Dalai Lama: Zweifel an einer moralischen Instanz

Veröffentlicht am 8. November 2026 um 16:40

Rubrik: Gesellschaft
Format: Spezialbericht
Autor: Sinisa Brkic (sb)



Der Dalai Lama gehört zu den weltweit angesehensten religiösen Persönlichkeiten. Doch die 2026 veröffentlichten Epstein-Akten, seine dokumentierte Begegnung mit dem später verurteilten NXIVM-Gründer Keith Raniere und der jahrzehntelange Umgang mit Missbrauchsvorwürfen innerhalb buddhistischer Gemeinschaften werfen Fragen auf, die weit über das persönliche Ansehen des Friedensnobelpreisträgers hinausreichen. Während eine Verbindung zu Epsteins Straftaten nicht belegt ist, offenbaren andere Vorgänge erhebliche Probleme im Verhältnis zwischen religiöser Autorität, persönlichem Vertrauen und institutioneller Verantwortung. Der entscheidende Widerspruch liegt dabei nicht in unbewiesenen Verdächtigungen, sondern in den dokumentierten Warnungen und der Frage, welche Konsequenzen daraus gezogen wurden.

Das außergewöhnliche Ansehen einer religiösen Autorität

Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama, verkörpert für Millionen Menschen eine Ethik des Mitgefühls, der Gewaltlosigkeit und der menschlichen Verantwortung. Der Friedensnobelpreisträger von 1989 wurde über Jahrzehnte zu einer international anerkannten moralischen Instanz, deren Einfluss weit über den tibetischen Buddhismus hinausreicht. Staatsoberhäupter empfingen ihn, wissenschaftliche Einrichtungen ehrten ihn, prominente Unterstützer förderten seine Anliegen. Seine öffentliche Bedeutung beruht nicht zuletzt auf dem Versprechen, religiöse Überzeugung mit persönlicher Integrität zu verbinden. Gerade deshalb verdienen die Kontroversen um seine Person eine sorgfältige Untersuchung, die weder von Verehrung noch von Vorverurteilung bestimmt wird. Denn außergewöhnliches moralisches Ansehen entbindet nicht von der Verpflichtung, berechtigte Fragen über Verantwortung, persönliche Beziehungen und den Umgang mit Missständen zu beantworten. Die Vorwürfe und Kontroversen betreffen unterschiedliche Ebenen. Die Epstein-Akten enthalten Hinweise auf Versuche einer Kontaktaufnahme, aber keinen gesicherten Nachweis einer persönlichen Beziehung. Die Verbindung zum Umfeld der später als kriminell entlarvten Organisation NXIVM ist dagegen dokumentiert. Noch wesentlich konkreter ist die Beweislage bei Missbrauchsvorwürfen gegen buddhistische Lehrer und der Frage, wie der Dalai Lama auf entsprechende Warnungen reagierte. Diese Vorgänge dürfen nicht zu einer pauschalen Anschuldigung zusammengeführt werden. Ihre gemeinsame Bedeutung liegt in der Frage, wie religiöse Autorität entsteht, wem sie gesellschaftliche Glaubwürdigkeit verschafft und welche Verantwortung daraus erwächst.



Die Epstein-Akten und die Bedeutung eines Namens

Am 30. Januar 2026 veröffentlichte das amerikanische Justizministerium mehr als drei Millionen zusätzliche Seiten aus dem Ermittlungskomplex um Jeffrey Epstein. Gemeinsam mit früher freigegebenen Unterlagen umfasste die Veröffentlichung damit annähernd 3,5 Millionen Seiten. Die Dokumente enthalten Korrespondenz, Ermittlungsunterlagen, organisatorische Aufzeichnungen und weitere Materialien aus unterschiedlichen Verfahren. Auch der Name des Dalai Lama erscheint darin mehrfach. Erste Auswertungen ergaben mehr als 150 Namensnennungen. Eine spätere technische Analyse des Tibetan Computer Resource Center, einer Einrichtung der tibetischen Exilverwaltung, identifizierte unter Einbeziehung unterschiedlicher Schreibweisen 213 rohe Treffer. Diese Zahlen lassen sich jedoch nicht unmittelbar als Anzahl eigenständiger Kontakte interpretieren. Mehrfach enthaltene E-Mail-Verläufe, weitergeleitete Nachrichten und Dokumentenkopien können dieselbe Erwähnung wiederholt sichtbar machen. Entscheidend ist daher nicht die bloße Häufigkeit eines Namens, sondern der Zusammenhang, in dem er erscheint. Die bisher überprüften Unterlagen enthalten keinen belastbaren Beweis dafür, dass der Dalai Lama an den Straftaten Jeffrey Epsteins beteiligt war oder von ihnen wusste. Sie dokumentieren allerdings konkrete Überlegungen Epsteins, über persönliche und institutionelle Kontakte Zugang zu dem Religionsführer zu erhalten. Damit entsteht eine journalistisch relevante, aber klar begrenzte Erkenntnis. Epstein interessierte sich für eine Begegnung mit dem Dalai Lama. Dass der Religionsführer dieses Interesse erwiderte, darüber informiert war oder persönlich mit Epstein in Kontakt stand, ist damit nicht nachgewiesen.

