BND plant Cloud mit Google-Technik

Veröffentlicht am 26. Oktober 2026 um 11:11

Rubrik: Sicherheit
Format: Analyse
Autor: Sinisa Brkic (sb)



Deutschlands Nachrichtendienste wollen ihren Austausch geheimer Informationen grundlegend modernisieren. BND, Verfassungsschutz und Militärischer Abschirmdienst planen eine gemeinsame Cloud-Infrastruktur auf Basis amerikanischer Google-Technologie. Die geschätzten Kosten liegen bei mindestens 500 Millionen Euro. Das Vorhaben soll höchste Sicherheitsanforderungen erfüllen, wirft jedoch grundsätzliche Fragen zur technologischen Unabhängigkeit deutscher Sicherheitsbehörden auf.

Drei Nachrichtendienste sollen eine gemeinsame Cloud erhalten

Deutschland plant einen weitreichenden Umbau seiner nachrichtendienstlichen IT-Infrastruktur. Der Bundesnachrichtendienst (BND), das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und der Militärische Abschirmdienst (MAD) wollen künftig eine gemeinsame digitale Plattform nutzen, über die besonders sensible Informationen schneller und umfassender ausgetauscht werden können. Das Projekt trägt die Bezeichnung ND-Cloud und soll die bislang technisch weitgehend getrennten Systeme der drei Bundesbehörden enger miteinander verbinden. Das geht aus einer am 26. Oktober 2026 veröffentlichten gemeinsamen Recherche von NDR und WDR hervor. Demnach ist vorgesehen, Dokumente bis zur Geheimhaltungsstufe „Geheim“ über die neue Infrastruktur elektronisch auszutauschen. Bislang erfolgt die Verarbeitung entsprechend eingestufter Informationen auf besonders geschützten Computersystemen, deren technische Abschirmung die Zusammenarbeit zwischen den Behörden erheblich erschwert. Die geplante Cloud soll diese Einschränkungen verringern, ohne die hohen Anforderungen an den Geheimschutz aufzugeben. Perspektivisch könnten auch die Verfassungsschutzbehörden der Bundesländer eingebunden werden. Damit würde eine gemeinsame technische Grundlage für einen erheblichen Teil der deutschen Nachrichtendienstarchitektur entstehen.



Google-Technologie in einem vollständig abgeschotteten System

Besondere Aufmerksamkeit erhält das Vorhaben durch die vorgesehene technische Grundlage. Nach den Recherchen soll die ND-Cloud auf Google Distributed Cloud basieren, einer Plattform des amerikanischen Technologiekonzerns Google. Vorgesehen ist allerdings keine gewöhnliche kommerzielle Cloud, bei der Behörden ihre Dokumente über das öffentliche Internet auf externen Servern speichern. Zum Einsatz kommen soll eine sogenannte Air-Gapped-Architektur. Dabei wird die technische Infrastruktur physisch und logisch von öffentlich zugänglichen Netzwerken getrennt betrieben. Eine direkte Verbindung zum Internet oder zu den Systemen von Google ist nach der vorgesehenen Konzeption nicht Bestandteil des Betriebs. Die Daten sollen ausschließlich in Deutschland gespeichert werden und für Google nicht zugänglich sein. Damit unterscheidet sich das geplante System grundlegend von herkömmlichen Cloud-Angeboten. Die Verwendung amerikanischer Software bedeutet insbesondere nicht, dass amerikanische Behörden automatisch Zugriff auf deutsche Geheimdokumente erhalten würden. Für eine solche Zugriffsmöglichkeit liegen keine belastbaren Belege vor. Die technische Abschottung ist dennoch nur ein Teil der Sicherheitsarchitektur. Sie schützt vor bestimmten externen Zugriffsmöglichkeiten, beantwortet aber nicht sämtliche Fragen, die sich aus der langfristigen Nutzung einer proprietären Technologie ergeben.

