Rubrik: Geopolitik
Format: Spezialbericht
Autor: Sinisa Brkic (sb)
Donald Trump zeichnet das Bild eines Iran, dessen Marine weitgehend vernichtet, dessen Luftwaffe ausgeschaltet, dessen Raketenproduktion schwer getroffen und dessen Wirtschaft unter enormem Druck steht. Vor der UN Vollversammlung verschärfte der US Präsident seine Botschaft noch einmal und stellte Teheran letztlich vor eine drastische Alternative: ein Abkommen oder die Vernichtung der Islamischen Republik. Militärisch ist Iran tatsächlich schwer getroffen. Doch zwischen militärischer Unterlegenheit und strategischer Bedeutungslosigkeit liegt ein beträchtlicher Unterschied. Raketenbestände, unterirdische Produktionsstrukturen, die Straße von Hormus und die Belastung westlicher Abwehrsysteme machen Iran weiterhin zu einem Gegner, dessen tatsächliche Widerstandsfähigkeit schwieriger einzuschätzen ist, als Trumps Worte vermuten lassen.
Trumps Botschaft: Iran ist nahezu erledigt
Donald Trump ließ vor der UN Vollversammlung keinen Zweifel daran, welches Bild er von der militärischen Lage vermitteln wollte. Irans Marine sei weitgehend vernichtet, Luftwaffe, Radar und Flugabwehr seien schwer getroffen, Produktionskapazitäten für Raketen und Drohnen massiv beschädigt. Gleichzeitig forderte er eine weitgehende wirtschaftliche Isolation Irans. Dann folgte die eigentliche Drohung. Trump stellte die Islamische Republik vor die Alternative eines Abkommens oder ihrer Vernichtung. Er verwendete ausdrücklich das Wort „annihilate“ und verband es mit der Aussage, dies könne schnell geschehen. Dahinter steht mehr als aggressive Rhetorik. Trump formuliert eine strategische Annahme: Iran sei inzwischen derart geschwächt, dass zusätzlicher militärischer und wirtschaftlicher Druck Teheran letztlich vor eine kaum vermeidbare Entscheidung stellen könne. Genau diese Annahme verdient eine genauere Prüfung.
Während Trump drohte, legte Teheran einen Vorschlag vor
Bemerkenswert ist, dass die martialische Rhetorik in New York von diplomatischen Kontakten begleitet wurde. Iran hatte den Vereinigten Staaten über Vermittler einen Vorschlag übermittelt, der auf eine Wiederöffnung der Straße von Hormus und eine Wiederaufnahme der Gespräche zielte. Katar spielte dabei eine zentrale Vermittlerrolle. Teheran erklärte sich bereit, die strategisch entscheidende Wasserstraße innerhalb von sieben Tagen wieder zu öffnen. Im Gegenzug verlangte Iran eine Reduzierung des amerikanischen militärischen Drucks, die Aufhebung der Blockade iranischer Häfen und eine Entlastung bei den wirtschaftlichen Beschränkungen. Die Initiative sollte zugleich einen Weg zurück zu politischen Gesprächen eröffnen. Damit lag ein konkreter Ansatz auf dem Tisch, der militärische, wirtschaftliche und energiepolitische Interessen miteinander verband. Für die Weltwirtschaft wäre eine verlässliche Wiederöffnung von Hormus von erheblicher Bedeutung. Für Teheran wiederum hätten eine Aufhebung der Blockade und Erleichterungen beim Ölgeschäft dringend benötigten wirtschaftlichen Spielraum geschaffen. Trump lehnte den Vorschlag am 26. September öffentlich ab. Seine Begründung folgte derselben Logik wie seine Rede vor den Vereinten Nationen: Iran wolle eine Vereinbarung, weil das Land militärisch schwer unter Druck stehe. Trump erklärte zugleich, grundsätzlich ebenfalls ein Abkommen zu wollen, die iranischen Bedingungen jedoch nicht akzeptieren zu können.
Ein Angebot aus Schwäche oder der Einsatz des stärksten Hebels?
