AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt: Die internationale Reaktion

Veröffentlicht am 8. September 2026 um 17:50

Rubrik: International
Format: Spezialbericht
Autor: Sinisa Brkic (sb)



Der deutliche Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt ist weit über Deutschland hinaus auf Resonanz gestoßen. Während Regierungsvertreter in Frankreich und Polen vor den politischen Folgen warnen, feiern rechte und nationalkonservative Parteien in mehreren europäischen Staaten das Ergebnis als Signal für einen grundlegenden Kurswechsel. Auch aus den USA und Russland kommen Reaktionen, die zeigen, wie stark eine deutsche Landtagswahl inzwischen in größere politische und geopolitische Entwicklungen eingeordnet wird.

Eine Landtagswahl wird zum internationalen Ereignis

Die Dimension des Ergebnisses erklärt einen erheblichen Teil der internationalen Aufmerksamkeit. Bei der Landtagswahl am 6. September 2026 erreichte die AfD 43,8 Prozent der Zweitstimmen und wurde mit großem Abstand stärkste Kraft. Die CDU kam auf 17,2 Prozent und verlor damit einen erheblichen Teil ihrer bisherigen Unterstützung.

Im neuen Landtag verfügt die AfD über 39 der insgesamt 83 Mandate. Für eine absolute Mehrheit wären 42 Sitze erforderlich. Der Wahlsieg bedeutet deshalb nicht automatisch, dass die Partei künftig die Landesregierung führen wird, doch er bringt sie näher an politische Regierungsverantwortung als jemals zuvor in einem deutschen Bundesland.



Auch die Größenordnung des Zuwachses ist außergewöhnlich. Gegenüber der Landtagswahl 2021 legte die AfD um 23 Prozentpunkte zu. Gleichzeitig verlor die CDU 19,9 Prozentpunkte, während die Wahlbeteiligung auf 77,8 Prozent stieg.

International wird das Resultat deshalb nicht als gewöhnlicher regionaler Regierungswechsel betrachtet. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, ob Sachsen-Anhalt einen politischen Sonderfall darstellt oder eine Entwicklung sichtbar macht, die Deutschlands Parteiensystem langfristig verändern könnte.

Frankreich spricht von einem ernsten Signal für Europa

Besonders deutlich reagierte die französische Regierung. Finanzminister Roland Lescure bezeichnete das Ergebnis als ein sehr besorgniserregendes Signal und ordnete den Erfolg der AfD in eine breitere populistische Entwicklung ein, mit der sich Europa auseinandersetzen müsse.

Auch Frankreichs Europaminister Benjamin Haddad warnte vor der politischen Tragweite. Für Paris geht es dabei nicht allein um Sachsen-Anhalt. Die Stärke nationalistischer und EU-kritischer Parteien in einem zentralen Mitgliedstaat berührt unmittelbar die Frage, wie stabil der bisherige europäische Konsens in Bereichen wie Migration, Sicherheit, Verteidigung und Unterstützung der Ukraine bleibt.

Die französische Reaktion ist zugleich Ausdruck einer eigenen politischen Sensibilität. Frankreich selbst steht vor einer tiefgreifenden Neuordnung seines Parteiensystems, und die Stärke rechter Parteien gehört dort längst zu den zentralen innenpolitischen Fragen. Ein massiver AfD-Erfolg in Deutschland wird deshalb auch als Teil einer europäischen Entwicklung gelesen.

Gerade im Verhältnis zwischen Paris und Berlin besitzt diese Wahrnehmung besonderes Gewicht. Frankreich und Deutschland tragen einen erheblichen Teil der politischen Architektur der Europäischen Union. Eine grundlegende Verschiebung der deutschen Parteienlandschaft würde deshalb nicht an der deutschen Grenze enden.

Polen reagiert besonders scharf

Noch deutlicher fiel die Reaktion aus Warschau aus. Polens Ministerpräsident Donald Tusk verurteilte den Jubel über den Wahlerfolg der AfD mit ungewöhnlich scharfen Worten. Außenminister Radosław Sikorski bezeichnete das Ergebnis als sehr beunruhigendes Signal.

Die polnische Aufmerksamkeit erklärt sich nicht nur aus historischen Gründen. Von besonderer Bedeutung sind die außenpolitischen Positionen der AfD, vor allem ihre Haltung zu Russland, zu den Sanktionen gegen Moskau und zur deutschen Unterstützung der Ukraine.

