine Frage, die weit über die akademische Geschichtswissenschaft hinausreichte. Wie entsteht ein Volk, und welche Bedeutung besitzen historische Abstammungserzählungen für das politische Selbstverständnis eines modernen Staates? Die 2010 erschienene deutsche Ausgabe trägt den Untertitel „Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand“. Schon diese Formulierung verdeutlicht den politischen Anspruch des Werkes. Sand untersucht nicht allein die Vergangenheit jüdischer Gemeinschaften, sondern die Frage, wie aus religiösen Überlieferungen, historischen Erinnerungen und unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen die Vorstellung einer modernen Nation hervorging. Sein Ausgangspunkt ist eine grundlegende Unterscheidung. Die Existenz jüdischer Religion, Kultur und historischer Gemeinschaften stellt er nicht infrage. Er bestreitet vielmehr, dass sich aus diesen historischen Tatsachen ohne Weiteres die Vorstellung eines über Jahrtausende weitgehend unveränderten, biologisch zusammengehörenden Volkes ableiten lässt.
Sand betrachtet die jüdische Nationalgeschichte deshalb als Ergebnis eines umfassenden Prozesses historischer Deutung. Nach seiner Auffassung haben insbesondere Historiker und politische Intellektuelle des 19. Jahrhunderts unterschiedliche jüdische Vergangenheitserfahrungen zu einer einheitlichen nationalen Ursprungserzählung verbunden. Das Buch ist damit zugleich historische Untersuchung und politische Intervention. Sein wissenschaftlicher Wert hängt allerdings entscheidend davon ab, ob die von Sand vorgetragenen Einzelthesen durch historische Belege gestützt werden.
Was Shlomo Sand unter der Erfindung eines Volkes versteht
Der Begriff „Erfindung“ gehört zu den am häufigsten missverstandenen Elementen des Buches. Sand behauptet nicht, dass jüdische Menschen oder ihre religiösen Gemeinschaften erst in der Neuzeit entstanden seien. Gemeint ist vielmehr, dass moderne Nationen ihre Geschichte häufig als eine weit in die Vergangenheit zurückreichende, durchgehende Entwicklung darstellen. In der Nationalismusforschung ist dieser Gedanke keineswegs ungewöhnlich. Wissenschaftler wie Benedict Anderson und Ernest Gellner haben untersucht, wie kollektive Identitäten durch gemeinsame Erzählungen, Bildung, Sprache, politische Institutionen und historische Erinnerung geprägt werden. Sand überträgt diese Perspektive auf die Geschichte des Judentums. Er argumentiert, dass die moderne jüdische Nationalbewegung ältere religiöse Traditionen in eine politische Geschichtserzählung überführte, die eine gemeinsame Herkunft, ein gemeinsames historisches Schicksal und die Rückkehr in ein angestammtes Land miteinander verbindet. Besonders wichtig ist ihm der Historiker Heinrich Graetz, dessen mehrbändige „Geschichte der Juden“ seit der Mitte des 19. Jahrhunderts erschien. Sand sieht in solchen Werken einen entscheidenden Beitrag zur Darstellung jüdischer Vergangenheit als zusammenhängende Geschichte eines Volkes. Hier liegt allerdings bereits eine Grenze seiner Argumentation. Dass moderne Nationalbewegungen ältere Gemeinschaftsvorstellungen politisch umgestalten, bedeutet nicht, dass zuvor keine gemeinsamen religiösen, kulturellen oder historischen Identitäten bestanden. Jüdische Gemeinschaften verfügten lange vor dem modernen Zionismus über gemeinsame religiöse Texte, Rechtsvorstellungen, Traditionen und Formen kollektiver Erinnerung. Die Entstehung einer modernen jüdischen Nation und die wesentlich ältere Geschichte jüdischer Gemeinschaften sind deshalb miteinander verbunden, aber nicht identisch.
Die Bibel zwischen religiöser Überlieferung und historischer Wirklichkeit
Ein zentraler Teil des Buches beschäftigt sich mit der Verwendung biblischer Überlieferungen als Grundlage nationaler Geschichtsschreibung. Sand untersucht insbesondere, inwieweit die Erzählungen über die israelitische Frühgeschichte archäologisch und historisch nachweisbar sind. Der Auszug der Israeliten aus Ägypten, die Eroberung Kanaans und die Herrschaft der Könige David und Salomo besitzen in der biblischen Überlieferung grundlegende Bedeutung. Ihre historische Rekonstruktion ist jedoch wesentlich schwieriger, als eine wörtliche Lektüre der Texte vermuten lässt. Für einen Exodus in der biblisch geschilderten Größenordnung gibt es keinen überzeugenden archäologischen Nachweis. Auch die Vorstellung einer raschen, umfassenden militärischen Eroberung Kanaans durch eine von außen kommende israelitische Bevölkerung wird durch die archäologische Forschung nicht gestützt. Zahlreiche Befunde sprechen vielmehr dafür, dass sich frühe israelitische Gemeinschaften wesentlich aus bereits in der südlichen Levante lebenden Bevölkerungen entwickelten. Dabei spielten kulturelle Veränderungen, regionale Siedlungsentwicklungen und die Herausbildung neuer sozialer Identitäten eine bedeutende Rolle. Auch die politische Größe des David und Salomo zugeschriebenen Königreichs ist wissenschaftlich umstritten. Die Tel-Dan-Inschrift, die gewöhnlich auf das 9. Jahrhundert vor Christus datiert wird, gilt als bedeutender außerbiblischer Hinweis auf eine davidische Herrscherdynastie. Sie bestätigt jedoch nicht automatisch die gesamte biblische Darstellung eines mächtigen Großreiches. Sand greift damit Fragen auf, die innerhalb der modernen Bibelarchäologie bereits intensiv diskutiert wurden. Die wissenschaftliche Neubewertung biblischer Geschichte ist keine Entdeckung seines Buches, sondern Teil einer wesentlich älteren Forschungsentwicklung. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen einer fehlenden Bestätigung bestimmter Erzählungen und der tatsächlichen Existenz antiker israelitischer und judäischer Gesellschaften. Diese sind durch archäologische Funde, Inschriften und außerbiblische Überlieferungen historisch belegt.