Trumps Interpretation ist angesichts der schweren iranischen Verluste keineswegs unplausibel. Ein Staat, der eine Entlastung von Blockade und wirtschaftlichem Druck verlangt, signalisiert offensichtlich Belastung. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass er strategisch handlungsunfähig geworden ist. Iran verbindet sein Angebot mit einer Ressource, deren Bedeutung weit über seine eigene militärische Stärke hinausgeht. Die Straße von Hormus ist nicht irgendein Verhandlungspunkt. Sie gehört zu den wichtigsten Energieadern der Weltwirtschaft. Teheran signalisiert damit nicht nur Verhandlungsbereitschaft, sondern setzt zugleich einen seiner verbliebenen strategischen Hebel ein. Das schafft ein Paradox. Ein Staat kann militärisch erheblich geschwächt sein und trotzdem über Druckmittel verfügen, deren Auswirkungen international enorm sind. Je weniger Iran den Vereinigten Staaten konventionell entgegensetzen kann, desto wichtiger werden jene asymmetrischen Möglichkeiten, mit denen Teheran Kosten außerhalb des eigentlichen Schlachtfeldes erzeugen kann. Für Washington entsteht daraus eine schwierige Rechnung. Akzeptiert die US Regierung wesentliche iranische Bedingungen, könnte Teheran dies als Beleg dafür darstellen, dass der Druck auf Hormus trotz militärischer Verluste politische Wirkung entfaltet. Lehnt Washington ab, bleibt genau jene Unsicherheit bestehen, die Öl, Gas, Schifffahrt, Versicherungen und letztlich die Weltwirtschaft belastet.
Die militärische Realität ist für Iran ernüchternd
Die konventionelle militärische Bilanz fällt eindeutig gegen Iran aus. Amerikanische und israelische Streitkräfte haben iranische Luftverteidigung, Führungsstrukturen, Marineeinheiten, Produktionsanlagen und Startsysteme massiv beschädigt. Iran kann den Vereinigten Staaten weder in der Luft noch auf See konventionell auf Augenhöhe begegnen. Ein erheblicher Teil der iranischen Stärke beruhte allerdings schon vor dem Krieg nicht auf klassischer militärischer Gleichwertigkeit. Teherans Strategie setzte auf ballistische Raketen, Marschflugkörper, Drohnen, verbunkerte Anlagen, mobile Abschussgeräte und die Fähigkeit, amerikanische Stützpunkte sowie kritische Infrastruktur in der Region zu bedrohen. Diese Struktur ist schwer beschädigt worden, verschwunden ist sie nicht. Iran verfügte vor den jüngsten Angriffen über das größte und vielfältigste Raketenarsenal im Nahen Osten. Öffentlich zugängliche Analysen gehen weiterhin von erheblichen Beständen aus. Die Bandbreite reicht von Kurzstreckensystemen bis zu Mittelstreckenraketen, die Israel und amerikanische Einrichtungen in weiten Teilen der Region erreichen können. Damit entsteht ein entscheidender Unterschied. Iran muss keinen klassischen Krieg gegen die Vereinigten Staaten gewinnen. Teheran muss genügend Angriffsfähigkeit erhalten, um die Kosten eines langen Konflikts hochzuhalten.
