Lindt: Konzernchef geht, auch Länderchefs wechseln

Veröffentlicht am 19. Oktober 2026 um 10:45

Rubrik: Wirtschaft
Format: Beitrag
Autor: Sinisa Brkic (sb)



Der Schweizer Schokoladenkonzern Lindt & Sprüngli zieht nach einer enttäuschenden Geschäftsentwicklung weitreichende personelle Konsequenzen. Konzernchef Adalbert Lechner verlässt das Unternehmen nach 33 Jahren. Auch in Deutschland und Österreich werden die Führungsspitzen neu besetzt. Hinter dem umfassenden Umbau stehen steigende Verkaufspreise, eine schwächere Nachfrage und zunehmender Druck auf das europäische Geschäft.

Lindt ordnet seine Konzernführung neu

Beim Schweizer Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli kommt es zu einem umfassenden Führungswechsel. Wie das Unternehmen am Montag, dem 19. Oktober 2026, bekannt gab, verlässt Konzernchef Adalbert Lechner nach 33 Jahren den Konzern. Der Verwaltungsrat begründet die Entscheidung mit der Notwendigkeit einer neuen operativen Führung, um das Unternehmen wieder auf einen nachhaltigen Wachstumskurs zu bringen. Mit sofortiger Wirkung übernimmt Dieter Weisskopf die Konzernführung. Der frühere Vorstandsvorsitzende, der Lindt & Sprüngli bereits bis 2022 leitete und zuletzt Vizepräsident des Verwaltungsrats war, kehrt damit vorübergehend an die operative Spitze zurück. Eine dauerhafte Nachfolge soll spätestens im zweiten Quartal 2027 feststehen. Lechner hatte die Konzernführung im Oktober 2022 von Weisskopf übernommen. Sein Ausscheiden beendet eine jahrzehntelange Karriere innerhalb des Unternehmens und erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem Lindt insbesondere auf wichtigen europäischen Absatzmärkten mit erheblichen Schwierigkeiten konfrontiert ist.



Deutschland und Österreich erhalten neue Führungsspitzen

Die personelle Neuordnung beschränkt sich nicht auf die Schweizer Konzernzentrale. Auch in Deutschland und Österreich werden die Spitzenpositionen neu besetzt. Beide Märkte stehen angesichts einer schwächeren Nachfrage nach hochpreisigen Schokoladenprodukten besonders im Fokus. Michal Spiller, bisheriger Geschäftsführer der deutschen Landesgesellschaft, verlässt das Unternehmen. Seine Position soll Ali Kulein übernehmen, der bislang das Österreichgeschäft verantwortet. Die Ernennung steht noch unter dem Vorbehalt der formellen Zustimmung des zuständigen Aufsichtsrats. In Österreich rückt Fabian Reinhardt an die Unternehmensspitze. Reinhardt war bisher als Leiter des weltweiten Vertriebs tätig und übernimmt künftig die Verantwortung für den österreichischen Markt. Beide Wechsel sollen am 26. Oktober 2026 wirksam werden. Auch Spiller blickt auf eine lange Unternehmenszugehörigkeit zurück. In seinen 23 Jahren bei Lindt & Sprüngli trug er nach Konzernangaben wesentlich zur Geschäftsentwicklung in Mittel- und Osteuropa sowie in Deutschland und Österreich bei. Welche konkreten internen Bewertungen zu den einzelnen Personalentscheidungen geführt haben, wurde nicht näher erläutert.

Hohe Schokoladenpreise belasten die Nachfrage

Der Führungswechsel erfolgt vor dem Hintergrund einer spürbaren Abschwächung des Geschäfts. Lindt & Sprüngli musste seine Umsatzprognose für 2026 bereits zweimal reduzieren. Ende September senkte das Unternehmen die Erwartung für das organische Umsatzwachstum von zuvor vier bis sechs Prozent auf lediglich null bis zwei Prozent. Ursprünglich hatte der Konzern für das laufende Geschäftsjahr noch ein Wachstum von sechs bis acht Prozent angestrebt. Besonders deutlich zeigen sich die Belastungen bei den Verkaufsmengen. Im ersten Halbjahr 2026 hatte Lindt die Preise konzernweit um durchschnittlich 11,8 Prozent erhöht, um die zuvor massiv gestiegenen Kosten für Kakao und andere Produktionsfaktoren auszugleichen. Gleichzeitig verschlechterte sich die kombinierte Entwicklung aus Absatzvolumen und Produktmix um 7,5 Prozent. Damit wird ein grundlegendes Problem sichtbar: Höhere Verkaufspreise können steigende Produktionskosten zwar ausgleichen, stoßen jedoch an Grenzen, wenn Verbraucher ihren Konsum einschränken. Gerade bei hochwertiger Schokolade, die häufig als Genussmittel oder Geschenk gekauft wird, reagieren Kunden zunehmend empfindlich auf Preissteigerungen. Hinzu kommen die allgemeine Konsumzurückhaltung in mehreren europäischen Ländern sowie ungünstige Marktbedingungen. Neben einer schwächeren Nachfrage belasteten das Geschäft unter anderem ein verhaltenes Ostergeschäft, rückläufige Touristenströme und außergewöhnlich hohe Sommertemperaturen.