Ein geplantes Abendessen mit prominenten Gästen

Besonders aufschlussreich ist eine E-Mail-Korrespondenz vom 10. Mai 2015 zwischen Jeffrey Epstein und Joi Ito, dem damaligen Direktor des renommierten MIT Media Lab am Massachusetts Institute of Technology. Epstein brachte darin die Idee eines gemeinsamen Abendessens mit dem Dalai Lama, dem Filmemacher Woody Allen und dem Linguisten Noam Chomsky ins Gespräch. Die vorgeschlagene Zusammenstellung verdeutlicht das gesellschaftliche Umfeld, für das sich der amerikanische Finanzier interessierte. Wissenschaft, Kultur, internationale Prominenz und persönliche Beziehungen bildeten einen wesentlichen Bestandteil seiner Kontaktpflege. Ito antwortete mit einem konkreten Vorschlag. Epstein solle zunächst einen buddhistischen Geistlichen namens Tenzin kennenlernen, der mit dem Dalai Lama verbunden sei, ein entsprechendes Ethikzentrum am MIT betreibe und in die Arbeit des Media Lab eingebunden sei. Über diesen Kontakt könne möglicherweise eine Begegnung mit dem Dalai Lama vermittelt werden. Die Beschreibung verweist auf Tenzin Priyadarshi, den Gründer des Dalai Lama Center for Ethics and Transformative Values am MIT. In der Korrespondenz erscheint er als möglicher Vermittler, nicht als nachgewiesener Organisator einer tatsächlichen Begegnung. Ein weiterer E-Mail-Austausch vom 7. Juli 2015 zeigt, dass Epstein auch über den Unternehmer Tom Pritzker an einer Zusammenkunft mit dem Dalai Lama und Woody Allen interessiert war. Pritzker erwähnte dabei einen eigenen geplanten Termin mit dem Religionsführer. Aus der Korrespondenz ergibt sich jedoch kein Nachweis, dass Epstein an einem solchen Treffen teilnahm. Die Dokumente zeigen somit mehrere gesellschaftliche Kontaktversuche. Sie belegen weder eine persönliche Zusage des Dalai Lama noch dessen Kenntnis von den Vorhaben.



Warum das MIT in diesem Zusammenhang bedeutsam ist

Die Beziehungen zwischen Jeffrey Epstein und dem Massachusetts Institute of Technology sind unabhängig von den Erwähnungen des Dalai Lama umfangreich dokumentiert. Eine im Januar 2020 veröffentlichte Untersuchung des Instituts stellte fest, dass Epstein zwischen 2002 und 2017 insgesamt 850.000 US-Dollar an das MIT gespendet hatte. Davon waren 750.000 Dollar nach seiner strafrechtlichen Verurteilung im Jahr 2008 angenommen worden. Verantwortliche kannten seinen einschlägigen Hintergrund und entschieden dennoch, weitere Zuwendungen zu akzeptieren. Joi Ito spielte bei den Kontakten zum Media Lab eine wesentliche Rolle. Nachdem 2019 öffentlich bekannt geworden war, wie eng das Institut mit Epstein verbunden gewesen war und wie mit Teilen dieser Beziehung umgegangen wurde, trat Ito als Direktor zurück. Dieser institutionelle Hintergrund ist für die E-Mails über den Dalai Lama relevant. Epstein versuchte nicht aus einem völlig unbekannten Umfeld heraus, eine international angesehene Persönlichkeit zu erreichen. Er konnte vielmehr auf Kontakte innerhalb einer renommierten wissenschaftlichen Einrichtung zurückgreifen. Die dokumentierten Versäumnisse des MIT dürfen allerdings nicht auf den Dalai Lama übertragen werden. Eine Verantwortung des Religionsführers für die Beziehungen zwischen Epstein und der Universität ist nicht belegt. Die Korrespondenz zeigt dennoch, wie Epstein vorhandenes gesellschaftliches Vertrauen nutzte, um Zugang zu weiteren einflussreichen Persönlichkeiten anzustreben.

Die Behauptung eines Treffens in Epsteins New Yorker Anwesen

Die erheblichste offene Frage ergibt sich nicht aus den veröffentlichten E-Mails, sondern aus einer Aussage des amerikanischen Journalisten Michael Wolff. Wolff hatte über längere Zeit Zugang zu Epstein und berichtete wiederholt über Begegnungen in dessen New Yorker Anwesen. Am 10. Juli 2025 sprach er in einem Podcast des Daily Beast mit Joanna Coles über bekannte Persönlichkeiten, denen er dort begegnet sein wollte. In diesem Gespräch fiel auch der Name des Dalai Lama. Auf die ausdrückliche Nachfrage, ob er den Religionsführer tatsächlich bei Jeffrey Epstein getroffen habe, antwortete Wolff mit einer eindeutigen Bestätigung. Damit stellte der Journalist eine konkrete persönliche Begegnung in den Raum. Anders als die veröffentlichten E-Mails beschrieb er nicht lediglich einen geplanten Kontakt, sondern behauptete, selbst Zeuge einer Begegnung gewesen zu sein. Die Aussage ist relevant, bleibt aber unbestätigt. Ein überprüfbares Datum, entsprechende Gästelisten, Fotografien oder unabhängige Zeugenaussagen, die einen solchen Besuch belegen, liegen nach der überprüften Quellenlage nicht vor. Am 8. Februar 2026 reagierte das Büro des Dalai Lama mit einer ausdrücklichen Stellungnahme. Darin erklärte es, der Religionsführer habe Jeffrey Epstein niemals getroffen und auch niemanden ermächtigt, in seinem Namen eine Begegnung oder sonstige Interaktion mit Epstein zu organisieren. Damit stehen eine persönliche Behauptung und ein eindeutiges offizielles Dementi gegeneinander. Aus dieser Konstellation lässt sich kein gesicherter Nachweis für ein tatsächliches Treffen ableiten. Selbst eine nachträglich bestätigte Anwesenheit in Epsteins Haus würde für sich genommen keine Kenntnis seiner Straftaten beweisen. Sie könnte allerdings weitere Fragen nach dem Zeitpunkt, dem Zweck und den Umständen eines solchen Kontakts aufwerfen. Die entscheidende Feststellung bleibt deshalb begrenzt: Michael Wolff behauptete eine Begegnung. Das Büro des Dalai Lama bestreitet jeden persönlichen Kontakt. Eine unabhängige Bestätigung liegt bislang nicht vor.

