USA verlassen den Irak

Veröffentlicht am 29. September 2026 um 16:17

Rubrik: Geopolitik
Format: Spezialbericht
Autor: Sinisa Brkic (sb)



Nach mehr als zwei Jahrzehnten endet ein Kapitel amerikanischer Militärgeschichte im Irak. Bis 30. September ziehen die USA ihre verbliebenen Streitkräfte ab, die internationale Koalitionsmission geht zu Ende. Für Bagdad ist es ein Schritt zu vollständiger staatlicher Souveränität. Für die Region beginnt zugleich eine neue Machtprobe: Iran und verbündete Kräfte sehen ihren Einfluss wachsen, während im Irak die Frage drängender wird, wer das sicherheitspolitische Gleichgewicht künftig garantiert.

Das Ende einer langen amerikanischen Ära

Der amerikanische Abzug ist mehr als die letzte Etappe eines lange bekannten Zeitplans. Er markiert das Ende einer militärischen Präsenz, deren Ursprung in der US-geführten Invasion des Jahres 2003 liegt und die den Irak, die Vereinigten Staaten und die politische Ordnung des gesamten Nahen Ostens über zwei Jahrzehnte geprägt hat. Die Geschichte dieser Präsenz verlief allerdings nicht durchgehend. Ende 2011 zogen die letzten amerikanischen Truppen des damaligen Irakkriegs ab. Drei Jahre später kehrten US-Streitkräfte auf Einladung der irakischen Regierung zurück, nachdem der sogenannte Islamische Staat große Gebiete des Irak und Syriens erobert hatte. Aus der erneuten militärischen Intervention entstand die internationale Koalition gegen den IS, deren Mission nun ausläuft.



Irakische Stellen erklären, die Koalition habe inzwischen sämtliche von ihr genutzten Basen und Hauptquartiere an die irakischen Behörden übergeben. Nach dem 30. September sollen keine Kampf- oder Ausbildungskräfte der Koalition mehr im Land verbleiben. Die sicherheitspolitischen Beziehungen zu den USA und anderen bisherigen Koalitionsstaaten sollen künftig auf bilateraler Grundlage fortgeführt werden.

Ein Abzug, dessen politische Bedeutung sich verändert hat

Der Rückzug kommt nicht überraschend. Washington und Bagdad hatten bereits 2024 einen zweistufigen Übergang vereinbart. Die militärische Koalitionsmission im Irak sollte zunächst beendet werden, während die Unterstützung von Operationen gegen den IS in Syrien von irakischem Gebiet aus noch bis September 2026 fortgeführt werden konnte. Gleichzeitig sollte die Sicherheitsbeziehung zwischen den USA und dem Irak schrittweise in eine bilaterale Partnerschaft überführt werden. Verändert hat sich jedoch das strategische Umfeld. Der Abschluss des Rückzugs fällt in eine Phase erheblicher Spannungen und militärischer Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und Iran. Damit erhält ein Jahre zuvor ausgehandelter Zeitplan eine geopolitische Bedeutung, die sich bei seiner Vereinbarung nicht in dieser Form abzeichnete.

Für Washington endet damit ein unmittelbares militärisches Instrument innerhalb des Irak. Für Teheran verschwindet zugleich eine aus iranischer Sicht zentrale ausländische Militärpräsenz aus einem Nachbarstaat, dessen politische und sicherheitspolitische Entwicklung für Iran von erheblicher strategischer Bedeutung ist.

Iran sieht einen strategischen Erfolg

Teheran und mit Iran verbundene Kräfte im Irak stellen den amerikanischen Rückzug entsprechend als Erfolg dar. Diese Interpretation bedeutet allerdings nicht automatisch, dass Iran nun freie Hand im Irak erhält. Der irakische Staat verfolgt eigene Interessen und versucht seit Jahren, seine Beziehungen zu Washington und Teheran auszubalancieren.