Der Mythos einer vollständigen Vertreibung durch Rom
Besondere Bedeutung besitzt Sands Kritik an der Vorstellung, die jüdische Diaspora sei durch eine vollständige Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Judäa entstanden. In populären Darstellungen werden die Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 nach Christus und die Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstands im Jahr 135 häufig als entscheidende Wendepunkte einer umfassenden Zerstreuung beschrieben. Sand hält eine solche Darstellung für historisch unzutreffend. Tatsächlich existierten bereits lange vor der römischen Tempelzerstörung bedeutende jüdische Gemeinschaften außerhalb Judäas, etwa in Babylonien, Ägypten und verschiedenen Städten des Mittelmeerraums. Die jüdische Diaspora war somit keine unmittelbare Folge eines einzigen Ereignisses. Sie entwickelte sich über Jahrhunderte durch Migration, wirtschaftliche Beziehungen, politische Veränderungen, familiäre Netzwerke und religiöse Gemeinschaftsbildung. Ebenso gibt es keinen überzeugenden Beleg dafür, dass die Römer nach dem Jahr 70 oder 135 die gesamte jüdische Bevölkerung aus Judäa deportierten. Eine solche vollständige Entvölkerung lässt sich weder durch die historischen Quellen noch durch die spätere Siedlungsgeschichte bestätigen. Allerdings wäre es ebenso falsch, die Folgen der römischen Kriege zu relativieren. Die Niederschlagung der Aufstände führte zu massiven Tötungen, Versklavungen, Vertreibungen und tiefgreifenden Veränderungen der jüdischen Bevölkerung, besonders in Jerusalem und Teilen Judäas. Jüdische Gemeinden bestanden dennoch weiterhin in der Region. Die spätere Entwicklung Galiläas zu einem bedeutenden Zentrum jüdischen religiösen Lebens belegt diese Kontinuität besonders deutlich. Sands Kritik trifft daher eine historisch stark vereinfachte Erzählung von einer vollständigen römischen Vertreibung. Problematisch wird seine Argumentation dort, wo aus der Widerlegung dieses Gesamtbildes eine zu geringe Bedeutung tatsächlicher Fluchtbewegungen, Deportationen und späterer jüdischer Auswanderung abgeleitet wird.
Die vergessene Bedeutung religiöser Konversionen
Ein weiterer Schwerpunkt des Buches betrifft die Ausbreitung des Judentums durch religiöse Übertritte. Sand widerspricht der Vorstellung, jüdische Gemeinschaften hätten sich über Jahrhunderte nahezu ausschließlich durch biologische Abstammung erhalten. Historische Quellen belegen tatsächlich, dass Konversionen bereits in der Antike eine Rolle spielten. Während der hasmonäischen Herrschaft wurden unter anderem die Idumäer in den jüdischen Herrschaftsbereich eingegliedert und zur Übernahme jüdischer religiöser Praktiken verpflichtet. Auch die Konversion von Angehörigen der Herrscherfamilie des antiken Königreichs Adiabene ist historisch überliefert. Darüber hinaus gab es im spätantiken Südarabien politische Herrschaftsstrukturen, deren Eliten sich zeitweise am Judentum orientierten. Diese Entwicklungen zeigen, dass jüdische Gemeinschaften keineswegs ausschließlich aus den Nachkommen einer einzigen ursprünglichen Bevölkerung bestanden. Religiöse Zugehörigkeit konnte sich verändern, und Menschen unterschiedlicher Herkunft konnten Teil jüdischer Gemeinschaften werden. Sand misst diesen Konversionsbewegungen allerdings eine wesentlich größere bevölkerungsgeschichtliche Bedeutung bei, als sich in jedem einzelnen Fall nachweisen lässt. Besonders bei seinen Überlegungen zu jüdischen Gemeinschaften Nordafrikas und deren möglicher Verbindung zu berberischen Bevölkerungen ist die historische Quellenlage uneinheitlich. Zwar existieren Hinweise auf jüdische Präsenz und mögliche Konversionen in nordafrikanischen Gesellschaften. Daraus lässt sich jedoch keine gesicherte Aussage ableiten, wonach die späteren nordafrikanischen jüdischen Gemeinschaften überwiegend aus konvertierten Berbern hervorgegangen seien. Die historische Wirklichkeit dürfte unterschiedliche Entwicklungen umfasst haben. Migration aus dem östlichen Mittelmeerraum, Ansiedlungen während der römischen Zeit, regionale Konversionen und spätere Bevölkerungsbewegungen können jeweils zur Entstehung jüdischer Gemeinschaften beigetragen haben. Die Bedeutung religiöser Übertritte ist damit historisch begründet. Eine pauschale Erklärung sämtlicher jüdischer Diasporagemeinschaften durch Konversionen geht jedoch über die verfügbaren Belege hinaus.