Was die Zahl von 200 Raketen tatsächlich bedeutet
Gerade bei den häufig genannten 200 Raketen ist Präzision notwendig. Iran hat bewiesen, dass es Angriffe dieser Größenordnung grundsätzlich organisieren kann. Beim Angriff auf Israel im Oktober 2024 wurden rund 200 ballistische Raketen eingesetzt. Die Größenordnung ist also kein theoretisches Konstrukt. Daraus folgt jedoch nicht, dass Iran heute jederzeit 200 ballistische Raketen in einer einzigen Welle abfeuern und solche Angriffe beliebig wiederholen könnte. Genau hier liegt der wichtige Unterschied zwischen einem vorhandenen Arsenal und einer nachhaltig verfügbaren Feuerrate. Eine Rakete im Lager ist noch keine gestartete Rakete. Für große Salven werden funktionsfähige Abschussgeräte, vorbereitete Positionen, Kommunikation, Zielinformationen, Logistik und ausreichende Besatzungen benötigt. Gerade diese Infrastruktur gehörte zu den vorrangigen Zielen amerikanischer und israelischer Angriffe. Die Größe einzelner iranischer Angriffswellen sagt deshalb allein wenig darüber aus, wie lange Teheran eine bestimmte Intensität tatsächlich aufrechterhalten könnte. Hinzu kommt die Unsicherheit über die verbliebenen Bestände. Ein erheblicher Teil der iranischen Raketen und ihrer Infrastruktur befindet sich in geschützten oder unterirdischen Anlagen. Öffentlich zugängliche Informationen erlauben deshalb keine belastbare Aussage darüber, wie viele Großsalven Iran gegenwärtig durchführen und in welchen Abständen es diese wiederholen könnte. Festhalten lässt sich etwas anderes: Teheran besitzt weiterhin eine relevante ballistische Angriffsfähigkeit. Über deren tatsächlichen Umfang, die Zahl einsatzfähiger Startgeräte und die langfristig durchhaltbare Feuerrate gibt es dagegen erhebliche Unsicherheit.
Wie viele Raketen Iran noch besitzt
Exakte Zahlen existieren öffentlich nicht. Bei einer derart sensiblen militärischen Fähigkeit wäre alles andere überraschend. Vor den jüngsten Kriegen verfügte Iran nach unterschiedlichen westlichen Schätzungen über mehrere Tausend ballistische Raketen verschiedener Reichweiten. Auch nach den massiven Angriffen spricht wenig dafür, dass dieses Arsenal vollständig vernichtet wurde. Eine im Juni veröffentlichte Analyse des Center for Strategic and International Studies verwies auf damalige amerikanische Einschätzungen, wonach Iran noch etwa 70 Prozent seines Vorkriegsbestandes an Raketen besitzen könnte. Gleichzeitig waren Startgeräte, Produktionsstätten, Lager und andere Teile der militärischen Infrastruktur erheblich beschädigt worden. Genau deshalb darf die Zahl vorhandener Raketen nicht mit unmittelbar verfügbarer Feuerkraft verwechselt werden. Zwischen einem eingelagerten Flugkörper und einem einsatzfähigen Waffensystem liegen Startgerät, Mannschaft, Kommunikation, Zielerfassung und Logistik. Diese Unsicherheit ist selbst ein strategischer Faktor. Wer Iran militärisch vollständig neutralisieren will, muss nicht nur wissen, wie viele Raketen zerstört wurden. Entscheidend ist, wie viele einsatzfähige Systeme einschließlich Startgeräten tatsächlich noch vorhanden sind. Genau darüber gibt es keine öffentlich verlässliche Zahl.
Die Produktion entscheidet über einen langen Krieg
Noch interessanter als die Zahl der vorhandenen Raketen ist deshalb die Frage, wie schnell Iran neue produzieren kann. Gerade hier ist Vorsicht notwendig, denn öffentlich verfügbare Angaben unterscheiden sich erheblich. Vor den jüngsten massiven Angriffen nannten amerikanische Stellen unterschiedliche Größenordnungen. Für die Zeit vor dem Krieg 2025 wurden etwa 50 ballistische Raketen pro Monat genannt. US Außenminister Marco Rubio sprach Anfang März 2026 dagegen von mehr als 100 Raketen monatlich. Beide Zahlen sind Schätzungen und beschreiben zudem Produktionskapazitäten vor den jüngsten Zerstörungen. Sie dürfen deshalb nicht als gesicherte aktuelle Produktionsleistung verstanden werden. Die Lage hat sich inzwischen verändert. Produktionsstätten, Treibstoffanlagen, Zulieferstrukturen und Lager wurden angegriffen. Im September wurde jedoch berichtet, dass Iran die Produktion ballistischer Raketen in begrenztem Umfang wieder aufgenommen habe. Demnach werden vorhandene Komponenten verwendet und Teile der Fertigung in unterirdische Anlagen verlagert. Damit verschiebt sich die entscheidende Frage. Es geht nicht mehr nur darum, wie viele Raketen Iran heute besitzt. Entscheidend ist, ob die Vereinigten Staaten und Israel iranische Produktionskapazitäten schneller zerstören können, als Teheran sie repariert, dezentralisiert und unter die Erde verlagert. Eine belastbare öffentliche Zahl für die derzeitige monatliche Produktion gibt es nicht.