Wie aus einer Insel-E-Mail ein falscher Verdacht entstehen kann

Ein weiterer Vorgang zeigt, wie leicht die Epstein-Dokumente missverständlich interpretiert werden können. In einer E-Mail vom 21. Oktober 2012 schrieb eine anonymisierte Person an Epstein, sie habe ihm bereits ungefähr einen Monat zuvor auf einer Insel von einer Veranstaltung erzählt, zu der der Dalai Lama kommen solle. Die Person erklärte, sie wolle die Veranstaltung besuchen, um ihn zu sehen. Entscheidend ist die sprachliche Unterscheidung. Die Nachricht besagt nicht, dass die Veranstaltung auf Epsteins Privatinsel stattfinden sollte. Sie enthält auch keinen Beweis dafür, dass der Dalai Lama Epstein begegnete oder sich an einem bestimmten Ort in dessen Gesellschaft aufhielt. Aus der Formulierung lässt sich lediglich entnehmen, dass eine dritte Person gegenüber Epstein von einer angekündigten Veranstaltung sprach. Ob der Dalai Lama tatsächlich dort erschien und ob die Person ihn sah, wird durch diese Nachricht nicht abschließend geklärt. Gerade in einem gesellschaftlich derart belasteten Umfeld können einzelne Wörter einen Verdacht erzeugen, den der vollständige Dokumentenkontext nicht trägt. Ein Inselverweis und der Name eines bekannten Religionsführers genügen nicht, um einen Besuch auf Epsteins Privatinsel zu behaupten. Die tatsächliche Beweislage bleibt somit enger als manche öffentliche Interpretation. Die Unterlagen dokumentieren Gesprächsinhalte und Kontaktabsichten, aber keine erwiesene persönliche Verstrickung des Dalai Lama in das Umfeld von Epsteins Sexualstraftaten.



NXIVM: Eine belegte Begegnung mit einem später verurteilten Straftäter

Wesentlich konkreter ist ein Vorgang aus dem Jahr 2009. Am 6. Mai trat der Dalai Lama im Palace Theatre im amerikanischen Albany auf. Die Veranstaltung war von einer Organisation ermöglicht worden, die mit NXIVM verbunden war. Zu den zentralen Unterstützerinnen gehörten Sara und Clare Bronfman, Erbinnen des kanadischen Seagram-Vermögens und einflussreiche Förderinnen von NXIVM-Gründer Keith Raniere. NXIVM präsentierte sich damals als Organisation für Persönlichkeitsentwicklung, ethische Weiterbildung und persönliche Leistungsfähigkeit. Hinter dieser Selbstdarstellung entwickelte sich ein System, das später durch psychologische Kontrolle, sexuelle Ausbeutung und schwere Straftaten bekannt wurde. Keith Raniere wurde 2019 in einem amerikanischen Strafverfahren unter anderem wegen Sexualhandels und weiterer schwerer Delikte schuldig gesprochen. Im Oktober 2020 wurde er zu einer Freiheitsstrafe von 120 Jahren verurteilt. Die Begegnung mit dem Dalai Lama fand allerdings mehr als ein Jahrzehnt vor dieser Verurteilung statt. Die späteren gerichtlichen Feststellungen dürfen deshalb nicht als Beweis behandelt werden, dass sämtliche damaligen Besucher oder Unterstützer von Ranieres Verbrechen wussten. Dennoch war NXIVM bereits 2009 umstritten. Kritische Berichte über die Methoden der Organisation hatten öffentliche Aufmerksamkeit ausgelöst. Ursprünglich geplante Auftritte des Dalai Lama in Albany wurden deshalb zunächst abgesagt. Die Veranstaltung fand schließlich in verändertem Rahmen doch statt. Der Dalai Lama erschien gemeinsam mit Personen aus dem NXIVM-Umfeld und begegnete auch Keith Raniere, dem er einen traditionellen tibetischen Zeremonienschal überreichte. Für eine Organisation, die gesellschaftliche Anerkennung suchte, konnte eine solche Begegnung erheblichen symbolischen Wert besitzen. Die öffentliche Nähe zu einem international verehrten Friedensnobelpreisträger war geeignet, das Ansehen ihrer Führungspersonen zu stärken.