Genau hier liegt eine der entscheidenden Fragen der kommenden Monate. Der Rückzug der USA beseitigt einen militärischen Faktor, aber nicht den innerirakischen Machtkampf um die Kontrolle bewaffneter Kräfte, staatlicher Institutionen und sicherheitspolitischer Entscheidungen.

Bagdad hat erklärt, dass Waffen und militärische Gewalt letztlich der staatlichen Kontrolle unterliegen müssen. Die Regierung geht jedoch nicht davon aus, dass mit dem amerikanischen Abzug automatisch und unmittelbar sämtliche bewaffneten Gruppierungen außerhalb der regulären Sicherheitsarchitektur entwaffnet werden können. Die Frage reicht damit weit über den 30. September hinaus.

Solange amerikanische und internationale Kräfte im Land präsent waren, konnten einzelne bewaffnete Gruppen ihre Existenz und Bewaffnung auch mit dem Widerstand gegen ausländische Truppen begründen. Mit deren Abzug verliert dieses Argument an Gewicht. Für den irakischen Staat wird die Frage, wer tatsächlich über Krieg, Frieden und bewaffnete Gewalt entscheidet, deshalb eher größer als kleiner.

Bagdad setzt auf Souveränität

Die irakische Regierung stellt den Rückzug vor allem als souveränitätspolitischen Erfolg dar. Nach ihrer Darstellung sind die eigenen Streitkräfte in der Lage, die Verantwortung für die Sicherheit des Landes vollständig zu übernehmen. Die Übergabe der bisherigen Koalitionsstandorte soll genau diesen Anspruch unterstreichen.

Diese Sicht besitzt erhebliches politisches Gewicht. Die Präsenz ausländischer Streitkräfte war im Irak über Jahre ein innenpolitisch sensibles Thema. Der Abzug ermöglicht Bagdad nun, das Ende der Koalitionsmission als Normalisierung eines Staates darzustellen, der seine territoriale und militärische Verantwortung wieder selbst trägt.

Doch Souveränität bemisst sich nicht allein daran, ob ausländische Soldaten das Land verlassen. Entscheidend wird sein, ob die irakische Führung tatsächlich die ausschließliche Kontrolle über bewaffnete Gewalt durchsetzen kann und gleichzeitig verhindert, dass äußere Akteure über verbündete Gruppen erheblichen Einfluss auf sicherheitspolitische Entscheidungen ausüben.

Die Sicherheitsfrage ist nicht verschwunden

Der sogenannte Islamische Staat ist militärisch nicht mehr jene territoriale Macht, die 2014 große Teile des Irak überrannte. Vollständig verschwunden ist die Organisation jedoch nicht. Bereits bei der Vereinbarung des Übergangs hielten Washington und Bagdad fest, dass weiterer Druck notwendig sei, um eine Rückkehr des IS zu verhindern.

Wie ernst dieses Problem weiterhin genommen wird, zeigte sich noch Anfang 2026. US-Streitkräfte begannen gemeinsam mit regionalen Partnern mit der Überstellung von IS-Gefangenen aus Nordostsyrien in irakisch kontrollierte Einrichtungen. Tausende Gefangene sollten im Rahmen dieser Operation transferiert werden.

Der amerikanische Abzug bedeutet deshalb nicht, dass die terroristische Bedrohung beendet wäre. Er bedeutet vielmehr, dass die Verantwortung für ihre Eindämmung stärker bei irakischen Kräften und in neuen Formen internationaler Zusammenarbeit liegen wird.

Im kurdischen Norden wächst die Sorge

Während Bagdad Zuversicht demonstriert, kommen aus der Autonomen Region Kurdistan deutlich vorsichtigere Signale. Das dortige Peschmerga-Ministerium warnt insbesondere vor Defiziten bei der Luftverteidigung nach dem Abzug amerikanischer und anderer Koalitionskräfte. Die Verteidigung des irakischen Luftraums liegt grundsätzlich in der Verantwortung der Zentralregierung.