Die Chasaren: Sands umstrittenste Herkunftsthese
Zu den kontroversesten Teilen des Buches gehört die Beschäftigung mit den Chasaren. Ihr Herrschaftsgebiet erstreckte sich im frühen Mittelalter über Regionen zwischen Schwarzem Meer, Kaspischem Meer und den angrenzenden Steppengebieten. In mittelalterlichen Überlieferungen wird berichtet, dass sich Teile der chasarischen Herrschaftselite dem Judentum zuwandten. Über die historische Zuverlässigkeit dieser Berichte, den Umfang möglicher Konversionen und ihre tatsächlichen gesellschaftlichen Folgen besteht allerdings keine wissenschaftliche Einigkeit. Sand betrachtet die Chasaren als einen möglichen wichtigen Bestandteil der Entstehung des osteuropäischen Judentums. Nach seiner Argumentation könnten jüdisch gewordene Bevölkerungsgruppen aus dem Chasarenreich zur späteren Herausbildung aschkenasischer Gemeinschaften beigetragen haben. Damit stellt er die weithin vertretene Annahme infrage, dass die aschkenasischen Juden wesentlich aus jüdischen Gemeinschaften hervorgingen, die sich über den Mittelmeerraum und das westliche Europa bis in die Gebiete Mittel- und Osteuropas ausbreiteten. Die historische Beweislage für eine überwiegend chasarische Abstammung ist jedoch schwach. Der Historiker Shaul Stampfer untersuchte 2013 die Quellen über die angebliche Konversion der Chasaren und kam zu einem besonders skeptischen Ergebnis. Er hielt selbst die verbreitete Annahme einer Konversion des chasarischen Herrscherhauses für historisch nicht hinreichend gesichert. Andere Historiker beurteilen einzelne mittelalterliche Berichte weniger kritisch und halten eine Konversion von Teilen der Elite für plausibel. Aber auch die mögliche Existenz jüdischer Chasaren wäre noch kein Beweis dafür, dass sie den überwiegenden Teil der Vorfahren heutiger aschkenasischer Juden stellten. Hinzu kommen sprachwissenschaftliche und historische Erkenntnisse. Die Entwicklung des Jiddischen aus überwiegend westgermanischen Sprachgrundlagen und die dokumentierte Migration jüdischer Gemeinschaften aus dem westlichen nach Mittel- und Osteuropa sprechen für bedeutende west- und mitteleuropäische Entstehungszusammenhänge. Sand greift somit eine historische Hypothese auf, deren starke Version weder durch die mittelalterlichen Quellen noch durch die neueren genetischen Untersuchungen überzeugend bestätigt wird.
Die genetische Forschung liefert ein differenzierteres Bild
Seit der Veröffentlichung des Buches hat sich die wissenschaftliche Untersuchung menschlicher Abstammung erheblich weiterentwickelt. Fortschritte in der Analyse vollständiger Genome und historischer DNA ermöglichen Aussagen, die zur Zeit älterer ethnologischer und genealogischer Debatten nicht verfügbar waren. Dabei lässt sich die Geschichte jüdischer Gemeinschaften nicht auf eine einzige genetische Herkunft zurückführen. Die bisherigen Untersuchungen zeigen sowohl gemeinsame Abstammungskomponenten als auch erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen jüdischen Bevölkerungsgruppen. Entscheidend ist außerdem die Unterscheidung zwischen genetischer Abstammung und religiöser oder nationaler Identität. Ein genetischer Befund kann historische Bevölkerungsverbindungen sichtbar machen, aber weder jüdische Zugehörigkeit definieren noch politische Ansprüche begründen.
Die Studien von 2010: Gemeinsame Wurzeln und regionale Vielfalt
Im Jahr 2010 veröffentlichte eine internationale Forschungsgruppe um Doron Behar in der Fachzeitschrift Nature eine umfassende Untersuchung der genetischen Struktur jüdischer Diasporagemeinschaften. Die Wissenschaftler analysierten genetische Daten aus 14 jüdischen Gemeinschaften und verglichen diese mit 69 nichtjüdischen Populationen. Bei zahlreichen untersuchten Gruppen stellten sie deutliche genetische Gemeinsamkeiten fest, die mit historischen Herkunftsbeziehungen zum östlichen Mittelmeerraum vereinbar sind. Gleichzeitig zeigten sich wesentliche regionale Unterschiede. Insbesondere jüdische Gemeinschaften aus Äthiopien und Indien wiesen deutliche genetische Beziehungen zu den Bevölkerungen ihrer jeweiligen Herkunftsregionen auf. Eine weitere Studie unter Leitung von Gil Atzmon, veröffentlicht im American Journal of Human Genetics, untersuchte sieben jüdische Bevölkerungsgruppen aus Europa und dem Nahen Osten. Die Forscher stellten genetische Gemeinsamkeiten fest, fanden jedoch auch unterschiedliche europäische und nordafrikanische Abstammungsanteile. Beide Untersuchungen widersprechen der Vorstellung einer weltweit vollständig einheitlichen jüdischen Abstammung. Sie liefern zugleich gewichtige Hinweise darauf, dass viele jüdische Diasporagemeinschaften gemeinsame historische Herkunftskomponenten besitzen. Damit wird ein wesentlicher Teil von Sands Argumentation eingeschränkt. Die Behauptung, die Verbindungen zwischen unterschiedlichen jüdischen Gemeinschaften seien nahezu ausschließlich religiöser oder kultureller Natur, lässt sich mit diesen genetischen Ergebnissen nicht vereinbaren.
