Rubrik: Finanzen
Format: Spezialbericht
Autor: Sinisa Brkic (sb)
Eine Tonne CO₂ hat längst keinen einheitlichen Preis mehr. Im europäischen Emissionshandel kostet das Recht zum Ausstoß einer Tonne derzeit rund 81 Euro, während hochwertige Zertifikate am freiwilligen Markt nach völlig anderen Regeln bewertet werden. Der Carbon Protocol Council, CPC, setzt seinen aktuellen Preis mit 45 Euro je Tonne an und positioniert sich damit bewusst außerhalb des verpflichtenden EU Emissionshandels. Bis 2030 dürften Regulierung, Qualitätsanforderungen und strengere Regeln für Klimaversprechen die Unterschiede zwischen beiden Märkten noch deutlicher sichtbar machen.
Eine Tonne CO₂, zwei vollkommen unterschiedliche Märkte
Wer heute vom Preis einer Tonne CO₂ spricht, muss zuerst klären, auf welchem Markt diese Tonne bewertet wird. Im EU Emissionshandel steht ein Zertifikat für das gesetzlich verankerte Recht, eine Tonne CO₂ Äquivalent auszustoßen. Unternehmen in den erfassten Sektoren müssen entsprechende Emissionsberechtigungen abgeben, während die Gesamtmenge dieser Berechtigungen politisch begrenzt und schrittweise reduziert wird.
Der freiwillige Kohlenstoffmarkt funktioniert grundlegend anders. Dort werden keine gesetzlichen Emissionsrechte gehandelt, sondern Zertifikate für nach bestimmten Methoden nachgewiesene Emissionsminderungen, vermiedene Emissionen oder CO₂ Entnahmen. Ein freiwilliges Zertifikat ersetzt deshalb keine EUA Berechtigung und kann nicht dazu verwendet werden, Verpflichtungen innerhalb des klassischen EU ETS zu erfüllen.
Genau dieser Unterschied ist für die öffentliche Diskussion entscheidend. Obwohl in beiden Fällen eine Tonne CO₂ als Bezugsgröße verwendet wird, handelt es sich wirtschaftlich und rechtlich um unterschiedliche Produkte. Ein Preisvergleich ist deshalb möglich, aber nur dann sinnvoll, wenn gleichzeitig erklärt wird, was für diesen Preis tatsächlich erworben wird.
Der verpflichtende ETS Markt liegt derzeit bei rund 81 Euro
Am europäischen ETS Markt notierten CO₂ Berechtigungen am 17. August 2026 bei rund 81 bis 82 Euro je Tonne. Der Preis wird laufend an den Börsen gebildet und reagiert auf Energiepreise, Industrieproduktion, politische Entscheidungen, verfügbare Zertifikatsmengen und die Erwartungen über die zukünftige Verknappung des Angebots.
Das System folgt einer klaren politischen Logik. Die Zahl der verfügbaren Zertifikate wird über die Jahre reduziert, damit Emissionen wirtschaftlich zunehmend unattraktiver werden. Nach geltendem Rahmen soll der Ausstoß in den vom EU ETS erfassten Bereichen bis 2030 um 62 Prozent gegenüber 2005 sinken.
Damit besitzt der ETS Preis eine Eigenschaft, die der freiwillige Markt nicht in gleicher Weise kennt. Hinter ihm steht eine gesetzlich erzeugte Nachfrage. Betroffene Unternehmen können sich nicht grundsätzlich entscheiden, ob sie teilnehmen wollen, sondern müssen ihre Verpflichtungen erfüllen.
Von rund 80 Euro auf mehr als 100 Euro bis 2030
Die entscheidende Frage für Unternehmen lautet daher nicht nur, wie hoch der CO₂ Preis heute liegt, sondern wo er gegen Ende des Jahrzehnts stehen könnte. Eine Ende Juli 2026 veröffentlichte Befragung von neun Marktanalysten erwartet im Durchschnitt rund 79,97 Euro je Tonne für 2026 und 89,13 Euro für 2027. Für 2028 liegt die durchschnittliche Erwartung bei 95,37 Euro, für 2029 bei 100,43 Euro und für 2030 bei 109,11 Euro je Tonne.