Für Polen sind diese Fragen unmittelbar sicherheitspolitisch relevant. Warschau betrachtet Russland als zentrale militärische Bedrohung und zählt innerhalb Europas zu den entschiedensten Unterstützern der Ukraine. Ein stärkerer politischer Einfluss der AfD in Deutschland wird deshalb auch unter geopolitischen Gesichtspunkten betrachtet. Noch verändert eine Landtagswahl die Außenpolitik der Bundesregierung nicht. Die Sorge richtet sich vielmehr darauf, welche Positionen innerhalb Deutschlands langfristig an politischem Gewicht gewinnen könnten.

Italiens Regierung zeigt, wie gespalten Europas Rechte ist

Bemerkenswert sind die Reaktionen aus Italien, weil sie innerhalb derselben Regierungskoalition gegensätzlicher kaum sein könnten. Lega-Chef und Vize-Regierungschef Matteo Salvini gratulierte der AfD zum Wahlerfolg und wertete das Ergebnis als Ausdruck eines starken Wunsches nach Veränderung, Sicherheit und Arbeit.

Italiens Außenminister und ebenfalls stellvertretender Regierungschef Antonio Tajani kam zu einer völlig anderen Einschätzung. Der Vorsitzende der konservativen und proeuropäischen Forza Italia bezeichnete den AfD-Erfolg als äußerst schlechte Nachricht und äußerte die Hoffnung, dass das Ergebnis eine regionale Ausnahme bleiben werde.

Diese gegensätzlichen Reaktionen zeigen, dass die politische Trennlinie in Europa längst nicht mehr einfach zwischen klassischen Regierungsparteien und der politischen Rechten verläuft. Auch innerhalb konservativer und rechter Regierungsbündnisse bestehen erhebliche Unterschiede darüber, wie mit Parteien wie der AfD umzugehen ist. Gerade Italien macht diese Spannung sichtbar. Während Salvini den Erfolg als Teil eines politischen Aufbruchs betrachtet, sieht Tajani darin eine Entwicklung, die mit dem liberalen und westlichen Selbstverständnis seiner Partei schwer vereinbar ist.

Jubel aus Wien, Budapest, Madrid und Lissabon

Aus Österreich kam eine der enthusiastischsten Reaktionen. FPÖ-Chef Herbert Kickl bezeichnete den Wahlausgang als historisches Ergebnis und als politisches Signal weit über Deutschland hinaus. Er verband den Erfolg ausdrücklich mit seiner Kritik an der Abgrenzung anderer Parteien gegenüber der AfD.

Auch aus Ungarn kamen Glückwünsche. Der frühere Ministerpräsident Viktor Orbán wertete das Ergebnis als bedeutendes Ereignis für Deutschland und Europa und stellte es in den Zusammenhang einer breiteren politischen Verschiebung auf dem Kontinent.

Spaniens Vox-Chef Santiago Abascal gratulierte Alice Weidel und Ulrich Siegmund und bezeichnete das Ergebnis als Hoffnung für Deutschland und Europa. Ähnlich reagierte André Ventura, Vorsitzender der portugiesischen Chega, der von einem historischen Sieg sprach. Auch der niederländische Politiker Geert Wilders gratulierte der AfD. Damit wurde bereits in den ersten Stunden nach der Wahl sichtbar, dass Parteien des rechten und nationalkonservativen Spektrums das Ergebnis nicht als isolierten deutschen Vorgang interpretieren, sondern als Bestandteil eines europaweiten politischen Trends.

Die europäische Rechte sieht einen gemeinsamen Trend

Die Reaktionen folgen einer klaren politischen Logik. Parteien wie FPÖ, Lega, Vox, Chega oder die niederländische PVV verbinden ihren Aufstieg mit ähnlichen Themen: Migration, Kritik an etablierten Parteien, nationale Souveränität, innere Sicherheit und Skepsis gegenüber Teilen der europäischen Integration.

Der Erfolg der AfD besitzt für diese Parteien deshalb symbolische Bedeutung. Deutschland galt lange als eines der europäischen Länder, in denen rechte Protestparteien trotz wachsender Wahlergebnisse von Regierungsverantwortung auf Landes- und Bundesebene ferngehalten werden konnten.