Der genetische Streit um die Chasarenhypothese
Besonders deutlich wird die wissenschaftliche Kontroverse bei der Frage nach der Herkunft aschkenasischer Juden. Der Genetiker Eran Elhaik veröffentlichte 2013 eine Untersuchung, deren Ergebnisse er als Unterstützung der Chasarenhypothese interpretierte. Sein Modell verglich genetische Merkmale aschkenasischer Juden mit verschiedenen Bevölkerungen aus Europa, dem Nahen Osten und dem Kaukasus. Dabei betrachtete er bestimmte heutige Kaukasuspopulationen als mögliche indirekte Vergleichsgruppen für historische Chasaren. Im selben Jahr veröffentlichte eine Forschungsgruppe um Doron Behar eine umfangreiche Gegenuntersuchung. Sie umfasste 1.774 genetische Datensätze aus 106 jüdischen und nichtjüdischen Populationen, darunter zahlreiche Gruppen aus dem Kaukasus und angrenzenden Regionen. Die Forscher fanden keine besondere genetische Nähe zu den untersuchten Kaukasuspopulationen, die eine überwiegend chasarische Herkunft der Aschkenasim stützen würde. Stattdessen zeigten sich stärkere Verbindungen zu anderen jüdischen Gemeinschaften sowie zu Populationen Europas und des Nahen Ostens. Die gegensätzlichen Ergebnisse verdeutlichen eine methodische Schwierigkeit. Historische Chasaren bildeten keinen genetisch eindeutig dokumentierten Vergleichsbestand, und heutige Populationen aus dem ehemaligen Einflussgebiet des Chasarenreiches sind nicht automatisch repräsentativ für dessen mittelalterliche Bewohner. Die Verwendung solcher Ersatzpopulationen kann statistische Ergebnisse erheblich beeinflussen. Ohne ausreichend gesicherte historische DNA lässt sich die genaue Größe eines möglichen chasarischen Abstammungsbeitrags deshalb nicht zuverlässig bestimmen. Aus den vorhandenen Untersuchungen ergibt sich allerdings keine überzeugende Grundlage für eine überwiegend chasarische Herkunft heutiger aschkenasischer Juden. Einzelne historische Verbindungen oder begrenzte Abstammungsbeiträge werden dadurch nicht grundsätzlich ausgeschlossen.
Europäische Vorfahren: Was die mütterlichen Abstammungslinien zeigen
Eine besonders beachtete Studie erschien 2013 in Nature Communications. Die Forschungsgruppe um Marta Costa untersuchte die mitochondriale DNA aschkenasischer Juden, die ausschließlich über die mütterliche Linie weitergegeben wird. Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass ein erheblicher Anteil dieser mütterlichen Abstammungslinien wahrscheinlich europäischen Ursprungs ist. Ihr bevorzugtes Modell ordnete ungefähr 81 Prozent der Linien europäischen Herkunftsbereichen zu. Die Autoren wiesen allerdings selbst darauf hin, dass bestimmte Linien unterschiedlich interpretiert werden können. Bei vorsichtigeren Annahmen ergibt sich ein europäischer Anteil von ungefähr 65 Prozent. Diese Zahlen beziehen sich ausschließlich auf die untersuchten mütterlichen Linien. Sie bedeuten ausdrücklich nicht, dass 65 oder 81 Prozent des gesamten Genoms heutiger aschkenasischer Juden europäischer Herkunft wären. Die Untersuchung legt nahe, dass die Aufnahme europäischer Frauen eine wichtige Rolle bei der Entstehung aschkenasischer Gemeinschaften gespielt haben könnte. Religiöse Konversionen sind dafür eine historische Erklärungsmöglichkeit, lassen sich aber aus der mitochondrialen DNA allein nicht unmittelbar nachweisen. Für die Bewertung Sands ist das Ergebnis dennoch relevant. Es bestätigt die Bedeutung regionaler Abstammungsverbindungen und widerspricht der Vorstellung einer ausschließlich aus der antiken Levante hervorgegangenen, genetisch unveränderten Bevölkerung. Gleichzeitig stützt die Untersuchung keine überwiegend chasarische Herkunft. Die Autoren fanden gerade bei den mütterlichen Linien keine Hinweise auf einen bedeutenden Ursprung im Nordkaukasus.
Die Genomanalyse von 2014: Zwei große Herkunftskomponenten
Eine weitere Untersuchung erschien 2014 ebenfalls in Nature Communications. Die Forschungsgruppe um Shai Carmi analysierte 128 vollständig sequenzierte Genome aschkenasischer Juden. Die statistischen Modelle ergaben eine annähernd gleichgewichtige Mischung europäischer und wahrscheinlich nahöstlicher Abstammungskomponenten. Diese Einteilung beschreibt ein populationsgenetisches Modell und darf nicht mit einer exakten historischen Aufteilung der Vorfahren gleichgesetzt werden. Die Untersuchung identifizierte außerdem einen ausgeprägten genetischen Flaschenhals. Damit ist eine historische Phase gemeint, in der die Vorfahren einer später deutlich größeren Bevölkerung auf eine relativ kleine Ausgangsgruppe zurückgehen. Die Forscher schätzten innerhalb ihres Modells eine effektive Gründerpopulation von ungefähr 350 Individuen. Diese Zahl ist keine historische Volkszählung, sondern eine genetische Modellgröße, die bestimmte Entwicklungen der Bevölkerungsgeschichte abbildet. Solche Gründerereignisse erklären unter anderem, weshalb bestimmte genetische Varianten innerhalb einzelner Bevölkerungsgruppen überdurchschnittlich häufig auftreten. Sie können zugleich Hinweise auf historische Migration, Bevölkerungsverluste und spätere demografische Expansion liefern. Die Studie zeigt eine komplexe Entstehungsgeschichte. Europäische und nahöstliche Abstammungskomponenten sind miteinander verbunden, während spätere demografische Entwicklungen die genetische Struktur zusätzlich beeinflussten. Das Ergebnis lässt weder die Vorstellung einer unveränderten biologischen Gemeinschaft noch die Annahme einer ausschließlich europäischen Herkunft als ausreichend erscheinen.