Diese Werte sind keine garantierte Preisentwicklung. Der CO₂ Markt reagiert empfindlich auf politische Änderungen, Konjunktur, Energiepreise und Eingriffe in die verfügbare Zertifikatsmenge. Die Richtung bleibt dennoch bemerkenswert: Selbst nach jüngsten Vorschlägen der Europäischen Kommission, den Kostendruck für die Industrie teilweise abzufedern, rechnen Marktbeobachter bis 2030 mit einem höheren Preisniveau als heute.
Der CO₂ Preis entwickelt sich damit zunehmend von einer klimapolitischen Nebenrechnung zu einem festen Bestandteil wirtschaftlicher Kalkulation. Wer Investitionen in Industrieanlagen, Energieversorgung oder Produktionsprozesse bis in die nächste Dekade plant, muss den Preis von Emissionen immer stärker als realen Kostenfaktor behandeln.
Warum 45 Euro am freiwilligen Markt etwas anderes bedeuten
Der Carbon Protocol Council setzt für seine Zertifikate aktuell einen Preis von 45 Euro je Tonne an. Dieser Wert darf nicht mit einem Preis für EU Emissionsberechtigungen verwechselt werden, sondern gehört in den Kontext des freiwilligen Marktes. Dort existiert kein einheitlicher Börsenpreis, weil Herkunft, Methodik, Projekttyp, Dauerhaftigkeit, zusätzliche Klimawirkung, Prüfung und Dokumentation den Wert eines Zertifikats erheblich beeinflussen.
Der freiwillige Markt ist deshalb deutlich stärker segmentiert. Günstige Standardzertifikate können nur wenige Euro kosten, während hochwertige naturbasierte Projekte und insbesondere dauerhafte technische CO₂ Entnahmen erheblich höhere Preise erreichen können. Der Markt bewegt sich zunehmend weg von der Vorstellung, jede ausgewiesene Tonne sei automatisch mit jeder anderen Tonne vergleichbar.
Ein Preis von 45 Euro kann vor diesem Hintergrund nicht isoliert als günstig oder teuer bewertet werden. Entscheidend ist, welche überprüfbare Klimawirkung, welche Methodik, welche Dauerhaftigkeit und welche Governance diesem Preis gegenüberstehen. Genau diese qualitative Differenzierung dürfte bis 2030 weiter an Bedeutung gewinnen.
Qualität wird wichtiger als die billigste Tonne
Der freiwillige Markt hat in den vergangenen Jahren erfahren, wie schnell mangelnde Transparenz Vertrauen zerstören kann. Käufer achten inzwischen deutlich stärker auf Nachweisbarkeit, Zusätzlichkeit, Dauerhaftigkeit und unabhängige Kontrolle eines Projekts. Marktanalysen zeigen entsprechend eine zunehmende Trennung zwischen einfachen Zertifikaten und hochwertigen Angeboten mit belastbarer Dokumentation.
Für Anbieter bedeutet das eine Verschiebung des Wettbewerbs. Der niedrigste Preis je Tonne ist nicht mehr zwangsläufig der stärkste Marktparameter. Je stärker Unternehmen rechtliche, regulatorische und reputative Risiken berücksichtigen müssen, desto wichtiger wird die Frage, ob ein Zertifikat auch Jahre später noch nachvollziehbar und sachlich korrekt erklärt werden kann.
CPC verfolgt nach Unternehmensangaben genau in diesem Punkt einen regulatorisch orientierten Ansatz. Das Unternehmen richtet seine Struktur an bestehenden und absehbaren europäischen Vorgaben aus und betrachtet Zertifikate nicht ausschließlich als handelbare Einheit, sondern als dokumentierten Klimabeitrag, dessen Herkunft und Berechnungsgrundlage nachvollziehbar bleiben müssen.
Europa schafft erstmals einen eigenen Rahmen für freiwillige CO₂ Entnahmen
Mit der Verordnung über Carbon Removals and Carbon Farming, kurz CRCF, baut die Europäische Union inzwischen selbst einen freiwilligen Zertifizierungsrahmen für dauerhafte CO₂ Entnahmen, Carbon Farming und Kohlenstoffspeicherung in Produkten auf. Im Februar 2026 verabschiedete die Kommission erste Methoden für dauerhafte CO₂ Entnahmen und definierte dabei unter anderem Anforderungen an Quantifizierung, Dauerhaftigkeit, mögliche Verlagerungseffekte und Haftungsfragen.