Sachsen-Anhalt stellt dieses Modell unter erheblichen Druck. Eine Partei, die vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft wird, erreicht dort annähernd die Hälfte der Stimmen und liegt mehr als doppelt so hoch wie die CDU. Für europäische Unterstützer der AfD ist gerade diese Größenordnung entscheidend. Sie interpretieren das Ergebnis als Beleg dafür, dass politische Ausgrenzung allein den weiteren Aufstieg solcher Parteien nicht verhindert.

Washington sendet Signale, aber keine einheitliche Botschaft

Auch in den Vereinigten Staaten wurde der Wahlausgang aufmerksam registriert. US-Präsident Donald Trump veröffentlichte auf Truth Social eine Darstellung des vorläufigen Wahlergebnisses. Eine ausdrückliche politische Bewertung fügte er nicht hinzu. Das ist eine wichtige Unterscheidung. Aus der Veröffentlichung lässt sich keine offizielle Veränderung der amerikanischen Deutschlandpolitik ableiten. Dennoch ist bemerkenswert, dass eine Landtagswahl in Sachsen-Anhalt unmittelbar die Aufmerksamkeit des amerikanischen Präsidenten erreicht. 

Deutlich weiter ging Elon Musk. Der Unternehmer gratulierte der AfD öffentlich, worauf Spitzenkandidat Ulrich Siegmund ihm für seine Unterstützung dankte und Interesse an einer künftigen Zusammenarbeit äußerte.

Auch Richard Grenell, früherer amerikanischer Botschafter in Deutschland und politisch eng mit Trump verbunden, gratulierte der AfD. Er sprach von einem großen Sieg und einem neuen Tag in Deutschland. Diese Stimmen ergeben keine offizielle amerikanische Position. Sie zeigen jedoch, dass die AfD in Teilen des politischen und gesellschaftlichen Umfelds der amerikanischen Rechten inzwischen als Bestandteil einer internationalen politischen Bewegung wahrgenommen wird.

Moskau registriert den Erfolg mit Wohlwollen

Auch aus Russland kam eine positive Reaktion. Kirill Dmitrijew, russischer Sondergesandter und ein einflussreicher Gesprächspartner der russischen Führung in internationalen Verhandlungen, bezeichnete das Ergebnis als historischen Erfolg für eine aus seiner Sicht pragmatische AfD.

Die russische Aufmerksamkeit ist politisch leicht erklärbar. Die AfD fordert seit Jahren eine grundlegende Veränderung der deutschen Russlandpolitik, kritisiert Sanktionen gegen Moskau und wendet sich gegen zentrale Elemente der deutschen Unterstützung für die Ukraine.

Für Russland besitzt ein wachsender politischer Einfluss der AfD deshalb strategische Bedeutung. Deutschland gehört zu den wichtigsten Unterstützern der Ukraine in Europa und spielt eine zentrale Rolle bei europäischen Sanktionen, Verteidigungsausgaben und sicherheitspolitischen Entscheidungen. Auch hier ist allerdings Präzision notwendig. Der Wahlsieg in Sachsen-Anhalt verändert die deutsche Außenpolitik zunächst nicht. Er macht jedoch sichtbar, dass Positionen, die dem bisherigen außenpolitischen Kurs Berlins fundamental widersprechen, in Teilen Deutschlands erheblichen Rückhalt besitzen.

Für Friedrich Merz wird die Wahl auch international zum Problem

Ein wesentlicher Teil der ausländischen Berichterstattung richtet sich nicht nur auf die AfD, sondern auf Bundeskanzler Friedrich Merz und die CDU. Der Abstand zwischen beiden Parteien ist so groß, dass das Ergebnis als schwere Niederlage für die Christdemokraten und als Belastung für die Bundesregierung interpretiert wird.

Merz hatte den Anspruch formuliert, die AfD politisch zurückzudrängen. In Sachsen-Anhalt ist das Gegenteil eingetreten. Die AfD hat ihr Ergebnis mehr als verdoppelt, während die CDU massiv an Zustimmung verlor.

Für Deutschlands Partner stellt sich deshalb die Frage, wie stabil das politische Zentrum des Landes bleibt. Besonders relevant ist dies für Regierungen, die bei Sicherheitsfragen, der Ukraine, der europäischen Wirtschaftspolitik und der künftigen Ausrichtung der Europäischen Union auf eine berechenbare deutsche Politik angewiesen sind. Das erklärt auch die ungewöhnliche internationale Aufmerksamkeit. Sachsen-Anhalt entscheidet nicht über Deutschlands Außenpolitik. Das Ergebnis verändert jedoch die politische Ausgangslage, aus der Deutschland in den kommenden Jahren seine Positionen formulieren wird.