Alte DNA aus der Levante: Was die Forschung 2020 nachweisen konnte
Eine der bedeutendsten Untersuchungen zur älteren Bevölkerungsgeschichte des östlichen Mittelmeerraums erschien 2020 in der Fachzeitschrift Cell. Unter Beteiligung von Lily Agranat-Tamir, Israel Finkelstein, David Reich und weiteren Forschern wurden genetische Daten von 73 Individuen aus der Bronze- und Eisenzeit der südlichen Levante ausgewertet. Die untersuchten Menschen stammten aus verschiedenen archäologischen Fundorten und waren mit kulturellen Zusammenhängen verbunden, die gewöhnlich als kanaanäisch bezeichnet werden. Die Forscher untersuchten sowohl genetische Gemeinsamkeiten zwischen den historischen Populationen als auch mögliche Einflüsse von Zuwanderung. Dabei zeigte sich, dass verschiedene bronzezeitliche Bevölkerungsgruppen der südlichen Levante erhebliche genetische Ähnlichkeiten besaßen. Ihre Abstammung ließ sich modellhaft mit älteren lokalen Populationen und zusätzlichen Einflüssen aus Regionen des Zagrosgebirges oder des Kaukasus beschreiben. Bereits diese antiken Gesellschaften waren somit Ergebnisse einer längeren Bevölkerungsgeschichte mit regionaler Kontinuität und überregionalen Verbindungen. Die Vorstellung vollständig isolierter Abstammungsgemeinschaften ist schon für die Bronzezeit nicht überzeugend. Besonders interessant war der Vergleich mit heutigen Bevölkerungen. Die Forscher fanden bei verschiedenen modernen jüdischen und arabischsprachigen Gruppen erhebliche Abstammungskomponenten, die mit den untersuchten alten Populationen der Levante und genetisch verwandten Herkunftsgruppen vereinbar sind. Die Studie dokumentiert damit tiefreichende Bevölkerungskontinuitäten und zugleich spätere genetische Veränderungen. Sie erlaubt jedoch keine einfache Gleichsetzung heutiger Nationalitäten mit bestimmten antiken Völkern. Weder Juden noch Palästinenser lassen sich genetisch als unveränderte Fortsetzung einer einzigen bronzezeitlichen Bevölkerungsgruppe beschreiben. Die Ergebnisse zeigen vielmehr, dass unterschiedliche heutige Gemeinschaften historische Abstammungsverbindungen zur Region besitzen können. Für Sands These ist das in zweifacher Hinsicht bedeutsam. Einerseits stützt die Forschung die Vorstellung, dass Bevölkerungskontinuität in der Levante trotz politischer und religiöser Veränderungen bestehen konnte. Andererseits widerspricht sie der pauschalen Annahme, viele jüdische Diasporagemeinschaften hätten keine erheblichen historischen Abstammungsverbindungen zu dieser Region.
Erfurt und Norwich: Mittelalterliche DNA schließt eine Forschungslücke
Besonders aussagekräftig sind Untersuchungen historischer jüdischer Gemeinden. Sie ermöglichen einen direkten Vergleich zwischen Menschen, die vor mehreren Jahrhunderten lebten, und heutigen Bevölkerungsgruppen. Zwei im Jahr 2022 veröffentlichte Studien haben die Forschung zur Entstehung aschkenasischer Gemeinschaften wesentlich erweitert.
33 Genome aus dem mittelalterlichen Erfurt
Eine internationale Forschungsgruppe um Shamam Waldman untersuchte genetisches Material von 33 Menschen, die im 14. Jahrhundert auf einem jüdischen Friedhof in Erfurt bestattet worden waren. Die Ergebnisse erschienen in Cell. Die untersuchten Personen zeigten bereits deutliche genetische Gemeinsamkeiten mit heutigen aschkenasischen Juden, verfügten jedoch über eine größere Variabilität bestimmter osteuropäischer Abstammungskomponenten. Die Wissenschaftler stellten fest, dass innerhalb der mittelalterlichen Gemeinschaft wahrscheinlich unterschiedliche genetische Untergruppen existierten. Diese Unterschiede sind in heutigen aschkenasischen Populationen in wesentlich geringerem Umfang erkennbar. Besonders bedeutsam ist die zeitliche Einordnung des genetischen Gründerereignisses. Die Untersuchung zeigte, dass wesentliche Merkmale dieser Entwicklung bereits vor dem 14. Jahrhundert vorhanden waren. Damit lässt sich eine erkennbare genetische Kontinuität zwischen mittelalterlichen und heutigen aschkenasischen Gemeinschaften nachweisen. Gleichzeitig dokumentieren die Ergebnisse frühere Vermischungsprozesse und Unterschiede innerhalb der damaligen Bevölkerung. Die genaue geografische Herkunft sämtlicher Vorfahren konnte auch diese Untersuchung nicht bestimmen. Sie liefert jedoch eine wesentlich direktere historische Datengrundlage als Vergleiche, die ausschließlich auf DNA heutiger Bevölkerungen beruhen.