Warum 200 Raketen pro Welle kaum dauerhaft durchzuhalten wären
Die historischen Produktionsschätzungen erlauben dennoch eine grobe Einordnung. Selbst bei einer früheren Kapazität von mehr als 100 ballistischen Raketen monatlich würde eine einzige Salve von 200 Raketen eine Menge verbrauchen, deren Ersatz mehrere Wochen intensiver Produktion erfordern würde. Wiederholte Großangriffe dieser Größenordnung könnten deshalb nicht allein durch laufende Produktion getragen werden. Sie müssten aus vorhandenen Reserven gespeist werden. Wie lange Iran solche Reserven einsetzen könnte, hängt wiederum von deren tatsächlicher Größe, der Zahl funktionsfähiger Startgeräte, weiteren Verlusten und der Geschwindigkeit des Wiederaufbaus ab. Genau deshalb wäre es unseriös, aus öffentlich bekannten Zahlen abzuleiten, Iran könne noch fünf, zehn oder zwanzig Angriffe mit jeweils 200 Raketen durchführen. Dafür fehlen belastbare Daten. Militärisch wesentlich plausibler wäre eine andere Strategie. Kleinere Salven, unterschiedliche Raketentypen, Drohnen und zeitlich verteilte Angriffe würden Reserven schonen und könnten gleichzeitig gegnerische Luftverteidigung dauerhaft beanspruchen. Für einen langen Abnutzungskrieg könnte das wirkungsvoller sein als spektakuläre Großangriffe.
Der Abnutzungskrieg findet auch in den Magazinen der Abwehr statt
Eine iranische Rakete muss ihr Ziel nicht treffen, um strategische Wirkung zu entfalten. Wenn ihr Start den Einsatz eines hochwertigen Abfangsystems erzwingt, beginnt eine industrielle Rechnung. Entscheidend ist dann nicht mehr ausschließlich, wer über die technologisch bessere Waffe verfügt, sondern auch, wer seine Bestände schneller ersetzen kann. Die amerikanischen Patriot und THAAD Systeme sowie die israelischen Abwehrsysteme gehören zu den leistungsfähigsten Luftverteidigungsstrukturen der Welt. Doch auch deren Abfangraketen stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung. Der Iran Krieg hat amerikanische Munitionsbestände erheblich beansprucht, während dieselben Systeme und Produktionskapazitäten auch für andere strategische Räume von Bedeutung sind. Iran muss deshalb nicht versuchen, jeden Angriff maximal groß anzulegen. Teheran kann versuchen, gegnerische Verteidigung über längere Zeiträume zu beanspruchen und den Einsatz hochwertiger Abfangmunition zu erzwingen. Die Vereinigten Staaten verfügen über eine ungleich leistungsfähigere Rüstungsindustrie und wesentlich größere finanzielle Ressourcen. Doch moderne Abfangraketen entstehen nicht innerhalb weniger Tage. Produktionskapazitäten lassen sich erhöhen, aber nicht beliebig beschleunigen. Damit kann selbst ein militärisch unterlegener Gegner Kosten verursachen, die weit über den Preis seiner eigenen Waffen hinausgehen.
Szenario eins: Der langsame Abnutzungskrieg
Ein für Iran strategisch naheliegendes Szenario muss nicht die große Eskalation sein. Teheran könnte seine verbliebenen Raketenbestände konservieren, kleinere Angriffe durchführen und gleichzeitig versuchen, Produktionskapazitäten wiederherzustellen. Statt 150 oder 200 Raketen gleichzeitig einzusetzen, könnten kleinere Salven gegen ausgewählte militärische oder infrastrukturelle Ziele erfolgen. Militärisch wäre das weniger spektakulär, strategisch könnte es effizienter sein. Teheran würde Zeit gewinnen, den Gegner zu permanenter Luftverteidigung zwingen und gleichzeitig versuchen, seine eigene industrielle Basis wieder aufzubauen. Ein solcher Konflikt könnte sich über einen langen Zeitraum hinziehen, ohne dass eine Seite einen klassischen Sieg erreicht. Für Iran läge der Vorteil gerade darin, die eigenen begrenzten Ressourcen nicht in wenigen großen Angriffen zu verbrauchen. Washington müsste dagegen weiterhin Stützpunkte und Verbündete schützen, Abfangmunition bereitstellen und erhebliche militärische Ressourcen in der Region binden.