Mindestens 500 Millionen Euro und ein verzögerter Betriebsstart

Die finanzielle Dimension des Vorhabens ist erheblich. Nach Informationen von NDR und WDR schätzen mit dem Projekt vertraute Personen die Kosten auf mindestens 500 Millionen Euro. Eine offiziell bestätigte Gesamtsumme liegt damit ebenso wenig vor wie eine vollständig abgeschlossene Finanzierung. Der Aufbau der ND-Cloud umfasst weit mehr als die Bereitstellung einer Softwareplattform. Erforderlich sind leistungsfähige Rechenzentren, umfangreiche Speicherkapazitäten und besonders geschützte Systeme zur Verarbeitung sensibler Daten. Nach den bisherigen Planungen könnte auch die BWI, das IT-Systemhaus der Bundeswehr, beim Betrieb der Infrastruktur eine wichtige Rolle übernehmen. Die BWI arbeitet bereits mit Google im Bereich abgeschotteter Cloud-Technologie zusammen. Im Mai 2025 hatten beide Unternehmen eine Partnerschaft für den Aufbau entsprechender Cloud-Umgebungen innerhalb der Bundeswehr bekannt gegeben. Diese bestehende Zusammenarbeit ist allerdings nicht mit einer bereits abgeschlossenen Beauftragung für die geplante ND-Cloud gleichzusetzen. Ursprünglich sollte das neue System offenbar bereits im ersten Quartal 2027 in Betrieb gehen. Dieser Zeitplan verzögert sich jedoch. Mehrere technische Komponenten befinden sich nach den veröffentlichten Informationen noch in einem Zulassungsverfahren beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Erst nach den erforderlichen Zulassungen sollen die vorgesehenen Haushaltsmittel freigegeben werden. Wann das System tatsächlich einsatzbereit sein wird, ist derzeit offen.

Die entscheidende Sicherheitsfrage betrifft künftige Softwareupdates

Während die geplante Trennung vom öffentlichen Internet bestimmte Sicherheitsrisiken begrenzen soll, entsteht an anderer Stelle eine langfristige Herausforderung. Auch eine vollständig isolierte Cloud bleibt auf Wartung, Sicherheitsaktualisierungen und technische Weiterentwicklung angewiesen. Die zugrunde liegende Software stammt weiterhin von Google. Damit stellt sich die Frage, in welchem Umfang deutsche Sicherheitsbehörden Veränderungen an der Plattform unabhängig überprüfen können. Softwareupdates können nicht nur bekannte Sicherheitslücken schließen, sondern auch Funktionen und technische Abläufe verändern. Bei einem System zur Verarbeitung geheimer Informationen müssen solche Änderungen besonders sorgfältig bewertet werden. Auf dieses Problem verweist auch der Cybersicherheitsexperte Sven Herpig von der unabhängigen Organisation Interface. In der Recherche von NDR und WDR macht er deutlich, dass künftige Aktualisierungen neue Fragen zur Sicherheitsbewertung aufwerfen können. Entscheidend sei unter anderem, welche Veränderungen eine erneute Prüfung oder Zulassung erforderlich machen. Daraus ergibt sich ein anspruchsvoller Zielkonflikt. Einerseits müssen kritische Systeme regelmäßig aktualisiert werden, damit bekannte Schwachstellen nicht bestehen bleiben. Andererseits darf eine technische Veränderung nicht dazu führen, dass die ursprünglichen Sicherheitsannahmen ungeprüft ihre Gültigkeit verlieren. Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht allein darin, die ND-Cloud einmalig sicher in Betrieb zu nehmen. Ihre Sicherheit muss während der gesamten Nutzungsdauer überprüfbar und technisch beherrschbar bleiben.

Digitale Souveränität steht auf dem Prüfstand

Die vorgesehene Entscheidung für eine amerikanische Technologie fällt in eine Phase, in der deutsche und europäische Sicherheitsbehörden verstärkt über digitale Souveränität diskutieren. Dahinter steht die grundsätzliche Frage, wie weit staatliche Einrichtungen ihre wichtigsten technischen Systeme unabhängig von einzelnen ausländischen Unternehmen betreiben und weiterentwickeln können. Gerade Nachrichtendienste haben ein besonderes Interesse daran, ihre operative Handlungsfähigkeit auch unter veränderten politischen, wirtschaftlichen und technologischen Bedingungen aufrechtzuerhalten. Neben dem Schutz vor unbefugtem Datenzugriff gehört deshalb auch die langfristige Verfügbarkeit wichtiger Softwarekomponenten zu einer belastbaren Sicherheitsstrategie. Die geplante ND-Cloud verdeutlicht diesen Zielkonflikt. Einerseits verspricht moderne Cloud-Technologie eine leistungsfähigere Zusammenarbeit zwischen Behörden, die zunehmend große Datenmengen verarbeiten müssen. Andererseits kann eine zentrale technische Plattform neue Abhängigkeiten schaffen, wenn wesentliche Komponenten nur durch einen bestimmten Hersteller weiterentwickelt werden können. Dass Daten ausschließlich in Deutschland gespeichert und verarbeitet werden, ist ein wesentliches Sicherheitsmerkmal. Vollständige technologische Unabhängigkeit lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Digitale Souveränität umfasst auch die Fähigkeit, technische Systeme langfristig selbst zu kontrollieren, notwendige Anpassungen vorzunehmen und bei Bedarf auf andere Lösungen umzusteigen. Entscheidend wird daher sein, wie die deutschen Behörden ihre Kontrolle über die zugrunde liegende Software absichern und welche Möglichkeiten bestehen, technologische Abhängigkeiten dauerhaft zu begrenzen.