Ein öffentliches Zeichen und seine widersprüchliche Bedeutung

Die Begegnung in Albany darf allerdings nicht auf die Übergabe eines Zeremonienschals reduziert werden. Während seines Auftritts forderte der Dalai Lama die Medien ausdrücklich auf, die Vorwürfe gegen NXIVM und deren Gründer zu untersuchen. Die Wahrheit solle offengelegt werden. Damit distanzierte er sich zumindest von einer vorbehaltlosen Entlastung der Organisation. Diese Aussage ist für die Beurteilung entscheidend. Sie widerlegt die Vorstellung, er habe sämtliche damaligen Anschuldigungen einfach für bedeutungslos erklärt. Gleichzeitig bleibt die öffentliche Wirkung seines Erscheinens bestehen. Wer trotz bestehender Kontroversen eine Bühne mit einflussreichen Vertretern einer Organisation teilt, kann dieser unbeabsichtigt gesellschaftliche Glaubwürdigkeit verleihen. Eine weitere Verbindung ergibt sich aus einem 2009 erschienenen Buch mit dem Titel The Sphinx and Thelxiepeia, das unter den Namen Keith Raniere und Ivy Nevares veröffentlicht wurde. Die Publikation weist ein Vorwort unter dem Namen des Dalai Lama aus. Die tatsächliche persönliche Urheberschaft dieses Vorworts ist damit nicht unabhängig geklärt. Das Buch dokumentiert jedoch, dass sein Name im Zusammenhang mit einer Veröffentlichung aus dem Umfeld Ranieres verwendet wurde. Die Summe dieser Vorgänge rechtfertigt Fragen nach den damaligen Kontakten und den Kriterien, nach denen Veranstaltungen und öffentliche Unterstützung bewertet wurden. Sie begründet aber keinen Nachweis, dass der Dalai Lama an den später aufgedeckten Straftaten von NXIVM beteiligt war.

Der Vorwurf einer Millionenzahlung und die offizielle Zurückweisung

Im Zusammenhang mit dem Auftritt in Albany wurde später behauptet, für die Veranstaltung sei eine Zahlung von einer Million US-Dollar erfolgt. Am 25. Januar 2018 widersprach das Büro des Dalai Lama dieser Darstellung ausdrücklich. Der Religionsführer verlange grundsätzlich keine Honorare für persönliche Auftritte. Weder er selbst noch die Dalai Lama Foundation hätten die behauptete Millionenzahlung im Zusammenhang mit der Albany-Veranstaltung erhalten. Ein belastbarer Nachweis, dass der Dalai Lama die behauptete Summe persönlich erhalten hat, liegt nicht vor. Die Zahlung darf deshalb nicht als erwiesene Tatsache dargestellt werden. Auch der frühere Vertraute Tenzin Dhonden geriet zeitweise wegen Vorwürfen finanzieller Unregelmäßigkeiten in die Kritik. Er war lange an der Organisation internationaler Kontakte beteiligt und wurde im Oktober 2017 von seinen Funktionen in der Dalai Lama Foundation suspendiert. Für seine Bewertung ist der weitere Verlauf entscheidend. Der Stiftungsvorstand kam im Juni 2018 zu dem Ergebnis, dass die Anschuldigungen mangels ausreichender Beweise nicht bestätigt werden konnten. Mit Schreiben vom 18. April 2019 unterstützte der Dalai Lama ausdrücklich die beschlossene Wiedereinsetzung Dhondens. Die Vorwürfe gegen den früheren Vertrauten können somit nicht als erwiesen behandelt werden. Der Vorgang verdeutlicht dennoch, welche Bedeutung persönliche Vermittler innerhalb des internationalen Umfelds einer religiösen Autorität besitzen können.



Die schwerwiegendste Kontroverse beginnt lange vor Epstein

Während im Epstein-Komplex ein persönlicher Kontakt nicht nachgewiesen ist, reichen die dokumentierten Probleme im Umgang mit Missbrauchsvorwürfen gegen buddhistische Lehrer wesentlich weiter zurück. Im September 2018 traf der Dalai Lama während eines Besuchs in den Niederlanden vier Menschen, die von sexuellem oder psychischem Missbrauch durch buddhistische Lehrer berichteten. Sie vertraten eine größere Gruppe von Betroffenen, die zuvor um eine persönliche Begegnung ersucht hatte. Die Gruppe übergab Berichte über mutmaßliche Übergriffe in verschiedenen buddhistischen Gemeinschaften und verlangte eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Betroffenen. Im Mittelpunkt stand nicht allein das Verhalten einzelner Lehrer, sondern auch die Frage, warum Warnungen über lange Zeit keine ausreichenden Konsequenzen nach sich gezogen hatten. Am 15. September wurde der Dalai Lama bei einer Presseveranstaltung in Amsterdam gefragt, was er aus dem Gespräch gelernt habe. Seine Antwort war bemerkenswert. Er erklärte, solche Vorgänge seien ihm bereits seit Langem bekannt. Die Berichte stellten für ihn grundsätzlich nichts Neues dar. Auf Nachfrage verwies er auf ein Treffen mit westlichen buddhistischen Lehrern im Jahr 1993, bei dem entsprechende Anschuldigungen bereits diskutiert worden seien. Dabei erwähnte er selbst die Möglichkeit, dass damals insbesondere der buddhistische Lehrer Sogyal Rinpoche im Mittelpunkt gestanden habe. Diese Aussage verändert den Maßstab der Bewertung. Das grundsätzliche Problem sexuellen Fehlverhaltens buddhistischer Lehrer war dem Dalai Lama nach eigener Darstellung spätestens seit den frühen 1990er-Jahren bekannt. Die zentrale Frage lautet deshalb nicht, ob es überhaupt Warnungen gab. Entscheidend ist, wie auf sie reagiert wurde, welche konkreten Handlungsmöglichkeiten bestanden und ob die vorhandene moralische Autorität ausreichend zum Schutz gefährdeter Menschen eingesetzt wurde.