Szenario zwei: Der massive Gegenschlag
Ein zweites Szenario wäre eine erneute große Eskalation nach massiven amerikanischen oder israelischen Angriffen. Iran könnte versuchen, verbliebene ballistische Raketen, Marschflugkörper und Drohnen gleichzeitig gegen amerikanische Stützpunkte, israelische Ziele und kritische Infrastruktur in der Golfregion einzusetzen. Eine solche Operation würde erhebliche iranische Reserven kosten. Ihr Zweck könnte jedoch darin liegen, Abwehrsysteme durch Masse, unterschiedliche Flugprofile und mehrere Zielrichtungen gleichzeitig zu belasten. Entscheidend wäre nicht, dass Iran militärisch die Oberhand gewinnt, sondern dass einzelne Waffen die Verteidigung durchdringen. Treffer auf Energieanlagen, Häfen, Flughäfen oder militärische Einrichtungen könnten erhebliche Folgen haben. In einer Region, in der ein bedeutender Teil der weltweiten Energieproduktion konzentriert ist, kann bereits eine begrenzte Zahl erfolgreicher Angriffe Auswirkungen weit außerhalb des eigentlichen Kriegsgebietes erzeugen.
Szenario drei: Hormus bleibt die eigentliche Waffe
Die strategisch stärkste iranische Position befindet sich möglicherweise überhaupt nicht in einem Raketensilo, sondern vor der eigenen Küste. Die Straße von Hormus gehört zu den wichtigsten Energiepassagen der Welt. Vor dem Krieg wurden durch die Meerenge täglich rund 20 Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte transportiert. Das entsprach ungefähr einem Fünftel des weltweiten Ölverbrauchs. Auch ein erheblicher Teil des globalen Handels mit Flüssiggas nutzt normalerweise diese Route. Die tatsächlichen Folgen der massiven Einschränkungen waren entsprechend groß. Der Internationale Währungsfonds bezifferte die zeitweise vom normalen Transportweg abgeschnittene Menge ebenfalls auf rund 20 Millionen Barrel täglich. Bis Ende Mai hatten demnach mehr als 1,1 Milliarden Barrel den Markt nicht wie ursprünglich vorgesehen erreicht. Die Weltwirtschaft hat diesen Schock bislang besser verkraftet, als zu Beginn des Krieges befürchtet worden war. Doch der Grund dafür war nicht, dass Hormus plötzlich an Bedeutung verloren hätte. Strategische Reserven wurden genutzt, Produzenten außerhalb der Golfregion erhöhten ihre Förderung und Saudi Arabien sowie die Vereinigten Arabischen Emirate leiteten Teile ihrer Exporte über alternative Routen um. Diese Puffer sind nicht unbegrenzt.
Hormus ist längst Teil der Verhandlungsmacht
Damit wird verständlich, weshalb Iran die Wiederöffnung der Meerenge unmittelbar mit politischen und wirtschaftlichen Forderungen verbindet. Teheran kann die militärische Überlegenheit der Vereinigten Staaten nicht beseitigen. Es kann jedoch versuchen, die wirtschaftlichen Kosten einer Fortsetzung des Konflikts zu internationalisieren. Dass bereits die Aussicht auf eine Wiederöffnung der Meerenge die Märkte bewegt, zeigte sich unmittelbar während der jüngsten diplomatischen Initiative. Die Ölpreise gaben deutlich nach, nachdem bekannt geworden war, dass Iran bereit sein könnte, Hormus innerhalb einer Woche wieder zu öffnen. Das ist strategische Macht in einer anderen Form. Sie besteht nicht darin, amerikanische Flugzeugträger besiegen zu können. Sie besteht darin, Entscheidungen in Washington über Energiepreise, Inflation, Versicherungen, Frachtraten und internationale Wirtschaftsinteressen mit Kosten zu versehen. Genau deshalb ist Hormus für Iran mehr als eine Wasserstraße. Es ist ein politisches Druckmittel.