Das ist ein wichtiger Schritt für den freiwilligen Markt. Die EU schafft damit keinen Ersatz für das ETS, sondern einen eigenen Qualitätsrahmen für bestimmte Formen zertifizierter CO₂ Entnahme. Für Marktteilnehmer steigt dadurch der Druck, Methodik, Überprüfung und Dokumentation stärker an regulatorisch nachvollziehbaren Standards auszurichten.
Für CPC ist diese Entwicklung besonders relevant. Eine Orientierung an europäischen Vorgaben kann langfristig wichtiger werden als die kurzfristige Orientierung an möglichst niedrigen Marktpreisen. Der Markt dürfte zunehmend zwischen Zertifikaten unterscheiden, die lediglich eine Tonne versprechen, und solchen, deren Klimawirkung nach nachvollziehbaren Regeln dokumentiert werden kann.
Der entscheidende EU Stichtag ist der 27. September 2026
Ein häufig genanntes Datum muss dabei präzisiert werden. Für die neuen europäischen Vorgaben zu Umweltaussagen und Nachhaltigkeitskennzeichnungen ist nicht der 27. September 2027 der maßgebliche Stichtag, sondern bereits der 27. September 2026. Von diesem Tag an müssen Unternehmen bei geschäftlichen Aussagen gegenüber Verbrauchern die neuen Vorgaben der Richtlinie zur Stärkung der Verbraucher für den ökologischen Wandel beachten.
Besonders relevant ist die neue Behandlung von Aussagen zur Klimaneutralität. Unternehmen dürfen Produkte nicht allein aufgrund außerhalb ihrer Wertschöpfungskette erworbener Kompensationszertifikate als klimaneutral, CO₂ neutral, klimakompensiert oder mit reduziertem Klimaeinfluss darstellen. Die EU untersagt damit nicht Investitionen in Klimaprojekte oder den Erwerb von Carbon Credits, zieht aber eine deutlich schärfere Grenze zwischen einem Klimabeitrag und der Behauptung, ein Produkt selbst verursache keine oder weniger Emissionen.
Diese Veränderung betrifft die kommunikative Nutzung freiwilliger Zertifikate unmittelbar. Der Wert eines Zertifikats wird künftig stärker davon abhängen, ob Unternehmen transparent erklären können, wofür es eingesetzt wird, was damit finanziert wird und welche Aussage daraus rechtlich überhaupt abgeleitet werden darf.
Für CPC verändert sich damit auch die Sprache des Marktes
Ein regulatorisch belastbarer freiwilliger Markt wird künftig weniger mit einfachen Versprechen und stärker mit dokumentierten Klimabeiträgen arbeiten müssen. Für CPC bedeutet das, dass die Orientierung an EU Recht, nachvollziehbaren Berechnungsmethoden und unabhängiger Prüfung nicht lediglich eine formale Ergänzung ist, sondern Teil des eigentlichen Produktwerts wird.
Entscheidend ist dabei die klare Trennung zwischen Reduktion und Kompensation. Zertifikate können Klimaprojekte finanzieren und messbare Wirkungen dokumentieren, sie ersetzen jedoch nicht die Verpflichtung eines Unternehmens, eigene Emissionen innerhalb der Wertschöpfungskette zu reduzieren. Genau diese Unterscheidung wird durch die europäische Gesetzgebung stärker in den Mittelpunkt gerückt.
Für Anbieter freiwilliger Zertifikate entsteht daraus eine neue Marktlogik. Glaubwürdigkeit wird weniger davon abhängen, wie groß ein Klimaversprechen formuliert wird, sondern davon, wie präzise sich die zugrunde liegende Wirkung belegen lässt.
ETS2 erweitert den CO₂ Preis auf weitere Teile der Wirtschaft
Parallel dazu erweitert die Europäische Union den verpflichtenden Kohlenstoffmarkt. ETS2 wird künftig insbesondere Brennstoffe für Gebäude, Straßenverkehr und weitere bislang nicht vom klassischen ETS erfasste Bereiche einbeziehen. Nach dem aktuellen europäischen Stand soll das System 2028 vollständig operativ werden, während bereits 2027 vorbereitende Auktionen vorgesehen sind.