Sogyal Rinpoche und die über Jahrzehnte gewachsenen Vorwürfe

Der Fall Sogyal Lakar, international bekannt als Sogyal Rinpoche, gehört zu den schwerwiegendsten Missbrauchskomplexen innerhalb westlicher buddhistischer Gemeinschaften. Sogyal gründete die international tätige Organisation Rigpa und erreichte mit seinen buddhistischen Lehren ein großes Publikum. Sein Buch über Leben und Sterben wurde zu einem internationalen Erfolg und trug wesentlich zu seiner Bekanntheit bei. Bereits seit den frühen 1990er-Jahren wurden gegen ihn Vorwürfe körperlicher, sexueller und psychischer Übergriffe erhoben. Frühere Schüler berichteten von Demütigungen, Gewalt, sexuellen Grenzüberschreitungen und einem Umfeld, in dem die Autorität des Lehrers nur schwer infrage gestellt werden konnte. Trotz dieser Kontroversen blieb Sogyal über viele Jahre eine prominente Persönlichkeit innerhalb des internationalen tibetischen Buddhismus. Am 22. August 2008 eröffnete der Dalai Lama das große Rigpa-Zentrum Lérab Ling in Südfrankreich. Zu den Gästen gehörten auch Carla Bruni-Sarkozy, die damalige französische Präsidentengattin, sowie hochrangige Vertreter der französischen Regierung. Der Besuch besaß erhebliche symbolische Bedeutung. Das Auftreten des Dalai Lama in einem von Sogyals Organisation betriebenen Zentrum konnte als starkes Zeichen religiöser Anerkennung wahrgenommen werden. Gerade deshalb entsteht eine schwierige Frage. Wie ist eine derart öffentlichkeitswirksame Anerkennung mit den bereits Jahre zuvor erhobenen Vorwürfen gegen Sogyal vereinbar? Aus dem Besuch lässt sich weder eine Kenntnis sämtlicher Einzelheiten noch eine Billigung der später dokumentierten Übergriffe ableiten. Die eigenen Aussagen des Dalai Lama über die seit den 1990er-Jahren bekannten Probleme machen die zeitliche Abfolge jedoch erklärungsbedürftig.

Eine unabhängige Untersuchung bestätigt schwere Missbrauchsvorgänge

Im Juli 2017 veröffentlichten acht frühere oder damalige Schüler einen ausführlichen Brief mit schwerwiegenden Anschuldigungen gegen Sogyal. Die Organisation Rigpa beauftragte daraufhin die britische Anwaltskanzlei Lewis Silkin mit einer unabhängigen Untersuchung. Die verantwortliche Anwältin Karen Baxter legte ihre Ergebnisse am 22. August 2018 vor. Der Bericht kam auf Grundlage der verfügbaren Beweise zu dem Schluss, dass einzelne Schüler aus Sogyals engerem Umfeld mit überwiegender Wahrscheinlichkeit schwerem körperlichem, sexuellem und emotionalem Missbrauch ausgesetzt gewesen waren. Darüber hinaus stellte die Untersuchung fest, dass Personen in Führungspositionen innerhalb von Rigpa zumindest von Teilen der Vorgänge gewusst hatten, ohne angemessen darauf zu reagieren. Dadurch seien andere Menschen weiterhin gefährdet worden. Nicht sämtliche Anschuldigungen wurden bestätigt. Die Untersuchung beruhte außerdem auf dem zivilrechtlichen Beweismaßstab der überwiegenden Wahrscheinlichkeit und stellte kein strafgerichtliches Urteil dar. Diese Einschränkungen mindern jedoch nicht die Bedeutung der dokumentierten Feststellungen. Der Bericht beschrieb schweres Fehlverhalten eines einflussreichen religiösen Lehrers und erhebliche Defizite beim institutionellen Umgang mit entsprechenden Warnungen. Sogyal hatte sich bereits 2017 aus seiner Führungsfunktion zurückgezogen. Er starb 2019. Rigpa erkannte die Bedeutung der Untersuchung an und kündigte Veränderungen bei internen Schutzmaßnahmen und Beschwerdeverfahren an. Der Dalai Lama war weder Gegenstand dieser Untersuchung noch wurde ihm darin eine persönliche Beteiligung an Sogyals Übergriffen nachgewiesen. Der Bericht ist jedoch von grundlegender Bedeutung für die Bewertung jener religiösen Strukturen, in deren Umfeld seine öffentliche Autorität über Jahrzehnte eine erhebliche Rolle spielte.



Eine späte, aber eindeutige öffentliche Kritik

Der Dalai Lama schwieg nicht bis zum Abschluss der unabhängigen Untersuchung. Bereits am 1. August 2017 kritisierte er bei einer Veranstaltung in Ladakh die Auswirkungen feudaler Machtstrukturen innerhalb buddhistischer Institutionen. Er warnte ausdrücklich davor, religiösen Lehrern bedingungslos zu folgen. Dabei ging er auch auf Sogyal ein, den er als persönlichen Freund bezeichnete. Angesichts der öffentlich gewordenen Vorwürfe erklärte er, Sogyal sei in Ungnade gefallen. Seine Aussagen enthielten eine deutliche Kritik an religiösem Autoritätsmissbrauch. Schüler müssten das Verhalten ihrer Lehrer prüfen und dürften sich nicht allein auf deren Stellung verlassen. Fehlverhalten müsse öffentlich gemacht werden, wenn interne Warnungen keine Wirkung zeigten. Diese Stellungnahme war eine klare Distanzierung. Es wäre daher unzutreffend, dem Dalai Lama vorzuwerfen, er habe die Vorwürfe gegen Sogyal niemals öffentlich aufgegriffen. Die zeitliche Entwicklung bleibt allerdings auffällig. Zwischen den seit den 1990er-Jahren bekannten Beschwerden, der Eröffnung des Rigpa-Zentrums 2008 und der deutlichen öffentlichen Kritik 2017 lagen viele Jahre. Daraus ergibt sich keine automatische persönliche Schuld. Es stellt sich jedoch die Frage, weshalb der öffentliche Abstand zu einem seit Langem umstrittenen Lehrer nicht früher sichtbar wurde.