Die sechs Genome aus Norwich
Ebenfalls 2022 veröffentlichten Wissenschaftler eine Untersuchung von sechs Menschen, deren Überreste in einem mittelalterlichen Brunnen im englischen Norwich gefunden worden waren. Die genetischen Ergebnisse zeigten deutliche Verbindungen zu heutigen aschkenasischen Juden. Eine erneute Radiokarbondatierung ist zudem mit einem historisch dokumentierten antisemitischen Gewaltereignis vom 6. Februar 1190 vereinbar, beweist diese Zuordnung aber nicht abschließend. Die Forscher fanden auch genetische Varianten, die mit bestimmten erblichen Erkrankungen aschkenasischer Bevölkerungsgruppen in Verbindung stehen. Das deutet darauf hin, dass charakteristische Merkmale dieser Population bereits im Hochmittelalter vorhanden waren. Die Erfurter und die Norwich-Studie ergänzen sich damit in einem wesentlichen Punkt. Sie zeigen, dass die Entstehung genetisch erkennbarer aschkenasischer Gemeinschaften nicht erst in der Neuzeit anzusetzen ist. Zugleich lassen die Befunde Raum für ältere Abstammungsvermischungen. Historische Kontinuität und unterschiedliche Herkunftskomponenten widersprechen einander nicht.
Was eine Untersuchung von 2025 über die Grenzen genetischer Herkunftserzählungen zeigt
Im April 2025 erschien in Nature eine umfangreiche Untersuchung zur genetischen Geschichte phönizisch-punischer Gesellschaften im Mittelmeerraum. Die Wissenschaftler erzeugten genetische Daten von insgesamt 210 historischen Individuen, darunter zahlreiche Personen aus archäologischen Fundorten mit phönizischen oder punischen Bezügen. Die Ergebnisse zeigten, dass die kulturelle Ausbreitung phönizisch-punischer Traditionen nicht zwangsläufig mit einer entsprechend großen Bevölkerungsbewegung aus der levantinischen Ursprungsregion verbunden war. Gerade in den westlichen Mittelmeergebieten hatten die untersuchten Populationen eine vielfältige Herkunft. Diese Studie beschäftigt sich ausdrücklich nicht mit der Entstehung jüdischer Gemeinschaften. Sie kann daher weder Sands Aussagen über die Chasaren bestätigen noch die genetische Herkunft heutiger Juden erklären. Ihre Bedeutung liegt vielmehr in einer grundlegenden methodischen Erkenntnis. Die Verbreitung einer Kultur, einer Sprache oder einer religiösen Tradition muss nicht mit einer ebenso umfangreichen Wanderung genetisch verwandter Menschen einhergehen. Umgekehrt können Bevölkerungen gemeinsame Abstammungskomponenten besitzen und dennoch unterschiedliche kulturelle und politische Identitäten entwickeln. Die Gleichsetzung von Kulturgeschichte und biologischer Abstammung bleibt deshalb wissenschaftlich problematisch. Gerade diese Differenzierung ist für die Debatte um Shlomo Sand entscheidend. Sie macht deutlich, weshalb historische Gemeinschaften weder ausschließlich über DNA noch allein durch politische Geschichtserzählungen erklärt werden können.
Sind heutige Palästinenser Nachfahren der antiken Bevölkerung Judäas?
Zu Sands besonders weitreichenden Überlegungen gehört die mögliche Abstammung heutiger Palästinenser von Teilen der antiken jüdischen Bevölkerung. Seine Argumentation knüpft daran an, dass die Bewohner Judäas nach den römischen Kriegen nicht vollständig aus der Region verschwanden. Über die folgenden Jahrhunderte veränderten sich die religiösen Verhältnisse tiefgreifend. Das Christentum breitete sich aus, und nach den arabischen Eroberungen des 7. Jahrhunderts entwickelte sich im Verlauf eines langen historischen Prozesses eine zunehmend muslimische und arabischsprachige Bevölkerung. Es ist historisch plausibel, dass ein Teil dieser Bevölkerung von Menschen abstammt, die bereits in der Antike in der Region lebten. Dazu können auch Nachfahren jüdischer Gemeinschaften gehört haben, deren Vorfahren später andere Religionen annahmen. Allerdings ist die genaue genealogische Zuordnung über viele Jahrhunderte hinweg kaum rekonstruierbar. Die Bevölkerung der südlichen Levante umfasste bereits in der Antike unterschiedliche Gruppen, und spätere Wanderungsbewegungen ergänzten die regionalen Abstammungsverhältnisse. Die genetische Forschung ist mit einer langfristigen regionalen Bevölkerungskontinuität vereinbar. Sie belegt jedoch keine ausschließliche Abstammung heutiger Palästinenser von antiken Judäern. Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, dass jüdische Gemeinschaften außerhalb der Levante keine historischen Verbindungen zu den antiken Bewohnern der Region besitzen könnten. Die entscheidende Erkenntnis besteht darin, dass unterschiedliche heutige Bevölkerungen teilweise gemeinsame regionale Vorfahren besitzen können. Nationale und religiöse Unterschiede müssen daher keineswegs auf vollständig voneinander getrennten Abstammungsgeschichten beruhen.