Die Brandmauer wird vom deutschen zum europäischen Thema

Die nächste entscheidende Frage betrifft die Regierungsbildung. Die AfD hat die absolute Mehrheit knapp verfehlt, während die übrigen Parteien bislang eine Koalition mit ihr ablehnen. Damit wird erneut die sogenannte Brandmauer zum zentralen politischen Thema.

Je stärker die AfD wird, desto schwieriger werden mathematisch tragfähige Mehrheiten ohne sie. Dieses Problem betrifft nicht nur Sachsen-Anhalt, sondern zunehmend die strategische Debatte innerhalb der CDU und anderer Parteien. Auch international wird beobachtet, wie lange die bisherige Abgrenzung Bestand hat. In mehreren europäischen Staaten sind Parteien, die früher am Rand des politischen Systems standen, inzwischen an Regierungen beteiligt oder haben erheblichen Einfluss auf deren politische Agenda. Deutschland war in dieser Hinsicht lange eine Ausnahme. Der Wahlausgang in Sachsen-Anhalt stellt diese Sonderstellung nicht automatisch infrage, aber er erhöht den politischen Druck erheblich.

Eine internationale Reaktion, zwei völlig unterschiedliche Erzählungen

Der Blick aus dem Ausland zeigt zwei gegensätzliche Interpretationen derselben Wahl. Für Frankreich, Polen und andere Vertreter des europäischen politischen Zentrums ist das Ergebnis ein Warnsignal für die Stabilität der bisherigen politischen Ordnung.

Für FPÖ, Lega, Vox, Chega und andere rechte Parteien ist es dagegen ein Beweis dafür, dass sich politische Kräfteverhältnisse zugunsten ihrer Themen und Positionen verändern. In Teilen des politischen Umfelds in den Vereinigten Staaten sowie in Russland wird der Erfolg ebenfalls mit Interesse oder offener Zustimmung aufgenommen. Diese Gegensätze sind möglicherweise bedeutender als einzelne Glückwünsche oder Warnungen. Sie zeigen, dass die Entwicklung der AfD inzwischen Teil einer internationalen Auseinandersetzung darüber geworden ist, in welche Richtung sich Europa politisch bewegt.

Sachsen-Anhalt verändert Deutschland noch nicht, aber die Wahrnehmung Deutschlands

Bei aller internationalen Aufmerksamkeit bleibt eine Grenze entscheidend. Die AfD hat eine Landtagswahl gewonnen, keine Bundestagswahl. Aus 43,8 Prozent in Sachsen-Anhalt lässt sich weder ein entsprechendes bundesweites Ergebnis ableiten noch folgt daraus automatisch eine AfD-geführte Landesregierung.

Die Bedeutung des 6. September liegt deshalb zunächst weniger in unmittelbaren Veränderungen staatlicher Macht als in der politischen Signalwirkung. Ein Ergebnis dieser Größenordnung zwingt nicht nur die deutschen Parteien, ihre bisherigen Strategien zu überprüfen. Es verändert auch den Blick des Auslands auf die Bundesrepublik.

Deutschland wurde über Jahrzehnte als politischer Stabilitätsanker Europas wahrgenommen, geprägt von starken Volksparteien, relativ berechenbaren Regierungswechseln und einem breiten außenpolitischen Grundkonsens. Sachsen-Anhalt zeigt, dass auch dieses Parteiensystem unter erheblichen Veränderungsdruck geraten ist. Ob daraus eine dauerhafte Machtverschiebung entsteht, werden erst weitere Wahlen zeigen. Doch die internationale Reaktion auf diesen Wahlsieg macht bereits deutlich, dass Deutschlands innenpolitische Entwicklung längst zu einer europäischen und zunehmend auch geopolitischen Angelegenheit geworden ist.


AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt: Internationale Reaktionen aus Europa, USA und Russland. Der AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt sorgt international für Aufsehen. Frankreich und Polen warnen, Europas Rechte jubelt, auch aus den USA und Russland kommen bemerkenswerte Reaktionen.