Warum fehlende Befehlsgewalt nicht völlige Einflusslosigkeit bedeutet

Für eine sachgerechte Bewertung muss berücksichtigt werden, dass der Dalai Lama keine zentrale Disziplinargewalt über sämtliche buddhistischen Organisationen besitzt. Der tibetische Buddhismus umfasst unterschiedliche Schulen und Gemeinschaften, die weitgehend eigenständig organisiert sind. Viele internationale buddhistische Zentren unterstehen nicht unmittelbar seinem Büro. Diese Struktur begrenzt seine Möglichkeiten, gegen einzelne Lehrer formale Sanktionen zu verhängen oder interne Untersuchungen anzuordnen. Eine Gleichsetzung seiner Stellung mit der eines zentralen Verwaltungschefs sämtlicher buddhistischer Gemeinschaften wäre deshalb sachlich falsch. Allerdings entsteht religiöse Autorität nicht ausschließlich durch formale Zuständigkeit. Sie wirkt auch durch Anerkennung, öffentliche Begegnungen, persönliche Empfehlungen und symbolische Gesten. Die Anwesenheit eines international verehrten Religionsführers kann einer Organisation beträchtliche gesellschaftliche Glaubwürdigkeit verleihen. Für Menschen, die ihren Lehrern außergewöhnliches Vertrauen entgegenbringen, besitzt diese Anerkennung besonderes Gewicht. Sie kann Sicherheit vermitteln, aber auch dazu beitragen, dass Warnungen über Fehlverhalten weniger ernst genommen werden. Daraus ergibt sich eine Verantwortung, die nicht mit unmittelbarer rechtlicher Zuständigkeit gleichzusetzen ist. Sie betrifft den sorgfältigen Umgang mit öffentlichen Beziehungen, die Bewertung glaubwürdiger Hinweise und die Bereitschaft, die eigene Autorität dort zurückzunehmen, wo sie unbeabsichtigt problematische Strukturen stärken könnte.

Das eigentliche Problem liegt im Umgang mit den Betroffenen

Das Treffen mit den Missbrauchsbetroffenen in den Niederlanden machte 2018 deutlich, wie unterschiedlich die Erwartungen an religiöse Führung sein können. Der Dalai Lama betonte, dass buddhistische Lehrer persönliche Disziplin wahren müssten. Er ermutigte Betroffene, Fehlverhalten öffentlich zu machen, und kündigte an, das Problem bei einer Zusammenkunft buddhistischer Lehrer in Dharamsala anzusprechen. Einige Teilnehmer begrüßten die Bereitschaft zum Gespräch. Andere zeigten sich enttäuscht, weil die geschilderten Erfahrungen bereits seit Jahren bekannt gewesen seien und die Verantwortung für die öffentliche Aufklärung weiterhin überwiegend bei den Betroffenen liege. Hier zeigt sich eine erhebliche strukturelle Schwierigkeit. Menschen, die in stark hierarchischen religiösen Gemeinschaften Missbrauch erleben, tragen häufig ein großes persönliches Risiko, wenn sie ihre Erfahrungen öffentlich machen. Sie müssen mit Zweifeln, sozialer Ausgrenzung und dem Verlust enger persönlicher Bindungen rechnen. Die betroffenen Institutionen verfügen dagegen vielfach über bestehende Netzwerke, finanzielle Ressourcen und gesellschaftliches Vertrauen. Wenn die Aufklärung schwerer Vorwürfe hauptsächlich davon abhängt, dass Betroffene selbst öffentlich Druck erzeugen, stellt sich die Frage nach der Wirksamkeit interner Schutzmechanismen. Wer glaubwürdige Warnungen erhält, kann Verantwortung nicht allein dadurch erfüllen, dass er auf die Möglichkeit einer öffentlichen Beschwerde verweist. Gerade bei religiösen Gemeinschaften, deren Selbstverständnis auf Mitgefühl und dem Schutz vor Leid beruht, ist diese Frage von grundsätzlicher Bedeutung.