Energie ist nur der Anfang
Die unmittelbare Reaktion eines länger gestörten Hormus Verkehrs zeigt sich auf den Energie und Rohstoffmärkten. Ölpreise reagieren auf das Risiko knapperer Versorgung, während Transport und Versicherungskosten für Tanker steigen können. Diesel, Kerosin und andere raffinierte Produkte sind ebenfalls betroffen. Beim Erdgas ist die Lage ähnlich sensibel. Ein erheblicher Anteil des weltweit auf dem Seeweg gehandelten Flüssiggases passiert unter normalen Bedingungen die Meerenge. Werden größere Mengen verzögert oder fallen zeitweise aus, müssen asiatische und europäische Käufer verstärkt um alternative LNG Ladungen konkurrieren. Doch Energie ist nur der erste Übertragungskanal. Höhere Öl und Gaspreise verteuern Transport, Luftfahrt, Landwirtschaft, chemische Industrie und industrielle Produktion. Auch Düngemittel sind betroffen, denn die Golfregion besitzt eine erhebliche Bedeutung für deren Produktion und Export. Aus einem militärischen Konflikt im Persischen Golf entsteht damit eine wirtschaftliche Wirkungskette, die europäische Unternehmen, asiatische Fabriken und amerikanische Verbraucher gleichermaßen erreicht.
Die nächste Gefahr heißt Inflation
Ein neuer oder länger anhaltender Energiepreisschock trifft eine Weltwirtschaft, die ohnehin mit erhöhtem Preisdruck kämpft. Der Internationale Währungsfonds hob seine Prognose für die globale Inflation 2026 auf 4,7 Prozent an und stellte fest, dass der zuvor erkennbare Rückgang der Inflation ins Stocken geraten ist. Die Weltwirtschaft erwies sich bislang als widerstandsfähiger als zunächst erwartet. Der IWF verweist auf strategische Lagerbestände, zusätzliche Produktion außerhalb des Persischen Golfs, geringere Energieintensität und einen höheren Anteil erneuerbarer Energien. Diese Faktoren haben verhindert, dass der Energieschock noch schwerer ausfiel. Doch eine lange Störung bleibt gefährlich. Höhere Energie und Transportkosten können über zahlreiche Lieferketten erneut in Verbraucherpreise einfließen. Besonders problematisch wird es, wenn daraus Zweitrundeneffekte entstehen und sich höhere Inflationserwartungen verfestigen. Damit geraten auch Zentralbanken unter Druck. Eine erneute Beschleunigung der Inflation kann Zinssenkungen verzögern oder eine länger restriktive Geldpolitik erzwingen. Die Folgen reichen weit über den Energiesektor hinaus und betreffen Finanzierungskosten von Staaten, Unternehmen, Immobilien und privaten Haushalten. Das ist die eigentliche wirtschaftliche Dimension von Hormus. Die Meerenge verbindet einen regionalen Krieg unmittelbar mit dem globalen Preisniveau.
Besonders verwundbar bleibt Asien
Ein großer Teil der normalerweise durch Hormus transportierten Energieträger geht nach Asien. China und Indien gehören zu den wichtigsten Abnehmern. Auch Japan und Südkorea sind stark von stabilen Lieferwegen aus der Golfregion abhängig. Eine längerfristige Einschränkung würde deshalb den wirtschaftlichen Schwerpunkt des 21. Jahrhunderts unmittelbar treffen. China kann einen Teil seiner Versorgung über alternative Lieferanten absichern, doch auch Peking kann sich den Folgen steigender Weltmarktpreise nicht vollständig entziehen. Europa erhält vergleichsweise weniger Rohöl direkt über Hormus. Geschützt wäre der Kontinent trotzdem nicht. Öl wird global gehandelt. Fällt ein erheblicher Teil des Angebots aus oder wird sein Transport unsicherer, wirkt sich dies auf den Weltmarktpreis aus, unabhängig davon, aus welchem Land eine europäische Raffinerie ihr konkretes Rohöl bezieht. Beim LNG ist die Verbindung noch unmittelbarer. Fallen Lieferungen aus der Golfregion teilweise aus, konkurrieren Europa und Asien um alternative Mengen. Dieser Wettbewerb kann Gaspreise innerhalb kurzer Zeit deutlich erhöhen.