Dabei existiert ein besonderer Preismechanismus. Überschreitet der ETS2 Preis bestimmte Schwellen, kann zusätzliches Angebot aus der Marktstabilitätsreserve freigesetzt werden. Die politischen Institutionen haben 2026 vereinbart, den Mechanismus bei einem Preis von mehr als 45 Euro je Tonne in Preisen des Jahres 2020 zu verstärken, um extreme Preissprünge zu begrenzen.
Die Zahl 45 Euro taucht damit sowohl im freiwilligen Umfeld von CPC als auch im regulatorischen Umfeld des ETS2 auf, hat jedoch keinerlei identische Bedeutung. Bei CPC ist sie ein gegenwärtiger Preis für ein freiwilliges Zertifikat. Im ETS2 ist die 45 Euro Marke Teil eines gesetzlich definierten Mechanismus zur Stabilisierung eines vollständig anderen Marktes.
Bis 2030 wird nicht ein CO₂ Preis entstehen, sondern eine Preislandschaft
Die Vorstellung eines einzigen europäischen CO₂ Preises dürfte deshalb zunehmend irreführend werden. Im klassischen ETS kann die Tonne gegen Ende des Jahrzehnts nach aktuellen Analystenerwartungen die Marke von 100 Euro überschreiten, während ETS2 einen eigenen Markt mit eigenen Stabilitätsregeln schafft. Gleichzeitig wird der freiwillige Markt stärker nach Qualität, Methodik und regulatorischer Verwendbarkeit differenzieren.
Für hochwertige freiwillige Zertifikate lässt sich deshalb keine seriöse einheitliche Preisprognose bis 2030 nennen. Ein steigendes Qualitätsniveau, strengere Nachweispflichten und eine zunehmende Nachfrage nach dauerhaften CO₂ Entnahmen sprechen dafür, dass belastbare Zertifikate nicht zwingend der Preisentwicklung günstiger Standardcredits folgen werden. Der freiwillige Markt dürfte vielmehr mehrere Preisklassen ausbilden, in denen der Preis zunehmend die Qualität der zugrunde liegenden Klimawirkung widerspiegelt.
Für CPC bedeutet der gegenwärtige Ansatz von 45 Euro je Tonne daher vor allem eine Ausgangsposition. Ob dieser Preis bis 2030 steigen kann, hängt weniger davon ab, ob CO₂ allgemein teurer wird, sondern davon, ob die angebotenen Zertifikate den steigenden Anforderungen an Integrität, Nachweisbarkeit und regulatorisch saubere Kommunikation standhalten.
Der Markt wird strenger, nicht einfacher
Die entscheidende Entwicklung bis 2030 ist damit nicht allein der Anstieg des CO₂ Preises. Europa baut ein System auf, in dem verpflichtende Emissionsrechte, freiwillige Klimabeiträge und zertifizierte CO₂ Entnahmen immer deutlicher voneinander getrennt werden. Gleichzeitig werden Unternehmen stärker dafür verantwortlich gemacht, präzise zu erklären, welche Wirkung ihre Zertifikate tatsächlich haben und welche nicht.
Für den Carbon Protocol Council liegt darin eine strategische Chance, allerdings keine automatische. Ein Preis von 45 Euro je Tonne gewinnt nur dann an Substanz, wenn hinter dieser Zahl nachvollziehbare Methodik, transparente Dokumentation und eine Struktur stehen, die sich an der Entwicklung des europäischen Rechts orientiert. In einem Markt, der bis 2030 voraussichtlich anspruchsvoller und teurer wird, dürfte nicht die billigste Tonne entscheidend sein, sondern diejenige, deren Anspruch auch einer regulatorischen Prüfung standhält.
CO₂ Preis bis 2030: ETS, freiwilliger Markt und die Zukunft der Zertifikate. CO₂ Zertifikate werden zum wirtschaftlichen Faktor. Wie sich ETS und freiwilliger Markt unterscheiden, warum CPC aktuell 45 Euro je Tonne ansetzt und welche EU Regeln den Markt bis 2030 verändern. - Carbon Protocol Council (CPC)
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