Der Vorfall mit einem Kind im Jahr 2023

Eine weitere Kontroverse betrifft unmittelbar das persönliche Verhalten des Dalai Lama. Am 28. Februar 2023 kam es bei einer öffentlichen Veranstaltung in Dharamsala zu einer Begegnung mit einem Jungen, der den Religionsführer um eine Umarmung gebeten hatte. Der Dalai Lama lud das Kind zu sich ein, deutete zunächst auf seine Wange und anschließend auf seinen Mund. Nach einem Kuss auf die Lippen streckte er seine Zunge heraus und forderte den Jungen auf, daran zu saugen. Die Szene wurde gefilmt. Als sich die Aufnahmen im April 2023 international verbreiteten, löste der Vorgang erhebliche Kritik aus. Am 10. April veröffentlichte das Büro des Dalai Lama eine Entschuldigung gegenüber dem Jungen, dessen Familie und weiteren Menschen, die durch die Situation verletzt worden sein könnten. Sein Umfeld erklärte, der Religionsführer pflege häufig eine spielerische und scherzhafte Art im Umgang mit anderen Menschen und habe keine verletzende Absicht verfolgt. Unterstützer verwiesen außerdem auf kulturelle Besonderheiten tibetischer Traditionen. Solche Hinweise können helfen, eine Handlung einzuordnen, ersetzen aber keine Auseinandersetzung mit angemessenen körperlichen Grenzen. Aus den öffentlich zugänglichen Aufnahmen lässt sich keine sexuelle Absicht als gesicherte Tatsache feststellen. Ebenso wenig begründet die Szene für sich genommen den Nachweis eines sexuellen Missbrauchsdelikts. Dokumentiert ist jedoch eine körperliche und verbale Interaktion zwischen einer weltweit verehrten erwachsenen Person und einem Kind, die erhebliche Fragen nach persönlicher Verantwortung und angemessenem Verhalten aufwarf. Im Unterschied zu den Epstein-Unterlagen betrifft dieser Vorgang nicht mögliche Kontakte oder das Handeln Dritter. Hier geht es um eine unmittelbar aufgezeichnete Handlung des Dalai Lama selbst.

Die politische Dimension der Vorwürfe

Die Kontroversen um den Dalai Lama stehen auch im Zusammenhang mit seiner außergewöhnlichen politischen Bedeutung. Seit 1959 lebt der tibetische Religionsführer im indischen Exil. Für viele Tibeter verkörpert er religiöse Kontinuität, kulturelle Identität und die Hoffnung auf größere Selbstbestimmung. Die chinesische Führung betrachtet ihn seit Jahrzehnten als politischen Gegner. Dementsprechend werden Vorwürfe gegen seine Person auch im geopolitischen Konflikt um Tibet aufgegriffen. Chinesische Staatsmedien thematisierten nach der Veröffentlichung der Epstein-Unterlagen die zahlreichen Namensnennungen und rückten mögliche Verbindungen öffentlich in den Mittelpunkt. Die tibetische Exilverwaltung reagierte mit einem ausdrücklichen Dementi und einer eigenen technischen Untersuchung der veröffentlichten Dokumente. Diese Auswertung ordnete die Erwähnungen überwiegend als unverbindliche Planungen, allgemeine Hinweise oder Korrespondenz zwischen Dritten ein. Beide Positionen müssen in ihrem politischen Zusammenhang betrachtet werden. Die chinesische Staatsführung besitzt ein erkennbares Interesse daran, das internationale Ansehen des Dalai Lama zu schwächen. Die tibetische Seite wiederum hat ein ebenso nachvollziehbares Interesse daran, ihren wichtigsten religiösen Repräsentanten gegen unbelegte Anschuldigungen zu verteidigen. Aus diesen Interessen folgt weder, dass sämtliche Vorwürfe falsch sind, noch dass die offiziellen Dementis bedeutungslos wären. Die Unabhängigkeit journalistischer Prüfung besteht gerade darin, politische Interessen zu erkennen, ohne ihnen die Bewertung der Tatsachen zu überlassen. Besonders wichtig ist dies bei den Missbrauchsberichten buddhistischer Schüler. Ihre Erfahrungen und die unabhängigen Untersuchungsergebnisse zu Rigpa bestehen unabhängig davon, wie staatliche Akteure die Kontroversen politisch verwenden.

Was die Beweise tatsächlich tragen

Die unterschiedlichen Vorgänge ergeben bei genauer Betrachtung kein einheitliches Bild persönlicher Schuld, wohl aber eine Reihe ernst zu nehmender Fragen nach Verantwortung. Im Epstein-Komplex sind Kontaktversuche dokumentiert. Die E-Mails zeigen, dass Epstein über akademische und gesellschaftliche Vermittler eine Begegnung mit dem Dalai Lama anstrebte. Eine tatsächliche persönliche Beziehung ist durch die vorliegenden Unterlagen nicht bestätigt. Michael Wolffs Aussage über eine Begegnung in Epsteins New Yorker Anwesen steht dem ausdrücklichen Dementi des Dalai Lama gegenüber. Ohne weitere unabhängige Belege lässt sich dieser Widerspruch nicht abschließend auflösen. Im Fall NXIVM ist die Begegnung von 2009 dagegen eine dokumentierte Tatsache. Der Dalai Lama erschien bei einer von NXIVM-Unterstützern ermöglichten Veranstaltung und begegnete Keith Raniere. Gleichzeitig forderte er die öffentliche Untersuchung der damals bereits erhobenen Vorwürfe. Die Behauptung einer erhaltenen Millionenzahlung wurde von seinem Büro ausdrücklich zurückgewiesen und ist nicht als erwiesen anzusehen. Die Missbrauchsvorwürfe innerhalb buddhistischer Gemeinschaften besitzen eine andere Beweisqualität. Hier liegen langjährige Berichte von Betroffenen, öffentliche Aussagen des Dalai Lama und die Ergebnisse einer unabhängigen Untersuchung vor, die schwere Übergriffe und institutionelle Versäumnisse dokumentierte. Besonders bedeutsam bleibt seine eigene Aussage aus dem Jahr 2018, wonach ihm entsprechende Probleme bereits seit den 1990er-Jahren bekannt waren. Aus dieser Kenntnis folgt keine automatische Verantwortung für sämtliche Handlungen anderer buddhistischer Lehrer. Sie macht jedoch die Frage nach dem zeitlichen Verlauf, den ergriffenen Maßnahmen und der Wirksamkeit seiner öffentlichen Reaktionen unvermeidlich.