Wachsende Datenmengen erhöhen den Modernisierungsdruck

Der geplante Aufbau der ND-Cloud steht zugleich im Zusammenhang mit veränderten Anforderungen an die Nachrichtendienste. Die Behörden müssen immer größere Mengen digitaler Informationen aus unterschiedlichen Quellen auswerten, miteinander abgleichen und für sicherheitsrelevante Entscheidungen verfügbar machen. Hinzu kommt die wachsende Bedeutung automatisierter Analyseverfahren. Leistungsfähige Recheninfrastrukturen können künftig eine wesentliche Voraussetzung dafür sein, komplexe Datenbestände schneller zu durchsuchen und relevante Zusammenhänge zu erkennen. Auch der mögliche Einsatz künstlicher Intelligenz erhöht den Bedarf an sicheren Speicher- und Rechenkapazitäten. Insbesondere für den Bundesnachrichtendienst könnten solche Kapazitäten angesichts der angestrebten Erweiterung seiner Befugnisse zur strategischen Aufklärung an Bedeutung gewinnen. Größere Datenbestände erfordern nicht nur entsprechende Speichersysteme, sondern auch ausreichende Rechenleistung und zuverlässige Verfahren zur Zugriffskontrolle. Der Modernisierungsbedarf ist daher nachvollziehbar. Eine gemeinsame technische Infrastruktur könnte die Zusammenarbeit zwischen den Nachrichtendiensten erheblich erleichtern. Ob die vorgesehene Lösung diese Erwartungen erfüllt, hängt allerdings von ihrer tatsächlichen Leistungsfähigkeit, ihrer Sicherheitsarchitektur und den noch ausstehenden Zulassungen ab.

Eine technologische Entscheidung mit langfristigen Folgen

Die ND-Cloud ist bislang ein geplantes Vorhaben und kein bereits vollständig zugelassenes oder flächendeckend eingesetztes System. Wesentliche Sicherheitsprüfungen stehen noch aus, die Finanzierung ist nach den veröffentlichten Informationen noch nicht abschließend freigegeben und der ursprünglich angestrebte Betriebsstart verzögert sich. Über die endgültige Ausgestaltung der Infrastruktur lässt sich deshalb noch kein abschließendes Urteil treffen. Dennoch besitzt das Projekt erhebliche sicherheitspolitische Bedeutung. Mit einer gemeinsamen Cloud für drei Nachrichtendienste könnte Deutschland einen zentralen Bestandteil seiner künftigen Sicherheitsinfrastruktur auf Technologie eines amerikanischen Unternehmens aufbauen. Eine solche Entscheidung würde nicht nur die technische Zusammenarbeit der Behörden prägen, sondern auch langfristige Anforderungen an Wartung, Sicherheitsprüfung und staatliche Kontrolle bestimmen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob amerikanische Technologie grundsätzlich mit deutschen Sicherheitsinteressen vereinbar ist. Maßgeblich ist, unter welchen Bedingungen sie eingesetzt wird und wie zuverlässig sich die daraus entstehenden Abhängigkeiten kontrollieren lassen. Eine sichere Infrastruktur muss nicht nur bei ihrer Inbetriebnahme gegen unbefugte Zugriffe geschützt sein. Sie muss auch dann zuverlässig funktionieren und beherrschbar bleiben, wenn sich technische Anforderungen, Herstellerstrategien oder internationale Rahmenbedingungen verändern. Daran wird sich letztlich messen lassen müssen, ob die geplante ND-Cloud lediglich einen technologischen Fortschritt darstellt oder zugleich einen belastbaren Beitrag zur digitalen Souveränität Deutschlands leisten kann.


BND plant Cloud mit Google-Technik für geheime Daten. BND, Verfassungsschutz und MAD planen eine Cloud mit Google-Technik. Die geschätzten Kosten liegen bei mindestens 500 Millionen Euro.

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