Warum Historiker Sands Buch teilweise entschieden widersprechen
Trotz seiner internationalen Aufmerksamkeit wurde Sands Werk innerhalb der Geschichtswissenschaft keineswegs einhellig positiv aufgenommen. Die Kritik betrifft vor allem seine Auswahl historischer Belege, seine Interpretation der vorhandenen Fachliteratur und die Verallgemeinerung einzelner Hypothesen. Der israelische Historiker Israel Bartal widersprach insbesondere Sands Darstellung, wichtige Erkenntnisse über jüdische Konversionen und die Geschichte der Chasaren seien von der israelischen Historiografie gezielt verschwiegen worden. Solche Fragen waren bereits vor Sands Buch Gegenstand historischer Untersuchungen und teilweise auch allgemein zugänglicher Nachschlagewerke. Auch die Historikerin Luise Hirsch kritisierte in einer 2011 veröffentlichten fachwissenschaftlichen Rezension den Umgang des Autors mit bestehenden Forschungsergebnissen. Sie verwies unter anderem darauf, dass Sand die gut dokumentierten Migrationsbewegungen jüdischer Gemeinschaften innerhalb des Römischen Reiches und später nach Osteuropa nicht angemessen berücksichtige. Der Judaist Steven Weitzman beschäftigte sich in seinem 2017 erschienenen Werk über die Ursprünge der Juden ebenfalls mit Sands Thesen. Seine Analyse verdeutlicht, dass die Entstehung moderner Nationen und die Existenz älterer Formen kollektiver Zugehörigkeit unterschiedliche historische Fragestellungen sind. Ein grundlegendes Problem besteht in Sands Gegenüberstellung zweier stark vereinfachter Modelle. Einer angeblich über Jahrtausende vollständig einheitlichen jüdischen Abstammungsgemeinschaft setzt er stellenweise eine Entstehungsgeschichte entgegen, in der religiöse Konversionen und moderne Geschichtsschreibung nahezu die gesamte Erklärung liefern. Beide Modelle greifen zu kurz. Historisch nachweisbar sind gemeinsame religiöse Traditionen, kulturelle Verbindungen, familiäre Abstammungslinien, Migrationen und regionale Vermischungsprozesse. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass der moderne Zionismus keine einheitliche historische oder politische Denkschule war. Unterschiedliche zionistische Strömungen entwickelten teils erheblich voneinander abweichende Vorstellungen von Religion, Nation, Staatlichkeit und jüdischer Identität. Die Bewertung einer historischen Behauptung darf daher nicht davon abhängen, ob sie eine bestimmte nationale Erzählung stützt oder infrage stellt. Maßgeblich bleiben die Quellen, die verwendeten Methoden und die Tragfähigkeit der gezogenen Schlussfolgerungen.
Die politische Bedeutung: Geschichte und Staatsverständnis
Sands Buch verfolgt neben der historischen Argumentation ein ausdrücklich politisches Anliegen. Er kritisiert die besondere rechtliche Bedeutung jüdischer nationaler Zugehörigkeit im Staat Israel und stellt die Frage, ob ein demokratischer Staat allen Bürgern unabhängig von Religion oder ethnischer Herkunft dieselbe nationale Zugehörigkeit ermöglichen sollte. Diese Überlegungen berühren zentrale Elemente des israelischen Staatsverständnisses. Dazu zählt das Rückkehrgesetz von 1950, das jüdischen Menschen und bestimmten Angehörigen privilegierte Einwanderungsmöglichkeiten eröffnet. Auch das im Juli 2018 verabschiedete Nationalstaatsgrundgesetz ist für die heutige Diskussion relevant. Es legt fest, dass Israel der Nationalstaat des jüdischen Volkes ist und die nationale Selbstbestimmung innerhalb des Staates ausschließlich dem jüdischen Volk zukommt. Befürworter dieser Regelungen verstehen sie als Ausdruck jüdischer Selbstbestimmung und als historisch begründete Absicherung eines jüdischen Staates nach jahrhundertelanger Verfolgung. Kritiker sehen darin ein Spannungsverhältnis zur gleichberechtigten politischen Zugehörigkeit nichtjüdischer Bürger. Diese Auseinandersetzung ist rechtlicher und politischer Natur. Sie lässt sich nicht durch die Frage entscheiden, welche Bevölkerungsgruppe genetisch näher mit den Bewohnern einer bestimmten antiken Epoche verwandt ist. Selbst ein zweifelsfreier Nachweis gemeinsamer Abstammung würde keine unbegrenzten politischen Rechte gegenüber anderen Menschen begründen. Umgekehrt würde die historische Bedeutung religiöser Konversionen weder die Identität heutiger jüdischer Gemeinschaften noch deren Anspruch auf persönliche und kollektive Rechte aufheben. Für die palästinensische Bevölkerung gilt derselbe Grundsatz. Ihre Rechte und ihr Anspruch auf politische Selbstbestimmung hängen nicht von einem genetischen Nachweis bestimmter antiker Vorfahren ab. Sands politische Schlussfolgerungen können deshalb eigenständig diskutiert werden, ohne dass dafür jede seiner historischen Herkunftsthesen zutreffen muss. Die Beurteilung demokratischer Gleichheit, nationaler Selbstbestimmung und individueller Rechte verlangt andere Maßstäbe als die Rekonstruktion mittelalterlicher Abstammungslinien.