Der Widerspruch zwischen moralischem Anspruch und institutioneller Wirklichkeit

Die zentrale Frage hinter diesen Kontroversen reicht über die Person des Dalai Lama hinaus. Religiöse Autorität schafft Orientierung und kann Menschen zu solidarischem Verhalten bewegen. Sie erzeugt aber auch Machtverhältnisse, in denen öffentliche Anerkennung und persönliche Loyalität einen hohen Stellenwert besitzen. In solchen Strukturen kann Kritik als Angriff auf die Gemeinschaft verstanden werden. Menschen, die Missbrauch melden, geraten dadurch mitunter in eine schwierige Lage, während einflussreiche Lehrer und ihre Organisationen weiterhin vom Vertrauen ihrer Anhänger profitieren. Die unabhängige Rigpa-Untersuchung dokumentierte, wie schwerwiegendes Fehlverhalten innerhalb einer religiösen Gemeinschaft über längere Zeit unzureichend aufgearbeitet wurde. Sie zeigte zugleich, dass Personen in verantwortlichen Positionen von Teilen der Vorgänge wussten, ohne angemessen einzugreifen. Der Fall Epstein verdeutlicht auf andere Weise, wie gesellschaftliches Vertrauen und institutionelles Ansehen für persönliche Netzwerke genutzt werden können. Seine Beziehungen zum MIT zeigen, dass selbst renommierte Einrichtungen ihre eigenen Maßstäbe im Umgang mit einem einschlägig vorbestraften Mann nicht konsequent durchsetzten. Zwischen beiden Komplexen besteht kein nachgewiesener gemeinsamer krimineller Zusammenhang. Sie führen jedoch zu einer verwandten Frage: Wie gewährleisten gesellschaftlich angesehene Persönlichkeiten und Institutionen, dass ihr Vertrauen nicht zur Legitimation problematischer Strukturen beiträgt? Diese Frage lässt sich nicht allein mit persönlichen Absichten beantworten. Entscheidend sind überprüfbare Entscheidungen, der Umgang mit konkreten Warnungen und die Bereitschaft, auch das eigene Umfeld einer kritischen Kontrolle zu unterziehen.

Moralische Autorität muss sich gerade an unbequemen Fragen messen lassen

Der Dalai Lama hat über Jahrzehnte für Mitgefühl, Gewaltlosigkeit und religiöse Verständigung geworben. Seine internationale Bedeutung und sein Einsatz für die tibetische Gemeinschaft sind wesentliche Bestandteile seiner historischen Rolle. Diese Verdienste werden durch eine kritische Untersuchung nicht automatisch aufgehoben. Ebenso wenig dürfen sie dazu führen, dass berechtigte Fragen nach Fehlentscheidungen, problematischen Beziehungen oder institutionellen Versäumnissen unbeantwortet bleiben. Die bisherige Beweislage rechtfertigt keine Behauptung, der Dalai Lama sei an den Verbrechen Jeffrey Epsteins beteiligt gewesen. Auch eine persönliche Begegnung ist nicht unabhängig bestätigt. Die dokumentierten Missbrauchskontroversen innerhalb buddhistischer Organisationen lassen sich hingegen nicht auf unbewiesene Verdächtigungen reduzieren. Sie betreffen konkrete Warnungen, unabhängige Untersuchungsergebnisse und den Umgang mit einem Problem, dessen grundsätzliche Existenz dem Dalai Lama nach eigener Aussage seit Jahrzehnten bekannt war. Die Verantwortung einer religiösen Autorität endet nicht automatisch dort, wo unmittelbare strafrechtliche Schuld nicht feststellbar ist. Sie umfasst auch die Frage, wie sorgfältig Beziehungen gepflegt, Warnungen geprüft und Menschen geschützt werden, die innerhalb religiöser Machtstrukturen besonders verletzlich sind. Gerade darin liegt die entscheidende Bedeutung dieses Falls. Die Epstein-Akten haben neue Aufmerksamkeit auf den Dalai Lama gelenkt, ohne bislang eine persönliche Verstrickung in Epsteins Straftaten zu belegen. Die älteren Missbrauchsskandale zeigen dagegen, dass die grundlegenden Fragen nach Verantwortung wesentlich länger bestehen.

Der Maßstab moralischer Glaubwürdigkeit ist nicht allein die Botschaft, die ein Mensch öffentlich vertritt. Er liegt auch darin, wie konsequent er diese Botschaft gegen Widerstände im eigenen Umfeld zur Geltung bringt. Wer Mitgefühl zum Mittelpunkt seines Wirkens macht, muss sich gerade daran messen lassen, was dieses Mitgefühl für Menschen bedeutet, deren Leid über Jahre bekannt war, ohne dass sie ausreichenden Schutz erfuhren.


Dalai Lama und Epstein: NXIVM, Missbrauchsvorwürfe und Verantwortung. Die Epstein-Akten nennen den Dalai Lama. Was belegen die Dokumente wirklich? Ein Spezialbericht über NXIVM, Missbrauchsvorwürfe und religiöse Verantwortung.

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