Trumps Problem ist größer als die iranische Armee
Donald Trump verfügt militärisch über Optionen, die Iran nicht besitzt. Die Vereinigten Staaten können iranische Infrastruktur aus großer Entfernung angreifen und verfügen über überlegene Aufklärung, Luftstreitkräfte, Präzisionswaffen sowie eine industrielle Basis, mit der Iran langfristig nicht konkurrieren kann. Doch daraus entsteht ein strategisches Paradox. Je stärker Washington versucht, Iran vollständig militärisch zu brechen, desto größer kann für Teheran der Anreiz werden, jene Mittel einzusetzen, die noch vorhanden sind. Dazu gehören Raketen, Drohnen, asymmetrische Operationen und vor allem die Möglichkeit, den Energieverkehr im Persischen Golf zu beeinträchtigen. Ein militärisch schwächerer Iran kann deshalb wirtschaftlich weiterhin außerordentlich folgenreich sein. Das ist keine Aussage darüber, dass Teheran einen Krieg gegen die Vereinigten Staaten gewinnen könnte. Es ist eine Aussage über die Kosten, die selbst ein deutlich unterlegener Gegner verursachen kann. Hinzu kommt eine zweite Rechnung. Amerikanische Raketen und Abfangsysteme, die im Nahen Osten verbraucht werden, stehen nicht gleichzeitig für andere Konflikträume zur Verfügung. Der Wiederaufbau bestimmter amerikanischer Munitionsbestände wird nach aktuellen Fachanalysen Jahre beanspruchen. Damit erhält Zeit auch für Washington einen Preis.
Iran muss Amerika nicht besiegen
Das ist möglicherweise der wichtigste Punkt der gesamten Auseinandersetzung. Iran muss die Vereinigten Staaten nicht militärisch besiegen. Für die Islamische Republik genügt zunächst etwas wesentlich Einfacheres: Sie muss als politisches System überleben und genügend militärische Handlungsfähigkeit bewahren, um ihre Gegner weiterhin mit Kosten zu konfrontieren. Wenn der Staatsapparat funktionsfähig bleibt, wenn ausreichend Raketen und Drohnen verfügbar sind, wenn Teile der Produktion wiederhergestellt werden können und wenn Hormus weiterhin als Druckmittel funktioniert, besitzt Iran trotz schwerer militärischer Verluste strategische Handlungsmöglichkeiten. Washington trägt dagegen eine andere Last. Die Vereinigten Staaten müssen ihre regionalen Stützpunkte schützen, Verbündete absichern, Handelswege offenhalten, Munitionsbestände verwalten und gleichzeitig ihre militärische Handlungsfähigkeit für andere globale Krisen erhalten. Zeit wirkt deshalb nicht automatisch zugunsten der militärisch stärkeren Seite. Ein Gegner kann konventionell deutlich unterlegen sein und dennoch einen langen Konflikt führen, sofern seine politischen Strukturen funktionieren und seine verbliebenen Fähigkeiten ausreichen, die Kosten für die Gegenseite hochzuhalten.
Wie lange könnte Iran tatsächlich durchhalten?