Europa entwickelt sich zum Problemgeschäft

Während Lindt in Nordamerika und Teilen Asiens weiterhin deutlich wächst, hat sich Europa zum zentralen Problemfeld entwickelt. Bereits im ersten Halbjahr verzeichnete der Konzern in der Region einen organischen Umsatzrückgang von 2,1 Prozent. In Nordamerika erreichte das Unternehmen dagegen ein Wachstum von 12,7 Prozent. Die Unterschiede verdeutlichen, dass Lindt international keineswegs einheitlich an wirtschaftlicher Stärke verliert. Vielmehr steht das Unternehmen vor der Herausforderung, seine Preisstrategie und sein Produktangebot an unterschiedliche Marktbedingungen anzupassen. Der neue Interim-Chef Weisskopf hat bereits erkennen lassen, wo die unmittelbaren Prioritäten liegen. Im Mittelpunkt seiner Arbeit soll stehen, das europäische Geschäft wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Gleichzeitig will der Konzern stärker in seine Marken investieren und die Profitabilität weiter verbessern. Für Deutschland und Österreich dürfte damit vor allem die Frage an Bedeutung gewinnen, wie sich höhere Absatzmengen erzielen lassen, ohne die Positionierung als Premiumanbieter zu gefährden. Gezielte Preisanpassungen und verstärkte Marketingmaßnahmen gehören bereits zu den eingeleiteten Schritten.

Auch an der Börse wächst der Druck

Die schwächere Geschäftsentwicklung hat sich bereits deutlich im Aktienkurs niedergeschlagen. Vor der Ankündigung des Führungswechsels hatten die Lindt-Aktien seit Jahresbeginn ungefähr ein Viertel ihres Wertes eingebüßt. Wiederholte Prognosesenkungen belasteten das Vertrauen in die kurzfristigen Wachstumsperspektiven des Unternehmens. Allerdings bedeutet die schwächere Umsatzentwicklung nicht automatisch, dass Lindt bereits mit einem entsprechenden Gewinneinbruch rechnet. Ende September bestätigte der Konzern weiterhin seine Erwartung, die operative Gewinnmarge 2026 gegenüber dem Vorjahr um 20 bis 40 Basispunkte zu verbessern. Darin liegt eine wesentliche Herausforderung für die neue Führung. Lindt muss die Nachfrage stabilisieren und wieder mehr Produkte verkaufen, zugleich aber seine Profitabilität sichern. Preisnachlässe können den Absatz fördern, reduzieren jedoch möglicherweise den wirtschaftlichen Spielraum, wenn sie nicht durch zusätzliche Verkaufsmengen oder geringere Kosten ausgeglichen werden. Mit Weisskopf setzt der Verwaltungsrat auf einen Manager, der das Unternehmen und seine internationalen Märkte aus langjähriger Führungsverantwortung kennt. Ob diese Erfahrung ausreicht, um die operative Entwicklung rasch zu verbessern, wird sich an den kommenden Geschäftszahlen zeigen.

Was der Umbau für Deutschland und Österreich bedeutet

Für Beschäftigte, Handelspartner und Verbraucher in Deutschland und Österreich stellt sich nun die Frage, welche praktischen Auswirkungen der Führungswechsel haben wird. Konkrete Maßnahmen hinsichtlich Personalbestand, Produktionsstandorten oder einer grundlegenden Neuordnung des Vertriebs wurden im Zusammenhang mit den aktuellen Entscheidungen nicht angekündigt. Auch unmittelbare Auswirkungen auf die Verbraucherpreise lassen sich aus den Personalwechseln nicht ableiten. Zwar arbeitet Lindt bereits an einer angepassten Preisstrategie, doch welche Produkte in welchen Märkten künftig günstiger oder anders angeboten werden, ist bislang nicht abschließend geklärt. Fest steht hingegen, dass die neuen Verantwortlichen ihre Aufgaben in einer wirtschaftlich sensiblen Phase übernehmen. Für Deutschland und Österreich wird entscheidend sein, ob es gelingt, die Nachfrage zu stabilisieren und das Vertrauen preissensibler Kunden zurückzugewinnen.

Die eigentliche Bewährungsprobe steht noch bevor

Mit dem gleichzeitigen Austausch mehrerer Führungskräfte setzt Lindt & Sprüngli ein deutliches Signal. Der Verwaltungsrat will die bisherige Entwicklung nicht unverändert fortsetzen und überträgt die operative Verantwortung vorübergehend wieder an einen früheren Konzernchef. Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt allerdings erst nach der personellen Neuordnung. Lindt muss zeigen, dass Premiumschokolade auch unter veränderten wirtschaftlichen Bedingungen wieder stärker nachgefragt wird und dass Wachstum nicht dauerhaft allein von höheren Verkaufspreisen abhängt. Deutschland und Österreich stehen dabei besonders im Fokus. Die beiden Märkte sind von den Herausforderungen im europäischen Geschäft betroffen und erhalten nun auch eine neue Führung. Der Erfolg des Konzernumbaus wird sich deshalb nicht an den Personalentscheidungen selbst messen lassen, sondern daran, ob daraus eine nachhaltige wirtschaftliche Trendwende entsteht. 


Lindt: Konzernchef Lechner geht, neue Führung in Deutschland und Österreich. Lindt & Sprüngli tauscht Konzernchef Adalbert Lechner aus. Auch Deutschland und Österreich erhalten neue Chefs. Hintergrund ist die schwache Nachfrage.

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