Die Sorge zeigt, dass der Abzug nicht überall im Irak gleich bewertet wird. Internationale Streitkräfte erfüllten nicht nur eine Rolle im Kampf gegen den IS. Sie stellten auch militärische Fähigkeiten, Aufklärung, Ausbildung, Logistik und Schutzkapazitäten bereit, die nun entweder durch irakische Strukturen ersetzt oder über bilaterale Partnerschaften neu organisiert werden müssen.

Auch die bisherige Unterstützung der kurdischen Peschmerga muss in eine neue Struktur überführt werden. Damit wird der Abzug zugleich zu einem Test dafür, ob Bagdad, Erbil und ihre internationalen Partner Sicherheitsstrukturen entwickeln können, die ohne die bisherige Koalitionsarchitektur funktionieren.

Washington geht, amerikanischer Einfluss bleibt

Der Satz „Die USA verlassen den Irak“ beschreibt den militärischen Einschnitt, darf aber nicht mit einem vollständigen amerikanischen Rückzug aus den politischen und sicherheitspolitischen Beziehungen verwechselt werden. Schon die Vereinbarungen über das Ende der Koalitionsmission sahen vor, die bisherige Struktur durch langfristige bilaterale Sicherheitsbeziehungen zu ersetzen.

Wie umfangreich diese Zusammenarbeit künftig sein wird, ist noch nicht abschließend geklärt. Terrorismusbekämpfung, Nachrichtendienste, Ausbildung und militärische Fähigkeiten gehören zu jenen Bereichen, in denen Kooperation weiterhin möglich ist. Der 30. September beendet damit eine Form amerikanischer Präsenz, nicht zwangsläufig den amerikanischen Einfluss auf die irakische Sicherheitsarchitektur.

Ebenso wenig ziehen sich die Vereinigten Staaten aus dem Nahen Osten insgesamt zurück. Amerikanische Streitkräfte bleiben in anderen Staaten der Region präsent. Der Irak ist deshalb kein amerikanischer Abschied vom Nahen Osten, sondern eine Verschiebung innerhalb der regionalen Machtarchitektur.

Jetzt beginnt der schwierigere Teil

Historisch ist der Moment dennoch erheblich. Die Invasion von 2003 stürzte Saddam Hussein, zerstörte die bestehende Machtordnung und löste Entwicklungen aus, deren Folgen den Irak und die gesamte Region über Jahrzehnte prägten. Der amerikanische Rückzug von 2011 schien dieses Kapitel bereits einmal zu schließen. Der Aufstieg des IS zwang Washington nur wenige Jahre später zur militärischen Rückkehr.

Nun endet auch diese zweite Phase. Ob daraus tatsächlich ein stabilerer und souveränerer Irak entsteht, entscheidet sich nicht am Abflug der letzten amerikanischen Soldaten. Entscheidend ist, was danach geschieht: ob Bagdad sein Gewaltmonopol festigen kann, wie sich der iranische Einfluss entwickelt, ob neue bilaterale Sicherheitsstrukturen funktionieren und ob der IS dauerhaft daran gehindert werden kann, bestehende Schwächen erneut auszunutzen.

Der 30. September beendet eine militärische Mission und schließt ein langes Kapitel amerikanischer Präsenz im Irak. Die strategische Frage, die dieser Abzug hinterlässt, ist jedoch noch nicht beantwortet: Wer bestimmt künftig das sicherheitspolitische Gleichgewicht in einem Land, das seit mehr als zwei Jahrzehnten im Zentrum der Machtkämpfe des Nahen Ostens steht?


USA ziehen letzte Truppen aus dem Irak ab: Was danach kommt. Die USA beenden bis 30. September ihre verbliebene Militärpräsenz im Irak. Iran gewinnt strategischen Spielraum, während Sorgen vor neuen Sicherheitslücken wachsen.

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