Eine seriöse Zahl lässt sich nicht nennen. Niemand kann belastbar vorhersagen, ob die Islamische Republik noch fünf, zehn oder dreißig Jahre unter vergleichbarem Druck bestehen kann. Politische Systeme hängen von inneren Machtkämpfen, wirtschaftlicher Entwicklung, gesellschaftlicher Stabilität, internationalen Partnern und der Intensität militärischer Angriffe ab. Militärisch lässt sich jedoch feststellen, dass Iran weiterhin über relevante Raketenbestände und die Fähigkeit zu deren Einsatz verfügt. Hinweise auf eine begrenzte Wiederaufnahme der Produktion zeigen zudem, dass Teheran versucht, verlorene Kapazitäten zumindest teilweise wiederherzustellen. Unterirdische Infrastruktur erschwert eine vollständige Ausschaltung zusätzlich. Hinzu kommt ein politischer Faktor, der in westlichen Analysen leicht unterschätzt werden kann. Die iranische Führung muss nicht den Lebensstandard der Bevölkerung auf westlichem Niveau erhalten, um politisch zu überleben. Wirtschaftliche Not, gesellschaftliche Unzufriedenheit und staatlicher Zusammenbruch sind drei unterschiedliche Kategorien. Jahrzehntelange Sanktionen haben Iran wirtschaftlich geschwächt. Sie haben zugleich Strukturen entstehen lassen, deren Zweck nicht maximale wirtschaftliche Effizienz, sondern das Funktionieren unter Isolation ist. Ob diese Strukturen einem langen Krieg und weiter zunehmendem Druck standhalten können, bleibt offen. Genau deshalb sind Prognosen über einen unmittelbar bevorstehenden Kollaps ebenso problematisch wie Behauptungen über eine unbegrenzte iranische Widerstandsfähigkeit.
Ein schwacher Gegner?
Gemessen an amerikanischer Luftmacht, Marine, Technologie, Aufklärung und industriellen Ressourcen ist Iran der deutlich schwächere Gegner. Das beantwortet jedoch nicht die entscheidende Frage. Iran verfügt weiterhin über Mittel, mit denen ein militärisch verlorener Konflikt wirtschaftlich und strategisch sehr teuer werden kann. Seine Raketenproduktion ist beschädigt, aber nicht vollständig beseitigt. Seine Arsenale sind reduziert, aber nicht verschwunden. Seine Möglichkeiten für dauerhaft wiederholte Großangriffe sind nicht öffentlich bestimmbar, doch kleinere Salven können weiterhin erhebliche Abwehrressourcen binden. Vor seiner Küste liegt zudem eine Meerenge, deren Störung bereits gezeigt hat, wie schnell ein regionaler Konflikt die globale Energieversorgung erreicht. Auch das jüngste iranische Verhandlungsangebot passt in dieses Bild. Teheran sucht Entlastung und signalisiert damit erheblichen Druck. Gleichzeitig versucht die Führung, genau jene Mittel in Verhandlungsmasse umzuwandeln, über die sie noch verfügt: Hormus, Öl, regionale Einflussmöglichkeiten und die Atomfrage. Donald Trump kann deshalb gute Gründe haben, Iran als militärisch erheblich geschwächt zu beschreiben. Problematisch wird die Schlussfolgerung erst dort, wo aus militärischer Schwächung automatisch politische Kapitulation, kurzfristiger Zusammenbruch oder strategische Bedeutungslosigkeit abgeleitet werden. Iran ist heute militärisch schwächer als vor Beginn der jüngsten Auseinandersetzungen. Aber ein schwächerer Gegner ist nicht zwangsläufig ein schwacher Gegner. Die verbliebene iranische Macht liegt möglicherweise längst nicht mehr darin, einen Krieg gewinnen zu können. Sie liegt darin, einen langen Konflikt so teuer zu machen, dass seine Kosten weit über Iran, Israel und die Vereinigten Staaten hinausreichen. Genau deshalb entscheidet sich die Frage, wie schwach Iran tatsächlich ist, nicht allein über Teheran. Sie entscheidet sich auch an den Energiemärkten Europas und Asiens, in den Magazinen westlicher Luftabwehr, in den Kalkulationen der Zentralbanken und auf einer schmalen Wasserstraße am Persischen Golf.
Iran: Wie schwach ist Teheran militärisch wirklich? Trump beschreibt Iran als militärisch und wirtschaftlich schwer getroffen. Doch Raketenbestände, unterirdische Produktion und die Straße von Hormus zeigen ein komplizierteres Bild. Wie lange kann Teheran durchhalten und welche Folgen hat der Konflikt für die Weltwirtschaft?
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