Was von Shlomo Sands Thesen wissenschaftlich Bestand hat
Die heutige Forschung erlaubt eine deutlich differenziertere Bewertung des Buches als zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung. Gut begründet ist Sands Kritik an der vereinfachten Vorstellung, die jüdische Diaspora sei ausschließlich durch eine vollständige römische Vertreibung entstanden. Bereits vor der Zerstörung Jerusalems existierten bedeutende jüdische Gemeinschaften außerhalb Judäas, und jüdisches Leben setzte sich auch danach in der Levante fort. Ebenfalls historisch belegt ist die Bedeutung religiöser Konversionen. Jüdische Gemeinschaften entstanden und entwickelten sich unter unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen, wobei regionale Bevölkerungen in verschiedenen historischen Phasen aufgenommen wurden. Auch Sands Hinweis auf die moderne Konstruktion nationaler Geschichtsbilder besitzt eine wissenschaftliche Grundlage. Nationale Identitäten sind keine unveränderlichen biologischen Tatsachen, sondern werden durch Geschichte, Kultur, Institutionen und politische Entwicklungen geprägt. Wesentlich schwächer sind seine weitreichenden Behauptungen über die Abstammung heutiger jüdischer Gemeinschaften. Die Vorstellung einer überwiegend chasarischen Herkunft aschkenasischer Juden wird durch die verfügbaren genetischen Untersuchungen nicht überzeugend gestützt. Ebenso lassen sich die genetischen Gemeinsamkeiten vieler jüdischer Diasporagemeinschaften nicht mit der Annahme vereinbaren, zwischen ihnen bestünden praktisch keine bedeutenden historischen Abstammungsverbindungen. Die Forschung zeigt vielmehr ein komplexes Gesamtbild. Zahlreiche jüdische Gemeinschaften besitzen nachweisbare Herkunftskomponenten aus dem östlichen Mittelmeerraum, verbunden mit unterschiedlichen europäischen, nordafrikanischen oder anderen regionalen Einflüssen. Die seit 2010 veröffentlichten Genomstudien und insbesondere die Untersuchungen mittelalterlicher jüdischer Gemeinden haben dieses Bild wesentlich präzisiert. Sie dokumentieren historische Kontinuität, ohne die Bedeutung von Migration und Vermischung zu bestreiten. Sand hat somit wichtige Fragen aufgegriffen, die wissenschaftlich berechtigt sind. Seine Antworten reichen jedoch stellenweise weiter, als es die historische und genetische Beweislage erlaubt.
Warum „Die Erfindung des jüdischen Volkes“ dennoch lesenswert ist
Das Buch ist keine umfassende, wertneutrale Darstellung sämtlicher Forschungsergebnisse zur jüdischen Geschichte. Es ist eine bewusst zugespitzte Untersuchung, die historische Herkunftserzählungen mit ihrer politischen Verwendung konfrontiert. Seine Stärke liegt darin, vermeintliche historische Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. Sand macht sichtbar, wie eng die Geschichtsschreibung über Völker, Religionen und Nationen mit politischen Entwicklungen verbunden sein kann. Seine Schwäche besteht darin, dass er selbst nicht immer der methodischen Vorsicht folgt, die er von anderen Historikern einfordert. Vor allem bei der Interpretation einzelner Konversionsbewegungen und bei der Herkunft der Aschkenasim werden umstrittene Hypothesen teilweise stärker gewichtet, als ihre Beweislage rechtfertigt. Gerade die neueren genetischen Untersuchungen machen eine kritische Lektüre besonders interessant. Sie bestätigen die historische Vielfalt jüdischer Gemeinschaften und ihre komplexen Abstammungsverhältnisse, liefern zugleich aber Gegenargumente zu mehreren zentralen Schlussfolgerungen des Autors. Wer Sands Buch liest, sollte es daher weder als endgültige Widerlegung jüdischer Herkunftsgeschichte noch als bloße politische Provokation verstehen. Sein bleibender Wert liegt in den Fragen, die es aufwirft, während seine Antworten im Licht der Fachforschung sorgfältig geprüft werden müssen.
Was Geschichte erklären kann und was nicht
Die Entstehung jüdischer Gemeinschaften lässt sich weder durch eine einzige Abstammungslinie noch durch eine ausschließlich moderne politische Konstruktion erklären. Ihre Geschichte umfasst religiöse Kontinuität, gemeinsame kulturelle Traditionen, historische Migrationen, familiäre Verbindungen und die Aufnahme von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Shlomo Sands Buch hat die Aufmerksamkeit auf vereinfachte nationale Ursprungserzählungen gelenkt. Zugleich verdeutlicht die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit seinem Werk, dass die Kritik an solchen Erzählungen selbst einer sorgfältigen historischen Prüfung standhalten muss. Die moderne Genetik hat dabei keine endgültige Antwort auf die Frage geliefert, was ein Volk ausmacht. Sie hat vielmehr gezeigt, wie vielschichtig menschliche Abstammungsgeschichte ist und wie wenig sich religiöse, kulturelle oder nationale Zugehörigkeit auf biologische Merkmale reduzieren lässt. Für die politische Gegenwart besitzt diese Unterscheidung grundlegende Bedeutung. Historische Herkunft kann Identitäten erklären, Erinnerungen prägen und kulturelle Verbundenheit verständlich machen. Sie ist jedoch kein exklusiver Eigentumsnachweis, aus dem sich die Rechte heutiger Menschen unmittelbar ableiten ließen.
Die entscheidende Erkenntnis reicht damit über Sands Buch hinaus: Geschichte kann erklären, woher Gemeinschaften kommen. Sie kann ihnen aber nicht das alleinige Recht verleihen, über die Zugehörigkeit, Würde und Zukunft anderer Menschen zu entscheiden.
Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes und die wissenschaftlichen Fakten. Shlomo Sands umstrittenes Buch im wissenschaftlichen Faktencheck. Was Geschichte, Archäologie und moderne Genetik über jüdische Herkunft belegen.
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